Kalmücken

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Porträt eines Kalmücken. Von Ilja Repin (1871)

Die Kalmücken (kalmückisch хальмг; russisch калмыки; deutsch auch Kalmüken oder Kalmyken geschrieben) sind ein westmongolisches Volk, das heute vor allem in der Autonomen Russischen Teilrepublik Kalmückien siedelt. Der Begriff wurde schon im frühen 14. Jahrhundert von islamischen Historikern für die Oiraten verwendet und später von den Russen für an der Wolga siedelnde Splittergruppen der Oiraten übernommen.

Die Kalmücken sind das einzige buddhistische mongolischsprachige Volk in den Grenzen Europas. Nach der Volkszählung 2002 lebten 173.996 Kalmücken in Russland[1]. Nach der Volkszählung 2010 lebten 183.372 Kalmücken in Russland[2], davon 162.740 in Kalmückien (57,4 % der Bevölkerung Kalmückiens).[3]

Sprache und Literatur[Bearbeiten]

Karte der Verbreitung Mongolischer Sprachen. Grau ist die Oiratische Sprache und weit im Westen die ähnliche Kalmückische Sprache.

Die kalmückische Sprache zählt zum westlichen Zweig der Sprachfamilie der mongolischen Sprachen und wird von rund 174.000 (Stand: 2002) Sprechern in Russland gesprochen. Ursprünglich wurde Kalmückisch in einer eigenen, senkrechten Alphabetschrift geschrieben. 1923 wurde diese jedoch auf Anordnung durch das kyrillische Alphabet ersetzt. In den 1930er Jahren versuchte man kurzzeitig, das lateinische Alphabet zu übernehmen, ohne dass dies dauerhaft gelang.

Die Oiraten in Xinjiang (China), in chinesischen Provinzen weiter östlich und in der westlichen Mongolei schreiben noch heute ihre eigene Schrift, die von der mongolischen Schrift abgeleitet ist. Die Unterschiede zwischen der oiratischen und kalmückischen Sprache sind gering und nur durch die räumliche Entfernung der letzten 200 Jahre und durch Sprachpolitik verursacht. Dagegen ist die Verständigung mit Sprechern anderer mongolischer Sprachen kaum möglich.

Zu den bedeutendsten Werken kalmückischer Sprache gehört das aus dem 15. Jahrhundert mündlich überlieferte Heldenepos Džangar in zwölf Gesängen.

Traditionelle Lebensweise[Bearbeiten]

Kalmückische Siedlung transportabler Jurten (kalmückisch: "Gher") vor der Zeit der Sowjetunion.

Als Nomaden und Halbnomaden lebten die Kalmücken bis ins 20. Jahrhundert vorwiegend von Viehzucht, auch von Fischfang und vereinzelt Ackerbau. Als Viehzüchter hielten die Kalmücken vorwiegend Rinder, das Kalmücken-Rind ist nach ihnen benannt, aber auch Kamele, Pferde, Schafe und Ziegen. Obwohl Kalmückien, wie die Ukraine, einen sehr fruchtbaren Schwarzerde-Boden hat, ist Ackerbau in der fast wasserlosen Steppe traditionell nur in den wenigen Flusstälern möglich.

Eine kalmückische Teezeremonie Ende 19. Jahrhundert im Don-Bezirk.

Der nomadischen Lebensweise entsprechend stark war der traditionelle Familienbund auf Zusammenhalt ausgerichtet. Eltern, verheiratete Kinder mit Familien und unverheiratete Kinder bildeten die Großfamilie. Mehrere dieser Sippenverbände bildeten nomadische Dorfverbände, von denen wiederum mehrere entsprechend ihrer Abstammungslinien einen Klan bildeten. Mehrere Klans bildeten einen traditionellen Stamm. Die kalmückisch-oiratische Gesellschaft besteht aus vier großen und mehreren kleinen Stämmen (siehe unten). Traditionell standen Fürsten (tayischi oder khan genannt) den verschiedenen Stämmen vor. Obwohl sich jeder Kalmücke und Oirate seiner ererbten Stammeszugehörigkeit bewusst ist, kam es nach militärischen Niederlagen einzelner Stammesfürsten in der Geschichte immer wieder dazu, dass sich seine Anhänger anderen Stammesfürsten anschlossen, weshalb heute in Kalmückien und auch im westlichen China die Angehörigen mehrerer Stämme gemischt leben. Neben den Fürsten und dem nachrangigen niederen Adel gab es die Gemeinen sowie einen buddhistischen Priester- und Mönchsstand. Die kalmückische Kultur ähnelte der Kultur anderer Mongolen.

