Kraftwerk Staudinger

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Kraftwerk Staudinger
Luftbild des Kraftwerks Staudinger Großkrotzenburg
Luftbild des Kraftwerks Staudinger Großkrotzenburg
Lage
Kraftwerk Staudinger (Hessen)
Kraftwerk Staudinger
Koordinaten 50° 5′ 17″ N, 8° 57′ 8″ O50.0880555555568.9522222222222Koordinaten: 50° 5′ 17″ N, 8° 57′ 8″ O
Land Deutschland
Gewässer Main
Daten
Primärenergie Fossile Energie
Brennstoff Block 5 sowie ehemals die Blöcke 1, 2 und 3 Steinkohle; Block 4 Erdgas
Leistung 510 Megawatt (+ 622 Megawatt)
Typ Dampfkraftwerk
Eigentümer E.ON Kraftwerke GmbH
Betreiber E.ON Kraftwerke GmbH
Projektbeginn 1960er
Betriebsaufnahme 1965
Eingespeiste Energie im
Jahre
5.500 GWh
Website www.kraftwerk-staudinger.com

Das Kraftwerk Staudinger ist ein vorwiegend mit Steinkohle befeuertes Dampfkraftwerk bei Großkrotzenburg im Bundesland Hessen, in der Nähe von Hanau, direkt am Main gelegen. Es ist nach dem ersten Aufsichtsratsvorsitzenden der PreussenElektra, Hans Staudinger benannt und wird von der E.ON Kraftwerke GmbH betrieben. Bis zur Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Biblis war und seit dessen Stilllegung im März 2011 ist es wieder das größte Kraftwerk Hessens sowie mit etwa 430 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in Großkrotzenburg. Das Kraftwerk besitzt zur Anlieferung der Kohle einen elektrifizierten Gleisanschluss an die Main-Spessart-Bahn (Ganzzüge), der Hauptanteil wird aber per Schiff über den Main angeliefert.

Seit Januar 2013 befindet sich nur noch Block 5 mit einer elektrischen Leistung von 510 Megawatt im Regelbetrieb. Block 4 kann bis 2016 auf Anweisung der Bundesnetzagentur in Notfällen Spitzenlaststrom liefern. Die Blöcke 2 und 3 wurden zum 31. Dezember 2012, Block 1 zum 30. April 2013 endgültig stillgelegt.

Im Jahr 2010 war das Kraftwerk Staudinger laut europäischem Schadstoffregister PRTR[1] mit circa 4,5 Mio. Tonnen CO2 das Steinkohlekraftwerk mit dem vierthöchsten Kohlendioxidausstoß in Deutschland.

Technische Anlagen[Bearbeiten]

Das Kraftwerk verfügt insgesamt über fünf Blöcke, die derzeit noch alle bestehen, von denen aber nur noch einer regelmäßig betrieben wird. Ein geplanter sechster Block wurde 2012 aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt.

Blöcke des Kraftwerks Staudinger[2][3]
Block Brenn-
stoff
Netto-
leistung
Inbetrieb-
nahme
Still-
legung
Einsatz
1 Steinkohle 249 MW 1965 2012/20131 Mittellast, Fernwärme
2 Steinkohle 249 MW 1965 2001 (Kaltreserve)/2012 Mittellast, Fernwärme
3 Steinkohle 293 MW 1970 2012 Mittellast
4 Erdgas, Heizöl 622 MW 1977 2012/20162 Spitzenlast
5 Steinkohle 510 MW 1992 Grundlast, Fernwärme
6 Steinkohle 1100 MW Planung aufgegeben[4] Grundlast, Fernwärme
1 Reserve zur Absicherung der Fernwärme bis zum 30. April 2013
2 Reserve der Bundesnetzagentur bis 2016

Blöcke 1, 2 und 3[Bearbeiten]

Das Kraftwerk von der Limesbrücke

Die baugleichen und je 249 MW starken Blöcke 1 und 2 wurden 1965, der 293 MW Nettoleistung liefernde Block 3 1970, jeweils als Mittellastkraftwerke, in Betrieb genommen und zum 31. Dezember 2012 stillgelegt. Block 1 wurde über dieses Datum hinaus noch bis zum 30. April 2013 zur Absicherung der Fernwärmeversorgung betriebsbereit vorgehalten.

