Kaufhaus Schocken

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Das Kaufhaus Schocken in Stuttgart 1928
Das ehemalige Kaufhaus Schocken in Chemnitz 2005
Rekonstruierter Eingang des Kaufhaus Schocken in Chemnitz 2013

Kaufhaus Schocken ist die Bezeichnung mehrerer Warenhäuser des ehemaligen westsächsischen Einzelhandelskonzerns I. Schocken Söhne Zwickau. Die Eigentümer des Warenhaus-Konzerns waren die jüdischen Gebrüder Schocken.

Geschichte[Bearbeiten]

Am 18. März 1901 wurde in Zwickau das Warenhaus Ury Gebrüder, Zwickau / Leipzig durch die Gebrüder Moritz und Julius Ury gegründet. Leiter des Warenhauses in der damaligen Wilhelmstraße 9 – heute Hauptstraße – war Simon Schocken, der in die Eigentümerfamilie Ury eingeheiratet hatte. Im gleichen Jahr trat auch Salman Schocken auf das Angebot seines Bruders Simon Schocken hin dem Geschäft bei. 1904 gründeten die Brüder Schocken ihr erstes eigenes Kaufhaus in der Meinertstraße 18 in Oelsnitz. Das Zwickauer Warenhaus ging 1906 in den alleinigen Besitz von Simon Schocken über, der dann 1907 gemeinsam mit Salman Schocken die Firma I. Schocken Söhne Zwickau gründete. Außerdem kam es zur Gründung einer Einkaufszentrale mit Sitz in Zwickau, die beide Warenhäuser belieferte.

Zwischen 1909 und 1913 eröffnete das Unternehmen Warenhäuser u. a. in Aue, Planitz, Meißen, Zerbst, Cottbus und Frankenberg. Schocken expandierte bis 1930 zur viertgrößten Warenhauskette Deutschlands mit insgesamt 20 Filialen und Zwickau als Hauptbüro. Im Dezember 1921 wurde das Unternehmen zu einer Kommanditgesellschaft auf Aktien umgeformt. Die offene Handelsgesellschaft I. Schocken Söhne blieb Zentraleinkaufsbetrieb der Warenhäuser. In den 1920er Jahren entwickelte sich der Schocken-Konzern dank der von Salman Schocken entwickelten Verkaufs- und Geschäftsstrategien, der sorgsamen Vorbereitung des Einkaufs, des Ausbaus leistungsfähiger Produktionsbetriebe und der stetigen Umsatzsteigerung in den Warenhäusern zu einem der erfolgreichsten Warenhausunternehmen in Deutschland. Am 26. Oktober 1929 starb Simon Schocken, 55-jährig, an den Folgen eines Verkehrsunfalls.[1]

1926 wurde die Filiale am Nürnberger Aufseßplatz eröffnet. Das Gebäude wurde von dem namhaften Architekten Erich Mendelsohn 1925 entworfen und galt als Meilenstein des Neuen Bauens in Nürnberg. Das Gebäude wurde im Krieg zerstört und durch einen Neubau (vormals Merkur, dann Horten, jetzt Kaufhof) ersetzt, der 1958 vollkommen umgebaut wurde.

Auch für Stuttgart entwarf Erich Mendelsohn von 1926 bis 1928 das Kaufhaus Schocken gegenüber dem Tagblatt-Turm und dem Hegelhaus. Das Kaufhausgebäude wurde im Krieg durch Bombentreffer beschädigt und brannte aus, konnte aber nach dem Krieg wieder aufgebaut werden. 1960 wurde es von der Stadt Stuttgart unter internationalem Protest zum Abriss freigegeben.

Am 15. Mai 1930 wurde in Chemnitz eine Filiale des Schocken-Konzerns eröffnet. Die Entwürfe für diesen Bau stammten ebenfalls von Mendelsohn. Das wegen seiner wegweisenden Architektur berühmt gewordene Gebäude existiert bis heute, seine ursprüngliche Klarheit wird jedoch durch bauliche Veränderungen beeinträchtigt.

Das Warenhausgebäude des Schocken-Konzerns in Cottbus in der Spremberger Straße war bis zur Eröffnung des „Konsument“-Warenhauses 1968 zeitweise HO-Warenhaus. Es wurde 1980 bis auf einen Seitenflügel abgerissen.

Weitere Kaufhäuser existierten in Auerbach, Augsburg, Bremerhaven, Crimmitschau, Freiberg, Lugau, Pforzheim, Regensburg, Stuttgart, Waldenburg (Schlesien). Das Unternehmen unterhielt weiterhin ein Einkaufshaus für Strumpfwaren, Textilwerkstätten, Warenprüfungsstellen und Einkaufszentralen in Nürnberg und Berlin.

