Johann Wilhelm Trollmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rukeli Trollmann Boxer
Johann Wilhelm Trollmann, 1928

Johann Wilhelm Trollmann, 1928

Daten
Geburtsname Johann Wilhelm Trollmann
Gewichtsklasse Halbschwergewicht
Nationalität Deutsch
Geburtstag 27. Dezember 1907
Geburtsort Wilsche bei Gifhorn
Todestag 1944
Todesort Wittenberge (Brandenburg)
Kampfstatistik
Kämpfe 62
Siege 30
K.-o.-Siege 11
Niederlagen 19
Unentschieden 13

Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann (* 27. Dezember 1907 in Wilsche bei Gifhorn; † 1944 im Außenlager Wittenberge des KZ Neuengamme) war ein deutscher Boxer.

Werdegang[Bearbeiten]

Der Sinto Johann „Gibsy“[1] Trollmann wurde von dem jüdischen Boxer Erich Seelig, dem der deutsche Boxsportverband 1933 die Titel im Halbschwer- und Mittelgewicht aberkannt hatte, trainiert. Am 9. Juni 1933 wurde Trollmann im Kampf gegen Adolf Witt Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Trollmann besiegte seinen Gegner, dem er in puncto Technik, Beweglichkeit und wegen seiner nur 71 Kilo vor allem an Schnelligkeit überlegen war. (Der Kampf zwischen beiden im Jahr zuvor endete unentschieden bzw. nach Punkten über acht Runden, die Trollmann verlor.) Mit diesem Sieg eines Davids über einen Goliath wurde Trollmann nicht nur zum Publikumsliebling, sondern auch zu einem „Sexsymbol“. Da der Boxverband bereits mit Nazis durchsetzt war und Trollmann Sinto war, wollte man den Kampf als „nicht gewertet“ betrachten. Nur die Empörung des Publikums sorgte dafür, dass der Sieger auch als solcher ausgerufen wurde. Acht Tage später wurde ihm der Titel jedoch wegen „armseligen Verhaltens“ (wohl unter dem Vorwand von Trollmanns Freudentränen nach dem Sieg) wieder aberkannt.

Kampf gegen Gustav Eder[Bearbeiten]

Trollmanns Kampfstil, der Ähnlichkeiten mit dem späteren Stil Muhammad Alis aufwies, erregte in der Zeit des Nationalsozialismus Missfallen. Im Juli 1933 trafen in der Kreuzberger Bockbierbrauerei in Berlin zwei herausragende deutsche Boxer ihrer Gewichtsklassen aufeinander: Gustav Eder im Weltergewicht und sein Kontrahent Johann Wilhelm Trollmann im Mittelgewicht. Im Kampf beider Boxer um den Deutschen Weltergewichtstitel sollte Eder – neun Zentimeter kleiner und sechs Kilo leichter als sein Gegner – das wiederholen, was Trollmann wenige Monate zuvor gegen den größeren und schwereren Boxer Witt erreicht hatte, nämlich einen Sieg erzielen. Die beiden Boxer und ihr Kampf wurden instrumentalisiert, um die These der Machthaber, die Überlegenheit der „arischen Herrenrasse“ zu untermauern. Trollmann kam mit blondgefärbten Haaren, seine Haut mit weißem Puder bedeckt, als Karikatur eines „arischen“ Boxers in den Ring. Ihm wurden Auflagen gemacht, die ihn in seiner Art der Kampfesführung stark einschränkten. Unter Androhung des Entzugs seiner Boxlizenz war es ihm untersagt, seinen typischen Stil zu kämpfen, dem Gegner tänzelnd kein Ziel zu bieten und auszukontern. Auch durfte er keinen Gebrauch von seinem Reichweitenvorteil machen und nicht auf Distanz boxen. Die Auseinandersetzung der beiden Faustkämpfer entwickelte sich zu einer Farce. Trollmann bewegte sich während des Kampfes nicht, sondern steckte breitbeinig stehend, ohne sich zu ducken, die Schläge des Kontrahenten ein. Er verlor nach fünf Runden durch K.O. und behielt dadurch noch für wenige Monate seine Boxlizenz.

