Westgermanische Sprachen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Kontinentalwestgermanisch)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die westgermanischen Sprachen sind eine Untergruppe der germanischen Sprachen, die unter anderem Englisch, Hochdeutsch, Niederländisch, Jiddisch, Niederdeutsch, Jenisch, Afrikaans und Friesisch umfasst. Eine ausführliche Liste der Einzelsprachen findet sich am Ende dieses Artikels.

Frühe Schriftzeugnisse[Bearbeiten]

Die fragmentarischen schriftlichen Zeugnisse westgermanischer Sprachen setzen ab dem 6. Jahrhundert ein. Aus dieser Zeit stammt beispielsweise die Lex Salica, ein im westlichen Teil des Frankenreiches entstandener lateinischer Text, der einzelne Wörter germanischen Ursprungs enthält, die aus der später ausgestorbenen altfränkischen Sprache stammen. Seit dem 8. Jahrhundert sind erstmals altenglische Texte belegt, wobei jedoch die bekannteste Quelle des Altenglischen, das Heldengedicht Beowulf, nur in einem Manuskript aus der Zeit um 1000 überliefert ist. Ab dem 8. Jahrhundert belegt sind auch Texte in Altbairisch, Altalemannisch und Altoberfränkisch, jenen westgermanischen Varianten, die auch unter dem Begriff Althochdeutsch zusammengefasst werden. Ab dem 9. Jahrhundert sind auch Texte in Altsächsisch überliefert, der Vorgängersprache des Niederdeutschen, hier insbesondere die Genesis und der Heliand. Altfriesisch ist erst seit dem 13. Jahrhundert durch schriftliche Quellen belegt.

Die Frage der Existenz einer protowestgermanischen Sprache[Bearbeiten]

Westgermanische Sprachen um 580 n. Chr.

Angesichts fehlender westgermanischer Texte aus der Völkerwanderungszeit ist nicht gesichert, ob es je eine annähernd einheitliche westgermanische Sprache („Protowestgermanisch“) gegeben hat. Den aktuellen Forschungsstand formuliert der führende US-amerikanische Altgermanist Don Ringe so:
Dass das Nordgermanische eine in sich geschlossene Untergruppe [des Germanischen] ist, ist völlig offensichtlich, da alle seine Dialekte eine lange Folge gemeinsamer Innovationen teilen, einige davon wirklich frappierend. Dass dasselbe auch für das Westgermanische gilt, wurde zwar bestritten, aber ich werde … aufzeigen, dass sämtliche westgermanischen Sprachen einige höchst ungewöhnliche Innovationen teilen, die uns nachgerade dazu zwingen, einen westgermanischen evolutionären Zweig [„clade“] anzusetzen. [Vgl. dazu auch Faktoren für Sprachwandel; Anm. d. Wikiautors.] Freilich ist die interne Untergruppierung sowohl des Nord- als auch des Westgermanischen reichlich verworren, und es erscheint klar, dass sich beiden Unterfamilien in ein Netz von Dialekten diversifiziert haben, die lange in Kontakt miteinander geblieben sind (in einigen Fällen bis in die Gegenwart)."[1] Die von Ringe hier angekündigte Grundlagenarbeit über das Protowestgermanische ist unterdessen im Herbst 2014 erschienen.[2]

Untergliederung[Bearbeiten]

Traditionelle Einteilung[Bearbeiten]

Die früher übliche Gliederung der westgermanischen Sprachen teilte diese in einen anglo-friesischen und einen kontinentalgermanischen Zweig. Die anglo-friesischen Sprachen wurden weiter in anglische Sprachen (mit Englisch als Hauptvertreter) und friesische Sprachen unterteilt. Dem gegenüber standen die kontinentalwestgermanischen Sprachen mit den hochdeutschen (mit den ober- und mitteldeutschen Dialekten sowie Jiddisch) und niederdeutschen Sprachen (u. a. Niedersächsisch und Niederländisch).

