Sofja Wassiljewna Kowalewskaja
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (russisch Софья Васильевна Ковалевская, wiss. Transliteration Sof'ja Vasil'evna Kovalevskaja; * 3. Januarjul./ 15. Januar 1850greg. in Moskau; † 29. Januarjul./ 10. Februar 1891greg. in Stockholm) war eine russische Mathematikerin und die erste Mathematikprofessorin überhaupt (1889 Stockholm).
Zu Sofja Kowalewskaja gibt es viele verschiedene Namensversionen: In englischen Arbeiten heißt sie meistens Sofia Kovalevskaia oder Kovalevskaya; weil in den westeuropäischen Ländern unbekannt war, dass es in Russland auch eine weibliche Form des Nachnamens gibt, wird sie in Westeuropa bis heute häufig unter dem Namen ihres Mannes Kowalewski (auch Kowalewsky oder Kovalewsky) geführt; ihr Vorname wurde in Deutschland zumeist zu Sonja, in Frankreich zu Sophie. Im Folgenden wird die deutsche Transkription ihres russischen Namens, natürlich in der weiblichen Form, verwendet.
Sofja Kowalewskaja war eine sehr vielseitige Frau, die nicht nur in Mathematik Bedeutendes leistete, sondern auch mit ihren 1889 erstmals erschienenen Kindheitserinnerungen großen Erfolg hatte. Sie war außerdem eine politisch sehr bewusste Frau, die sich aktiv für das Recht aller Frauen auf Ausbildung einsetzte.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Leben
Geboren wurde Kowalewskaja als zweite Tochter von Elisabeth Fjodorowna und General Wassili Wassiljewitsch Krukowski. Ihre Mutter war eine sehr gebildete Frau, die den zwanzig Jahre älteren Offizier der Zaristischen Armee geheiratet hatte, um ihrem Elternhaus zu entfliehen.
Wie im damaligen Russland in ihrer Schicht üblich, wurde Sofja direkt nach der Geburt in die Obhut einer Kinderfrau gegeben, die sich um ihre Erziehung kümmerte. Ihre Eltern sah sie nur zu den Mahlzeiten und auch mit ihren Geschwistern hatte sie aufgrund des Altersunterschiedes (Anjuta war sieben Jahre älter und ihr Bruder Fedja fünf Jahre jünger) in der Kindheit nicht viel Kontakt. Anjuta wurde aber später ihre engste Vertraute, ihr verdankt sie den Kontakt mit einer intellektuellen Jugendbewegung in Russland, den sog. Nihilisten, die auch für die Befreiung der Frau kämpften und Sofja schließlich ihren Traum vom Studium im Ausland erfüllen halfen.
Als Sofja etwa acht Jahre alt war, nahm ihr Vater Abschied von der Armee, und sie zogen auf das Landgut Palibino (heute in Weißrussland). Hier bekam sie auch eine neue Gouvernante, Miss Smith aus England, eine sehr restriktive Person, die von nun an für Sofjas Erziehung und Ausbildung verantwortlich war.
[Bearbeiten] Mathematik an den Wänden ihres Kinderzimmers
Sofjas Interesse für Mathematik wurde aber nicht durch ihre Lehrer geweckt, sondern auf eine vollkommen andere und ungewöhnliche Weise. Als das Gut Palibino renoviert wurde, stellte sich heraus, dass die Tapete für das Kinderzimmer nicht mehr ausreichte. Da es nun aber recht aufwändig gewesen wäre, neue Tapeten zu beschaffen, wurden die Wände dieses Zimmers kurzerhand mit Papier beklebt, das man auf dem Dachboden des Hauses gefunden hatte. So kam es, dass die Wände von Sofjas Zimmer mit dem Skript einer Vorlesung über Differential- und Integralrechnung, die ihr Vater in seiner Jugend gehört hatte, tapeziert wurden. Stundenlang schaute sie sich diese für sie unverständlichen und geheimnisvollen Zeichen an und versuchte, ihren Sinn zu erfassen, was ihr allerdings nicht gelang.
Befördert wurde ihr Interesse an der Mathematik aber vor allem durch einen ihrer Onkel, einen Bruder des Vaters, der leidenschaftlich gerne las und noch lieber über seine Lektüre sprach. Er hatte zwar nie Mathematik studiert, aber sich doch sehr viel Wissen angelesen, und er liebte es, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Sofja hörte ihm bei seinen mathematischen Ausführungen so fasziniert zu, dass ihm häufig nicht bewusst wurde, dass er zu einem Kind sprach. So hörte sie zum ersten Mal von der „Quadratur des Kreises“ und von Asymptoten, „auf die eine Kurve beständig zuläuft, um sie doch erst im Unendlichen zu berühren“. All dies begeisterte sie sehr, wenn sie auch nicht viel von dem verstand, was ihr Onkel erklärte.
