Schizoide Persönlichkeitsstörung

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Vergleichende Klassifikation nach
ICD-10   DSM-IV
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung 301.20 Schizoide Persönlichkeitsstörung
ICD-10 online DSM IV online

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (griechisch: schizein = abspalten; nicht zu verwechseln mit der schizotypischen Persönlichkeitsstörung) zeichnet sich aus durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Phantastereien, einzelgängerisches Verhalten und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu zeigen.

Der Begriff schizoid wurde 1908 von Eugen Bleuler in Anlehnung an den der Schizophrenie und unter dem Eindruck einer ihr nahestehenden Erkrankung geprägt, umfasste gemessen am heutigen Verständnis zunächst aber einen weit größeren Formenkreis. Anfang der 1920er-Jahre entwickelte der Psychiater Ernst Kretschmer ihn dann weiter und differenzierte ihn in einer Weise, wie sie grundsätzlich auch heute noch vertreten wird.

Beschreibung[Bearbeiten]

Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die betroffenen Personen. Ihre emotionale Beziehung zur Umwelt und anderen Menschen ist zentral gelockert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle stark gehemmt. Auffallend sind eine oft fehlende emotionale Authentizität, die allgemeine Abflachung des Affekts sowie ein Defizit an erwartbaren emotionalen Reaktionen auf die Gefühlslagen der Mitmenschen.[1][2] Tiefsitzendes Misstrauen hält Betroffene anderen Menschen gegenüber auf Distanz.[3]

Während einerseits der Wunsch nach inniger Gemeinsamkeit mit anderen oder einem Mitmenschen bestehen kann, sind andererseits Mitteilung und emotionaler Ausdruck blockiert, mit der Folge des Gefühls einer inneren Zerrissenheit. Einige dieser Menschen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt, z. B. durch zu enges Zusammenleben, reagieren sie oft abrupt und befremdlich. Sie ziehen sich dann für Außenstehende völlig unerwartet zurück, schotten sich ab und meiden für einige Zeit jegliche Kontakte. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind Seiten dieser Persönlichkeiten.

In von außen induzierten Veränderungen und neuen Dingen wird meist eine Gefahr gesehen, vor der es sich, vorzugsweise durch Rückzug oder Kontrolle, zu schützen gilt. Menschen mit einer schizoiden Störung bilden kompensatorisch daher oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich schützen und zugleich Überlegenheit und Kontrolle gewinnen wollen. Diese antrainierten Fähigkeiten bleiben oft ein Leben lang erhalten und helfen dem schizoiden Menschen bei der Alltagsbewältigung, belasten engere soziale Kontakte jedoch schnell.

Soweit die Voraussetzungen bestehen, entwickeln diese Persönlichkeiten nicht selten ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Beruflich neigen schizoide Menschen verstärkt zu abstrakten Tätigkeitsfeldern, sowie Tätigkeiten die alleine oder in konstanten Kleingruppen durchgeführt werden oder Dienstleistungsberufen, in denen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Kunden und Anbieter begrenzt und durch soziale Normen zu einem erhöhten Grade formalisiert sind. In der Schule liefern sie mitunter schlechte Leistungen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten nicht entsprechen. Allerdings gibt es auch Betroffene, die hohe kompensatorische Fähigkeiten aufweisen und, nach Aussage einiger Autoren, gar Berufe wählen, bei denen wenig formalisierte soziale Beziehungen eine große Rolle spielen, wobei auch hier von Seiten der Autoren das Fehlen einer "emotionalen Authentizität" konstatiert wird.[4]

In Teilen der (englischsprachigen) Literatur findet sich mitunter außerdem der Versuch einer auf der Wahrnehmung Betroffener beruhenden Aufspaltung in zwei Subtypen: einen klassischen sowie alternativ den hidden oder secret schizoid, wobei sich letzterer dadurch auszeichnet, dass der betroffene Mensch seiner Konstitution zum Trotz scheinbar durchaus interessiert ist an zwischenmenschlichen Beziehungen, wodurch die schizoiden Charakterzüge im Umgang weitestgehend verdeckt (überspielt) werden können. Doch fällt auch bei diesen im geselligen Umgang rasch eine emotionale Unzugänglichkeit und teils inadäquate Reaktionen als Wesenskern auf, obwohl formal ein perfekter und sogar eleganter Umgangsstil beherrscht werden kann.[5]

Die Einordnung als Persönlichkeitsstörung begründet sich durch die Fixierung auf die beschriebenen Merkmale und ihre unverhältnismäßig starke Ausprägung. Unter günstigen Bedingungen jedoch, etwa indem Vertrauen gefasst werden kann, können sich diese Züge mildern, sodass Plastizität und damit eine gewisse Veränderung eintritt.