Die Abgrenzung des Anglo-Friesischen wurde aufgrund einiger besonderer Lautentwicklungen vorgenommen, wie etwa der Entwicklung des Konsonanten k vor palatalen Vokalen zu einem Frikativ (Beispiele: Deutsch Käse, Niederländisch kaas – Englisch cheese, Friesisch tsiis; Deutsch Kirche, Niederländisch kerk – Englisch church, Friesisch tsjerke) und durch den Wegfall von Nasalen vor Frikativen unter Ersatzdehnung (Beispiele: Deutsch fünf – Englisch five; Deutsch Mund – Englisch mouth). Viele dieser Merkmale finden sich aber, insbesondere in frühen Sprachstufen, auch in anderen westgermanischen Varietäten, daher wird diese traditionelle Einteilung seit Jahrzehnten von der Mehrheit der Sprachwissenschaftler abgelehnt.[3]

Das Westgermanische im Rahmen neuerer Einteilung[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist neben die traditionelle Einteilung aller germanischen Sprachen in drei (west-, ost- und nordgermanisch) eine Einteilung in fünf Untergruppen getreten. Diese Einteilung wurde 1943 von Friedrich Maurer vorgeschlagen und hat seitdem viel Zustimmung gefunden. Maurer nimmt für die Zeitenwende fünf Sprach- und Kulturgruppen an:

  • Nordgermanen in Skandinavien
  • Nordseegermanen (Friesen, Angeln, Sachsen)
  • Weser-Rhein-Germanen (ein Teil von ihnen ging später in den Sachsen auf; aus den Weser-Rhein-Germanen entstand der Hauptteil der Franken)
  • Elbgermanen (unter anderem: die späteren Langobarden, Baiern und Alemannen)
  • Oder-Weichsel-Germanen (früher Ostgermanen genannt; Goten und andere Völker)

Die Rolle des Westgermanischen in dieser Einteilung wird von den Sprachwissenschaftlern unterschiedlich bewertet: teils sind die Sprachen von Nordseegermanen, Weser-Rhein-Germanen und Elbgermanen der Ersatz für das Westgermanische, sodass die Fünfer-Einteilung nur eine Verfeinerung der traditionellen Dreier-Einteilung ist; teils wird das Westgermanische als Spracheinheit abgelehnt, weil die Sprachen dieser drei Gruppen zu uneinheitlich sind.

Maurer lehnt ebenfalls die Begriffe (Ur)deutsch und Anglo-Friesisch ab, solange es sich dabei um alte Einheitssprachen handeln soll. Das Deutsche ist in seinem Modell kein alter Ausgangszustand, sondern das Ende einer Sprachentwicklung; das Deutsche ist also ein Verschmelzungsprodukt aus verschiedenen „westgermanischen“ Quellen. Dies gilt ebenfalls für die Begriffe Oberdeutsch und Niederdeutsch.

Das Stammbaummodell, das der traditionellen Einteilung zugrunde liegt, lehnen er und andere ab, weil es ihrer Ansicht nach die Zusammenhänge zwischen den germanischen Sprachen nicht genau genug darstellen kann.

Germanische Sprachen nach Maurer


Liste der westgermanischen Sprachen[Bearbeiten]

Einteilung der germanischen Sprachen bzw. Dialekte
  • Linie zwischen Nord- und Westgermanisch
  • Nordgermanische Sprachen
  • Isländisch
  • Färöisch
  • Norwegisch nynorsk
  • Norwegisch bokmål
  • Schwedisch
  • Dänisch
  • Westgermanische Sprachen
  • Scots
  • Englisch
  • Friesisch
  • Niederländisch
  • Niederdeutsch
  • Mitteldeutsch
  • Oberdeutsch
Die westgermanischen Varietäten auf dialektaler Ebene auf dem europäischen Kontinent

