Living History

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Living History: Belebung eines Hofes des 7. Jh. im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen

Die Living History (englisch für gelebte Geschichte) entwickelte sich aus der Theorie der Historiographie, welche der Philosoph und Historiker Robin George Collingwood für das historische Reenactment aufgestellt hat.[1][2] Der englische Begriff Living History steht für den Versuch, fiktionale historische Stoffe, sogenannte generische Ereignisse unter wissenschaftlichen Voraussetzungen aufzuarbeiten.[3]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Herkunft des Begriffes

Nach der für das Reenactment aufgestellten Theorie der Historiographie besteht die Aufgabe darin, auf der Grundlage überlieferter Quellen ein ganz konkretes historisches Ereignis aus Vergangenheit möglichst authentisch zu rekonstruieren.[4] Dabei sollen erneut die Gedanken und Intentionen der ursprünglich handelnden Akteure durchgespielt werden, die sich in den vergangenen Ereignissen ausgedrückt haben. Der wissenschaftliche Ansatz ist dabei die zentrale Voraussetzung für die Definition des Reenactments. Collingwood geht davon aus, dass Geschichte nur durch das Wiedererleben verstanden werden kann. Geschichte ist für ihn ein überliefertes kulturelles Gut.[5]

Aus diesem Ansatz entwickelte sich die hauptsächlich durch Laien betriebene Living History. Das Wort kann nach der Collingwood’schen Theorie mit gelebte Geschichte übersetzt werden. Diese Art des Rollenspiels hält sich jedoch nicht an ein einzelnes fixes historisches Ereignis wie das Reenactment, sondern versucht, auf Basis eines wissenschaftlichen Ansatzes ganze geschichtliche Epochen verständlich zu machen und Dritten zu vermitteln. Oftmals können sich Bereiche der Living History mit dem Reenactment überschneiden. So ist es für Darsteller der Living History vom methodischen Ansatz her einfacher, eine vermittlungsorientierte Haltung zwischen Publikum und dem behandelten historischen Stoff einzunehmen und damit Interesse in der Öffentlichkeit zu wecken. Reenactors, die Darsteller beim Reenactment dagegen sollen nach Collingwood geistig und mental vollkommen in dem darzustellenden geschichtlichen Ereignis aufgehen, was wenig Zeit für Aufklärung bei eventuell vorhandenen Zuschauern lässt. Der didaktische Anspruch der Living History, Wissen zu vermitteln, wird jedoch nicht immer verwirklicht.

Personen, die Living History betreiben, werden fälschlicherweise als Reenactors bezeichnet. Dieser Begriff stammt aus dem Bereich des Reenactments.

[Bearbeiten] Erscheinung

Living History wird in der Regel in Gruppen verschiedener Größe betrieben. Die Gruppen versuchen einen bestimmten Grad von Authentizität zu erreichen. Dabei reicht die Skala von sehr billigen Kleidern (die Mittelalterszene spricht oft von „Gewandung“) bis hin zu Gegenständen, die mit höchster Akribie nach originalen Vorbildern (Replikat) gefertigt werden.

Als Vorlage für solche Arbeiten dienen gleichermaßen Museumsstücke, archäologische Ausgrabungsfunde und historische Bilder und Abbildungen. Meist weniger kommen schriftliche Quellen zum Zug. Manche Gruppen versuchen für die Dauer der zeitlich beschränkten Veranstaltungen eine möglichst dichte Atmosphäre zu schaffen, die ohne Unterbrechungen aufrechterhalten werden soll.

Living History ist im deutschsprachigen Raum eine seit Jahren wachsende Bewegung, deren Wurzeln vornehmlich in England liegen, die aber auch durch amerikanische Soldaten in Deutschland gefördert wurde. Erste Vorläufer waren Westerngruppen, die sich in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts gründeten, und sich mit der Darstellung des amerikanischen Wilden Westens befassten. Einen Anstoß hierzu gab der Schriftsteller Karl May mit seinen Cowboy- und Indianerromanen. Nach Anfängen in den 1970er und 1980er Jahren setzte der Boom in Deutschland in den 1990er Jahren richtig ein und hält bis heute an. In der Schweiz ist Living History schwächer vertreten. Man schätzt die Anhängerschaft in Deutschland auf mehrere zehntausend Personen, wobei ein Überblick nur sehr schwer zu erhalten ist und die Ränder stark verwischt sind.

Als bevorzugte Epochen der historischen Darstellung erweisen sich die römische Kaiserzeit, das frühe Mittelalter (oft in der Form von Wikingern, zum Teil auch keltisch inspirierten Gruppen; wobei die zeitliche Distanz ignoriert wird). Das hohe Mittelalter dürfte am meisten Anhänger und Anhängerinnen besitzen, wobei hier Anspruch und Qualität der Darstellung bei der Mehrzahl der Gruppen am tiefsten liegt. Das späte 15. Jahrhundert ist ein weiterer Schwerpunkt, an dem sich die englischen Wurzeln ablesen lassen, da in England die Rosenkriege gerne nachgestellt werden. Die Zeit der Landsknechte wird ebenfalls dargestellt, wie sich einzelne Gruppen auch der Zeit des Dreißigjährigen Krieges widmen. Je nach Epoche kann auch der Ort der Inszenierung variieren: das aus einem Zeltplatz entstandene Indianercamp, die Landschaft um den Limes bis hin zum Museumsdorf.

Die Zeit der Koalitions- und Befreiungskriege (sogenannte Napoleonik-Veranstaltungen) sowie das Nachstellen des amerikanischen Bürgerkrieges sind die späteren dargestellten Epochen, die sich beide wachsender Beliebtheit erfreuen. Mit dem Thema Bürgerkriege und Kriegsgeschehen befasst sich auch eine große Gruppe der Reenactors, die sich für das Nachstellen historisch verbürgter Kriegshandlungen interessieren. Es gibt zahlreiche Vereine und freie Gruppen, die sich dem amerikanischen Bürgerkrieg, europ. Befreiungskriegen oder dem zweiten Weltkrieg widmen. Ihre Zahl übersteigt mittlerweile die Zahl der mittelalterlichen Gruppen. Sie nehmen aber einen geringeren Bekanntheitsgrad ein. Das liegt vermutetermassen daran, dass diese Form nicht in gleichem Maße durch Tourismus und Werbung bekannt gemacht bzw. gefördert wird.

Im Gegensatz zum englischsprachigen Raum wird das 20. Jahrhundert im deutschsprachigen kaum dargestellt. Beispielsweise ist die Darstellung von NS-Organisationen (wie der SS) in Deutschland gesetzlich verboten. Das Darstellen von NS-Parteiorganisationen ist aber auch international umstritten und eine Anzahl der mit Living History beschäftigten Gruppen lehnt es prinzipiell ab. Aus dieser Haltung heraus wurde 2007 das WWII Living History Agreement formuliert.[6]

[Bearbeiten] Einordnung

Living History kann als Subkultur gesehen werden, die sich insbesondere durch die Kleidung von der Gesellschaft abhebt. Living History wird von vielen jungen Menschen betrieben, wobei die Altersgruppen breiter gestreut sind als bei anderen vergleichbaren Subkulturen (wie etwa dem Liverollenspiel). Living History besitzt ein eigenes Vokabular und definiert sich immer wieder neu. Typisch sind auch die Konflikte in und zwischen verschiedenen Gruppen über den gewünschten oder angestrebten Grad der Authentizität.

Auf Living History-Veranstaltungen wird dem Schaukampf oftmals ein gewichtiger Anteil eingeräumt, der von professionellen Darstellern mit manchmal bis zu mehreren tausend Teilnehmern vorgeführt wird. Dieser Teil von Living History ist ein eigener Unterbereich der jeweiligen Darstellung aus international organisierten Gruppen mit festen Kampfregeln und dem Anspruch, tatsächliche historische Waffengänge möglichst originalgetreu wiederzugeben.

[Bearbeiten] Living History im Museumskontext

Neben einer Form der Freizeitbeschäftigung bezeichnet der Begriff Living History allerdings auch Methoden der Museumspädagogik in Museen und an historischen Stätten vor allem in England, den USA und skandinavischen Ländern. Living History als museale Vermittlungsarbeit birgt große Möglichkeiten für umfassende Lernerfahrungen bei den Besuchern von Museen, sofern sie wissenschaftlich korrekt betrieben und didaktisch richtig vermittelt wird. Die Anforderungen an eine solche Museumsarbeit sind weitaus strenger und vielgestaltiger als im Living History als Freizeitvergnügen. Die große Verwechslungsgefahr zwischen beidem und nicht zuletzt der finanzielle Mehraufwand haben zur Folge, dass in Deutschland die Akzeptanz von Living History im Museum nur langsam wächst.

[Bearbeiten] Mediale Living History Projekte (Auswahl)

Vorbild der ersten deutschen Reihen mit dem Thema Zeitreise war die britische TV-Show "Das viktorianische Haus" (1900 House) von 1999.

Titel Ausgestrahlt Sender Produzent Internet Movie Database Link zur Homepage
Schwarzwaldhaus 1902 2002 Das Erste SWR Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [1]
Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus 2004 Das Erste Zero Film Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [2]
Die harte Schule der Fünfziger 2005 ZDF Tresor TV Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [3]
Abenteuer 1927 – Sommerfrische 2005 Das Erste Zero Film Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [4]
Abenteuer Mittelalter – Leben im 15. Jahrhundert 2005 ARTE / Das Erste / MDR DocStation Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [5]
Windstärke 8 2005 Das Erste / WDR Caligari Film Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [6]
Die Bräuteschule 1958 2007 Das Erste Lichtblick Film Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [7]
Steinzeit – Das Experiment 2007 Das Erste SWR Living History in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database [8]

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Michael Walter Hebeisen: Recht und Staat als Objektivationen des Geistes in der Geschichte", Books on Demand, 2004, ISBN 3833418478, S. 570
  2. Dietmar Hartwich, Christian Swertz, Monika Witsch, Norbert Meder: Mit Spieler : Überlegungen zu nachmodernen Sprachspielen in der Pädagogik", Königshausen & Neumann, 2007, ISBN 3826036484, S. 109
  3. Jan Carstensen, Uwe Meiners, Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Living History im Museum", Waxmann Verlag, 2008, ISBN 3830920296, S. 22
  4. Jan Carstensen, Uwe Meiners, Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Living History im Museum", Waxmann Verlag, 2008, ISBN 3830920296, S. 119
  5. Michael Walter Hebeisen: Recht und Staat als Objektivationen des Geistes in der Geschichte", Books on Demand, 2004, ISBN 3833418478, S. 572.
  6. WWII Living History Agreement
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