Nerd

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Dieser Artikel behandelt einen englischen Terminus aus der Internet- und Jugendsubkultur. Für die US-amerikanische Band siehe N.E.R.D.

Nerd [nɜːd] (engl. für Fachidiot, Computerfreak, Sonderling, Streber / Geek, Außenseiter) ist ein gesellschaftliches Stereotyp, das besonders für in Computer, Science-Fiction oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen steht. Manchmal wird auch ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient (IQ) als begleitende Eigenschaft genannt. Am häufigsten sind Computerenthusiasten gemeint. Während der Begriff ursprünglich negativ, insbesondere im Sinne von sozialer Isolation, besetzt war, hat er sich in Internetcommunitys und unter Computerspielern und -freaks zu einer selbstironischen Eigenbezeichnung gewandelt.[1]

Herkunft

Die Herkunft des Wortes ist unklar. Der erste schriftliche Beleg findet sich in dem Gedicht If I ran the zoo von Dr. Seuss aus dem Jahr 1950. Ein Bezug zur hier beschriebenen Bedeutung ist allerdings nicht erkennbar:

„And then, just to show them, I’ll sail to Ka-Troo
And Bring Back an It-Kutch, a Preep and a Proo,
A Nerkle, a Nerd, and a Seersucker, too!“

Nach einer anderen Erklärung ist der Begriff ein Akronym zu Northern Electric Research and Development (heute Nortel Networks). Die Arbeitsmonturen der Angestellten sollen demnach mit dem Schriftzug N.E.R.D. versehen gewesen sein.

Laut eines Artikels der IEEE Spectrum[2] stammt die Bezeichnung Nerd ursprünglich vom Rückwärtslesen von „drunk“ (engl. betrunken), also: „knurd“. Der Begriff soll sich auf College-Absolventen beziehen, die sich gezielt dem Studium widmeten, statt Partys zu feiern. Aus „knurd“ wurde im Laufe der Zeit „nerd“ („kn“ am Wortanfang wird im Englischen „n“ ausgesprochen).

Scherzhaft wird Nerd auch als Akronym für Non Emotionally Responding Dude (engl.: „nicht emotional ansprechbarer Typ“) benutzt.

Näheres

Ob jemand ein Nerd ist, hängt in erster Linie von der Einschätzung des Umfelds ab. Zwei Wertungsvarianten lassen sich feststellen:

  • Außenstehende meinen Nerd tendenziell abwertend.
  • Betroffene verwenden Gleichgesinnten und sich selbst gegenüber den Begriff umgekehrt als Auszeichnung.

Oft sind Nerds aufgrund ihrer gesellschaftlichen Absonderung in einer schwachen sozialen Stellung. Charakteristisch für Menschen, die gerne als Nerds bezeichnet werden oder die sich selbst gerne so bezeichnen, sind ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an der Erlangung von Fach- oder Allgemeinwissen sowie auffällig rational geprägte Denk- und Verhaltensweisen. Dies lässt sie aus Sicht ihrer Altersgenossen oft unangepasst und eigenbrötlerisch erscheinen. Viele Nerds zeigen deutlich wenig Interesse an den vorherrschenden Jugend- oder gesellschaftlichen Trends. Im weiteren Sinn konzentrieren sich Nerds auf Spezielles, das anderen Menschen langweilig oder abstrus erscheinen kann, aber nicht muss.

Im sozial abgrenzenden Gebrauch kann der Begriff unter anderem auch auf angebliche Mängel in der emotionalen Zugänglichkeit eines Individuums anspielen. Nerd-Gruppen können einfach nur als kulturelle Clique wahrgenommen werden oder auch gegenüber anti-intellektuellen Gesinnungen abgegrenzt werden. Einige Gebrauchsvarianten des Nerd-Begriffs spielen darauf an, dass ein Interesse für Anime, Science-Fiction oder Fantasy besonders stark unter Nerds verbreitet sei.

Nerd war anfangs ein Element der amerikanisch-englischen Jugendsprache und wurde in den USA durch häufige Benutzung in der Fernsehserie Happy Days besonders bekannt. Zunächst wurde die Bezeichnung im abwertenden Sinn verwendet, später auch als bestärkende Selbstauszeichnung innerhalb von Nerd-Gruppen oder Nerd-Subkulturen. In der späten Popkultur entstehen häufiger literarische Figuren mit Nerd-Charakter, die verstärkt auch in Comics, Filmen, Fernsehserien und Computerspielen erscheinen, teils sogar als Protagonisten. Unter anderem durch häufige Verwendung der Bezeichnung im Internet fand der englische Begriff Nerd auch in die europäische Jugendsprachkultur Eingang.

