Sibel Kekilli

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Sibel Kekilli 2012 bei der Berlinale

Sibel Kekilli (* 16. Juni 1980 in Heilbronn) ist eine deutsche Filmschauspielerin. International bekannt wurde sie als Hauptdarstellerin in Fatih Akıns mehrfach prämiertem Film Gegen die Wand und als Shae in der US-Fantasyserie Game of Thrones.

Jugend[Bearbeiten]

Sibel Kekilli ist Tochter eines Arbeiters und einer Putzfrau.[1] Sie hat eine Zwillingsschwester (zweieiig)[2] und zwei jüngere Brüder. Ihre Eltern, die 1977 aus einem Bergdorf der Provinz Kayseri[3] in der Türkei nach Deutschland gekommen waren,[4] beschreibt sie als „relativ moderne muslimische Eltern“,[5] die sie ins Freibad und auf Klassenfahrten gehen ließen und ihr nie ein Kopftuch aufzwangen, auch ihre Mutter trug kein Kopftuch.[5][6] Sie sollte nach dem Willen ihrer Eltern aber nicht das Abitur machen[5] und durfte auch nicht mit ihrer Klasse ins Schullandheim.[7]

Kekilli besuchte die Fritz-Ulrich-Schule in Heilbronn-Böckingen, die sie nach der 10. Klasse als Klassenbeste mit einem Notendurchschnitt von 1,7[3] und der mittleren Reife abschloss. Sie wollte dann das Gymnasium besuchen und später Jura oder Medizin studieren, was ihre Eltern aber nicht erlaubten.[3]

1999 wollte sie ihren Freund heiraten, scheiterte aber daran, dass sie das türkische Ehefähigkeitszeugnis, das sie wegen ihrer türkischen Staatsbürgerschaft benötigte, nicht rechtzeitig erhielt. Im selben Jahr beantragte sie beim türkischen Konsulat ihre Ausbürgerung, um die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen zu können.[4]

Von September 1997 bis Februar 2000 absolvierte sie bei der Heilbronner Stadtverwaltung eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Anschließend war sie bis Juli 2002 bei den städtischen Entsorgungsbetrieben tätig, für die sie Müllgebührenbescheide bearbeitete.[7] Weil Heilbronn ihr „irgendwie zu spießig, zu klein“ war, kündigte sie dort nach zwei Jahren und zog nach Essen.[1] Sie verdiente ihr Geld mit unterschiedlichen Beschäftigungen, beispielsweise als Verkäuferin, Türsteherin, Reinigungskraft, Geschäftsführerin eines Nachtclubs, Kellnerin, Promoterin, Pornodarstellerin und als Fotomodell (u. a. für die Zeitschrift Coupé und für die Fotografin Tamara Amhoff-Windeler[8]).

Schauspielkarriere[Bearbeiten]

Im August 2002[3] wurde Kekilli in Köln vor einem Café von einer Casterin angesprochen, ob sie in einem Film des Regisseurs Fatih Akın mitspielen wolle.[9] Sie sagte zu und setzte sich beim Casting für die weibliche Hauptrolle des Films Gegen die Wand gegen etwa 350 Mitbewerberinnen durch. Damit begann ihre Karriere als Filmschauspielerin. In den Jahren 2002 und 2003 nahm Sibel Kekilli drei Wochen lang Unterricht in den Fächern Schauspiel und Improvisation sowie Stimm- und Sprechtraining an der Schauspielschule Bochum.