Letzte Jahre und Tod[Bearbeiten]

Der Kampf gegen Gustav Eder 1933 beendete Trollmanns Boxkarriere. Im Zweiten Weltkrieg wurde er von der Wehrmacht eingezogen und diente als Soldat. An der Ostfront wurde er verletzt und kam so zurück in die Heimat. Im Juni 1942 wurde Johann „Rukeli“ Trollmann verhaftet und in das KZ Neuengamme gebracht, in dem er am 9. Februar 1944 für tot erklärt wurde. Aussagen eines Mithäftlings zufolge kam er unter anderem Namen ins KZ-Außenlager Wittenberge.[2] Dort wurden ihm seine Boxfähigkeiten zum Verhängnis, da er von SS-Leuten immer wieder unter Bezugnahme auf seine Boxerkarriere verprügelt wurde. 1944 trat ein Kapo gegen Trollmann an und wurde niedergeschlagen. Der Kapo war darüber so erbost, dass er einen Knüppel nahm und Trollmann erschlug.[3]

Gedenken[Bearbeiten]

Einweihung der von der Künstlergruppe Bewegung Nurr temporär aufgestellten Skulptur eines schrägen Boxring für Johann Trollmann auf dem Ballhofplatz in Hannover
Der Name Trollmann findet sich sechsmal auf dem Mahnmal für die Sinti im Altwarmbüchener Moor

Für Printmedien und Funktionäre der Boxverbände war nach der NS-Zeit die Aberkennung des Meistertitels kein Thema. Erst eine Buchveröffentlichung Ende der 1990er Jahre über das Schicksal Trollmanns rückte diese Frage ins allgemeine Interesse. Trollmann wurde 1993 offiziell als Deutscher Meister im Halbschwergewicht in die „Riege der Deutschen Meister“ aufgenommen. 70 Jahre nach dem Kampf um den Meistertitel übergab der Bund Deutscher Berufsboxer Ende 2003 Trollmanns Meistergürtel symbolisch an seine noch lebenden Verwandten Louis und Manuel Trollmann.

Im Kreuzkirchenviertel in der Altstadt von Hannover wurde 2004 der kleine Fußweg Tiefental zwischen der Kreuzkirche und der Burgstraße in Johann-Trollmann-Weg umbenannt. 2008 wurde dort vor seinem früheren Wohnhaus ein Stolperstein für ihn gelegt.[4] Im Mai 2009 ist auch im Hamburger Schanzenviertel vor dem Portal der Roten Flora ein Stolperstein zur Erinnerung an Trollmann verlegt worden. Er hatte – zuletzt im November 1933 – im historischen Flora-Theater einige seiner Profiboxkämpfe bestritten. Im Juli 2010 wurde ein weiterer Stolperstein in der Fidicinstraße vor der früheren Bockbierbrauerei in Berlin-Kreuzberg verlegt, in der Trollmann seine Kämpfe gegen Witt und Eder bestritten hatte.

Trollmanns Bruder Heinrich, genannt Stabeli, wurde 1944 im KZ Auschwitz im Alter von 27 Jahren ermordet. Auch für ihn liegt ein Stolperstein im hannoverschen Johann-Trollmann-Weg.[4]

Am 28. Januar 2011 wurde in Berlin-Kreuzberg die Sporthalle der ehemaligen Rosegger-Grundschule am Marheinekeplatz als Johann-Trollmann-Boxcamp benannt.

Das Künstlerkollektiv Bewegung Nurr initiierte ein Projekt „9841 – Temporäres Denkmal für Johann Rukeli Trollmann“, das aus einem Boxring mit schräger Kampffläche besteht. Bei der Zahl 9841 handelt es sich um Trollmanns Häftlingsnummer. Die Skulptur wurde 2010 in Berlin, 2011 in Hannover, unweit seines früheren Wohnsitzes und 2012 in Dresden jeweils etwa sechs Wochen lang aufgestellt.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur und Film[Bearbeiten]

Theater[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Gibsy": Dokudrama erinnert an Boxer bei ndr.de vom 15,. Januar 2013
  2. Martin Sonnleitner: Der Stürmer und der Dränger. Spiegel Online, 17. Juni 2008
  3. Hamburger Abendblatt, Artikel Die Qualen eines Boxers vom 14. Februar 2009
  4. a b Patrick Hoffmann: 13 weitere Stolpersteine verlegt, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 23. März 2010, S. 15
  5. Website zum Projekt 9841

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johann Trollmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien