Elektrifizierung

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Als Elektrifizierung (Schweiz auch: Elektrifikation), veraltet auch Elektrisierung, wird allgemein die Bereitstellung der Infrastruktur in Form von Stromnetzen zur Versorgung einer Region oder Landes mit elektrischer Energie bezeichnet. Sie begann in Folge der industriellen Revolution in den 1880er Jahre und stellt einen kontinuierlichen Vorgang dar. Als wesentliche Eigenschaft ermöglicht die Elektrifizierung im großen Maßstab die räumliche Trennung zwischen dem Energieverbraucher, beispielsweise einem elektrischen Antrieb, und dem Kraftwerk in welchem verschiedene Primärenergiequelle in elektrische Energie umgewandelt werden. Im industriellen Bereich ermöglichte die Elektrifizierung die Ablöse von räumlich beschränkten und mechanisch aufwändigen Verteilungsystemen wie den Riemenantrieb.

Elektrifizierung (Allgemein)[Bearbeiten]

Elektrische Beleuchtung[Bearbeiten]

Elektrische Kohlebogenlampen bei der Pariser Weltausstellung 1878

Die Elektrifizierung wurde hauptsächlich durch das Aufkommen der elektrischen Beleuchtung initiiert und die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips, das zur Bereitstellung größerer Mengen von elektrischer Energie unabdingbar war. Zunächst wurden größere Veranstaltungen wie die Weltausstellung Paris 1878 mit der neuartigen Kohlebogenlampe ausgestattet. Es folgten verschiedenen weitere Bereiche wie die Theaterbeleuchtung, denn offenes Feuer wie bei der Öl- und Gasbeleuchtung führte immer wieder zu Unfällen wie dem Wiener Ringtheaterbrand. Auch die Beleuchtung des öffentlichen Raums in Form der Straßenbeleuchtung unterstützte die Ausbreitung.[1]

Die zunächst eingesetzten Kohlebogenlampen oder Jablotschkow’schen Kerzen[2] waren für Privathaushalte zu teuer und zu aufwändig oder hatten den Nachteil von Geruchsentwicklung oder Geräuschbildung.

Verbreitung, insbesondere in wohlhabenden Privathaushalten oder Hotels, fand die Kohlenfadenlampe, eine Bauform der Glühlampe, die einen Faden aus Kohle durch den elektrischen Strom zum Glühen bringt. Der Brite Joseph Wilson Swan entwickelte 1878 eine niederohmige Kohlenfadenlampae mit vergleichsweise dicken und leicht zu produzierenden Faden, welcher aber nur an geringen Spannungen betrieben werden konnte.[3] Thomas Alva Edison entwickelte 1879 eine Kohlenfadenlampe mit schwieriger herzustellenden, dünnen Kohlenfaden für eine Betriebsspannung um die 100 V, welche den wirtschaftlichen Durchbruch schaffte. Durch die höhere Spannung war die Möglichkeit zur Stromverteilung in Form erster Gleichstromnetze gegeben. Edison war einer der Ersten, die das Potential der elektrischen Beleuchtung erkannten und kommerziell umsetzen konnte.[4]

Allerdings war die Kohlenfadenlampe anfangs gegenüber der Gasbeleuchtung, insbesondere des von Carl Auer von Welsbach verbesserten Gaslichts, preislich noch wenig konkurrenzfähig. Erst im Laufe der Zeit konnten die Kohlefäden durch heute noch übliche Glühlampen mit Metallfäden aus verschiedenen Metallen mit sehr hohen Schmelzpunkten wie Wolfram ersetzt werden. Dies ermöglichte eine höhere Leistung und längerer Lebensdauer und bei gleicher Helligkeit ein Absenken des Energieverbrauchs.[5] Die Glühlampe verdrängte innerhalb kurzer Zeit die Gasbeleuchtung.[6] Die heute noch gebräuchlichen Drehschalter sind den Drehventilen der damaligen Gasbeleuchtung nachempfunden.

Stromnetze[Bearbeiten]

Die ersten Stromnetze waren Inselnetze, d. h. sie versorgten nur ein kleines Areal um die Erzeugungsstelle der elektrischen Energie herum, beispielsweise das zu versorgende Theater.[7] Dies galt besonders für Gleichstromkraftwerke, deren Versorgungsradius prinzipbedingt eingeschränkt war (siehe Stromkrieg). Neben der Erzeugung aus mechanischer Energie durch Generatoren war auch elektrochemische Energieerzeugung durch Batterien oder Akkumulatoren üblich. So finden sich in damaligen Illustrierten Werbeanzeigen, die Nachttischlampen, aber auch ganze Beleuchtungssysteme nach diesem Prinzip feilboten. Um die Centralen (Kraftwerke) besser auszulasten, wurden auch gastronomische Betriebe, Geschäfte, Bürogebäude, öffentliche Gebäude und Privathaushalte angeschlossen. Privathaushalte wurden anfangs nur widerwillig angeschlossen, da der Lastgang schwer einzuschätzen war. Die durch sie erzeugte Kochspitze half aber, die Überproduktion elektrischer Energie zur Mittagszeit abzudämpfen. In München wurden Wohnhäuser kostenlos angeschlossen, wenn der Besitzer eine komplette Hausinstallation (Stromkeller, Etagenverteiler etc.) einrichtete.

Bald schon wurde alles und jedes elektrifiziert, nicht nur die Beleuchtung, sondern z. B. auch die Straßenbahnen (siehe z. B. Straßenbahnen in Halle und Hannover), Aufzüge, Haushaltsgeräte (z. B. elektrisches Bügeleisen, Waschmaschine, Boiler, E-Herd, später Staubsauger und Kühlschrank),[8] medizinische Geräte (z. B. Röntgengeräte, Elektrisiergeräte)[9] sowie Industrieanlagen und Informationssysteme (Telegraphie, Telefon, später Radio etc.). Letztere wären ohne Elektrifizierung gar nicht denkbar. Die ersten Gerätehersteller und Stromversorger sollen auch das Rockefeller-System angewandt haben, um den Absatz zusätzlich zu steigern.[6]

Die neuesten Errungenschaften wurden regelmäßig in Weltausstellungen einem großen Publikum präsentiert (insbesondere in der Zeit von 1882 bis 1891), erweckten entsprechende Begehrlichkeiten und erhöhten so die Nachfrage. Hervorzuheben ist die Internationale Elektrotechnische Ausstellung von 1891, die erstmals zeigte, dass elektrische Energie über größere Entfernungen transportiert werden konnte (siehe Drehstromübertragung Lauffen–Frankfurt). Der relativ einfache Aufbau der elektrischen Energieübertragung prädestinierte sie als Möglichkeit zur Kraftübertragung, die damals noch mit Druckwasser, Transmissionen oder Druckluft realisiert wurde.[5]

Neben der Technik musste auch das Wissen über die Elektrizität verbreitet werden, und Normierungen mussten vereinbart werden. 1879 gegründete sich der Elektrotechnische Verein e. V., ein Vorläufer des VDE.[10] 1883 wurde erstmals ein Lehrstuhl für Elektrotechnik eingerichtet (siehe Erasmus Kittler). 1887 folgte die Gründung der von Siemens angeregten Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die sich nicht nur auf dem Gebiet der Elektrizität wichtigen Fragen der Normung und Grundlagenforschung widmete. Auch die Gründung namhafter elektrotechnischer Firmen fällt in diesen Zeitraum (z. B. Helios 1882, AEG 1887, BBC 1891[11], Voigt & Haeffner 1891[12], Lahmeyer 1893, Schuckert & Co. 1893, Siemens AG 1897, F&G AG 1899).

Rolle der elektrischen Antriebe[Bearbeiten]

Die stark nachtlastige Ausnutzung der Kraftwerke durch die elektrische Beleuchtung war für die Betreiber ungünstig.[6] Daher wurden Maßnahmen gesucht, um das Tagestal in der Lastkurve aufzufüllen. Neben der Elektrowärme boten sich elektrische Antriebe an. Diese wurden durch Werner von Siemens, Nikola Tesla, Michail von Dolivo-Dobrowolsky[13] und andere[14] stark verbessert, so dass der Bedarf an elektrischer Antriebsenergie immer höher wurde und in Berlin um die Jahrhundertwende (1900) erstmals den von „Lichtstrom“[15] überstieg.

Die kompakten Elektromotoren verdrängten zunehmend die sonst üblichen Dampfmaschinen, Gasmotoren, Wasserkraftanlagen und Transmissionen. Dies führte auch zu einer Aufwertung des Handwerks, da mechanische Energie nun ohne weiteres überall verfügbar war.[16] Industriebetriebe schufen oft ihre eigenen Kraftwerke (beispielsweise Märkisches Elektrizitätswerk[17]), die neben elektrischer Energie auch Prozesswärme lieferten. Trotzdem erfolgte die Elektrifizierung bis zum Ersten Weltkrieg immer noch hauptsächlich in den Städten[18] oder an besonders geeigneten Orten[19].

Elektrizität als Massenware[Bearbeiten]

Das erste größere Unternehmen, das eine allgemeine Stromversorgung sowohl mit Kraft- als auch Lichtstrom anbot, waren die 1884 durch Emil Rathenau gegründeten Berliner Elektricitäts-Werke.[20] Die frühen Kraftwerke hatten anfangs starke Ausnutzungsprobleme:[21] Während anfangs Elektrizität nur für Beleuchtungszwecke verwendet wurde (siehe oben), wurde später tagsüber immer mehr Kraftstrom benötigt, während abends oder nachts nur noch kleine Energiemengen erforderlich waren, die den Betrieb großer Generatoren nicht mehr wirtschaftlich erscheinen ließ. Diesem Ungleichgewicht konnte nur teilweise mit Sammlern (Akkumulatoren) begegnet werden. Zudem wurde durch die zunehmende Verbreitung eine höhere Versorgungssicherheit gefordert, die im Inselbetrieb erhebliche Redundanzen erfordert hätte. Daher fand eine stetige Vernetzung der Kraftwerke untereinander statt, auch über größere Entfernungen durch Überlandzentralen. Zudem konnten die städtischen Kraftwerke oft die geforderte Leistung nicht mehr aufbringen, weshalb nach Einführung der Wechselstrom- oder Drehstromkraftwerke diese außerhalb der Städte angesiedelt wurden, oder an Stellen, wo Primärenergieträger besonders günstig zur Verfügung standen.[22] Immerhin wuchs die Zahl der Kraftwerke bis 1913 sprunghaft, wie die folgende Tabelle zeigt:[20][23]

1895 1900 1906 1913 1925[23] 1928[23]
Anzahl der Werke 148 652 1338 4040 3372 4225
Leistungsfähigkeit [MW] 40 230 720 2.100 5.683 7.894

Durch den Einsatz größerer Einheiten sank die Anzahl der Werke, während die erzeugte Leistung weiter stieg.

Die Vorteile der elektrischen Energie führten in den 1920er-Jahren zu einer explosionsartigen Ausbreitung auch in ländliche Gebiete,[19][17][24] die teilweise generalstabsmäßig vorangetrieben wurde,[22] z. B. in Bayern durch Oskar von Miller. Die Elektrifizierung wurde oft durch Privatunternehmen, aber auch Electricitätsämter und (vor allem im ländlichen Raum) Genossenschaften oder gar Stiftungen[25] realisiert, die teilweise auch die Erschließung der Gas- und Wasserversorgung übernahmen.[18][6][16] So entstand z. B. die PreussenElektra (heute Teil der E.ON) 1927 aus dem Zusammenschluss der preußischen Elektrizitätsämter und Beteiligungen des preußischen Staates sowie einiger Stadtwerke.[26] In den USA wurde die Elektrifizierung ländlicher Räume in Form einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchgeführt,[27] in der Sowjetunion wurde sie gemäß Lenins Parole „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ offizielle Staatsdoktrin.

Die enormen Kosten der Elektrifizierung führten im Laufe der Zeit zu einer Monopolisierung in der Elektrizitätswirtschaft, durch die die meisten öffentlichen oder genossenschaftlichen Energieversorger (EVU) in den heute bekannten Groß-EVU aufgingen. Diese Monopolisierung wurde durch das Energiewirtschaftsgesetz von 1935 eingeleitet.[6][16] Das Gesetz sollte ursprünglich die nicht unerheblichen Investitionen schützen, die Elektrifizierung vorantreiben und den Strom durch Vereinheitlichung und Ressourcenbündelung verbilligen, führte aber zu einer starken Abhängigkeit der Kunden von ihrem EVU, die erst durch eine Gesetzesnovelle zur Liberalisierung des Strommarktes zumindest theoretisch aufgehoben wurde. Die Vor- und Nachteile der öffentlichen oder privaten Energieversorgung sind bis heute ein Diskussionsthema. Die damaligen Herausforderungen konnten aber nur von solventen Einrichtungen (großen Unternehmen, öffentliche Hand) abgewickelt werden.

Konvergenz der verwendeten Systeme[Bearbeiten]

Bis in die 1950er-Jahre war Strom nicht gleich Strom, sondern es gab unterschiedliche Systeme: hauptsächlich Gleichstrom und Wechselstrom unterschiedlichster Spannungen und Frequenzen bzw. Drehstrom (wobei dessen Phasenzahl anfangs auch diskutiert wurde). So wurde die Gleichstromversorgung in Frankfurt/Main erst 1959 endgültig eingestellt.[1] Die Verschiedenheit war auf lokale Gegebenheiten und die unterschiedlichen Systeme zurückzuführen, die häufig zur Ausgrenzung von Konkurrenten eingesetzt wurden. Die unterschiedlichen Systeme führten zu Komplikationen bei der Anschaffung von Elektrogeräten, was durch die Entwicklung von Allstromgeräten nur teilweise aufgefangen werden konnte. Hinzu kamen patentrechtliche Schwierigkeiten, so war die Verwendung von Drehstrom anfangs durch die Tesla-Patente behindert.

Netzfrequenz[Bearbeiten]

Die Verwendung von Wechselstrom mit einer Netzfrequenz von 50 Hz in den europäischen Ländern soll nach Owen[28] auf Ingenieure bei der AEG zurückzuführen sein, er belegt dies aber nicht; neuere Untersuchungen sehen Emil Rathenau als Urheber.[29] Eine Veröffentlichung der AEG stellt jedenfalls 1901 fest: „Diese Zahl von 100 Wechseln ist die von der A. E. G. für ihre Drehstromanlagen als normal angenommene sekundliche Wechselzahl“ [30], wobei 100 Wechsel (oder Nulldurchgänge) 50 Hz entsprechen. Neben Wechselzahl waren zu der Zeit auch Begriffe wie Zyklenzahl, Pulszahl oder Perioden gebräuchlich, Frequenz jedenfalls nur selten. Die der Frequenz von 50 Hz zugrunde liegende Zahl 50 ist im Vergleich zu 60 weniger gut teilbar und passt auch nicht in das üblicherweise verwendete Kreisteilungsschema nach Grad, Minuten und Sekunden, ist aber eine Vorzugszahl des metrischen Systems (1-2-5-10).[31] Tatsächlich wurden erste Wechselstromkraftwerke[1] und die Installationen der Berliner Elektricitäts-Werke (BEW) auf diese Frequenz ausgelegt. Von da an setzten sich die 50 Hz vermutlich durch die „normative Kraft des Faktischen“ in Deutschland durch, da ein Zusammenschluss von Energienetzen damals prinzipiell nur bei gleicher Frequenzwahl oder mit Hilfe von Umformern erfolgen konnte. Die Gründe zur Verwendung von 60 Hz in den USA sind wesentlich besser belegt.[28][32] Jedenfalls war der gewählte Frequenzbereich 40–60 Hz ein Kompromiss aus den Erfordernissen von Großmaschinen (niedrige Frequenzen) und denen der elektrischen Beleuchtung, die wegen des Flickers, der besonders bei Bogenlampen störend war,[2] möglichst hohe Frequenzen benötigte.[33] In Japan sind heute noch sowohl 50 als auch 60 Hz in Gebrauch, was auf die unterschiedlichen Lieferanten der elektrischen Grundausstattung in den verschiedenen Landesteilen zurückgeht.[28]

In Flugzeug-Bordnetzen werden häufig 400 Hz eingesetzt, da durch die hohe Frequenz Transformatoren etc. kleiner und damit leichter gebaut werden können, während bei Bahn-Wechselstrom eine Frequenz von 16,7 Hz verwendet wird, um die Probleme bei der Kommutierung (Stromwendung) in den Fahrmotoren gering zu halten (siehe unten).

Gleichstrom spielt in der Versorgung der Haushalte kaum noch eine Rolle, obwohl viele Verbraucher (insbesondere elektronische) und die Photovoltaik intern mit ihm arbeiten. Einige Voll- und Straßenbahnen fahren ebenfalls mit Gleichstrom (siehe Tabelle in Geschichte des elektrischen Antriebs von Schienenfahrzeugen). In der Energieversorgung wird er in Form der HGÜ zum Transport der elektrischen Energie über weite Entfernungen eingesetzt, um Blindleistungsprobleme zu vermeiden oder um Netze zu entkoppeln (siehe HGÜ-Kurzkupplung).

Netzspannung[Bearbeiten]

Die Netzspannung war hingegen schon recht früh auf 110 V bzw. ein Vielfaches davon festgelegt, da Edisons Kohlefaden-Glühlampen für 100 V ausgelegt waren und man eine Reserve für den Spannungsabfall auf den Leitungen benötigte. Um die recht hohen Verluste in den Leitungen zu reduzieren, wurde im europäischen Raum die Spannung auf 220 V verdoppelt.[31] Die Lampen mussten dann in Reihe geschaltet oder an Dreiphasensystemen mit Neutralleiter angeschlossen werden. Während in den Höchstspannungsnetzen (>110 kV) und im Niederspannungsbereich (230 V) einheitliche Spannungen verwendet werden, finden sich in der Mittelspannungsebene historisch bedingt oft noch diverse Spannungsebenen, deren Vereinheitlichung noch anhält. Die Vereinheitlichung ist neben der Normung[34] durch die hohen Zusatzkosten getrieben, die eine Sonderspannung mit sich bringen würde.

Elektrifizierung heute[Bearbeiten]

Weltweit ist die Elektrifizierung bei weitem noch nicht abgeschlossen. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) gibt es mehr als 1,4 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Strom. Die meisten davon leben in Afrika südlich der Sahara (589 Millionen) und Asien (930 Millionen). Angesichts der in vielen Ländern nur schleppend voranschreitenden Elektrifizierung rechnet man mit nur langsam zurückgehenden Zahlen. Für Afrika wird von der IEA bis 2030 sogar eine steigende Zahl von Menschen ohne Zugang zur Elektrizität prognostiziert.

Größte Herausforderung ist hierbei die ländliche Elektrifizierung. In zahlreichen Ländern Afrikas haben weniger als 20 % der ländlichen Bevölkerung Zugang zur Elektrizität. Aufgrund des in diesen Ländern vorherrschenden Kapitalmangels und relativ geringen Strombedarfs im ländlichen Raum (Hauptbedarf Beleuchtung, Radio und Mobiltelefon, monatlicher Bedarf in der Regel unter 20 kWh) ist der Ausbau der nationalen Netze in ländliche Gegenden oft weder kurzfristig finanzierbar noch ökonomisch sinnvoll. Als Alternative zum Netzausbau bieten sich Insellösungen („Off-Grid-Systeme“) an. Durch die rasante technologische Entwicklung und die erheblichen Preissenkungen der letzten Jahre gelten erneuerbare Energien (insbesondere Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft) als wirtschaftlich interessanteste Ressource für den Betrieb von solchen Insellösungen. Dabei unterscheidet man zwischen isolierten Haussystemen („Solar Home Systems“, in der Regel Gleichstrom) und Mini-Netzen, die sich durch eine zentrale Energieversorgung mit örtlichem Verteilsystem auszeichnen (oft Wechselstrom). Als wirtschaftlichste Variante setzen sich hierbei immer stärker Hybridsysteme durch (erneuerbare Energien kombiniert mit Dieselgeneratoren).

Elektrifizierung von Bahnstrecken[Bearbeiten]

Hauptartikel: Bahnstrom
Eisenbahn-Elektrifizierung in der Bundesrepublik Deutschland bis 1987

Elektrifizierung nennt man speziell die Umstellung einer Eisenbahnstrecke vom Betrieb mit Dampf- oder Dieseltriebfahrzeugen auf den Betrieb mit elektrischen Triebfahrzeugen mit Stromzuführung von außen. Sichtbares äußeres Zeichen ist das Anbringen der Oberleitung oder Stromschiene zur Stromversorgung.

Bei Bahnstromsystemen, bei denen eine separate Versorgung mit Bahnstrom vonnöten ist, müssen Bahnkraftwerke, Unterwerke oder Umformerwerke errichtet werden.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Die erste elektrisch betriebene Vollbahn in Deutschland war 1895 die 4,3 km lange Bahnstrecke Meckenbeuren–Tettnang, die von der Württembergischen Südbahn abzweigt. Im gleichen Jahr elektrifizierte in den Vereinigten Staaten auch die Baltimore & Ohio Railroad eine fünf Kilometer lange innerstädtische Tunnelstrecke für den Betrieb mit 700 Volt Gleichstrom über eine Oberleitung.

1902 wurde in Wöllersdorf in Niederösterreich die erste mit Hochspannung betriebene Drehstrombahn, und 1904 im Stubaital in Tirol die erste Hochspannungs-Wechselstrombahn der Welt in Betrieb genommen.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Viktoria Arnold: Als das Licht kam. Erinnerungen an die Elektrifizierung. 2. Auflage. Band 11, Böhlau, Wien 1994, ISBN 978-3-205-06161-8.
  •  Florian Blumer: Die Elektrifizierung des dörflichen Alltags. Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal 1994, ISBN 3-85673-235-7.
  •  Georg Dettmar, Karl Humburg, Kurt Jäger: Die Entwicklung der Starkstromtechnik in Deutschland. Teil 1: Die Anfänge bis etwa 1890. 2. Auflage. VDE, Berlin 1940, ISBN 3-8007-1568-6 (Reprint der Ausgabe ETZ, 1989).
  •  Georg Dettmar, Karl Humburg, Kurt Jäger: Die Entwicklung der Starkstromtechnik in Deutschland. Teil 2: Von 1890 bis 1920. 2. Auflage. VDE, Berlin 1940, ISBN 3-8007-1699-2 (Reprint der Ausgabe ETZ, 1989).
  •  Hendrik Ehrhardt, Thomas Kroll: Energie in der modernen Gesellschaft: Zeithistorische Perspektiven. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-30030-5.
  •  Thomas P. Hughes: Networks of Power: Electrification in Western Society, 1880–1930. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1983, ISBN 0-8018-4614-5.
  •  Gerhard Neidhöfer: Michael von Dolivo-Dobrowolsky und der Drehstrom. Anfänge der modernen Antriebstechnik und Stromversorgung. vde, Berlin / Offenbach 2004, ISBN 3-8007-2779-X.
  •  Wolfgang Zängl: Deutschlands Strom: die Politik der Elektrifizierung von 1866 bis heute. Campus, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34063-1 (Dissertation an der Universität München, 1988 unter dem Titel: Die Politik der Elektrifizierung Deutschlands 1866 bis 1987).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Dettmar, G; Humburg, K: "Die Entwicklung der Starkstromtechnik in Deutschland Teil 2". Monogr., ISBN 978-3-8007-1699-9
  2. a b NN:"The Jablochkoff Candle". Online-Ausstellung über Bogenlampen des IET's (englisch), The Institution of Engineering and Technology, England
  3. American History über Joseph Wilson Swan
  4. Hughes T.P.: „The Electrification of America: The System Builders“. Technology and Culture, 20(1979)/1/124-61
  5. a b Riedler, A.: „Emil Rathenau und das Werden der Großwirtschaft“. Monographie, 1916, Berlin (Online auf archive.org)
  6. a b c d e Zängl, W: „Deutschlands Strom: die Politik der Elektrifizierung von 1866 bis heute“. Monogr./Diss, 1989, ISBN 3-593-34063-1
  7. NN: „Von der Maschinenkultur zur Kulturmaschine – Die Geschichte der Centralstation für elektrische Beleuchtung“. http://www.centralticket.de/htmlordner/geschichte.html
  8. Cowan R.S.: “The ‘Industrial Revolution’ in the Home: Household Technology and Social Change in the 20th Century”. Technology and Culture, 17(1976)/1/1-23
  9. Rosenthal J., Bernhardt M.: “Elektrizitätslehre für Mediziner und Elektrotherapie”. Monogr., 1884, Berlin. (Online auf archive.org)
  10. Görges H. (Hrsg.): „50 Jahre Elektrotechnischer Verein“. Festschrift, Berlin, 1929.
  11. NN: „75 Jahre Brown Boweri“, Firmenschrift, Baden (Schweiz), 1961
  12. NN: "50 Jahre Voigt und Haeffner", Firmenschrift, Frankfurt/Main, 1941
  13. Neidhöfer, G.: "Michael von Dolivo-Dobrowolsky und der Drehstrom". Monogr., ISBN 3-8007-2779-X
  14. Kline, R: "Science and Engineering Theory in the Invention and Development of the Induction Motor, 1880-1900". Technology and Culture, Bd. 28, H. 2, S. 283-313, http://www.jstor.org/stable/3105568
  15. Wilkens K: „Die Berliner Elektricitäts-Werke zu Beginn des Jahres 1907“. Elektrotechnische Zeitung 28(1907), H. 40, S. 959-63
  16. a b c Baedecker H: „Leitbild und Netzwerk – Techniksoziologische Überlegungen zur Entwicklung des Stromverbundsystems“. Dissertation, Friedrich Alexander Universität Erlangen, 2002
  17. a b NN: "Das Märkische Elektrizitätswerk". Stadtwerke Journal, Stadtwerke Eberswalde GmBH, 2(2006), S. 4–5
  18. a b Leyser, D.I.; „Entwicklung der Elektrizitätswirtschaft Deutschlands“. 1913, doi:10.1007/BF01494961
  19. a b Gabriele Jacobi: „Teufelszeug – Wie der Strom in die Eifel kam.“ (Version vom 29. November 2013 im Internet Archive) Dokumentarfilm, WDR 2008, Sendungswiederholung 2013.
  20. a b Siegel G: "Die öffentliche Elektrizitätsversorgung Deutschlands". 1917, doi:10.1007/BF02448194
  21. Klingenberg G: „Die Versorgung großer Städte mit el. Energie“. Elektrotechnische Zeitung 1914, SS. 81, 119, 149, 922 (Diskussion), 945 (Diskussion)
  22. a b v. Miller, O: „Die Ausnützung der Wasserkräfte“. 1925, doi:10.1007/BF01558633
  23. a b c VDEW: „Verzeichnis der deutschen Elektrizitätswerke“. Berlin, 1925 und 1928.
  24. NN: „80 Jahre Kreiswerke Gelnhausen“. Firmenschrift, Kreiswerke Gelnhausen GmBH (heute Kreiswerke Main-Kinzig)
  25. Wagner, Wolfgang: „Die Burgmühle erzeugte den ersten Strom“, Online-Ressource Die Burgmühle erzeugte den ersten Strom (Version vom 11. Februar 2013 im Webarchiv Archive.today), gesichtet 12. Mai 2012
  26. NN: „Preußenelektra 1927–1952“. Denkschrift, Preußische Elektrizitäts-AG, Hannover, 1952, S. 25–29
  27. Rural Electrification Program, s. rural electrification, engl. Wikipedia
  28. a b c Owen E.L: „The origins of 60-Hz as a power frequency“. 1997, doi:10.1109/2943.628099
  29. Niedhöfer G: „Der Weg zur Normfrequenz 50 Hz“. Bulletin SEV/AES. 17(2008), S. 29-34. (Online bei VDE; PDF; 1,8 MB)
  30. Arldt C: „Elektrische Kraftübertragung und Kraftverteilung“. Monogr., Berlin 1901, doi:10.1007/978-3-642-91359-4
  31. a b "Utility frequency" in der engl. Wikipedia
  32. Lamme B.G: „The technical Story of the Frequencies“. AIEE-Trans., 37(1918), S. 65–89. doi:10.1109/T-AIEE.1918.4765522
  33. siehe auch „Kriterien zur Wahl der Netzfrequenz“ im Artikel Netzfrequenz
  34. DKE: DIN EN 50110-1. Betrieb von elektrischen Anlagen; VDE Verlag, Berlin 2005.