Alle drei Blöcke dienten der Erzeugung von Mittellaststrom, Block 1 und Block 2 außerdem der Auskopplung von Fernwärme. Block 2 wurde im April 2001 in die Kaltreserve überführt und bis zur formellen Stilllegung nicht mehr angefahren.

Im Jahre 2006 kündigte E.ON an, Staudinger 1 und 3 sowie den de facto seit 2001 nicht mehr betriebenen Block 2 zum 31. Dezember 2012 endgültig stillzulegen - zu diesem Zeitpunkt ging das Unternehmen von einer Betriebsaufnahme von Staudinger 6 während des Jahres 2012 aus. Weil mit Stand 2010 von einer Inbetriebnahme des Blockes 6 nicht vor 2016 auszugehen war, entschloss sich E.ON im Herbst 2010 dazu, die Verzichtserklärung zumindest für Block 1 zu widerrufen. Diesem Ansinnen E.ONs gab das Regierungspräsidium Darmstadt im Mai 2011 statt.[5] Am 31. August 2011 empfahl die Bundesnetzagentur, aufgrund der im Zuge der Abschaltung älterer Atomkraftwerke zu erwartenden Stromengpässe im Winter 2012/2013 einen Weiterbetrieb von Staudinger 3 bis mindestens 31. März 2013 zu prüfen.[6]

Im Dezember 2012 gab das Regierungspräsidium Darmstadt entgegen einer früheren Entscheidung bekannt, dass Block 1 wie auch die Blöcke 2 und 3 wie vorgesehen zum Jahresende 2012 stillgelegt werden müsse. Grundlage für diese Entscheidung war die zurückgewiesene Klage E.ONs bezüglich des Weiterbetriebs des Kraftwerks Datteln, wo E.ON wie auch beim Kraftwerk Staudinger zunächst eine Stilllegung der Altblöcke beantragt und später wieder zurückgenommen hatte. Diese gerichtliche Entscheidung sei auch für das Kraftwerk Staudinger bindend; die Betriebsgenehmigung erlösche damit zum 1. Januar 2013, da die durch E.ON gegebene Stilllegungserklärung trotz späterer Widerrufung nicht rückgängig gemacht werden könne. Damit sei die später beantragte Verlängerung der Betriebsdauer von Block 1 nicht möglich. Weil zur Absicherung der Fernwärmeversorgung Hanaus und Großkrotzenburgs in der Heizperiode 2012/2013 noch keine anderweitige Reserve zur Verfügung stand, wurde der Weiterbetrieb des Blockes 1 bis zum 30. April 2013 geduldet.

Block 1 und 2, die mit Durchlaufkühlung betrieben wurden, verfügen über jeweils zwei 38 Meter hohe Ventilatorkühltürme[7], die bei sommerlicher Hitze oder niedrigem Pegel des Mains zugeschaltet werden können, um die Wasserbelastung des Flusses zu verringern. Block 3, welcher über einen 50 Meter hohen Ventilatorkühlturm verfügt, konnte sowohl im Durchlauf- als auch im Kreislaufkühlbetrieb gefahren werden.[8] Die Schornsteine von Block 1, 2 und 3 sind jeweils 195 Meter hoch.

Block 4[Bearbeiten]

Kamine und Kühltürme, ganz rechts der Kühlturm von Block 4

Staudinger 4 wird mit Erdgas befeuert und dient der Erzeugung von Spitzenlaststrom. In Betrieb genommen wurde der 622 Megawatt Nettonennleistung liefernde und somit stärkste Block des Standortes 1977. Der Kühlturm von Block 4 ist 128 Meter, sein Schornstein 250 Meter hoch und damit der höchste Schornstein in Hessen. Im Jahre 2009 wurde das Innenleben des Kühlturms von Block 4 saniert, 2011 folgte die Sanierung der Außenwände.[9] Im Zuge der Außensanierung erhielt der Kühlturm einen neuen Anstrich in lichtgrau mit einem himmelblauen Ring in der oberen Hälfte.