Der elementare mathematische Unterricht, den sie bei ihrem polnischen Hauslehrer erhielt, erschien ihr daher zunächst sehr langweilig, doch allmählich begann sie sich so in die Algebra und Geometrie zu vertiefen, dass sie alles andere darüber vernachlässigte. Ihr Vater war dadurch so beunruhigt, dass er ihr den Mathematikunterricht verbot. Glücklicherweise konnte Sofja sich aber ein Mathematikbuch von ihrem Lehrer erbetteln und heimlich abends im Bett darin lesen.
Mit fünfzehn Jahren fiel ihr ein Physikbuch in die Hände, das ein Nachbar, Professor Tyrtow, geschrieben hatte. Sie versuchte es zu lesen, konnte aber mit den trigonometrischen Formeln im Kapitel Optik nicht viel anfangen. Da ihr niemand erklären wollte, was es damit auf sich hat, machte sie sich daran, sich die Erklärung selbst zu erarbeiten. Nachdem sie sein Buch auf diese Weise ganz durchgearbeitet hatte, sprach sie mit Tyrtow darüber. Zunächst wollte er ihr nicht glauben, dass sie den Inhalt verstanden habe, doch sie bewies es ihm, indem sie ihm ihre Interpretation zum Sinus erläuterte. Nun war er sehr beeindruckt und setzte sich stark dafür ein, dass Sofja Unterricht in höherer Mathematik bekommen sollte.
So kam es, dass Sofja sich gegen ihren Vater durchsetzen konnte und Unterricht bei Professor Strannolubski in Petersburg erhielt.
Zu dieser Zeit war es Frauen in Russland noch nicht möglich zu studieren, es war ihnen nicht einmal gestattet, als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilzunehmen. Daher entschieden sich damals viele Frauen, in den „fortschrittlichen“ Westen zu gehen, um dort zu studieren. In Russland, das damals gesellschaftlich und politisch eines der rückständigsten Länder Europas war, herrschten bei den jungen Frauen utopische Vorstellungen von der Gleichberechtigung der Frauen im Westen. In ihren Träumen war den Frauen dort alles möglich, viele Russinnen, die deshalb ihr Heimatland verließen, mussten allerdings enttäuscht feststellen, dass sie im Westen Vorreiterrollen übernehmen mussten.
[Bearbeiten] Eine Ehe als „Studienvoraussetzung“
Allein schon nach Westeuropa zu kommen, war nicht so einfach, denn die russischen Frauen besaßen keinen eigenen Reisepass. So war ihnen eine Auslandsreise nur mit ihrem Vater oder mit ihrem Ehemann möglich, auf dessen Pass sie eingetragen wurden. Für eine junge Russin, deren Vater nicht wollte, dass sie studiert, war der einzige Ausweg eine Scheinehe mit einem fortschrittlichen jungen Mann, der Anhänger der Nihilisten war und der Frau eine Ehe anbot, um ihr ein Studium im Ausland zu ermöglichen.
Für Sofja war klar, dass sie Mathematik und Naturwissenschaften studieren wollte. Es fand sich dann auch ein Heiratskandidat, der Student Wladimir O. Kowalewski, und Sofja konnte sich wieder einmal gegen den Willen ihres Vaters durchsetzen. Sie heiratete Kowalewski im September 1868, im April 1869 reisten sie nach Wien, wo Wladimir Geologie studieren wollte. Er wurde später ein bekannter Paläontologe.
Eigentlich war die Ehe als reine Zweckehe gedacht, doch im Laufe ihres Lebens gab es immer wieder Zeiten, in denen Sofja und Wladimir zusammen wohnten und lebten und sich auch eine gemeinsame Zukunft ausmalten. Das allerdings hielt meist nur für kurze Zeit an. Solche Phasen gingen immer wieder über in andere, in denen sie getrennt lebten und sich sogar scheiden lassen wollten.
Sofja erhielt zwar in Wien von einem Physikprofessor die Genehmigung, an seinen Vorlesungen teilzunehmen, allerdings war ihr Wien zu teuer, und es gefiel ihr dort auch sonst nicht so gut. Daraufhin beschloss sie, nach Heidelberg zu gehen.
