Justinus Kerner

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Justinus Kerner 1852, in der Hand eine Maultrommel. Gemälde von Ottavio d'Albuzzi, einem ehemaligen Patienten Kerners.
Lithographie nach einer Zeichnung aus dem Jahr 1841 von Anton Duttenhofer
Altersbild Justinus Kerners, wenige Jahre vor seinem Tod aufgenommen
Kerners Geburtshaus in Ludwigsburg
Kerners Schreibtisch im Städtischen Museum Ludwigsburg
Seracher Dichterkreis im Kernerhaus. Von links: Theobald Kerner, Nikolaus Lenau, Gustav Schwab, Graf Alexander von Württemberg, Karl Mayer, Justinus Kerner, Friederike Kerner, Ludwig Uhland, Karl August Varnhagen von Ense (kolorierter Stich nach einem Ölgemälde von Heinrich von Rustige)
Das Kernerhaus um 1826. Tuschezeichnung von Carl Dörr
Haus Justinus Kerners in Weinsberg
Blick aus dem Garten
Sog. „Klecksographie“ Kerners mit autographem Gedicht:
Aus Dintenfleken ganz gering
Entstand der schöne Schmetterling.
Zu solcher Wandlung ich empfehle
Gott meine flekenvolle Seele.

Justinus Kerner

Justinus Andreas Christian (von) Kerner (* 18. September 1786 in Ludwigsburg; † 21. Februar 1862 in Weinsberg) war ein deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft und Schulzeit[Bearbeiten]

Sein Vater Christoph Ludwig Kerner war, ebenso wie sein Großvater Johann Georg Kerner, Oberamtmann in Ludwigsburg. Seine Mutter war Friederike Luise, geb. Stockmaier (1750–1817). Justinus war das jüngste der sechs Kinder. Sein ältester Bruder, Johann Georg, wurde als Chronist der französischen Revolution bekannt, sein Bruder Karl wurde General, Hüttenfachmann und kurzzeitig Innenminister des Königreichs Württemberg. Darüber hinaus hatte er noch einen weiteren Bruder und zwei Schwestern.

Justinus Kerner ging in Ludwigsburg zur Schule und wurde dann zunächst in Maulbronn, wohin sein Vater versetzt worden war, von Stipendiaten der dortigen Klosterschule unterwiesen, dann erhielt er in Knittlingen Unterricht. Nach dem Tod seines Vaters 1799 steckte seine Mutter den noch minderjährigen Justinus als Kaufmannslehrling in das Kontor der herzoglichen Tuchfabrik in Ludwigsburg. Kerner gefiel die stumpfsinnige Arbeit nicht. Er fing an, zur Ablenkung Gedichte zu schreiben und die Kranken des im selben Gebäude untergebrachten Irrenhauses durch Spielen auf seiner Maultrommel zu unterhalten.

Studium[Bearbeiten]

Sein ehemaliger Pfarrer und Lehrer Karl Philipp Conz, inzwischen Dichter und Professor für alte Sprachen an der Universität Tübingen, setzte bei Kerners Mutter durch, dass der Sohn studieren durfte. Von 1804 bis zu seiner Promotion 1808 studierte er Medizin und Naturwissenschaften in Tübingen.

Bereits zu Studienzeiten war er mit Ludwig Uhland und Gustav Schwab befreundet, woraus sich später der Kern der Schwäbischen Dichterschule entwickeln sollte, zu deren namhaftesten Vertretern Kerner gehörte.

1807 lernte er bei einer Feier aus Anlass von Uhlands Geburtstag seine spätere Frau Friederike Ehmann (9. Januar 1786 – 4. April 1854) aus Ruit auf den Fildern kennen, von ihm Rickele (von Ruit) genannt und in vielen Gedichten verewigt, die er 1813 heiratete. Aus der Ehe gingen die Töchter Marie (verh. Niethammer; 2. Dezember 1813 – 14. April 1886) und Emma (verh. Gsell; 16. November 1822 – 26. November 1895) sowie der Sohn Theobald (14. Juni 1817 – 11. August 1907) hervor.

