Orkan Lothar

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Lothar
Trajektorie 04–18 mit Kerndruck
Trajektorie 04–18 mit Kerndruck
Unwetter Orkan (nordatlantischer Trogorkan)
Großwetterlage Westlage
Daten
Entstehung 25. Dezember 1999
Auflösung 27. Dezember 1999
Spitzenböe 272 km/h
Niedrigster Luftdruck 962 hPa
Folgen
Betroffene Gebiete Nordfrankreich, Südwestdeutschland, Schweiz, Liechtenstein, Österreich

Lothar ist der Name eines Orkantiefs, das sich über der Biskaya entwickelt hatte und am 26. Dezember 1999 in nordöstlicher Richtung über West- und Mitteleuropa hinweg zog. Der Orkan richtete vor allem in Nordfrankreich, der Schweiz, Süddeutschland und Österreich die höchsten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte an. Die am nächsten Tag folgende Sturmzelle wurde Martin genannt.

Verlauf[Bearbeiten]

Aus Westen kommend traf der Sturm vormittags auf den Schwarzwald, die Schweiz und Liechtenstein in seiner ganzen Länge. Der Sturm zog in etwa zweieinhalb Stunden von 10:00 Uhr bis 12:30 Uhr über die Schweiz hinweg. Er kam vom Jura her und überquerte das Mittelland, die Zentralschweiz sowie die Nordostschweiz. Die Südschweiz und die Südostschweiz wurden verschont.

Windgeschwindigkeiten[Bearbeiten]

Auf dem Feldberg im Schwarzwald fiel das Windmessgerät der Wetterstation wegen eines Stromausfalls aus; die letzte verwertbare Anzeige war 212 km/h. Die stärksten Böen wurden auf dem Wendelstein mit 259 km/h und mit 272 km/h auf dem Hohentwiel bei Singen gemessen; in der Schweiz war der höchste gemessene Wert auf dem Jungfraujoch mit 249 km/h, auf dem Zürcher Hausberg Uetliberg 241 km/h.

Im Flachland betrugen die Böenspitzen in der Schweiz verbreitet 140 km/h (im Zürcher Oberland bis zu 160 km/h), selbst in Tallagen.[1] In Brienz waren außergewöhnliche 181 km/h gemessen worden, in Vaduz, der Hauptstadt von Liechtenstein, 165 km/h. In deutschem Flachland war der höchste Wert 151 km/h in Karlsruhe. In Österreich wurde die Höchstgeschwindigkeit mit 218 km/h auf dem Feuerkogel gemessen.[2]

Auswirkungen[Bearbeiten]

Todesopfer[Bearbeiten]

Infolge des Sturms und der Aufräumarbeiten starben etwa 110 Menschen, hauptsächlich in Frankreich.

In Baden-Württemberg wurden am Sturmtag 13 Menschen getötet, in der Schweiz starben 14 Menschen. Auch Wochen nach dem Sturm kamen während der Aufräumarbeiten noch Menschen zu Tode, und zwar überwiegend im Privatwald, wo wenig geschulte Waldbesitzer und ihre Angehörigen bei den Holzbergungsarbeiten meist von unter Spannung stehenden Baumstämmen erschlagen wurden. In der Schweiz starben allein durch solche Unfälle 15 Menschen, in Österreich gab es zum Jahresende 1999 keine ernsthaft Verletzten.[2]

Schaden[Bearbeiten]

Der Sturm hat einen geschätzten Versicherungsschaden (Swiss Re[3]) von über 6 Mrd. USD verursacht, ähnlich wie Daria im Jahr 1990. Er ist damit einer der weltweit teuersten Versicherungsfälle, die an Stürmen nur vom Hurrikan Andrew 1992, dem Taifun Mireille 1991 [3] und Katrina 2005 übertroffen wird. In der Schweiz kamen neben den 600 Millionen Franken an Waldschäden noch 600 Millionen Franken an Gebäudeschäden dazu. Die geschätzte Schadenssumme aller quantifizierbaren Schäden soll dort rund 1,78 Milliarden Franken betragen. Aon Benfield geht in seinem Bericht "Winterstürme in Europa - Historie von 1703 bis 2012" von einem versicherten Schaden in Deutschland von 1,2 Milliarden Euro aus.[4]

Infrastruktur[Bearbeiten]

Im Kanton Nidwalden wurden 20 % aller Gebäude beschädigt. Die Bundesautobahn 8 zwischen Heimsheim und Karlsruhe war mehrere Tage von umgestürzten Bäumen blockiert. Durch umstürzende Bäume und Fahrleitungsrisse wurden zahlreiche Eisenbahnverbindungen in der gesamten Deutschschweiz unterbrochen. Die SBB hielten den Betrieb jedoch entsprechend den Umständen auf den nicht betroffenen Linien aufrecht. In Deutschland musste aufgrund gerissener Fahrdrähte der Betrieb auf einigen Strecken eingestellt werden (z. B. auf der Gäubahn zwischen Stuttgart und Rottweil).

