Palimpsest

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum literaturtheoretischen Werk von Gérard Genette siehe Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe.

Ein Palimpsest (Maskulinum oder Neutrum, von altgriechisch πάλιν palin „wieder“ und ψάειν psaein „reiben, (ab-)schaben“) ist eine antike oder mittelalterliche Manuskriptseite oder -rolle, die beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wurde (lat. codex rescriptus). Es ist der Vorgang des Wiederbeschreibens, den man – entgegen der etymologischen Bedeutung – als Palimpsestieren bezeichnet.

Im übertragenen Sinn werden vereinzelt auch Oberflächenstrukturen als Palimpsest bezeichnet, die durch jüngere Einflüsse überprägt und fast unsichtbar wurden – etwa die Geisterkrater in der Mondoberfläche.

Herstellung[Bearbeiten]

Da Schreibmaterial wie Pergament im Mittelalter sehr kostbar war, wurden beschriebene Manuskriptseiten häufig wiederverwendet. Dabei wurde das Geschriebene abgekratzt oder abgewaschen. Auch wurden bereits chemische Tintenkiller wie Zitronensäure verwendet, um die Tinte zu entfernen. Die meisten Palimpseste bestehen aus Pergament oder Papyrus. Spuren des Originaltextes sind oft erhalten und können heutzutage häufig mittels Fluoreszenzfotografie (früher durch Gallapfel- oder Gioberti-Tinktur und Röntgenstrahlung) sichtbar gemacht werden, so dass das Lesen des alten Textes wieder möglich wird. Viele antike und mittelalterliche Texte sind nur als eine solche „Schrift unter der Schrift“ überliefert und daher lückenhaft. Einige Methoden der Sichtbarmachung ursprünglicher Texte wurden von Alban Dold entwickelt und angewandt.

Wichtige Exemplare[Bearbeiten]

Codex Ephraemi Rescriptus[Bearbeiten]

Eines der wichtigsten Palimpseste ist der Codex Ephraemi Rescriptus, von dem nur etwa 203 Seiten der ursprünglichen 238 überdauert haben. Den Originaltext einer Bibel, die im fünften Jahrhundert in Ägypten hergestellt wurde, schabte man im zwölften Jahrhundert ab und überschrieb ihn in griechischen Buchstaben mit Predigten von Ephräm dem Syrer. Heute wird der Codex Ephraemi Rescriptus in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt.

De re publica (Cicero)[Bearbeiten]

Auch Ciceros De re publica aus seiner ersten philosophischen Phase galt lange Zeit als verloren. Man kannte die Inhalte lediglich aus Fragmenten und Zitaten bei anderen Autoren, während eine Originalüberlieferung unauffindbar war. Erst 1819 fand Angelo Mai in der Vatikanischen Bibliothek einen Palimpsest, in dem weite Teile des ersten und zweiten Buches, ferner Ausschnitte des dritten, vierten und fünften Buches, aber keinerlei Spuren des sechsten zu finden waren, wobei der Großteil des sechsten Buches ohnehin durch die gesonderte Überlieferung des Somnium Scipionis bekannt war. Man versuchte, vorhandene Fragmente und Zitate dem Kontext entsprechend einzuordnen. Überschrieben war Ciceros De re publica mit Psalmkommentaren von Augustinus. Trotz des überraschenden Fundes gab es keine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Werk. Erst 1918 begann man sich mit dem Text genauer auseinanderzusetzen. Dies hält bis heute an.

