Johannes Grützke

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Johannes Grützke 2012

Johannes Michael Wilhelm Grützke (* 30. September 1937 in Berlin) ist ein deutscher Maler, Zeichner, Grafiker und Medailleur.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Johannes Grützke wurde als viertes von fünf Kindern als Sohn des Geschäftsmanns Wilhelm Grützke und seiner Ehefrau Dörthe geboren. Außer während vier Jahren Kriegs- und Nachkriegswirren wuchs er in Berlin auf.

Johannes Grützke studierte von 1957 bis 1964 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin zunächst bei Hans Orlowski und danach als Meisterschüler von Peter Janssen. 1962 nahm er als Schüler an dem von Oskar Kokoschka geleiteten Kurs der Internationalen Sommerakademie Salzburg teil. In Bad Godesberg, wohin er 1964 umzog, hatte er im gleichen Jahr seine erste Einzelausstellung in der Galerie Pro, die von Johannes Wasmuth geleitet wurde. Im folgenden Jahr, wieder in Berlin, gründete er das Musikensemble Die Erlebnisgeiger, mit dem er unregelmäßig öffentlich auftrat. 1973 war er Mitbegründer der Schule der neuen Prächtigkeit. 1974 veranstaltete der Neue Berliner Kunstverein die erste Grützke-Retrospektive im Schloss Charlottenburg, die anschließend im Kunstverein Freiburg, in der Kunsthalle Nürnberg und dem Mannheimer Kunstverein ausgestellt wurde. Im gleichen Jahr wurde ebenfalls vom Neuen Berliner Kunstverein die erste Gemeinschaftsausstellung der Schule der neuen Prächtigkeit ausgerichtet. 1986 wurde ihm der Kunstpreis der Heitland Foundation, Celle verliehen.

Als Maler, Zeichner und Druckgrafiker schuf Grützke seit den 1960er-Jahren ein Werk, das durch seine Konsequenz ebenso beeindruckt wie durch die Wahl seiner Motive und die souveräne Handhabung der Techniken. In seiner am Gegenständlichen orientierten Kunst geht es ihm darum, eine Idee malerisch so umzusetzen, als sei sie der Wirklichkeit entsprungen.

Außer im Malatelier arbeitete Grützke auch als Bühnenbildner für das Theater, 1979 begann hier eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Zadek. Von 1985 bis 1988 war er dessen künstlerischer Berater am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und stattete verschiedene Inszenierungen aus, darunter die legendäre Urfassung von Lulu von Frank Wedekind, Joshua Sobols Ghetto und Weiningers Nacht sowie am Wiener Burgtheater Shakespeares Der Kaufmann von Venedig (auch Kostüme, Bühne gemeinsam mit Wilfried Minks).

Grützke lehrte 1976/1977 als Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, 1987 kehrte er, diesmal als Dozent in Nachfolge seines ehemaligen Lehrers Oskar Kokoschka, an die Internationale Sommerakademie Salzburg zurück. Im Jahr 1990 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Künstlersonderbundes in Deutschland. Von 1992 bis 2002 war er Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Johannes Grützke ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg.

Von November 2011 bis April 2012 fand in der Reihe „Werke und Dokumente“ des Deutschen Kunstarchivs im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg eine umfassende Ausstellung seiner Werke unter dem Titel Die Retrospektive statt. Damit verbunden, vermachte Grützke dem Museum einen Vorlass.[1] 2012 war im Marburger Kunstverein eine Auswahl von Malerei, Zeichnungen, Pastelle und eine Skulptur des Künstlers aus der Sammlung Horn zu sehen.[2] Unter dem Titel „die ganze Welt in meinem Spiegel“ zeigt das Stadtmuseum Berlin 2012 anlässlich der Verleihung des Hannah-Höch-Preises des Landes Berlin 2012 eine Retrospektive seiner Arbeiten aus fünf Jahrzehnten.[3] 2013 wurden Werke von Grützke im Rahmen der Ausstellung "Jacob Jordaens und die Moderne" im Fridericianum in Kassel ausgestellt.