Einige Ortsteile im Bregenzerwald waren mehrere Tage ohne Strom.[2] Im Bundesland Salzburg, hauptsächlich in der Hauptstadt und der Flachgau wurden Bäume entwurzelt, Plakatwände fielen um und mehrere O-Bus-Linien fielen wegen beschädigter Oberleitungen aus.[2] Entwurzelte Bäume wurden auch aus Außerfern und dem Pitztal in Tirol gemeldet, wo in den Skigebieten mehrere Lifte per Seilbergung evakuiert werden mussten.[2] Kleinere Schäden, wie abgedeckte und beschädigte Dächer waren in Niederösterreich, Wien und Oberösterreich zu beklagen.[2]

Waldschäden[Bearbeiten]

Bästenhardtwald bei Mössingen nach dem Sturm Lothar: Vorher hiebreifer Tannenbestand, nachher 17.000 fm Bruchholz

In Frankreich und in der Schweiz entstanden durch den Orkan sehr große Waldschäden, aber auch in vielen Teilen Süddeutschlands, vor allem im Schwarzwald, Schönbuch und Rammert.[5][6]

In Baden-Württemberg fiel das Dreifache des Jahreseinschlages (30 Mio. Festmeter).[7][8] In Bayern fielen 4,3 Mio. fm Lothar zum Opfer[6], in Österreich blieben die Verluste mit 0,4 Mio. fm gering[9]. Betroffen waren vor allem Nadelholzbestände; Laubholz wurde fast nur im Mischwald geworfen. In der Schweiz wurden 10 Millionen Bäume (rund 13 Millionen Kubikmeter Holz) umgeworfen. In vielen Forstrevieren wurde ein Mehrfaches des jährlichen Holzeinschlags geworfen.[10] Die Schadenssumme in der Schweiz alleine an Holz betrug 750 Millionen Franken.[11] In Österreich, wo hauptsächlich Oberösterreich, das nördliche Niederösterreich, Salzburg und Vorarlberg betroffen waren, ging man Ende 1999 von 5% des Jahreseinschlages aus,[12] was rund 67.000 Festmetern Holz entsprach.[2] Hauptgeschädigt war Frankreich mit 140 Mio. fm.[9] Insgesamt wurde europaweit mit Sturmholz im Ausmaß von rund 200 Mio. fm gerechnet.[9]

Aufräumarbeiten, Versorgung der Bevölkerung und Schadenaufnahme begannen oft noch am Tag des Sturmes durch Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Bergwacht Schwarzwald, des Deutschen Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks und der Polizei. Auch die Bundeswehr, darunter auch Soldaten der deutsch-französischen Brigade aus Donaueschingen, wurden herangezogen. Im Staatswald kamen später auch Helfer aus den weniger geschädigten Bundesländern, z. B. Thüringen, zum Einsatz. Spezial- und Bergefahrzeuge wurden samt Besatzung z. T. aus dem Ausland beordert. Sogar Forstunternehmen aus Schweden, Finnland und Polen arbeiteten im Frühjahr 2000 das Sturmholz auf. Durch quer liegende Stämme kam es lokal zu tagelangen Straßensperren und erheblichen Störungen des Schienenverkehrs. Außerdem wurden in Dörfern und Städten zahlreiche Dächer abgedeckt. Vielerorts kam es zu Stromausfällen aufgrund zerrissener Leitungen und zu Störungen des Festnetzes der Deutschen Telekom. Die Koordinierung der Aufräumarbeiten wurde im Gegensatz zu früheren Sturmkatastrophen durch den Einsatz von Mobiltelefonen erleichtert.

Meteorologische Aspekte[Bearbeiten]

Jahrhundertsturm?[Bearbeiten]

Schwarzwald nach Lothar am 29. April 2004

Bis Lothar galt Daria (1990) als das Orkantief, das den höchsten – versicherten und unversicherten – Schaden angerichtet hat.[13] Davor dürfte für Europa der Märzorkan 1876 vergleichbar sein, danach der Orkan Kyrill im Jahr 2007. In den Medien wurden Lothar und Kyrill vielfach als ‚Jahrhundertsturm‘ bezeichnet. Nach drei entsprechenden Ereignissen binnen nur 17 Jahren dürfte diese Bezeichnung zu überdenken sein.