Infolge der vom Sowjetregime in den 1930er Jahren betriebenen Ansiedlung leben die Kalmücken heute dagegen in festen Dörfern und Städten, die Gesellschaft ist sozial differenzierter und moderner. Außerdem wurde in sowjetischer Zeit die vollständige Alphabetisierung der Kalmücken durchgesetzt. Allerdings schädigte die sowjetische Wirtschaftspolitik auch die Landwirtschaft, denn in den Wirtschaftsplänen seit den 1960er Jahren war Kalmückien vorwiegend für die Haltung von Merinoschafen bestimmt, die die Vegetation so stark abfraßen, dass es in einigen Regionen zur Wüstenbildung kam.

Religion[Bearbeiten]

  • Das Siedlungsgebiet der Kalmücken - eingezeichnet als „Tibetischer Buddhismus“.
Der „Goldene Tempel“ in Elista für Buddha Shakyamuni, eingeweiht am 27. Dezember 2005.

Viele Kalmücken sind, wie andere mongolische Völker, Anhänger des tibetischen Buddhismus, der auch Lamaismus genannt wird, der Gelug(pa)-Schule („Gelbmützen“). Zu dieser Religion konvertierten sie im Laufe des 17. Jahrhunderts, vorwiegend in der ersten Hälfte, zuvor waren sie schamanistisch.[4] Der erste Oiraten-Stamm, der zum Gelug-Lamaismus konvertierte, und der zweite mongolische Stamm überhaupt (nach dem Stamm unter Altan Khan) waren die Choschuten, die weit im Osten in Tibet und nördlichen Nachbargebieten siedeln. Der Choschuten-Herrscher Gushri Khan (1582–1655) half dem Oberhaupt der Gelugpa, dem fünften Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho (1617–1682) mit militärischen Mitteln an die Macht in Tibet im Krieg gegen die Oberhäupter anderer Schulen, besonders gegen das Oberhaupt der Karma-Kagyü-(„Schwarzmützen“-)Schule, den zehnten Karmapa Chöying Dorje und gegen die tibetische Tsangpa-Dynastie. Dadurch begründeten die oiratischen Choschuten die Herrschaft der Dalai Lamas in Tibet. Gleichzeitig schickten die Choschuten Missionare des Gelug-Lamaismus zu den anderen Oiraten bis ins Gebiet der unteren Wolga, die ebenfalls konvertierten. Bekanntester Missionar war Zaya Pandita.

Teilweise besuchten die Kalmücken früher buddhistische Zeremonien in mobilen Jurten, seit dem 17. Jahrhundert entstanden auch mehrere Klöster und Tempel (kalmückisch: Churul), von denen vor der Zeit der Sowjetunion etwa 60 existierten. Alle wurden in sowjetischer Zeit abgerissen oder anders verwendet, und der Atheismus wurde gefördert. Fast alle heutigen Tempel und Klöster in Kalmückien und den Nachbarregionen wurden erst nach dem Untergang der Sowjetunion neu erbaut, nur einer wird rekonstruiert.

Neben den Buddhisten gibt es auch einige muslimische Kalmücken und kleine christliche Gemeinden sowie viele Atheisten.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Geschichte der Oiraten und die oiratische Expansion 13.–17. Jahrhundert[Bearbeiten]

Reste des Mongolenreiches (brauner Hintergrund) vor 1500. Grüne Schrift: Nachfolgestaaten, alle inzwischen turksprachig und (außer dem Khanat Sibir) auch islamisiert. Blaue Schrift: Mongolische Stammesverbände, darunter die vier Oiratenstämme. Schwarze Schrift: andere Staaten und Völker.

