Hans Keilson

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hans Keilson bei der Verleihung der Moses-Mendelssohn-Medaille am 10. Mai 2007 in Potsdam

Hans Alex Keilson (* 12. Dezember 1909 in Bad Freienwalde an der Oder; † 31. Mai 2011 in Hilversum)[1] war ein deutsch-niederländischer Arzt, Psychoanalytiker und deutschsprachiger Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Der 1909 geborene Hans Keilson wuchs in Bad Freienwalde als Sohn eines jüdischen Textilhändlers auf. Als Schüler sang er in der protestantischen Kirche Bachkantaten. Später lebte und arbeitete er in Berlin und veröffentlichte 1933 seinen ersten (autobiografischen) Roman Das Leben geht weiter, der noch vor dem Druck von den Nazis verboten[2] und erst fünfzig Jahre später wieder aufgelegt wurde. Keilson studierte in Berlin von 1928 bis 1934 Medizin und trat in seiner Freizeit als Jazztrompeter auf. Weil die Nazis ihn als Schriftsteller, Musiker und Juden verfolgten und auch wegen der Berufsverbote für jüdische Ärzte, emigrierte er 1936 in die Niederlande. Er schlug sich als Sportlehrer an jüdischen Privatschulen und als Musiker durch. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Jahr 1940 ging Keilson als Mitglied des niederländischen Widerstandes in den Untergrund. Er kümmerte sich als Arzt und Psychoanalytiker intensiv um jüdische Kinder, welche durch ihre Eltern vor der Deportation in niederländischen Familien in Sicherheit gebracht worden waren. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte und die ersten 50 Seiten seines Romans Der Tod des Widersachers, der dann 1959 erschien. Seine Eltern wurden im KZ Auschwitz ermordet.[3]

Nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Okkupation wandte sich Hans Keilson wieder seinem Beruf als Mediziner zu. Er behandelte schwer traumatisierte jüdische Waisenkinder und gründete mit anderen Überlebenden „Le Ezrat Ha Jeled“ (Zur Hilfe des Kindes), eine Organisation zur Betreuung jüdischer Waisen. Er nahm, da sein deutscher Abschluss nicht anerkannt wurde, erneut das Studium der Medizin auf, das er als Facharzt für Psychiatrie in den 1960er Jahren abschloss. 1979 promovierte er mit der Studie Sequentielle Traumatisierung bei Kindern, einem innovativen Beitrag zur psychoanalytischen Traumaforschung. In eigener Praxis war er als Psychoanalytiker tätig.

Parallel arbeitete Keilson als Schriftsteller; von 1985 bis 1988 war er Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, ab 2006 war er dort Ehrenmitglied. 1996 erhielt er die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur der Universität Kassel und wurde 1999 als korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Die Universität Bremen verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. 2005 wurden seine gesammelten Schriften in einer zweibändigen Werkausgabe publiziert. 2008 erschien in der Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis eine zusammenfassende Studie über sein Leben und Wirken. 2011 wurden zwei seiner Bücher vom Fischer Verlag neu aufgelegt; zugleich erschienen seine autobiografisch geprägten Lebenserinnerungen Da steht mein Haus. Posthum ist 2014 sein Tagebuch 1944 erschienen.

Hans Keilson lebte und arbeitete seit 1936 im niederländischen Bussum nahe Amsterdam. Er war verheiratet mit der Literaturhistorikerin Marita Keilson-Lauritz (* 1935). Keilson starb am 31. Mai 2011.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dierk Juelich (Hrsg.): Geschichte als Trauma. Festschrift für Hans Keilson zu seinem 80. Geburtstag. Psychosozial, Gießen 1989.
  • Barbara Johr, Susanne Benöhr, Thomas Mitscherlich: Reisen ins Leben. Weiterleben nach einer Kindheit in Auschwitz. Donat, Bremen 1997.
  • Marianne Leuzinger-Bohleber, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.): „Gedenk und vergiss – im Abschaum der Geschichte…“ Keilson. Trauma und Erinnern. Hans Keilson zu Ehren. Edition Diskord, Tübingen 2001.
  • Roland Kaufhold: „Literatur ist das Gedächtnis der Menschheit“. Hans Keilson zum 90. Geburtstag. In: Psychosozial. H. 79, 1/2000, S. 123–128 (online auf haGalil.com).
  • Roland Kaufhold: „Das Leben geht weiter“. Hans Keilson, ein jüdischer Psychoanalytiker, Schriftsteller, Pädagoge und Musiker (PDF; 241 kB). In: Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis (ZPTP). 2008, H. 1/2, S. 142–167 (online auf haGalil.com).
  • Hans-Jürgen Balmes (Hrsg.): Hans Keilson (100) (= Neue Rundschau. Jg. 120, H. 4). S. Fischer, Frankfurt am Main 2009.
  • Roland Kaufhold: Hans Keilson wird 100. Schriftsteller, Traumatherapeut, Psychoanalytiker. In: Tribüne. H. 192, 4/2009, S. 10–13.
  • Roland Kaufhold: Keine Spuren mehr im Rauchfang der Lüfte – sprachloser Himmel. Hans Keilson wird 100. In: Kinderanalyse. 17. Jg. (2010), H. 1, S. 94–109.
  • Heinrich Detering: Ein verborgener Erzähler: Der Schriftsteller und Psychoanalytiker Hans Keilson feiert heute seinen Hundertsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. Dezember 2009, S. 36.
  • Roland Kaufhold: Weiterleben – biografische Kontinuität im Exil. Hans Keilson wird 100. In: Psychosozial. H. 118, 4/2009, S. 119–131.
  • Christian Schröder: Hans Keilson. Herausgefallen aus der Welt. In. Die Zeit. 11. Dezember 2009.
  • Roland Kaufhold: Zum Tode von Hans Keilson. In: Tribüne. Nr. 199, 3/2011 (PDF).
  • Heinrich Detering: Zum Tod von Hans Keilson. Halb Prospero, halb Ariel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. Juni 2011.
  • Simone Schröder, Ulrike Weymann, Andreas Martin Widmann (Hrsg.): „die vergangene Zeit bleibt die erlittene Zeit.“ Untersuchungen zum Werk von Hans Keilson. Königshausen & Neumann, Würzburg 2013.

Audio[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Von Keilson

Über Keilson

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Keilson ist gestorben. In: NZZ Online. 31. Mai 2011, abgerufen am 1. Juni 2011.
  2. Spur des Feuers – Die Bücherverbrennung 1933 – 1.Teil von 5 bei Arte, wo sich Hans Keilson zu seiner Situation damals äußert.
  3. Biografie im Exil-Archiv.
  4. ORF Ö1: Menschenbilder: Gespräch mit Hans Keilson: Gestaltung: Michael Schornstheimer, Erstsendung 26. November 1995, Wiederholung 25. Jänner 2009.