Kindersoldat

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Kindersoldat im Sezessionskrieg

Kindersoldaten sind Kinder, die an einem Krieg teilnehmen. Als Kindersoldaten gelten laut der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 alle Kriegsteilnehmer unter 15 Jahren, die direkt an Feindseligkeiten teilnehmen. Ein optionales Zusatzprotokoll der Konvention aus dem Jahr 2002 hebt das Mindestalter für wehrpflichtige Soldaten der ratifizierenden Staaten auf 18 Jahre an, freiwillige Rekruten älter als 14 Jahre sind nach wie vor völkerrechtlich legal. Mitunter werden von anderer Stelle jedoch auch nicht-kämpfende Helfer bewaffneter Gruppen sowie alle Jugendlichen unter 18 Jahren zu den Kindersoldaten gezählt.

UNICEF, terre des hommes und amnesty international bezeichnen „alle Kämpfer und deren Helfer, die unter 18 Jahre alt sind“ als „Kindersoldaten“.

Nach den Cape Town Principles von 1997 sollen nicht nur minderjährige kämpfende Angehörige von bewaffneten Einheiten als Kindersoldaten angesehen werden, sondern auch Träger, Informanten, Köche, zwangsprostituierte Mädchen usw.[1] Diese breite Definition soll einen besseren Schutz von Kindern gewährleisten und ihnen im Falle einer Demobilisierung Zugang zu Hilfsmaßnahmen gewähren. Die damit einhergehende Einordnung zum Kombattantenstatus legitimiert zwar einerseits den Kampfeinsatz auch gegen unbewaffnete Minderjährige, ermöglicht ihnen jedoch auch eine rechtliche Behandlung nach den Grundsätzen der Kriegsgefangenenkonvention, und erschwert den Missbrauch von Kindern als lebendes Schutzschild in strategisch wichtigen Operationsbasen.

Rekrutierung und Einsatz

Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Üblicherweise werden sie zwangsrekrutiert, aber insbesondere Jugendliche schließen sich gelegentlich auch freiwillig bewaffneten Gruppen an. In der Regel kommen Kindersoldaten aus armen Bevölkerungsschichten; viele sind durch Kriegsereignisse von den Eltern getrennt worden und suchen Schutz, es sind Kinder aus Flüchtlings- und Vertriebenenlagern oder Straßenkinder. Unter diesen Umständen kann der Krieg für Jugendliche eine Chance sein, ihre Existenz zu sichern, ihnen soziale Anerkennung zu bringen und/oder ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil der Feind Angehörige getötet hat.

Die Kinder sind ähnlichen Belastungen ausgesetzt wie erwachsene Soldaten, sind jedoch meist empfänglicher für ideologische Indoktrination und einschüchternde Disziplinarmaßnahmen und haben häufig eine höhere Risikobereitschaft. Kindersoldaten werden oft in Kriegen eingesetzt, in denen vorwiegend mit Kleinwaffen ohne hohen Ausbildungsaufwand gekämpft wird. Kinder werden auch häufig zum Verlegen oder Entschärfen von Landminen eingesetzt. Mädchen werden häufig zwangsprostituiert oder zu Sexbeziehungen oder Heirat mit Soldaten gezwungen oder genötigt.

Statistik

Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO[2] waren im Jahr 1996 rund 300.000 Kinder unter Waffen an Konflikten beteiligt. Heutzutage wird die Anzahl der Kindersoldaten auf ungefähr 250.000 geschätzt.[3] Von mehr als 50 bewaffneten Gruppen, größtenteils aus Afrika, ist bekannt, dass sie Kindersoldaten einsetzen. Ungefähr zwei von drei Kindersoldaten sind Jungen. Olara Ottuno, der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Kinder in bewaffneten Konflikten schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen.

In Uganda waren rund 90 Prozent der Lord’s Resistance Army Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren. Über 12.000 Jungen und Mädchen wurden zwangsrekrutiert. In Liberia kämpften während des Bürgerkriegs von 1989 bis 1997 etwa 20.000 Kindersoldaten. Dabei sollen bereits Neunjährige rekrutiert worden sein. In Sierra Leone gab es zwischen 1991 und 2002 6.845 Soldaten unter 18 Jahren.

Die Child Soldiers International (ehemals Coalition to Stop the Use of Child Soldiers) hat 2004 einen Weltreport zu Kindersoldaten herausgebracht. Darin werden die Wehrgesetze aller Länder dokumentiert und diejenigen bewaffneten Gruppen benannt, die Kinder und Jugendliche rekrutieren und im Kampf einsetzen. Zu den Staaten mit der weltweit höchsten Zahl an Kindersoldaten gehört Myanmar (Birma).

Gegenmaßnahmen

Zu den schärfsten Kritikern des Einsatzes von Kindersoldaten gehört der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu.

Es gibt einen Internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Er wird von der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers mit Sitz in London alljährlich am 12. Februar veranstaltet und ist (noch) kein offizieller UN-Tag.