In dem Filmdrama Gegen die Wand spielte Kekilli unter der Regie von Fatih Akın erstmals eine Hauptrolle. Der Film wurde bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, zudem erhielt er in Barcelona den Europäischen Filmpreis als bester europäischer Film des Jahres 2004. Auch Sibel Kekilli gewann für ihre schauspielerische Leistung in diesem Film mehrere bedeutende Filmpreise. Die Dreharbeiten in der Türkei hatten sich äußerst schwierig gestaltet, da Kekilli wegen einer Blinddarmentzündung in einem Krankenhaus behandelt werden musste.[10]

Als Gegen die Wand im Februar 2004 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, machte die deutsche Boulevardzeitung Bild Kekillis Vergangenheit als Pornodarstellerin bekannt. Sie hatte zwei Jahre zuvor beim Pornolabel Magmafilm unter dem Pseudonym Dilara in mehreren Hardcore-Produktionen mitgewirkt. Die Bild-Berichterstattung über Kekilli löste heftige Diskussionen, Missfallensäußerungen sowie Solidaritätsbekundungen aus und verschaffte so ihrer Person und dem Film Gegen die Wand erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit. „Es war wirklich so, wie es immer heißt: Ich war jung und brauchte Geld“, erklärte Kekilli unter dem Eindruck des plötzlichen Interesses an ihrem Vorleben. Am 18. November 2004 forderte Kekilli bei der im Fernsehen übertragenen Bambi-Verleihung die Zeitungen Bild und Express auf, „diese dreckige Hetzkampagne“ zu beenden. Am 2. Dezember 2004 rügte der Deutsche Presserat öffentlich die Berichterstattung von Bild über Sibel Kekilli wegen Verletzung der Menschenwürde: „Das öffentliche Interesse deckt eine Form der Berichterstattung nicht, in der die Persönlichkeit der Betroffenen auf das reduziert wird, was man über diese in den Klappentexten von Pornofilmkassetten lesen kann“.[11] Erst am 18. März 2006 druckte Bild die Rüge auf Seite 4 ab.[12]

Sibel Kekilli wirkte seither in einer Reihe auch internationaler Spielfilmproduktionen mit. Für ihre erste Hauptrolle in einem türkischen Spielfilm, Eve Dönüş (2006), wurde sie auf dem wichtigsten nationalen Filmfestival der Türkei als „Beste Darstellerin“ ausgezeichnet. Ebenfalls 2006 spielte sie in dem Holocaust-Film Der letzte Zug eine der mit dem letzten Zug vom Berliner Bahnhof Grunewald nach Auschwitz abtransportierten jüdischen Frauen und in Winterreise die junge Kurdin Leyla, die als Dolmetscherin einen älteren Mann, der sich mit kenianischen Betrügern eingelassen hat, nach Afrika begleitet. 2008 hatte sie als „kratzbürstige Layla“ eine größere Rolle in dem Spielfilm Blutige Stadt aus der Reihe Nachtschicht. In dem finnischen Spielfilm Pihalla (deutsch: Auf dem Spielplatz) spielte Kekilli 2009 eine deutsche Mutter, die mit ihrem beruflich stark eingespannten Mann und einer kleinen Tochter von Hamburg nach Tampere umzieht und dort nach Kulturschock und Einsamkeit eine Affäre mit einem Familiencafébetreuer und Rocksänger beginnt. Ihre erste Titelrolle hatte sie in dem Kinofilm Die Fremde, der auf der Berlinale 2010 erstaufgeführt wurde, als die kurdischstämmige Deutsche Umay, die aus einer in Istanbul geführten Ehe ausbricht, um mit ihrem Sohn in Deutschland ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Diese Rolle brachte ihr nicht nur den Bernhard-Wicki-Filmpreis, den Darstellerpreis des Filmfestivals Türkei/Deutschland und die Auszeichnung als „Beste Schauspielerin“ auf dem Tribeca Film Festival in New York ein, sondern auch den Deutschen Filmpreis 2010, zum zweiten Mal nach 2004 für ihre Rolle in Gegen die Wand.[13] In ihrer Dankesrede machte Kekilli öffentlich darauf aufmerksam, dass es ihr, obwohl sie bereit sei, alles zu spielen, an Rollenangeboten mangele.[14] In der Vergangenheit hatte sie wiederholt den Wunsch geäußert, nicht auf das Rollenbild türkischstämmiger Charaktere festgelegt zu werden.[15] In der Folge entfernte sie sich immer weiter von diesem Rollenklischee, insbesondere durch ihre Serienrollen als Sarah Brandt im Tatort Kiel an der Seite von Axel Milberg seit 2010[16] und als Shae in der von HBO produzierten amerikanischen Fernsehserie Game of Thrones nach der Romanserie Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin.[17] Zum ersten Mal trat sie dort in der Folge Baelor auf, die am 12. Juni 2011 ausgestrahlt wurde. In dem Fernseh-Zweiteiler Gier von Dieter Wedel (2010) spielte sie die Figur der Nadja Hartmann, die sich im Umfeld eines großspurigen Anlagebetrügers, gespielt von Ulrich Tukur, sonnt. 2011 war Kekilli mit What a Man unter der Regie von Matthias Schweighöfer erstmals in einer Filmkomödie zu sehen. Im 2013 veröffentlichten Spielfilm Die Männer der Emden über die Geschichte der Besatzung des Kreuzers SMS Emden im Ersten Weltkrieg stellte Kekilli die Salima Bey dar.