Die westmongolischen Oiraten sind seit etwa 1200 südlich des Altaigebirges nachweisbar und wurden dort von Dschingis Khan unterworfen und beteiligten sich an der mongolischen Expansion im 13. Jahrhundert. Nach dem Zerfall des Mongolenreiches und dem Rückzug der Mongolen aus China 1368 lebten sie wieder in der Umgebung des Altai. Dort bildeten sie ab etwa 1400 bis 1636 eine Stammes-Konföderation aus den vier Hauptstämmen der Dürbeten (Dörböd), Torguten (Torghuud), Choschuten (Choschuud) und Chorosen (Choros). Daneben gibt es einige kleinere Oiratenstämme. Die Angehörigen dieser Konföderation wurden als Oiraten von mongolisch Oirad (oiratisch/kalmückisch Öörd) bezeichnet. Ein andere Bezeichnung "Dsungaren" von mongolisch: Dschüün Ghar ("linker Flügel") bezeichnete ursprünglich alle Oiraten, wurde aber seit dem 17. Jahrhundert in anderen Sprachen nur noch für den Teilstamm der Chorosen verwendet[5]. Eine weitere Alternativbezeichnung "Kalmücken" von turksprachig: chalmach (einige Autoren deuten diesen Begriff als "Rest", weil sie sich von den übrigen turksprachigen und muslimischen Nomaden unterschieden, die Bedeutung ist aber umstritten und nicht hinreichend geklärt) ist bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar[5]. Daraus entwickelte sich der russische Name kalmyk, der sich aber später als Begriff für die weit im Westen lebenden Gruppen etablierte.

Nach dem Rückzug der Mongolen in die Steppe 1368 folgt eine lange Phase von Konflikten zwischen den verschiedenen Stammesverbänden um die Vorherrschaft, bei denen die Oiraten zeitweilig unter Esen Tayishi (1439/40–55) zur dominierenden Macht wurden, später aber von den Khalkha-Mongolen unter Dayan Khan (ca.1470–1553) und später 1552 und 1577 geschlagen wurden. In der Folgezeit, ca. 1600–1630 wanderte die Mehrheit der Oiraten, besonders Angehörige der vier großen Stämme, aus ihrer alten Heimat aus.

Die meisten Choschuten wandten sich nach Osten und etablierten sich als Nomaden im Westen der heutigen chinesischen Autonomen Provinz Innere Mongolei, in der Provinz Gansu und in der tibetischen Region Amdo, die etwa der heutigen chinesischen Provinz Qinghai entspricht. Wie erwähnt, waren sie diejenigen, die zuerst zum Gelug-Lamaismus konvertierten, die Vorherrschaft der Dalai-Lamas in Tibet durchsetzten und die anderen Oiraten zu dieser Religion missionierten. Ihre Fürsten bezeichneten sich selbst als "Könige von Tibet", beherrschten aber faktisch nur ihre Siedlungsgebiete direkt und bildeten im übrigen Tibet für 100 Jahre eine zweite Macht nach den verbündeten Dalai Lamas.

Die Torguten unter Khu Urluk († 1643) zogen von ihrer ursprünglichen Heimat in Xinjiang aus dagegen am weitesten westwärts. Dabei wanderten sie durch das südliche Sibirien erst in Richtung Ural, um sich ab 1632 zuerst links, dann auch rechts der unteren Wolga niederzulassen. Ihr bedeutendster Khan war Ayuki (reg. 1670–1724), der einzelne russische Städte (z. B. Kasan) angriff, bis er von Zar Peter I. mit dem russischen Grenzschutz betraut wurde.

Im Gebiet zwischen den Choschuten im Osten und den Torguten im Westen nomadisierten die Dürbeten und die Dzungaren (Chorosen) und kleinere Stämme, die Dürbeten anfangs weiter westlich, etwa zwischen Mittel-Kasachstan und dem Balchaschsee und die Dzungaren östlich davon, vom Balchaschsee bis etwa Ürümqi.

Die große Ausdehnung dieses Gebietes soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Bewohner weit zahlreichere, aber unterworfene Tibeter, Uiguren, Kirgisen und Kasachen waren. In der Geschichte Kasachstans wird die Zeit der Angriffe der Oiraten und der oiratischen Herrschaft als zweite Mongolenzeit oder als "Großes Unglück" bezeichnet. Auch bildeten die Oiraten kein einheitliches Reich, weil die oiratische Stammes-Konföderation in den 1630er Jahren zerfallen war und jeder Stammesfürst agierte selbstständig.