Das Zusatzprotokoll vom 8. Juni 1977 zu den Genfer Abkommen vom 12. August 1949 über den Schutz der Opfer nicht internationaler bewaffneter Konflikte (Protokoll II) verbietet es, Kinder unter 15 Jahren "in Streitkräfte oder bewaffnete Gruppen einzugliedern" oder ihnen "die Teilnahme an Feindseligkeiten zu erlauben".

Im UN-Fakultativprotokoll über Kinder in bewaffneten Konflikten (Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten) vom 25. Mai 2000 wurde vereinbart, dass Kinder unter 18 Jahren nicht zwangsweise eingezogen werden dürfen. Ausnahmen sind bei der Anwerbung von Freiwilligen für staatliche Streitkräfte zugelassen, die Altersgrenze für sie wurde auf Druck Großbritanniens, der USA, Russlands und Chinas auf 16 Jahre festgelegt. 101 Staaten haben bisher dieses Zusatzprotokoll ratifiziert (Stand: September 2005). Die Bundesrepublik Deutschland hat dieses Zusatzprotokoll ebenfalls ratifiziert und nimmt 17-jährige freiwillige Bewerber in die Bundeswehr auf.

Im Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag wurde festgelegt, dass die Rekrutierung von unter 15-Jährigen ein Kriegsverbrechen ist und verfolgt wird. Thomas Lubanga, Gründer und Führer der bewaffneten Miliz Union des Patriotes Congolais in der Demokratischen Republik Kongo, wurde im August 2006 wegen dieses Verbrechens vor dem IStGH angeklagt. Er ist damit der erste Angeklagte in der Geschichte des Gerichts.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat in ihrer Resolution 182 festgelegt, dass es sich beim Einsatz von Kindern als Soldaten um eine extreme Form von ausbeuterischer Kinderarbeit handelt. Dennoch gilt die Flucht der Minderjährigen vor Zwangsrekrutierung in der Bundesrepublik Deutschland nicht als Asylgrund, ehemalige Kindersoldaten bekommen in der Regel den Status einer Duldung. Eine ausführliche Dokumentation wurde von terre des hommes veröffentlicht, Titel „Ehemalige Kindersoldaten als Asylbewerber in Deutschland“.

George W. Bush hatte 2007 ein Gesetz unterzeichnet, das es den USA verbietet, solchen Ländern Militärhilfe zu leisten, in denen es noch Kindersoldaten gibt. Präsident Obama machte jedoch im Oktober 2010 von der Ausnahmeklausel Gebrauch, damit die USA weiterhin Länder mit Kindersoldaten unterstützen können.[4]

Geschichte

Jugendlicher deutscher Soldat als Kriegsgefangener, 26. März 1945 am Niederrhein
15-Jähriger der französischen Legion, 1942 in Russland

Kindersoldaten sind keine Erfindungen der Neuzeit. Rossbuben, also jugendliche Pferdepfleger, gehörten wahrscheinlich schon zur Reiterei, seit es berittene Truppen gibt. Kaiser Caligula verdankt seinen Namen seiner Fußbekleidung, die er als Heranwachsender im römischen Heere trug.

Aus dem Dreißigjährigen Krieg sind literarische Gestalten überliefert (Gustav Adolfs Page, Der abenteuerliche Simplicissimus). Eine Darstellung der bildenden Kunst zeigt einen Kindersoldaten aus den Napoleonischen Kriegen. Von einem Kindersoldaten während des Amerikanischen Sezessionskrieges gibt es eine Fotografie.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Heranwachsende als Luftwaffenhelfer eingesetzt, die Waffen-SS hat Jugendliche angeworben, in der letzten Kriegsphase kämpfte die Hitlerjugend im Volkssturm, einige wurden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Auch auf sowjetischer Seite kamen Kindersoldaten zum Einsatz. In Japan wurden während der Endphase auf Okinawa Schülertrupps als Hilfstruppen aufgestellt, die im Falle von Jungen in den sogenannten Tekketsu Kinnōtai Pionier-, Melde-, aber auch Kampftätigkeiten ausübten, während sie im Falle von Mädchen Lazarettdienst leisteten.

Organisationen gegen den Einsatz von Kindersoldaten

  • Die UNO ließ zwischen Januar und Dezember 2011 unter der Leitung der Sonderbeauftragten Radhika Coomaraswamy eine "Liste der Schande" zusammengetragen und veröffentlichte im Juni 2012 den "Annual Report of the Secretary-General on Children and Armed Conflict".[17] Er listet 52 Konfliktparteien auf (von Terrornetzwerken wie al-Qaida im Irak bis zu Milizen wie der Lord's Resistance Army (LRA) in Uganda) und dokumentiert schwerste Verstöße in 23 Ländern gegen die Rechte von Kindern in Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Um von der Liste gestrichen zu werden, müssen die angeprangerten Armeen oder Milizen ein fest vorgeschriebenes UNO-Programm durchlaufen.[18]

Ausstellungen

Es gab einige Ausstellungen über Kindersoldaten in der Vergangenheit. Eine Ausstellung wurde von der Hilfsorganisation terre des hommes organisiert. Sie lief vom 17. Juni bis zum 7. Juli 2003 in Münster mit dem Titel „Kinder in bewaffneten Konflikten“. Dort wurden 16 Plakate mit dem Thema „Kinder im Krieg“ ausgestellt, die Länderbeispiele aus der Projektarbeit von terre des hommes zum Thema Kinder im Krieg zeigten.