Kekilli betätigte sich auch als Hörbuchsprecherin. Innerhalb der Hörbuchreihe Starke Stimmen der Frauenzeitschrift Brigitte las sie 2005 den Roman Sinn und Sinnlichkeit von Jane Austen. Außerdem sah man sie als Hauptdarstellerin in einem Musikvideo der Gruppe Rosenstolz für die Benefiz-Single Aus Liebe wollt ich alles wissen.

Privatleben und Engagement[Bearbeiten]

Kekilli lebt seit 2003 zusammen mit ihrem Freund in Hamburg-Altona. Privat engagiert sie sich unter anderem gegen Gewalt an Frauen in islamischen Lebensräumen, sie unterstützt dabei die Organisation Terre des Femmes.[18] Nach ihren eigenen Schilderungen war sie als Kind vom Islam fasziniert,[5] sie fühlt sich aber heute keiner Religion zugehörig.[19][20] Eine ihrer Äußerungen zu häuslicher Gewalt in muslimischen Familien („Ich habe selbst erlebt, dass körperliche und seelische Gewalt in einer muslimischen Familie als normal angesehen wird. Leider gehört Gewalt im Islam zum Kulturgut.“) führte bei einer Veranstaltung der Zeitung Hürriyet am 1. Dezember 2006 im Abgeordnetenhaus von Berlin dazu, dass der türkische Generalkonsul Ahmet Nazif Alpman demonstrativ den Saal verließ.[21] Er habe Kekillis Aussagen als Diskriminierung von Muslimen empfunden, betonte er gegenüber der taz.[22]

Im Zuge der Proteste in der Türkei stellte sich Kekilli auf die Seite der Demonstranten. In einem heute-Interview vom 10. Juni 2013 äußerte sie: „[…] ich würde genau dafür auf die Straße gehen. Für ein Land, das Atatürk gegründet hat, Frauenrechte eingeführt, Religion vom Staat getrennt und in Dörfern Kinder unterstützt hat, die ohne diese Hilfe nie Ärzte oder Lehrer hätten werden können“.[23]

Filmografie[Bearbeiten]

Sibel Kekilli 2006 beim Filmfestival in Antalya

Film und Fernsehen[Bearbeiten]

Musikvideo[Bearbeiten]

  • 2007: Rosenstolz: Aus Liebe wollt ich alles wissen

Pornografische Produktionen[Bearbeiten]

2001 wirkte Kekilli unter dem Pseudonym Kim bei der Pornofirma Videorama in einer Folge der Filmserie Junge Debütantinnen von Harry S. Morgan mit. 2002 folgten bei Magmafilm unter dem Pseudonym Dilara und anderen Filmstudios mehrere Filme wie Ein Sommertagstraum, Süße Teenie-Träume oder Tierisches Teenie-Reiten. Bis auf den Film Die megageile Küken-Farm, der in die Top Ten der deutschen DVD-Hardcore-Bestsellerliste kam, erreichten diese Produktionen erst nach der umfassenden Berichterstattung in der Boulevardpresse nennenswerte Verkaufszahlen.[25][26]

Im September 2010 wurde dem Sender RTL gerichtlich die Verwendung von Ausschnitten aus diesen Produktionen untersagt.[27]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Nominiert war sie als beste Schauspielerin beim Bayerischen Fernsehpreis 2012 für ihre Rolle Sarah Brandt im Tatort Borowski und die Frau am Fenster.