Hier musste sie feststellen, dass es Frauen nicht gestattet war, sich zu immatrikulieren. Doch nach persönlichen Gesprächen mit einzelnen Professoren der Mathematik und Physik konnte sie schließlich doch ihr Studium in Heidelberg zum Sommersemester 1869 aufnehmen, wenn auch nur als Gasthörerin.
Zum Wintersemester 1870 wechselte sie auf Anraten ihres Heidelberger Professors Leo Koenigsberger zu einem der bedeutendsten Mathematiker der damaligen Zeit, Karl Weierstraß, nach Berlin.
[Bearbeiten] Privatstunden bei Weierstraß
Trotz sehr guter Empfehlungsschreiben ihrer Heidelberger Professoren prüfte Weierstraß sie zunächst, indem er ihr ein schweres Problem gab, das sie lösen sollte. Eine Woche später stand sie mit der Lösung erneut bei ihm. Er war von ihrer Lösung sehr beeindruckt und setzte sich von nun an für Sofja ein. Doch gegen die konservative Verwaltung konnte auch er nichts ausrichten. So bot er ihr dann Privatstunden an.
Vier Jahre lang studierte sie in Berlin. Einmal in der Woche kam ihr Lehrer sie in ihrer kleinen Wohnung besuchen, am Sonntag besuchte sie ihn. So entstand ein enges Verhältnis zwischen den beiden, das wohl weit über eine normale Lehrer-Schüler-Beziehung hinausging.
Nachdem Sofja Weierstraß von dem fiktiven Charakter ihrer Ehe unterrichtet hatte, unterstützte er sie bei ihrem Dissertationsvorhaben. Ab November 1872 arbeitete sie an ihrer Dissertation. Sofja arbeitete die meiste Zeit in ihrer kleinen Wohnung, manchmal bis zu sechzehn Stunden am Tag und verließ das Haus nur selten; sie schien kein Interesse mehr für irgendetwas anderes als die Mathematik zu haben. So fertigte sie bis zum Sommer 1874 drei Arbeiten an, die sie als Doktorarbeit einreichen konnte.
Doch wie sich herausstellen sollte, war es das kleinere Problem, die Arbeiten anzufertigen, kompliziert wurde es erst, als eine Universität gefunden werden musste, an der Sofja promoviert werden konnte. Schließlich entschloss sich Weierstraß für die Universität Göttingen. Obwohl er selbst das Frauenstudium nicht unterstützte, setzte er sich für Sofja ein und erreichte letztendlich auch, dass sie in absentia (das heißt ohne mündliche Prüfungen) promovieren konnte.
Ernst Schering, der ihre Arbeiten (Theorie der partiellen Differentialgleichungen, Gestalt der Saturnringe und Klassen abelscher Integrale) begutachtete, stellte fest, dass alle drei mit sehr viel Sachkenntnis und Fleiß erstellt wurden und schon eine von ihnen für die Doktorwürde ausreichen würde. Im August 1874 erhielt sie ihren Titel summa cum laude.
Nach ihrer Promotion reiste Sofja nach Hause. Sie wollte in Russland unterrichten, musste dafür aber ein russisches Magisterexamen machen. Da sie aber als Frau nicht zur Universität zugelassen wurde, bekam sie auch nicht die Möglichkeit, die Prüfung abzulegen. Die einzige Möglichkeit zu unterrichten hätte sie in den unteren Klassen von Mädchenschulen gehabt.
Nicht nur aus diesem Grund wendete sie sich von der Mathematik ab. Sie versuchte nun ein 'normales' Leben zu führen, sie wohnte wieder mit ihrem Ehemann zusammen, versuchte sogar, eine konventionelle Ehefrau zu werden. Um finanziell unabhängig zu werden, verstrickte sie sich mit Wladimir in riskante Grundstücksspekulationen, die die Familie an den Rand des Ruins brachten. Am 17. Oktober 1878 brachte sie ihre Tochter zur Welt, die auch auf den Namen Sofja getauft, aber allgemein Fufa gerufen wurde.
1880 entschloss sich Sofja, sich wieder der Mathematik zuzuwenden. Da sie in Russland immer noch keine Stelle finden konnte, kehrte sie zur Forschung zurück. Sie übersetzte ihre dritte Dissertation, die sie noch nicht veröffentlicht hatte, ins Russische, und trug sie auf dem Anfang 1880 stattfindenden 6. Kongress der Naturforscher und Ärzte vor.