Das Palimpsest des Archimedes[Bearbeiten]

Seite aus dem Palimpsest des Archimedes, unter Röntgenfluoreszenz wird die ursprüngliche Schrift sichtbar

Ein weiteres Beispiel ist ein kürzlich wiederentdecktes Buch des Archimedes, in dem dieser möglicherweise die Grundzüge der modernen Integralrechnung beschreibt. So konnte Archimedes den Schwerpunkt einer massiven Halbkugel und eines Paraboloidenstumpfs berechnen. Vor allem aber war er in der Lage, die Fläche zu ermitteln, die entsteht, wenn eine Parabel von einer ihrer Sekanten geschnitten wird. Flächenberechnungen werden seit der Antike untersucht. Im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelte Eudoxos von Knidos nach einer Idee von Antiphon die Exhaustionsmethode, die darin bestand, einen Körper durch regelmäßige Polygone auszufüllen. Er konnte so Flächen als auch Volumina einiger einfacher Körper bestimmen. Archimedes verbesserte diesen Ansatz, und so gelang ihm die exakte Integration einer Parabel – ohne Benutzung eines Grenzwertbegriffs. Er bewies, dass das Verhältnis von Umfang zu Durchmesser eines Kreises größer als das Verhältnis von 6336 zu 2017¼, aber kleiner als das Verhältnis von 14688 zu 4673½ ist.[1]

Konstantin von Tischendorf entdeckte 1846 diesen Text. Obwohl er ihn damals nicht verstand, stufte er ihn dennoch als bedeutend ein. 1907 wurde er dann vom dänischen Philologen J. L. Heiberg teilweise übersetzt.[2] Infolge des Ersten Weltkriegs geriet das Buch in Vergessenheit, bis es 1998 auf einer Auktion bei Christie’s von einem unbekannten Sammler für 2,2 Millionen Dollar ersteigert und dem Walters Art Museum in Baltimore übergeben wurde.[3] Mehr als zehn Jahre lang arbeitete ein Expertenteam daran, die im 13. Jahrhundert überschriebenen Zeichnungen und Schriftzeichen erkennbar zu machen und zu übersetzen. Anfang August 2006 gelang es dabei einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Physiker Uwe Bergmann, den ursprünglichen Text mit Röntgenstrahlung sichtbar zu machen.[4]

Dieser sogenannte Kodex C ist die derzeit einzig bekannte Quelle für die Methodenlehre, das Stomachion und die griechische Version von Über schwimmende Körper und wurde wahrscheinlich im ausgehenden 10. Jahrhundert, aufgrund der für diese Zeit charakteristischen Minuskelschrift, niedergeschrieben.

Heutige Palimpseste als Straßenkunst[Bearbeiten]

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In der Straßenkunst werden häufig Palimpseste in Form von Aufklebern verwendet. Grundlage sind dabei in der Regel Postaufkleber, die mittels Schablone übersprüht werden. Häufig werden sie mit politischen Botschaften verknüpft, wie dieses Beispiel eines antifaschistischen Palimpsest-Aufklebers.

Politisches Palimpsest - Schablone gesprüht auf Paketaufkleber

Übertragene Bedeutung[Bearbeiten]

Die Technik des Palimpsestierens wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach als Metapher für geistige und kreative Prozesse verwendet.

Der englische Essayist Thomas De Quincey vergleicht in Suspiria de Profundis (1845) den menschlichen Geist und besonders das Gedächtnis mit einem Palimpsest:

“What else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.”

Lit.: De Quincey, 2003, S. 150

Sigmund Freud entwickelt 80 Jahre später in seiner Notiz über den ‚Wunderblock‘ (1925) ein verwandtes Modell vom menschlichen Gedächtnis. In einem Kinderspielzeug (dem sogenannten Wunderblock), das das immer neue Beschreiben und Löschen von Zeichen auf einer druckempfindlichen Wachsplatte ermöglicht, wobei Spuren aller früheren Einschreibungen als unsichtbare Vertiefungen erhalten bleiben, sieht er die zwei wesentlichen Bedingungen erfüllt, die für ihn das menschliche Gedächtnis leisten muss: „Unbegrenzte Aufnahmefähigkeit und Erhaltung von Dauerspuren“ (Lit.: Freud, 1968, S. 4).