In Berlin-Schöneberg präsentiert seit 2005 die private Sammlung Empore die Dauerausstellung Der kleine Soldat, die vor allem thematische Fotodokumentationen und Originalexponate aus den beiden letzten Jahrhunderten umfasst.

Der Dokumentarfilm „Lost children“ über Kindersoldaten im Norden Ugandas war in einigen deutschen Kinos zu sehen.

Literatur

  • Ishmael Beah: Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat. Campus, Frankfurt am Main u. a. 2007, ISBN 978-3-593-38264-7.
  • Rachel Brett, Margaret McCallinn: Kinder - die unsichtbaren Soldaten. Book on Demand. G. R. Alberts, o. O. 2001, ISBN 3-8311-2641-0.
  • Alcinda Honwana: Child Soldiers in Africa. University of Pennsylvania Press, Philadelphia PA 2006, ISBN 0-8122-3911-3, (The ethnography of political violence).
  • Uzodinma Iweala: Du sollst Bestie sein! Ammann, Zürich 2008, ISBN 978-3-250-60119-7, (Meridiane 119).
  • China Keitetsi: Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr. Mein Leben als Kindersoldatin. Ullstein-Verlag, München 2003, ISBN 3-548-36481-0, (Ullstein 36481).
  • China Keitetsi: Tränen zwischen Himmel und Erde. Mein Weg zurück ins Leben. Ullstein-Verlag, Berlin 2009, ISBN 3-548-37244-9, (Ullstein 37244).
  • Senait G. Mehari: Feuerherz. Droemer-Verlag, München 2004, ISBN 3-426-27341-1.
  • Michael Pittwald: Kindersoldaten, neue Kriege und Gewaltmärkte. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Sozio-Publishing, Belm-Vehrte 2008, ISBN 978-3935431-13-2, (Edition Sozio-Publishing 213).
  • Annette Rehrl: „Sie zwangen mich zu töten“. Afrikas verlorene Kinder. Knaur-Taschenbuch-Verlag, München 2006, ISBN 3-426-77850-5, (Knaur-Taschenbücher 77850).
  • Margit R. Schmid, Alice Schmid: „I killed people“. wenn Kinder in den Krieg ziehen. Lamuv, Göttingen 2001, ISBN 3-88977-599-3.
  • Manuel Werner: Macht und Ohnmacht jugendlicher Luftwaffenhelfer - Ein Beispiel vom Fliegerhorst und KZ Echterdingen/Filder. In: Werner Aldinger: Durch Faszination zur Macht - die Faszination der Macht. Bausteine zum Verhältnis von Macht und Manipulation. Handreichungen für den Unterricht. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg/Erzieherausschuss der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart 2003, (Bausteine).

Filme

  • Blood Diamond: Film über den Bürgerkrieg und Blutdiamanten in Sierra Leone und die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten
  • I killed people (J’ai tué, Ich habe getötet): Alice Schmid, Dokumentarfilm, 26 min, Liberia 1999.
  • Lost Children: Dokumentarfilm über die Kindersoldaten in Nord-Uganda

Weblinks

 Commons: Kindersoldaten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Kindersoldat – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Cape Town Principles and Best Practices. UNICEF, April 1997, S. 8, abgerufen am 10. Februar 2011 (englisch).
  2. Impact of Armed Conflict on Children
  3. Kindersoldaten. Abgerufen am 23. Oktober 2013.
  4. Child Soldiers Prevention Act
  5. http://www.child-soldiers.org/coalition/the-coalition
  6. http://web.archive.org/web/20130307015957/http://www.childsoldiersglobalreport.org/
  7. http://www.kindersoldaten.info/Über+uns.html
  8. Mitglieder. Abgerufen am 9. Juli 2010.
  9. UNICEF: http://www.unicef.de/5493.html
  10. Universität Kassel: http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Kindersoldaten/tdh4.html
  11. Kinderrechte in den Vereinten Nationen. Auswärtiges Amt, 26. April 2010, abgerufen am 22. März 2011.
  12. RP-Online: http://www.rp-online.de/politik/ausland/Mit-roten-Haenden-gegen-Kindersoldaten_aid_819181.html
  13. ZDF: http://www.webcitation.org/5rCei99S4
  14. Focus: http://www.focus.de/panorama/vermischtes/birma-birma-hat-250-000-kindersoldaten_aid_303405.html
  15. Magdeburger Nachrichten: http://www.magdeburger-nachrichten.de/archives/1180/hilfsorganisation-beguesst-un-sicherheitsratsentscheid-zur-aechtung-von-gewalt-gegen-kinder/
  16. VENRO: http://www.venro.org/termin_archiv.html
  17. http://www.un.org/children/conflict/english
  18. spiegel.de 12. Juni 2012: [1]