Im November 1933 wurde die Schocken KGaA, die zu dieser Zeit über ein weit verzweigtes Filialnetz mit mehr als 30 Geschäften außerhalb Berlins verfügte, in eine Aktiengesellschaft mit 4,2 Millionen Reichsmark Kapital bei 3,75 Millionen Reichsmark offenen Reserven umgewandelt, deren Hauptaktionär weiterhin Salman Schocken war. Simon Schocken verunglückte 1929 tödlich mit dem Auto. Dem Aufsichtsrat gehörte auch der Bruder Julius Schocken an, selbst Betreiber von Warenhäusern im Raum Bremerhaven, die allerdings nicht zum Schocken-Konzern gehörten, wohl aber im Bereich Personalausbildung und Einkauf über Jahre kooperierten. In deutschen Wirtschaftskreisen war Salman Schocken namentlich dadurch bekannt geworden, dass er die Grundfragen des Warenhauswesens in Schriften und Vorträgen vielfach erörterte und insbesondere die Warenhaus-Idee theoretisch fundierte.

1936 übernahm eine von Sir Andrew McFadyean geführte britische Bankengruppe die Mehrheit des Besitzes, um so als „arisiert“ zu gelten, während eine starke Minderheit und ein Teil des Grundbesitzes in der Hand von Salman Schocken verblieben.

Ende 1938 folgte dann die vollständige „Arisierung“ des Konzerns durch den Verkauf an eine deutsche Bankengruppe unter der Führung der Deutsche Bank AG und der Reichs-Kredit-Gesellschaft AG, beide mit Sitz in Berlin, und damit die faktische Enteignung durch die Nationalsozialisten. Auf Beschluss der Hauptversammlung vom 9. Dezember 1938 führte die Schocken AG ab Januar 1939 den Namen Merkur Aktiengesellschaft.

Die Funktionsfähigkeit des Unternehmens konnte auch während der Kriegsjahre 1939–1945 erhalten werden. Mit dem Volksentscheid in Sachsen am 30. Juni 1946 wurden alle sächsischen Filialen der Merkur AG zu Gunsten des Landes Sachsen enteignet. Die sächsischen Geschäfte wurden als landeseigenes Unternehmen der Industrieverwaltung 64 – Kauf- und Warenhäuser unterstellt und Ende 1948 dem Verband Sächsischer Konsumgenossenschaften angeschlossen.

Die Rückerstattung des Konzerns an die Familie Schocken, bezogen auf die in der US-amerikanischen Besatzungszone liegenden Teile der Merkur AG, erfolgte 1949. Die Familie Schocken erhielt 51 % des Grundkapitals der Gesellschaft. Obwohl das Unternehmen sich bereits wieder positiv entwickelte, verkaufte Salman Schocken seinen Anteil an der Merkur AG 1953 an Merkur, Horten & Co. mit Hauptsitz in Nürnberg.

Aus der Merkur, Horten & Co. wurde später die Horten AG mit Sitz in Düsseldorf, später übernommen durch die Kaufhof AG, die heute zum Metro-Konzern gehört.

Der Name Schocken ist bis heute in der Bremerhavener, Chemnitzer, Cottbuser, Nürnberger, Regensburger, Stuttgarter, Pforzheimer und Zwickauer Bevölkerung erhalten geblieben; so existiert beispielsweise heute in der Stuttgarter Hirschstraße der in Anlehnung an das frühere Kaufhaus benannte „Club Schocken“.

Literatur[Bearbeiten]

Zu einzelnen Kaufhäusern[Bearbeiten]

Chemnitz[Bearbeiten]

Cottbus[Bearbeiten]

Nürnberg[Bearbeiten]

Stuttgart[Bearbeiten]

  • Ignaz E. Hollay: ... in die Jahre gekommen. Schocken ... Merkur ... Horten. Die 60 Jahre eines Stuttgarter Kaufhauses. In: Deutsche Bauzeitung 122.1988, Heft 9, Seite 102-112.
  • Wolfgang Müller: Stuttgart in alten Ansichten. Zaltbommel 1979, Nr. 60, 61.
  • Renate Palmer: Der Stuttgarter Schocken-Bau von Erich Mendelsohn. Die Geschichte eines Kaufhauses und seiner Architektur. 1995, ISBN 3-87407-209-6.
  • Petra Ralle: Konsequenz Abriss. Das (un)vermeidbare Ende des Kaufhauses Schocken von Erich Mendelsohn in Stuttgart (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 90.) Hohenheim, Stuttgart, 2002, ISBN 3-89850-974-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kleine Chronik In: C.V. Zeitung, Jg. 8 (1929) Heft 44 (1. November 1929) S. 594 und S. 595 (Todesanzeige)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kaufhaus Schocken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.7733333333339.1758333333333Koordinaten: 48° 46′ 24″ N, 9° 10′ 33″ O