Folgende lebende und ausgestorbene Sprachen (†) aus der Familie der germanischen Sprachen zählen zu den westgermanischen Sprachen:

Literatur[Bearbeiten]

  • Maurer, Friedrich: Nordgermanen und Alemannen – Studien zur germanischen und frühdeutschen Sprachgeschichte, Stammes- und Volkskunde – 3., überarb. und erw. Aufl. – Bern: Francke, 1952. 187 S. (Bibliotheca Germanica, 3); Quelle der Grafik, erste Auflage 1942.
  • Wiesinger, Peter: Schreibung und Aussprache im älteren Frühneuhochdeutschen: zum Verhältnis von Graphem – Phonem – Phon am bairisch-österreichischen Beispiel von Andreas Kurzmann um 1400. Berlin, New York: de Gruyter, 1996, 265 S. ISBN 3-11-013727-5 (Studia linguistica Germanica, 42); online lesen bei Google Books.
  • Euler, Wolfram: Das Westgermanische – von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert – Analyse und Rekonstruktion. 244 S., Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2013, ISBN 978-3-9812110-7-8.
  • Euler, Wolfram: Die Herausbildung von Übergangsdialekten und Sprachgrenzen – Überlegungen am Beispiel des Westgermanischen und Nordischen. Innsbruck: Inst. für Sprachen u. Literaturen d. Univ. Innsbruck, Abt. Sprachwiss., 2002. 57 S. ISBN 3-85124-687-X.
  • Ringe, Donald R. and Taylor, Ann (2014). The Development of Old English - A Linguistic History of English, vol. II, 632p. ISBN 978-0199207848. Oxford.
  • Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen Sprache, Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, 10. Auflage, S. 489, Stuttgart: S. Hirzel Verlag (2007) ISBN 3-7776-1432-7.
  • König Werner, dtv-Atlas Deutsche Sprache, 14. Auflage, München: dtv (2004), basierend auf der 1. Auflage von 1978, ISBN 3-423-03025-9.
  • Sonderegger, Stefan: Althochdeutsche Sprache und Literatur – eine Einführung in das älteste Deutsch; Darstellung und Grammatik. 3., durchges. u. wesentl. erw. Aufl. – Berlin (u.a.): de Gruyter, 2003, 390 S. ISBN 3-11-017288-7.
  • Niebaum, Hermann: Einführung in die Dialektologie des Deutschen / Hermann Niebaum; Jürgen Macha. – 2., neubearb. Aufl. – Tübingen: Niemeyer, 2006. – XVII, 256 S.. ISBN 978-3-484-26037-5 (Germanistische Arbeitshefte, 37).
  • Weddige, Hilkert: Mittelhochdeutsch – eine Einführung. 6. Aufl. – München: Beck, 2004. – XII, 210 S. ISBN 3-406-45744-4.
  • Edwards, Cyril: The beginnings of German literature – comparative and interdisciplinary approaches to Old High German. – 1. publ. – Rochester, NY: Camden House, 2002 – XVIII, 197 S. ISBN 1-57113-235-X. – (Studies in German literature, linguistics and culture).
    →Vergleiche dazu auch die kritische Rezension von Christoph Lorey, University of New Brunswick/Kanada.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Don Ringe: From Proto-Indo-European to Proto-Germanic. A linguistic history of English. Vol. I, 2006, S. 13 f.; zitiert nach Euler (2013), S. 37
  2. Ringe, Donald R. and Taylor, Ann (2014). The Development of Old English - A Linguistic History of English, vol. II, 632p. ISBN 978-0199207848. Oxford.
  3. Herbert L. Kufner, The grouping and separation of the Germanic languages; in: Frans van Coetsem and Herbert L. Kufner, Toward a Grammar of Proto-Germanic, Tübingen 1972, Max Niemeyer Verlag, ISBN 3-484-45001-X (formal falsche ISBN), alt. ISBN 3-484-10160-1; S. 94