Strukturalisten und Poststrukturalisten verwenden das Palimpsest als literarisches Motiv für die Funktion des Schreibens: Für sie stellt das Palimpsest in den Vordergrund, dass Schreiben nur im Dasein von anderem, bereits Geschriebenem existiert. Palimpseste untergraben das Konzept vom Autor als einziger, wirklicher Quelle eines Werks, und stellen so den Sinn eines Werks an das Ende einer unendlichen Kette von vielen Bedeutungen.

In der literarischen Avantgarde ist das Palimpsest neben der Collage und Montage ein zentrales künstlerisches Verfahren. Ein Gedichtband des ukrainischen Dichters Wassyl Stus trägt den Titel Palimpseste.

Im abstrakten Expressionismus, insbesondere bei der Künstlergruppe CoBrA, wird das Prinzip der Wiederbenutzung von Papieren (z. B. auch Landkarten) ebenfalls unter dem Begriff „Palimpsest“ zusammengefasst, insbesondere bei Arbeiten von Pierre Alechinsky und Asger Jorn. Zitat Pierre Alechinsky: „Ich arbeite auf verschiedenen Malgründen … Seiten aus alten Kassenbüchern, Notariatsakten, alte Rechnungen, russische Drucke, veraltete Flugkarten etc., die ich nach dem Palimpsest-Prinzip neu bearbeite, indem ich mich von der Lektüre der Alltagssorgen anderer Zeiten leiten lasse, die den unseren so ähnlich sind.“

Die Titel der Autobiographie des amerikanischen Schriftstellers Gore Vidal sowie einer Komposition von Iannis Xenakis lauten ebenfalls Palimpsest.

In der Medizin wird unter Palimpsest die alkoholbedingte Amnesie (der sogenannte Filmriss) verstanden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ángel Escobar, El palimpsesto grecolatino como fenómeno librario y textual, Zaragoza 2006 (PDF; 2,96 MB)
  • Otto Mazal: Griechisch-römische Antike. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999, ISBN 3-201-01716-7 (Geschichte der Buchkultur; Bd. 1).
  • Horst Blanck: Das Buch in der Antike. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36686-4.
  • Thomas De Quincey: Suspiria de Profundis. In: Thomas De Quincey: Confessions of an English Opium-Eater and Other Writings. Penguin Books, London 2003, ISBN 0-14-043901-3.
  • Aleida Assmann: Zur Metaphorik der Erinnerung. In: Aleida Assmann, Dietrich Harth (Hrsg.): Mnemosyne. Fischer Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main 1991, Seiten 18–22.
  • Sigmund Freud: Notiz über den ‚Wunderblock‘. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke XIV. Vierte Aufl., S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968.
  • Pierre Alechinsky zitiert nach: Margin und Center, Ausstellungskatalog Hannover 1988.
  • Gérard Genette: Palimpsestes. Seuil, Paris 1982.
  • Harald Weinrich: Schriften über Schriften. Palimpseste in Literatur, Kunst und Wissenschaft. In: Harald Weinrich: Wie zivilisiert ist der Teufel? Kurze Besuche bei Gut und Böse. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56460-4, S. 23-34.
  • Reviel Netz, William Noel: Der Kodex des Archimedes. C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56336-2.
  • Giovanni Pastore, The recovered Archimedes Planetarium. www.giovannipastore.it, Roma 2013, ISBN 978-88-904715-4-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Palimpsest – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. William Noel, Reviel Netz: Der Kodex des Archimedes. Verlag C. H. Beck, München, 1. Aufl., 2007, S. 60.
  2. J. L. Heiberg: Eine neue Archimedeshandschrift. In: Klio 42, 1907, S. 235–303.
  3. N. G. Wilson: Archimedes: the palimpsest and the tradition. in: BZ 92/1, 1999, S. 89–101.
  4. FAZ.net – Schrift von Archimedes: “Heureka” in San Francisco