Im Mai 2012 vermeldete die Financial Times Deutschland, dass E.ON plane, Staudinger 4 sowie drei weitere Gaskraftwerke in Bayern aufgrund mangelnder Rentabilität 2013 stillzulegen. Vonseiten E.ONs wurden diesbezügliche Meldungen zunächst dementiert. Ende 2012 kündigte E.ON schließlich an, den Block abschalten zu wollen, und meldete ihn zum 1. Dezember 2012 von der Teilnahme am Strommarkt ab, allerdings wird er aufgrund einer Vereinbarung mit der Bundesnetzagentur, die den Block für systemrelevant erklärt hatte, bis zum Ende des ersten Quartals 2016 von E.ON in Betriebsbereitschaft gehalten.[10] Anschließend müsse eine Folgeregelung gefunden oder der Block stillgelegt werden, E.ON dürfe den Block nun nicht mehr zurücknehmen.

Block 5[Bearbeiten]

Wärmeschaltbild Kraftwerk Staudinger, Block 5

Der 510 Megawatt starke Block 5 wurde 1992 in Betrieb genommen. Er dient der Erzeugung von Grundlaststrom, zudem wird Fernwärme ausgekoppelt. Eine Besonderheit des Blocks 5 ist, dass er keinen Schornstein hat, sondern die gereinigten Rauchgase über den 141 Meter hohen Kühlturm emittiert werden. Er wird durch Steinkohle und die Mitverbrennung kommunaler und kommunalähnlicher Klärschlämme (drei Prozent) befeuert. Jährlich werden 60.000 Tonnen, das entspricht 10 % aller in Hessen anfallenden Klärschlämme, verbrannt. In Block 5 werden stündlich maximal 19 Tonnen Petrolkoks durch Verbrennung entsorgt.

Ehemals geplante Erweiterung um Block 6[Bearbeiten]

Im Zuge der Modernisierung seiner Kraftwerksanlagen beschloss der Energiekonzern E.ON im Dezember 2006, Staudinger um einen Kraftwerksblock (mit ähnlicher Auslegung wie Datteln 4) zu erweitern. Ursprünglich waren die Stadtwerke Hannover mit einem Anteil von 12,6 % beteiligt, zogen sich jedoch Ende 2010 von dieser Beteiligung zurück.[11] Am 29. Dezember 2010 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die Teilgenehmigung für Block 6.[12] Im November 2012 gab E.ON bekannt, dass das Projekt nicht realisiert würde. Als Grund hierfür wurden wirtschaftliche Überlegungen genannt, da die energiewirtschaftliche Situation keine hinreichende Investitionssicherheit biete.[4]

Technische Daten zu Block 6:

  • Einsatz in der Grundlast
  • elektrische Leistung: 1100 Megawatt
  • Fernwärmeauskopplung: 300 Megawatt
  • Wirkungsgrad: 46 %
  • Kühlturmhöhe: 180 m
  • Kesselhaushöhe: 122 m
  • Brennstoff: Steinkohle
  • Brennstoffverbrauch: 385 Tonnen Steinkohle pro Stunde = drei Mio. Tonnen/a
  • CO2 Emission 5,2 Mio. Tonnen/a
  • Feinstaub-Emission: 221 Tonnen/a
  • Schwefeloxid-Emission: 1219 Tonnen/a
  • Stickoxid-Emissionen: 3554 Tonnen/a
  • Investition: 1,2 Milliarden Euro, davon 12,6 % Stadtwerke Hannover
  • Baubeginn: geplant Herbst 2008
  • Inbetriebnahme: offen, ursprünglich geplant war 2012

Die Antragsstellung war von E.ON gegen Ende 2007 vorgesehen.

Demonstration gegen Block 6 am 30. Juni 2007 Abschluss-Kundgebung auf der Limesbrücke

Gegen die Ausbaupläne der E.ON haben sich zahlreiche Gemeinden, Städte und Bürgerinitiativen in der Region ausgesprochen, da die zusätzliche Belastung für die Rhein-Main-Region nicht hinnehmbar sei. Der Immissionsradius von zehn Kilometern ergibt sich aus der geringen Kühlturmhöhe. Dieser Radius, der von Maintal bis Alzenau und von Erlensee bis Rodgau-Dudenhofen reicht, begrenzt das Gebiet, in dem die meisten Schadstoffe immittieren werden. Durch die hessische Landesregierung wurde ein Raumordnungsverfahren eingeleitet, um die Bedenken in der Region in die Überlegungen zum Standort einzubeziehen. Im Anschluss kann dann E.ON einen Antrag nach Bundimmissionsschutzgesetz (BImSchG) stellen (Stand: Mai 2008).