Kekilli 2012 bei der Berlinale

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sibel Kekilli – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Sibel Kekilli im Interview: Es ist mein Leben. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. Februar 2004
  2. Odile Benyahia-Kouider: Islam au diable. In: Libération, 19. Juli 2004 (französisch); abgerufen am 19. Dezember 2009
  3. a b c d Moritz von Uslar: 100 Fragen an … Sibel Kekilli. In: Süddeutsche Zeitung Magazin, 18. Juni 2004, S. 16
  4. a b Niederschrift des Gesprächs mit Kekilli bei Beckmann, 8. März 2004; abgerufen am 19. Dezember 2009
  5. a b c d Alibi für Unterdrückung. In: Focus, Nr. 29/2004
  6. Peter Zander: Das wird die Türken schockieren. In: Die Welt, 13. Februar 2004
  7. a b  Gerd Kempf: Heilbronnerin, die groß herauskommen wollte. In: Heilbronner Stimme. 17. Februar 2004 (stimme.de, abgerufen am 1. November 2010).
  8. Am Set mit Sibel Kekilli. In: Journal Frankfurt, 1. März 2004.
  9. Man erkennt sich“. In: Welt am Sonntag, 7. Mai 2004; Interview mit der Casterin Mai Seck
  10. Gegen die Wand. (PDF; 1,7 MB) polyfilm.at, Presseheft, S. 6
  11. Pressemitteilung des Presserats vom 2. Dezember 2004
  12. Sensation: „Bild“ veröffentlicht Kekilli-Rüge! Bildblog, 18. März 2006
  13. Offizielles Twitter-Profil des Deutschen Filmpreises (aufgerufen am 23. April 2010)
  14. Christopher Keil: Sie kriegt Arbeit. In: Süddeutsche Zeitung. 28. Juni 2010, abgerufen am 30. August 2010.
  15. Kekilli die Neue im Kieler Tatort. news.de
  16. Pressemappe zur Sendung. Norddeutscher Rundfunk, abgerufen am 4. November 2010 (PDF; 1,2 MB).
  17. George R. R. Martin: You Guys Are Scary Good, the Sequel. In: Not A Blog. George R. R. Martin, 28. Juli 2010, abgerufen am 30. Juli 2010 (englisch).
  18. Terre des Femmes Chronik 2004
  19. Schauspielerin Sibel Kekilli: „Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann aus Deutschland wegziehe“. Spiegel Online, 6. März 2007
  20. Mariam Schaghaghi: Sibel Kekilli. Ein Interview über Zwangsehen, Ehrenmorde und ihren neuen Film. In: Berliner Kurier, 14. März 2010. Im Wesentlichen textgleich: Türkische Mädchen müssen kämpfen. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 19. März 2010
  21. Suzan Gülfirat: Eklat um Sibel Kekilli in Berlin. In: Der Tagesspiegel, 4. Dezember 2006
  22. Alke Wierth: Sibel Kekilli, der Konsul und der Papst. In: taz, 2. Dezember 2006
  23. Für Atatürk auf die Straße gehen. heute.de. Abgerufen am 18. Juni 2013.
  24. Spielplatz Film Kino.de, 11. Dezember 2008
  25. Porno-Industrie: Der Dreh mit dem Sex. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29. Februar 2004
  26. Christopher Schmidt: Die kalte Lust. sueddeutsche.de, 17. Mai 2010
  27. RTL darf Sexszenen mit Kekilli nicht mehr zeigen. Spiegel Online, 25. September 2010