Obwohl die Ergebnisse schon sechs Jahre alt waren, waren sie dennoch nicht überholt.
[Bearbeiten] Intermezzo in Moskau
Um ihren Gläubigern zu entkommen, zog sie im gleichen Jahr mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Moskau und besuchte dort regelmäßig die Veranstaltungen der Moskauer Mathematischen Gesellschaft. Sie wurde wieder so von der Mathematik in den Bann gezogen, dass sie beschloss, für zwei Monate nach Berlin zu reisen, um Anschluss an die aktuelle Forschung zu bekommen. Weil sie ihm nicht mehr helfen konnte, verließ sie im März 1881 ihren Mann, der inzwischen ins Ölgeschäft eingestiegen war und sich finanziell völlig ruiniert hatte.
Mit ihrer kleinen Tochter machte sie sich nun auf den Weg nach Berlin, wo sie sich gleich wieder in die Arbeit stürzte. Ende des Jahres zog sie nach Paris, ihre Tochter wurde zusammen mit ihrer Kinderfrau zurück nach Russland gebracht und wuchs dann bei Julia Lermontowa auf, einer guten Freundin von Sofja, die sie auch schon während ihres Studiums in Heidelberg und Berlin begleitet hatte.
Im Mai 1882 besuchte der schwedische Mathematiker Gösta Mittag-Leffler, ein Schüler von Weierstraß, Sofja in Paris und stellte sie den wichtigsten französischen Mathematikern vor, schon im Juli des gleichen Jahres wurde sie von ihnen in die Pariser Mathematische Gesellschaft gewählt. Ein Jahr später trug sie wieder eine Arbeit auf dem 7. Kongress der Naturforscher und Ärzte vor. Nachdem Wladimir im April 1883 Selbstmord begangen hatte, was Sofja sehr getroffen hatte, besaß sie nun den respektablen Status einer Witwe, und Gösta Mittag-Leffler, der sich schon monatelang erfolglos um eine Stelle für sie bemüht hatte (für eine getrennt von ihrem Mann lebende Frau war das zu dieser Zeit ganz unmöglich), konnte ihr nun eine Stelle als Privatdozentin in Stockholm anbieten.
Ihre Ankunft in Stockholm Ende 1883 wurde in allen Zeitungen Schwedens erwähnt, so ungewöhnlich war es, dass eine Frau eine Dozentur erhielt und dafür auch noch in ein ihr völlig fremdes Land ging.
In einem Artikel von August Strindberg, der 1884 erschien, hieß es, dass „eine Frau als Mathematikprofessor eine schädliche und unangenehme Erscheinung sei, ja, dass man sie sogar ein Scheusal nennen könnte. Die Einladung dieser Frau nach Schweden, das an und für sich männliche Professoren genug habe, die sie an Kenntnissen bei weitem überträfen, sei nur durch die Höflichkeit der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber zu erklären.“
Sofja aber ließ sich von solchen Attacken nicht entmutigen. Im ersten Semester hielt sie ihre Vorträge noch auf Deutsch, aber schon im nächsten Semester hielt sie sie auf Schwedisch.
„Als Weihnachtsgeschenk erhielt ich von Ihrer Schwester einen Artikel von Strindberg, in dem er so klar beweist, wie zweimal zwei vier ist, dass eine solche Ungeheuerlichkeit wie ein weiblicher Professor der Mathematik schädlich, unnütz und unangenehm ist. Ich finde, dass er im Grunde ganz recht hat, nur gegen eines protestiere ich, dass nämlich in Schweden eine große Anzahl Mathematiker leben soll, die mir weit überlegen seien und dass man mich nur aus Galanterie berufen habe.“
– aus einem Brief Sofjas an Mittag-Leffler
Mittag-Leffler, Herausgeber der einzigen mathematischen Zeitschrift für Skandinavien, beauftragte sie mit der Beschaffung mathematischer Artikel von russischen, aber auch deutschen und französischen Mathematikern. Da sie dabei sehr erfolgreich war, wurde sie 1884 Mitherausgeberin und damit die erste Frau, die zum Herausgeberstab einer wissenschaftlichen Zeitung gehörte. Im Sommer des gleichen Jahres erhielt sie durch den Einsatz von Mittag-Leffler und gegen den Widerstand vieler Professoren der nicht naturwissenschaftlichen Fächer eine ordentliche Professur in Stockholm, zunächst allerdings auf fünf Jahre beschränkt. Wenn sie auch keinen großen Lohn erhielt, so war sie doch die erste Professorin in Europa seit Laura Bassi (1711-1778) und Maria Gaetana Agnesi (1718-1799).