Kritik an der Vorhersage[Bearbeiten]

Kritik wurde seinerzeit am Deutschen Wetterdienst geübt. Dieser entgegnete, private Wetterdienste, vor allem in Deutschland, seien in ihren Kritiken oftmals sehr voreilig, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Als Konsequenz hat sich aber – auch im Zusammenhang mit der vermehrten Diskussion um die globale Erwärmung und zu vermutende Zunahme von Schadereignissen – der Umgang stark geändert: Mit den EU-weiten Unwetterzentralen[14] stehen heute moderne und hochaktuelle Warndienste zur Verfügung, und Vorwarnungen finden allgemein auch dann Akzeptanz, wenn die Ereignisse weniger gefährlich eintreffen als angekündigt.

Mahnmale[Bearbeiten]

Denkmal auf dem Siedigkopf

Das Naturschutzzentrum am Ruhestein richtete gemeinsam mit dem Staatlichen Forstamt Baiersbronn nahe dem Schliffkopf, direkt an der Schwarzwaldhochstraße, Ende Juni 2003 den Sturmwurferlebnispfad „Lotharpfad“ ein. Entlang eines 800 m langen Lehr- und Erlebnispfades auf einem 10 ha großen Areal kann naturnahe beobachtet werden, wie nach und nach die Sturmwurffläche neu besiedelt wird. Der „Lotharpfad“ führt dabei über Stege, Leitern und Treppen und bietet Einblicke, wie Naturkräfte wirken, wie die Natur mit einer solchen Fläche umgeht und was von selbst wieder entsteht. Das Naturschutzzentrum Ruhestein bietet Führungen an.[15][16]

Als Erinnerung an den Sturm wurde unter anderem in der Schweiz der Lothurm gebaut sowie ein weiteres Denkmal auf dem Siedigkopf im Naturpark mittlerer/nördlicher Schwarzwald.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Medien[Bearbeiten]

  • Albtraum Winterstürme. Regie: Willy Meyer, SWR, Deutschland, 2009 (Programm, ARTE, Themenabend 9. März 2010 Xynthia, Chronik einer angekündigten Katastrophe Programm, Dossier)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Lothar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatLudwig Z'graggen, Andreas Hostettler: Starker Weststurm und sehr hohe Temperaturen (Kyrill) – Vergleich zu Vivian und Lothar. MeteoSchweiz, 19. Januar 2007, abgerufen am 8. Juni 2008.
  2. a b c d e f g Der Orkan "Lothar" verursachte in Österreich Millionenschäden, wienerzeitung.at, 28. Dezember 1999, abgerufen am 24. August 2013
  3. a b Natur- und Man-made-Katastrophen 2001: Man-made-Schäden einer neuen Dimension. In: sigma 1/2002, Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft, S. 23 (Webdokument, pdf)
  4. Winterstürme in Europa. Historie von 1703 bis 2012. Aon Benfield, Januar 2013, S. 18-19, abgerufen am 11. März 2014 (PDF).
  5. Die Auswirkungen von Lothar in Baden-Baden, Stadtführer bad-bad.de
  6. a b Schadensbilanz nach Orkan "Lothar". Bayerische Forstverwaltung, 2008, archiviert vom Original am 16. Mai 2008, abgerufen am 24. August 2013.
  7. Werner Erb (Schriftltg.), Jutta Odenthal-Kahabka (Red.), Wolfgang Püttmann (Red.): Orkan „Lothar“. Bewältigung der Sturmschäden in den Wäldern Baden-Württembergs. Dokumentation, Analyse, Konsequenzen. = Schriftenreihe der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg Band 83. Hrsg. vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg/Landesforstverwaltung Baden-Württemberg. Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Freiburg im Breisgau 2004
  8. Winfried Bücking (Red.): Sturmwurfbannwälder nach „Lothar“. Forstliche Grundaufnahmen und Luftbildanalysen. = Waldschutzgebiete Baden-Württemberg Band 9. Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, - Abteilung Waldökologie -, Freiburg im Breisgau 2006
  9. a b c HolzKurier, zit. nach Sturm Lothar, Bayerische Forstverwaltung, Stand 10. November 2000
  10. Franz Schmithüsen: Holzwirtschaftspolitik. Kapitel 16: Der Sturm Lothar und seine Bewältigung. Vorlesungsskriptum, Professur Umweltpolitik und Umweltökonomie, ETH Zürich (Webdokument, pdf, abgerufen 5. März 2008)
  11. Hilfspaket des Bundesrats für Lothar-Schäden. Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, Bern, 16. Februar 2000, auf uvek.admin.ch
  12. Orkan "Lothar" holzte auch in Österreich, wienerzeitung.at, 30. Dezember 1999, abgerufen am 24. August 2013
  13. Sturmdokumentation Deutschland (PDF; 10,8 MB), deutscherueck.de, 2005, abgerufen am 24. August 2013
  14. meteoalarm.eu, Unwetterzentrale der EU
  15. Lotharpfad, naturschutz.landbw.de, abgerufen am 24. August 2013
  16. Informationen der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg über den Lotharpfad mit Bildern