Um den bestehenden Bedenken in der Bevölkerung entgegenzuwirken und über das Bauprojekt zu informieren gibt die E.ON Kraftwerke GmbH seit Anfang 2007 die kostenlose Zeitung neben.an heraus. Hier wird weiterhin das Kraftwerk Staudinger in seiner jetzigen Form vorgestellt und beispielsweise Bericht über Tage der offenen Tür erstattet oder die Technik der Fernwärme allgemeinverständlich erläutert. Es sollen vor allem die Fragen der Anwohner des Kraftwerkes beantwortet werden.[13][14]

Am 29. Dezember 2010 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die Teilgenehmigung für Block 6.[12]

Geplante Kohlerundlager[Bearbeiten]

Zudem haben im Januar 2008 die vorbereitenden Baumaßnahmen für zwei geschlossene Kohlerundlager begonnen, die bei einer Höhe von 58 Metern und einem Durchmesser von 125 Metern ein Fassungsvermögen von je etwa 220.000 Tonnen Steinkohle erreichen.[15] Nach Angaben von E.ON gibt es noch kein vergleichbares Bauwerk in Deutschland.

Im November 2007 hatte das Regierungspräsidium Darmstadt die Baugenehmigung erteilt. Im April 2008 wurde mit dem Bau des ersten Kohlelagers begonnen, er ist mittlerweile abgeschlossen (Stand 2010). Den Bau des zweiten Lagers macht der Konzern allerdings vom Verlauf des Raumordnungsverfahrens für Block 6 abhängig.

Netzanschluss[Bearbeiten]

Der Netzanschluss für Block 1 erfolgt auf der 220-kV- und für die Blöcke 3 bis 5 auf der 380-kV-Höchstspannungsebene in das Stromnetz des Übertragungsnetzbetreibers TenneT TSO.[16]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gelnhäuser Neue Zeitung: Ausgabe v. 21. Dezember 2006, erster Bericht über geplante Erweiterung.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kraftwerk Staudinger Großkrotzenburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. PRTR - Europäisches Emissionsregister
  2. Daten & Fakten. E.ON Kraftwerke GmbH, abgerufen am 7. Oktober 2012.
  3. Neubauvorhaben Block 6. E.ON Kraftwerke GmbH, abgerufen am 7. Oktober 2012.
  4. a b Eon baut Staudinger nicht aus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. November 2012. Abgerufen am 14. November 2012.
  5. Laufzeit verlängert In: Frankfurter Rundschau, 6. Mai 2011. Abgerufen am 27. Januar 2012.
  6. http://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2011/110831_BerichtNotwendigkeitResKKW.html?nn=65116
  7. http://www.grosskrotzenburg.de/80.0.html
  8. Planungsbüro Prof. Dr. Jörg Schaller:Gewässerökologisches Gutachten zur UVS zum ROV Kraftwerk Staudinger, Seite 15.
  9. http://www.kraftwerk-staudinger.de/pages/ekw_de/Aktuelles/Pressemitteilungen/Pressemitteilung.htm?id=1460570
  10. http://www.eon.com/de/ueber-uns/struktur/asset-finder/staudinger.html
  11. Investor steigt bei Block 6 aus. In: Frankfurter Rundschau, 3. November 2010. Abgerufen am 1. Februar 2012.
  12. a b http://www.fr-online.de/rhein-main/hanau/hanau-will-mega-kohlekraftwerk-verhindern/-/1472866/5049336/-/index.html (Zugriff am 29. Dezember 2010)
  13. Titelseite der Zeitung neben.an, Ausgabe 01.2007
  14. Seiten 4-6 der Zeitung neben.an, Ausgabe 02.2007
  15. http://www.kraftwerk-staudinger.com/pages/ekw_de/Neubau/Kohlelager/index.htm Kraftwerk Staudinger - Kohlelager (Zugriff am 18. Juni 2008)
  16. Kraftwerksliste Bundesnetzagentur (bundesweit; alle Netz- und Umspannebenen) Stand 02.07.2012. Abgerufen am 21. Juli 2012 (Microsoft-Excel-Datei, 1,6 MiB).