Eine enge Freundschaft verband Kerner mit seinem Kommilitonen und Arztkollegen David Assing in Hamburg, der Friederike Ehmann in schwerer Krankheit geheilt hatte, ebenso mit Assings Ehefrau Rosa Maria und ihrem Bruder Karl August Varnhagen von Ense in Berlin.[1] Diese Freundschaft erstreckte sich auch auf Assings Töchter Ottilie und Ludmilla und setzte sich in der nächsten Generation bei Theobald fort.[2]

Kerner als Arzt und Schriftsteller[Bearbeiten]

Nach seinem Studium und mehreren Reisen war er ab 1810 als Arzt tätig. Zunächst war er in Dürrmenz, ab 1811 Badearzt in Wildbad, seit 1812 als praktischer Arzt in Welzheim tätig. 1815 wurde er Oberamtsarzt zunächst in Gaildorf, ab 1819 bis zu seiner Pensionierung infolge eines Augenleidens (Grauer Star) 1851 dann in Weinsberg. Dort ließ er, nachdem die Familie zuvor meist in sehr beengten Wohnverhältnissen zur Miete gewohnt hatte, 1822 im ehemaligen Stadtgraben das heute noch als Kernerhaus zu besichtigende Wohnhaus errichten. Das mehrfach erweiterte Haus und der benachbarte, nach 1823 hinzu erworbene mittelalterliche Geisterturm beherbergten Kerners große Sammlung von Kunstgegenständen und waren gastfreundlicher Treffpunkt von Kerners zahlreichen Kontakten. Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Nikolaus Lenau, die Brüder Karl und Louis Mayer sowie Alexander von Württemberg gingen dort ein und aus. Sein Sohn, Theobald Kerner, ebenfalls Arzt und Schriftsteller, berichtete darüber in seinem 1894 erschienenen Buch Das Kernerhaus und seine Gäste. Kerner gehörte auch dem Seracher Dichterkreis an und hatte einen Freundeskreis in München.

Sein Stil wird als schlicht und innig beschrieben, wobei sich in seinen Werken sowohl Wehmut als auch Humor und echte Herzensfrömmigkeit finden. Einige seiner Gedichte sind sehr bekannt, auch als Lieder, wie Der reichste Fürst, Wanderlied („Wohlauf! Noch getrunken den funkelnden Wein!“) oder Der Wanderer in der Sägmühle, wenn auch oft nicht bewusst ist, dass es sich um Gedichte Kerners handelt. In den Konzertsälen auch heute noch häufig aufgeführt wird der Liedzyklus Zwölf Gedichte von Justinus Kerner für Singstimme und Klavier op. 35 von Robert Schumann (1840).

Kerner, beim Maultrommelspielen von einer Erscheinung überrascht (Bleistiftzeichnung Kerners)

Später wandte sich Kerner spiritistischen, okkultistischen und somnambulistischen Fragen zu. Er nahm die Seherin von Prevorst, Friederike Hauffe (1801–1829), einige Zeit bei sich auf und veröffentlichte im Jahre 1829 zwei Bücher über sie.

Kerners Freude am Grotesken beweisen seine „Klecksographien“. Quelle dieser Beschäftigung waren die „Tintensäue“, die zuweilen auf die Briefe und Manuskripte des fast erblindeten Dichters fielen. Durch Faltung des Papiers erzeugte er aus den zerdrückten Tintenklecksen abstrakte Zeichnungen, denen er mit ein paar zusätzlichen Federstrichen eine narrative Darstellung zu geben versuchte. Das von ihm aus Klecksographien zusammengestellte „Hadesbuch“ ist in Urschrift im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar erhalten. Der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach benutzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts solche „Zeichnungen“ seiner Patienten in dem nach ihm benannten und stets umstrittenen Rorschachtest zur Bestimmung von Wahrnehmungsvermögen, Intelligenz und emotionalen Charakteristika.

Aus heimatkundlichem Interesse bemühte er sich um die Weinsberger Geschichtsschreibung und die Erhaltung der Burgruine Weibertreu. Er verfasste 1819 einen Aufsatz Über die Kirche zu Weinsberg und 1820 auf Grundlage handschriftlicher Quellen einen Aufsatz (1822 als Buch) über Weinsberg im Bauernkrieg, Die Bestürmung der Stadt Weinsberg durch die hellen christlichen Haufen im Jahre 1525 und deren Folgen für diese Stadt.

Seine bleibende Leistung als Arzt ist die erstmalige klinische Beschreibung der bakteriellen Lebensmittelvergiftung Botulismus in seiner 1822 erschienenen Schrift Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den thierieschen Organismus. Ein Beytrag zur Untersuchung des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes.