Carl Sagan widmet in seinem Buch Der Drache in meiner Garage – oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven einer Diskussion um das Nerd-Klischee unter Naturwissenschaftlern ein Kapitel, Maxwell und die Spinner (engl. Maxwell and the Nerds). Darin zitiert Sagan eine Zusammenfassung der Merkmale, die US-amerikanische Schüler in einer Befragung ihren Nerd-Mitschülern zuschrieben. Hierin sind die Meinungen und Vorurteile zu finden, wie sie das Nerd-Klischee wahrscheinlich ursprünglich beinhalteten:

„Ich kenne eine Expertin für Elfjährige. Ich bat sie, die heute typische Meinung über die sogenannten vertrottelten Wissenschaftler zu charakterisieren. Ich muss betonen, dass sie die üblichen Vorurteile wiedergibt und sie nicht etwa unterstreichen möchte: Diese Spinner tragen ihren Gürtel direkt unter dem Brustkorb. Sie tragen kurzärmelige Hemden mit Brusttaschen, in denen eine beachtliche Anzahl von Vierfarbstiften und Bleistiften steckt. In einer speziellen Gürteltasche tragen sie einen programmierbaren Taschenrechner. Alle haben eine dicke Brille mit zerbrochenem Nasenbügel, der mit Heftpflaster geflickt ist. Ihnen fehlt jeder gesellschaftliche Schliff, und dieser Mangel ist ihnen nicht bewusst, oder er ist ihnen egal. Wenn sie lachen, geben sie schnaubende Geräusche von sich. Sie quasseln in einer unverständlichen Sprache miteinander. Sie ergreifen jede Gelegenheit, sich in allen Kursen – außer im Sport – ein paar Extrapunkte zu verschaffen. […] Sie schauen auf normale Menschen herab, die sie wiederum auslachen. Die meisten Spinner haben Namen wie Norman. Es gibt unter diesen Spinnern mehr Jungen als Mädchen, aber von beiden genug. Sie gehen nie mit einem Mädchen (oder Jungen) aus. Wenn du ein Spinner bist, kannst du nicht cool sein. Und umgekehrt.“

In der japanischen Gegenwartskultur ist der Otaku ein vergleichbares Phänomen.

Soziologischer Ansatz

Nerds lassen sich als Akteure mit einem sehr offenen sozialen Netzwerk kennzeichnen, das infolgedessen nur geringe soziale Kontrolle über sie ausübt.

Varianten

Das Stereotyp Verrückter Wissenschaftler hat viele Eigenschaften mit dem Nerd gemeinsam. Nerd wird aber vorwiegend auf junge Menschen angewandt, während mit einem Verrückten Wissenschaftler immer ein professioneller Wissenschaftler höheren Alters gemeint ist (auch: Verrückter Professor). Verrückte Wissenschaftler sind in der Regel mit positiverer Wertung versehen als Nerds und spielen in der Literatur auch eine verbreitete Rolle.

Nerd-Modewellen

Als häufiger Gegenstand von Satiren und Parodien ist das ursprüngliche Nerd-Klischee eng an künstlerische Darstellungen desselben verknüpft, wodurch häufig wiederkehrende äußere Erkennungsmerkmale eine besondere Festigung im Klischee erhielten und andererseits zur Entwicklung neuer Mode-Accessoires beitrugen. Einer der bekanntesten Filmkünstler, die sich mit der Figur des trockenen, tollpatschigen Intellektuellen beschäftigen, ist Woody Allen, der sich in entsprechenden Filmrollen mit Hornbrillen, karierten Flanellhemden, hoch sitzenden Hosen sowie ungepflegten oder altmodischen Männerfrisuren präsentiert, wobei Allen sich die Hornbrille auch außerhalb seiner Rollen zu einem permanenten individuellen Erkennungsmerkmal macht.[3] Diese Kernmotive der künstlerischen Sicht der Nerd-Figur finden sich seit den 1960er Jahren auch viele Jahrzehnte später noch in unzähligen Darstellungen durch Komiker, Schauspieler oder Zeichner.