Ende 1887 lernte Sofja Alfred Nobel kennen, der ihr auch den Hof machte, eine Affäre aber kam zwischen den beiden nicht zustande. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es keinen Nobelpreis für Mathematik gebe, weil Sofja Kowalewskaja eine Liaison mit Nobel gehabt habe und ihn wegen Gösta Mittag-Leffler verlassen habe. Für dieses Gerücht gibt es keine reale Grundlage, denn auch mit Mittag-Leffler hatte Sofja Kowalewskaja keine Beziehung. Es steht eher zu vermuten, dass für Nobel, der Arbeiten auszeichnen wollte, die einen „Nutzen für die Menschheit“ haben, dieser Nutzen in der Mathematik unmittelbar nicht erkennbar war.
[Bearbeiten] „Mathematik - eine Welt, die ganz außerhalb unser selbst existiert“
1886 gelang Sofja Kowalewskaja die Lösung eines Spezialfalles des Problems der Rotation fester Körper um einen Fixpunkt. So wurde der nächste Bordin-Preis der Akademie der Wissenschaften (für das Jahr 1888), einer ihrer renommiertesten Preise, für einen Beitrag zur Theorie der Bewegung eines starren Körpers um einen festen Punkt ausgeschrieben. Das bedeutete für Sofja die Möglichkeit, diesen mit 3000 Franc dotierten Preis zu gewinnen. Die Tatsache, dass die Preisausschreibung speziell für Sofjas Arbeitsthema zugeschnitten wurde, zeigt, wie sehr sie von ihren Mathematikerkollegen in der ganzen Welt unterstützt wurde. Die Menschen, die ihr in ihrem Leben Steine in den Weg legten und an ihren Fähigkeiten zweifelten, waren in der Regel fachfremde Professoren oder ganz Außenstehende.
Im Mai 1887 starb Anjuta, Sofjas Schwester, nach langer qualvoller Krankheit, Sofja war in dieser Zeit so viel wie möglich bei ihr. Nach ihrem Tod schrieb Sofja:
„Alles im Leben erscheint mir so verblasst und uninteressant. In solchen Augenblicken taugt die Mathematik besser; man freut sich, dass eine Welt so ganz außerhalb unser selbst existiert.“
Diesem Ausspruch folgend vertiefte sie sich ganz in die letzte Ausarbeitung ihrer Arbeit für den Bordin-Preis.
Die Arbeiten für diesen Preis mussten anonym eingereicht werden, die Namen der Einsender wurden erst nach der Entscheidung über die Preisvergabe bekannt. Sofjas Arbeit wurde ausgewählt und für so gut erachtet, dass das Preisgeld auf 5000 Franc erhöht wurde.
Nach der Verleihung des Bordin-Preises begann Sofja mit der Niederschrift ihrer Kindheitserinnerungen. Das Buch erschien Weihnachten 1889 in Schweden und war sofort ein großer Erfolg.
Als 1889 ihre Professur auslief, bemühte sie sich in Frankreich und in Russland um eine Stelle, in Stockholm setzte sich Mittag-Leffler wieder für sie ein und erreichte, dass ihr im Juni 1889 eine Professur auf Lebenszeit übertragen wurde. In Frankreich wurde sie zum Officier de l'Instruction publique ernannt, was aber außer einer hübschen Urkunde keine weiteren Folgen für sie hatte. Auch in Russland wurde ihr keine Stelle angeboten, stattdessen wurde sie dort zum „korrespondierenden Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften“ gewählt.
Von ihrer Stellung auf Lebenszeit hatte Sofja nicht mehr viel, da sie am 10. Februar 1891 an einer Lungenentzündung starb, die sie sich auf einer Zugreise zugezogen hatte. Sie war gerade einmal einundvierzig Jahre alt, die Nachricht ihres frühen Todes erschütterte ihre Mathematiker-Kollegen in ganz Europa.