Justinus Kerner wurde auf dem Weinsberger Friedhof neben seiner Frau Rickele begraben. Das Grab existiert bis heute.

Bekannte Werke[Bearbeiten]

Roman[Bearbeiten]

Erzählungen[Bearbeiten]

Gedichte[Bearbeiten]

  • Poetischer Almanach (1812, gemeinsam mit Uhland, Schwab und anderen)
  • Deutscher Dichterwald (1813, gemeinsam mit Uhland, Schwab und anderen)
  • Gedichte (1826, Sammlung) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Der letzte Blüthenstrauß (1852)
  • Winterblüthen (1859)
  • bekannt:
  • Dichtungen (1834)
  • Ausgewählte poetische Werke (1878–1879 erschienen)

Satire[Bearbeiten]

  • Der rasende Sandler (1817)

Medizinische und naturwissenschaftliche Schriften[Bearbeiten]

  • Das Wildbad im Königreich Württemberg (1813, ISBN 3-921841-26-7)
  • Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkung auf den tierischen Organismus (1822)
  • Geschichte zweier Somnambulen (1824)
  • Die Seherin von Prevorst (Erstausgabe: 2 Bände, 1829; überarbeitete Neuauflage 2012, 336 Seiten, Pappband, ISBN 978-3-7984-0815-9)
  • Blätter aus Prevorst (ab 1831)
  • Geschichten Besessener neuerer Zeit (1834) (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiete der Natur (1836)
  • Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseins (1836)
  • Magikon, Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde (ab 1840, ISBN 3-923620-03-9)
  • Erinnerungen an Franz Anton Mesmer (1856)

Autobiographisches[Bearbeiten]

Kurzer Lese-Ausschnitt aus dem Bilderbuch aus meiner Knabenzeit: Justinus Kerner berichtet von seinem Aufenthalt als „Klosterzögling“ im Evangelischen Seminar Maulbronn
  • Bilderbuch aus meiner Knabenzeit (1849, Neuausgabe: ISBN 3-458-32038-5)
  • Kleksographien (1890 veröffentlicht von seinem Sohn Theobald, Digitalisat)

Justinus-Kerner-Medaille[Bearbeiten]

Der Ärzteverband Öffentlicher Gesundheitsdienst Baden-Württemberg verleiht seit 1979 die Justinus-Kerner-Medaille. Sie wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich um den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Baden-Württemberg verdient gemacht haben. Bisherige Preisträger sind:[3]

  • 1979: Ernst Eschner, Gesundheitsamt Heidelberg und Hanns Hufnagel, Gesundheitsamt Stuttgart
  • 1980: Karl Breu, Gesundheitsamt Ludwigsburg,
  • 1981: Wolfdietrich Graff, Gesundheitsamt Lörrach und Erich Hansen, Bruchsal
  • 1982: Franz Braun, Gesundheitsamt Tübingen, Jugendzahnarzt
  • 1983: Bertha Bausch, Gesundheitsamt Ludwigsburg und Hellmuth Aldinger, Gesundheitsamt Ulm
  • 1984: Werner Bauer, Gesundheitsamt Tübingen
  • 1985: Christian Göttsching, Gesundheitsamt Freiburg
  • 1986: Annemarie Griesinger, Sozialministerin a. D., Markgröningen und Gerhard Neumann, Gesundheitsamt Stuttgart
  • 1987: Walter Steuer, Präsident a. D. des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg (früher MLUA), Stuttgart
  • 1992: Hans Stöckle, Abteilungsdirektor a. D., Regierungspräsidium Stuttgart
  • 1998: Clara Sacré, Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Stuttgart
  • 2003: Wiland Weik, Regierungspräsidium Freiburg
  • 2011: Monika Stolz, Sozialministerin Baden-Württemberg und Thomas Halder, Ministerialdirektor, Sozialministerin Baden-Württemberg
  • 2012: Peter-Joachim Oertel, Gesundheitsamt Tübingen
  • 2013: Thomas Reumann, Landrat, Reutlingen

Justinus-Kerner-Preis[Bearbeiten]