Es wird von weniger als einem Prozent Betroffener in der Bevölkerung ausgegangen, das heißt, dass die Störung im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen relativ selten ist.[6]

Ursachen[Bearbeiten]

Nach vorherrschender Auffassung nimmt diese Persönlichkeitsstörung in der frühen Kindheit ihren Ausgang. Eine hochgradige angeborene Sensibilität und Irritierbarkeit wird ebenso als Voraussetzung für ihre Entstehung angesehen, wie Formen starker emotionaler Vernachlässigung, chaotischer sozialer Verhältnisse, oder auch Formen brüsker mütterlicher Fürsorge. In vielen Fällen weist ein Elternteil psychische Störungen auf und/oder konnte sein Kind nicht verstehen. Dem Säugling und Kleinkind fehlt ausreichender Schutz zum Ausbilden der ersten selbstständigen Kontakte mit der nächsten Umgebung – solche Versuche wurden entweder gar nicht beantwortet und konnten sich nicht weiterentwickeln, oder es wurde so stark auf sie reagiert, dass nicht die Freude an der Antwort, sondern die Beängstigung durch sie als bleibende Erfahrung im Gedächtnis bleibt.

Klassifikation nach ICD und DSM[Bearbeiten]

ICD-10[Bearbeiten]

Mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude;
  2. zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder einen abgeflachten Affekt;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere, oder Ärger auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen, bevorzugt solche, die keine innere Bindung einschließen;
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

DSM-IV[Bearbeiten]

A: Ein tiefgreifendes Muster, das durch Distanziertheit in sozialen Beziehungen und eine eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich gekennzeichnet ist. Die Störung beginnt meist in der späten Jugend oder im frühen Erwachsenenalter (kann sich, obgleich unspezifisch, jedoch schon früher andeuten) und macht sich in den verschiedensten Situationen bemerkbar. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen, noch Freude daran, einschließlich der Tatsache, Teil einer Familie zu sein,
  2. bevorzugt wann immer möglich einzelgängerische Unternehmungen,
  3. hat, wenn überhaupt, wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen, bevorzugt solche, die keine innere Bindung einschließen;
  4. wenn überhaupt, dann bereiten wenige Tätigkeiten Freude,
  5. hat keine engen Freunde oder Vertraute außer Verwandten ersten Grades bzw. ist auf ausschließlich eine einzige vertraute Person konzentriert
  6. erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik,
  7. zeigt dem Anschein nach emotionale Kälte, Distanziertheit oder eingeschränkte Affektivität.

B: Tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie, einer affektiven Störung mit psychotischen Merkmalen, einer anderen psychotischen Störung oder einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung (z. B. Asperger-Syndrom) auf und lässt sich nicht auf ein organisches Leiden zurückführen.

Behandlung[Bearbeiten]

Die Behandlung erfolgt durch Psychotherapie, wobei es Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung häufig schwerfällt, eine engere Beziehung zu dem Therapeuten einzugehen. Hierbei kommen sowohl kognitiv-behaviorale Veränderungsstrategien als auch psychodynamische Verfahren zum Einsatz.

Eine ergänzende Psychopharmakotherapie ist indiziert, wenn die Symptomatik gleichzeitig eine schwere Depression und/oder Ängste, Depersonalisation oder besonders schwere, psychosenahe Episoden umfasst. Eine ursächliche Behandlung mit Medikamenten ist jedoch nicht bekannt.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. R. D. Laing: The Divided Self, chapter 5: The Inner Self of the Schizoid Condition.
  2. Philip Manfield: Split Self, Split Object.
  3. J. Seinfeld: The Empty Core: An Object Relations Approach to Psychotherapy of the Schizoid Personality.
  4. Philip Manfield: Split Self, Split Object. Manfield writes: “Not all schizoids keep away from people. It is not people that schizoids avoid, but emotional intimacy, self disclosure, and emotions both positive and negative.” (p. 207)
  5. James F. Masterson, Ralph Klein: Disorders of the Self: Secret Pure Schizoid Cluster Disorder. 1995, pp. 25–27. “Klein was Clinical Director of the Masterson Institute and Assistant Professor of Psychiatry at the Columbia University College of Physicians and Surgeons, New York”
  6. M. M. Weismann: The epidemiology of personality disorders. A 1990 update. In: Journal of Personality Disorders. Spring issue, Suppl., 1993, S. 44–62.
  7. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP), Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (DGKJP) [1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Simone Hoffner: Die schizoide Persönlichkeitsstörung. Ergebnisse einer empirischen Studie zur Klassifikation schizoider Störungen und erste Validierungsversuche des Interviews zur Diagnostik schizoider Störungen IDS, Universität Heidelberg 1999. (Dissertation)
  • Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen. BeltzPVU, 1. Oktober 2007, ISBN 978-3621276221.
  • Fritz Riemann: Grundformen der Angst: Eine tiefenpsychologische Studie. Reinhardt, München 2011, ISBN 978-3-49-703749-0.
  • Harry Guntrip: Schizoid Phenomena, Object-Relations and the Self. International Universities Press, 2001, ISBN 978-0-82-368310-9.
  • Jeffrey Seinfeld: The Empty Core: An Object Relations Approach to Psychotherapy of the Schizoid Personality. Jason Aronson Inc, 1991, ISBN 978-0-87-668611-9.
  • Dirk Nordmann: Schizoid: Wenn Nähe zum Problem wird – Eine Erfahrung. Verlag der Ideen, 2014, ISBN 978-3-942006-14-9.

Weblinks[Bearbeiten]

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