Insbesondere markante Hornbrillen, die sowohl an das Nerd-Klischee als auch an frühere intellektuelle und künstlerische Vorbilder erinnern, werden von einer Reihe von Künstlern und Musikern als individuelle oder auch bedeutungstragende Mode-Accessoires aufgegriffen.[4]

In einer Retrowelle werden neue, überzeichnet gestaltete Brillenmodelle nach dem Vorbild der Hornbrillen zunächst nur spöttisch als Nerd-Brillen betitelt,[5] kurze Zeit später aber auch im Handel unter diesem Namen angeboten und erfahren noch größere Verbreitung und Aufmerksamkeit.[6][7]

Gegenteiliges Phänomen

Allen Varianten und „Verwandten“ des Nerd gemeinsam ist die im Vergleich zur hohen fachlichen Kompetenz weitaus geringere soziale Kompetenz bzw. Fähigkeit zur Selbstdarstellung, zur „Show“. Die Existenz genau gegenteilig veranlagter Menschen ist unstrittig, hat jedoch bislang keinen modernen, griffigen Begriff in der Populärkultur hervorgebracht – wobei ältere Begriffe wie „Blender“ oder formale wie „Hochstapler“ durchaus existieren. Das ist umso bemerkenswerter, als Phänomene rund um gegenteilig zum Nerd veranlagte Menschen ihre Spuren in der Populärkultur hinterlassen haben.

Bekannte Beispiele

  • Wil Wheaton, US-amerikanischer Schauspieler, bekennt sich regelmäßig in seinen Autobiographien und in seinem Weblog zu seinem privaten Leben als Nerd und verkörperte auch in seiner Rolle als Wesley Crusher in der Science-Fiction-Serie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert einen jungen Nerd.
  • Bill Gates, US-amerikanischer Informatiker und Milliardär, pflegte in den 1970er und 1980er Jahren ein typisches Nerd-Image, von dem er sich allerdings zu Beginn der 1990er Jahre wieder entfernte.
  • Linus Torvalds, finnischer Programmierer und Initiator des Kernels Linux, dessen Entwicklung er bis heute koordiniert, bezeichnet sich selbst als Nerd in seinem Buch Just for Fun.
  • James Rolfe, der als "Angry Video Game Nerd" (früher: "Angry Nintendo Nerd") in selbstproduzierten Internet-Videos einen verärgerten Computerspieler ("gamer") darstellt, der klassische, aber schlechte Videospiele spielt und sich dabei über deren qualitative Defizite in Spielaufbau und -ablauf ("gameplay") auslässt.
  • Thom Bray spielte als Dr. Murray „Boz“ Bozinsky in der Fernsehserie Trio mit vier Fäusten einen typischen, fast überzeichneten Nerd.
  • Steve Urkel, Nerd aus der US-amerikanischen Sitcom Alle unter einem Dach.
  • In der US-Sitcom The Big Bang Theory sind die wichtigsten Akteure Nerds mit entsprechenden Berufen. Das stark überzeichnete Verhalten dieser Nerds ist das zentrale Thema der Serie.

Siehe auch

Belege

  1. 3sat Was man über Nerds wissen sollte! am 4. Oktober 2007
  2. IEEE Spectrum 4/1995, Seite 16
  3. Christoph Gröner: Woody Allen - Trag sie noch einmal, Woody. Spiegel-Online, 2. Mai 2008, abgerufen am 1. Juli 2010.
  4. Mario Lasar: Schon seit Ewigkeiten in der Mode - Die Hornbrille. intro.de, 17. März 2010, abgerufen am 2. Juli 2010.
  5. Neues Wörterbuch der Szenesprachen - Nerd-Brille. szenesprachenwiki.de, 2009, abgerufen am 1. Juli 2010.
  6. Hans-Jürgen Jakobs: Stilkritik: Marc Bator - Der Kolossal-Guckkasten. sueddeutsche.de, 23. Juni 2010, abgerufen am 1. Juli 2010.
  7. Modetrend Nerd-Brille. GQ, 25. April 2008, abgerufen am 1. Juli 2010.

Weblinks

 Wiktionary: Nerd – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur

  • David Anderegg: Nerds. Who They Are and Why We Need More of Them. Penguin 2007, ISBN 978-1-58542-590-7.
  • David Brooks: Why Geek Is Newly Chic. In: The New York Times (in: SZ, 2. Juni 2008, S. 2).
  • Max Goldt: Ein gutes und ein schlechtes neues Wort für Männer. In: Mind boggling – Evening Post, Zürich 1998, S. 84–90.