Stilistische Positionierung[Bearbeiten]

Johannes Grützke ist Mitbegründer und bekanntester Maler aus der Schule der neuen Prächtigkeit. Er malt in einem figurativen, sehr eigenständigen Stil. Die von ihm dargestellten Personen und die Szenen, in die er sie stellt, wirken ironisch überzeichnet. Als Porträtist idealisiert er seine Modelle nicht, sondern er versucht, sich durch Verzerrung der Charakteristik und Physiognomie des Dargestellten zu nähern. Das Stadtmuseum Berlin schreibt: „Seine Bilder sind ironische Reflexionen historischer, mythologischer und religiöser Stoffe, bizarre Beschreibungen sozialen Verhaltens sowie schonungslose Selbstbefragungen“.[4]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Wichtige öffentliche Werke[Bearbeiten]

Wandbilder
Grützkes Heckerdenkmal am Konstanzer Stadthaus
Aus der Geschichte der Unfallchirurgie (Ausschnitt)
Werke im Besitz öffentlicher Sammlungen[6]

Medaillenarbeiten[Bearbeiten]

  • Bronzegußmedaille auf James Simon. Vorderseite: Kopfbildnis dreiviertel nach r. Rückseite: Sieben Zeilen Text: Ein Mensch / ist nicht mehr / als ein anderer, / wenn er nicht / mehr tut als / ein anderer. / Cervantes. Literatur: Numismatisches Nachrichtenblatt Nr. 10, 2006, pp. 449–450, Abbildung
  • in : * Ulf Dräger, Andrea Stock : Die Welt »en miniature« : Deutsche Medaillenkunst heute, 2000 – 2006. Stiftung Moritzburg, Halle 2007, ISBN 978-3-937751-54-2,(Die Kunstmedaille in Deutschland. Bd. 23, anlässlich der Ausstellung Die Welt "en Miniature". 2000 – 2006, vom 15. Juli bis 7. Oktober 2007 in der Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt).

Zitate[Bearbeiten]

  • „Ein Maler, der es ernst meint, nennt sich Maler, und was er macht, ist Malerei.“
  • „Der Pinsel ist mein Forschungswerkzeug, so, wie der Begriff beim Philosophen. Das Bild ist nicht das Ziel, sondern Abfall meiner Forschungsarbeit.“
  • „Meine Bilder sind Ausdruck meiner persönlichen Erfahrungen, […] und ich dokumentiere in meinen Bildern, stellvertretend für Viele, allgemeine Erfahrungen. […] Mit Hilfe eines Ausschnittes aus der Realität male ich die gesamte Realität. Die mich umgebende kleine Realität […] ist stellvertretend für die gesamte große Realität. Demzufolge ist meine Person stellvertretend für alle Personen.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Holeczek: Johannes Grützke. Werkverzeichnis der Gemälde 1964–1977. Sydow Fine Art, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-921520-03-7.
  • Birgit Jooss (Bearb.): Johannes Grützke. Die Retrospektive, Nürnberg 2011
  • Deutsche Radierer der Gegenwart. Kunstverein Darmstadt, Darmstadt 1982, ISBN 3-761081-21-9, S. 78f.
  • Johannes Grützke – Zu Gast bei Tübke Mit einem Beitrag von Johannes Grützke, Leipzig 2007, Edition Galerie Schwind
  • Verzeichnis der Druckgraphik von Johannes Grützke Nr. 1 1958-1963, Hrsg. Ladengalerie Berlin u. Andreas Pospischil, Berlin 2011, ISBN 3-926460-92-X
  • Bernhard Holeczek: Johannes Grützke, Druckgraphik 1964-1978, Städtische Galerie Wolfsburg 1978
  • Johannes Grützke : Werkverzeichnis der Druckgraphik Nr. 3 1978-1998, Hrsg. Ladengalerie Berlin, Berlin 1998, ISBN 3-926460-61-X
  • Georg Reinhardt (Hrsg.): Johannes Grützke : Farbige Zeichnungen und Druckgraphik, Berlin 1999, ISBN 3-926460-69-5
  • Diethelm Kaiser und Bénédicte Savoy (Hrsg.): Die Schule der Neuen Prächtigkeit, Berlin 2009, ISBN 978-3-89479-579-5
  • Johannes Grützke / Tilman Lehnert : Der Frauentunnel, ISBN 978-3-957320-20-9
  • Johannes Grützke / Tilman Lehnert : Pauvre Bobo. Ein Konvolut, ISBN 978-3-957320-21-6
  • Johannes Grützke / Tilman Lehnert : 30 Jahre Bohren, ISBN 978-3-957320-23-0 (Vorzugsausgabe), ISBN 978-3-957320-22-3
  • Johannes Grützke / Christoph Haupt : Bongs Stall, ISBN 978-3-957320-24-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Johannes Grützke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
  2. Marburger Kunstverein: Johannes Grützke, 2012
  3. Internetseite Stadtmuseum Berlin
  4. Internetseite Stadtmuseum Berlin
  5. Johannes Grützke: Wandbild für das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhauses Hamburg, 2. Auflage. Gifkendorf 2004.
  6. artfacts.net: Grützke im Besitz öffentlicher Sammlungen