Der Mathematiker Leo Koenigsberger schreibt in 'mein Leben', S.116f.:
„Ich sah Frau v. Kowalevsky nur noch einmal nach mehr als 20 Jahren wieder, als ich nach meiner Rückberufung von Wien nach Heidelberg von ihr auf der Rückreise von Petersburg nach Stockholm besucht wurde, auf der sie sich die schwere Erkältung zuzog, welcher sie nicht lange darauf, 41 Jahre alt, erlag. Als ich von einem Spaziergange zurückkehrte, fand ich im Salon eine Dame bei meiner Frau, die mir mit den Worten entgegentrat „wie bin ich glücklich, Sie wiederzusehen, Herr Professor.“ Als ich sie ein wenig verlegen begrüßte, sah sie wohl, daß ich sie nicht mehr erkannte -- in der Tat war ihre jugendliche Anmut völlig dahin; sie ließ mich raten, aber als ich durch den russischen Akzent in der Sprache verführt, immer vergeblich unter den Verwandten meiner Frau in meinem Gedächtnis herumsuchte, gab sie sich mir endlich zu erkennen. Ich bat sie mit mir in mein Arbeitszimmer zu kommen, und es entwickelte sich natürlich recht bald eine wissenschaftliche Unterhaltung, die sie aber mit einer gewissen Müdigkeit führte -- es war eben ein bewegtes, durch viele Schicksalsschläge getrübtes Leben an ihr vorübergegangen. Als ich ihr, durch einzelne Bemerkungen von ihrer Seite veranlaßt, aus vollster Überzeugung meine Meinung aussprach, daß sie doch mit Stolz und Befriedigung auf ihr Leben zurückblicken könne -- sie kam eben aus Petersburg, wo die Akademie sie hoch gefeiert hatte -- da gab sie mir trübe gestimmt die Antwort, die mir viel zu denken gab und später bei manchen Entschließungen meine Handlung beeinflußt hat, „eine Frau ist nur glücklich, wenn ihr die Männer zu Füßen liegen; vielleicht wäre ich glücklicher geworden, wenn ich Novellistin geblieben wäre!““
[Bearbeiten] Schriften
- Jugenderinnerungen, übersetzt von Louise Flachs-Fokschaneanu, S. Fischer, Berlin 1897 (später als Erinnerungen an meine Kindheit, Kiepenheuer, Weimar 1960)
- Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen, Reimer, Berlin 1874 (zugl. Dissertation, Universität Göttingen), Digitalisat
- Reinhard Bölling (Herausgeber) Briefwechsel zwischen Karl Weierstraß und Sofja Kowalewskaja, Berlin 1993
[Bearbeiten] Literatur
- Wilderich Tuschmann, Peter Hawig: Sofia Kowalewskaja. Ein Leben für Mathematik und Emanzipation. Lebensgeschichten aus der Wissenschaft. Birkhäuser, Basel, Boston und Berlin 1993, 184 S., ISBN 3-7643-2882-7
- Cordula Tollmien: Fürstin der Wissenschaft – die Lebensgeschichte der Sofja Kowalewskaja. Beltz & Gelberg 1995
- Ann Hibner Koblitz: A Convergence of Lives - Sofia Kovalevskaia: Scientist, Writer, Revolutionary. Birkhäuser, Boston 1983
- Rachmanowa, Alja: Sonja Kowalewski. Leben und Liebe einer gelehrten Frau, Rascher Verlag, Zürich 1950
- Reinhard Bölling Königin der Wissenschaft- Sofja Kowalewskaja zum 150. Geburtstag, Mitteilungen DMV, 2000, Nr.3
[Bearbeiten] Filmbiographie
- Ein Film über ihr Leben wurde von Lennart Hjulström 1983 in Schweden gedreht: Berget på månens baksida („Ein Berg auf der dunkle Seite des Mondes“) mit Gunilla Nyroos als Sofja Kovalewsky und Bibi Andersson als Anne Charlotte Leffler.
[Bearbeiten] Siehe auch
Sofja Kowalewskaja ist Namenspatronin des Sofja-Kovalevskaja-Preises der Alexander von Humboldt-Stiftung.
[Bearbeiten] Weblinks
-
Wikiquote: Sofja Kowalewskaja – Zitate - Literatur von und über Sofja Wassiljewna Kowalewskaja im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Mathematikerinnen in Deutschland - Sofja Vasilyevna Kovalevskaya
- Sofja Kowalewskaja Biographie und Links
- Sofja Kowaleweskaja Autobiographische Skizze, erzählt 1890, veröffentlicht 1901, der vollständige Text
| Dieser Artikel wurde in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kowalewskaja, Sofja |
| ALTERNATIVNAMEN | Kowalewski, Sonja; Kowalewsky, Sophie |
| KURZBESCHREIBUNG | russische Mathematikerin |
| GEBURTSDATUM | 15. Januar 1850 |
| GEBURTSORT | Moskau |
| STERBEDATUM | 10. Februar 1891 |
| STERBEORT | Stockholm |