Die Stadt Weinsberg stiftete anlässlich des 200. Geburtstages Justinus Kerners 1986 den Justinus-Kerner-Preis. Er wird seit 1990 alle drei Jahre an Personen verliehen, die in Verbindung mit dem Lebenswerk Kerners oder in seinem Sinne im literarischen, medizinischen oder heimat- und denkmalpflegerischen Bereich Herausragendes geleistet haben. Die Verleihung erfolgt jeweils am 18. September, dem Geburtstag Justinus Kerners, in Weinsberg, wobei der Preisträger schon gegen Ende des Vorjahres bekannt gegeben wird. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Bisherige Preisträger sind:

Ehrungen[Bearbeiten]

Im Jahr seiner Pensionierung 1850 wurde Justinus Kerner zum Ritter des Ordens der Württembergischen Krone ernannt, womit der persönliche Adelsstand verbunden war.[4] 1854 nahm ihn der bayerische König Maximilian II. in den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst auf.[5]

Zu Ehren Justinus Kerner wurde die Rebsorte Kerner benannt, die 1929 von der in Weinsberg ansässigen Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau aus rotem Trollinger und weißem Riesling gekreuzt wurde.[6]

In Ludwigsburg, München und anderen Städten sind Straßen nach Kerner benannt. Es gibt in mehreren Städten nach Justinus Kerner benannte Schulen; in Heilbronn und Weinsberg tragen Gymnasien seinen Namen, in Ludwigsburg eine Werk-Realschule.

Bei Gaildorf, am Südostrand des Mainhardter Walds, errichtete der Schwäbische Albverein im Jahr 1902 auf dem 458 m hohen Kirgel einen Aussichtsturm und benannte ihn nach dem Arzt und Dichter und seinem Sohn Theobald Kernerturm.[7]

Zeitschrift[Bearbeiten]

Der Information über Justinus Kerner widmet sich die Zeitschrift Mitteilungen des Justinus-Kerner-Vereins und Frauen-Vereins Weinsberg, herausgegeben vom Justinus-Kerner-Verein in Weinsberg.

Literatur[Bearbeiten]

  • Glaub, A.: Justinus Kerner und die Psychiatrie. In: Beiträge zur Geschichte der Psychiatrie und Hirnanatomie. Basel, Karger 1957
  • Otto-Joachim Grüsser: Justinus Kerner (1786–1862). Arzt, Poet, Geisterseher. Nebst Anmerkungen zum Uhland-Kerner-Kreis und zur Medizin- und Geistesgeschichte im Zeitalter der Romantik. Springer, Berlin 1987, ISBN 3-540-17080-4.
  • Armin Gebhardt: Schwäbischer Dichterkreis. Uhland, Kerner, Schwab, Hauff, Mörike. Tectum, Marburg 2004, ISBN 3-8288-8687-6
  • Hundert Jahre im Geiste Kerners. Justinus-Kerner-Verein 1905–2005. Justinus-Kerner-Verein und Frauenverein Weinsberg e. V., Weinsberg 2005

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Ludwig Geiger: Briefe von Justinus Kerner an Varnhagen von Ense. In: Nord und Süd. Eine deutsche Monatschrift 92 (1900), Heft 274 (Januar); ders.: [Rezension] Justinus Kerners briefwechsel mit seinen freunden… In: Zeitschrift für deutsche Philologie 31 (1898)
  2. Nikolaus Gatter: Dichterfreundschaft unter treuen Weibern – und Männern. Die Varnhagen Gesellschaft zu Besuch im Justinus-Kerner-Haus. In: ALG-Umschau. Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften Nr. 35, Juli 2006, S. 6 f.
  3. Trägerinnen und Träger der Justinus-Kerner-Medaille bei aerzte-oegd-bw.de (abgerufen am 7. September 2012)
  4.  Königlich Württembergisches Hof- und Staats-Handbuch 1858. Aue, Stuttgart 1858, S. 46 (Volltext in der Google-Buchsuche).
  5. Hans Körner: Justinus Kerner und der bayerische Maximilians-Orden für Wissenschaft und Kunst (1853/54). In: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Band 31. Historischer Verein Heilbronn, Heilbronn 1986, S. 199–204
  6.  Tom Stevenson: The Sotheby's Wine Encyclopedia. 4 Auflage. Dorling Kindersley, London 2005, ISBN 0-7566-1324-8, S. 379.
  7. Der Kerner-Turm. Ein Wahrzeichen der Stadt Gaildorf beim Schwäbischen Albverein, Ortsgruppe Gaildorf (abgerufen am 20. Januar 2009)