Das Torgutenkhanat und inneroiratische Konflikte 17.–18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Torguten unter Khu Urluk eroberten und besiedelten Anfang des 17. Jahrhunderts im Bündnis mit den Dürbeten unter Dalay-Bagatur das untere Wolgagebiet. Dabei gerieten sie in Konflikt mit den muslimischen nomadischen Vorbewohnern der Nogaier, die sich nach einigen Niederlagen anfangs unterwarfen, schließlich aber 1635 nach Westen abwanderten. Die "Kleine Horde" der Nogaier emigrierte in die Umgebung von Asow und flüchtete nach Kriegsvorbereitungen Khu Urluks 1636/37 weit nach Westen in die damals noch osmanisch beherrschten Regionen Dobrudscha, Jedisan und Budschak. Die Mehrheit emigrierte 18./19.Jahrhundert weiter ins Osmanische Reich. Die "Große Horde" der Nogaier flüchtete dagegen ins Steppenvorland Nordkaukasiens. Khu Urluk starb bei einem Feldzug im Kaukasus gegen sie. Seit dem Abzug der Nogaier wurden die Steppengebiete des Wolga-Uralgebietes von Torguten/Kalmücken dominiert.

Ausbreitung des Dsungarenreiches (grün) von West-Tibet bis zum Uralfluss auf einer französischen Karte 1720. Nordwestlich ist auch das "Camp de l'Ajuku Chan" (="Camp des Ayuki") eingezeichnet.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgten oiratische Kriege um die Vorherrschaft in der 1636 zerfallenen Oiratenkonföderation, die im 18. Jahrhundert von den Kasachen zum Aufstand gegen die Oiraten und von China und Russland zur Unterwerfung der übrigen Kalmücken bzw. Oiraten genutzt wurden. Anfangs versuchten die Dsungaren (Chorosen) unter Khungtaidschi Batur und seinen Nachfolgern durch Unterwerfung der Dürbeten die Einheit gewaltsam zu erneuern. Khu Urluks Nachfolger Daichin unterwarf die flüchtenden Dürbeten und beendete die dsungarische Expansion nach Westen etwa am Uralfluss. Dadurch strömten auch Oiraten, die nicht zum Stamm der Torguten gehörten, in größerer Zahl ins westliche Kalmückenkhanat. Im Osten kamen die Dsungaren bei einer Invasion im westlichen Tibet in Konflikt mit den Choschuten, die Tibet verteidigten. Der Choschutenherrscher Lhabsang Khan starb 1717 bei der Verteidigung der Hauptstadt Lhasa gegen die Dsungaren.

Diese oiratischen Konflikte nutzte zuerst die chinesische Armee der mandschurischen Kaiser der Qing-Dynastie 1715–24 zur Expansion Chinas nach Westen. Zuerst wurden das Choschutenkhanat beseitigt und ihre Hauptsiedlungsgebiete als chinesische Provinzen Gansu und Qinghai angeschlossen, die südlicheren Teile des Hochlandes von Tibet wurden zum chinesischen Protektorat unter den Dalai Lamas. Auch die Dsungaren mussten 1720 eine Niederlage gegen die chinesische Armee hinnehmen und sich aus dem westlichen Tibet zurückziehen, woraufhin sie Anlehnung an Russland suchten und unter Galdan Tsereng (1727–45) erneut größere Teile Kasachstans unterwarfen. Das Verhältnis zum Torgutenkhanat bzw. den "Kalmücken" im Westen blieb politisch angespannt. Das Dsungarenreich wurde 1745–57 von China im Osten beseitigt und gleichzeitig beendeten im Westen die Kasachen die Herrschaft der Dsungaren. Die Oiraten aus dem heutigen Kasachstan flüchteten entweder nach Osten in die nun chinesisch beherrschte Dsungarei oder zu den westlichen Kalmücken. Durch diese Ereignisse Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Kalmücken im Westen etwa 2000 Kilometer weit von den übrigen Oiraten im Osten räumlich getrennt.

Lange Zeit pflegten die Kalmücken im Westen Bündnisse mit Russland vor allem gegen die Nogaier. Seit Ende des 16. Jahrhunderts, verstärkt aber seit Anfang des 18. Jahrhunderts expandierten mit Russland verbündete Terekkosaken und Kubankosaken ins südrussische Vorland Nordkaukasiens. Dabei wurden die Nogaier auch mit Hilfe der kalmückischer Verbände allmählich an den oberen Kuban und an den mittleren Terek abgedrängt (z.B. in den heutigen Rajon der Nogai (Dagestan)). Seit Anfang des 18. Jahrhunderts war das Kalmückenkhanat faktisch ein Vasall Russlands.[6]

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Kalmücken mit einer Ansiedlungspolitik von Kosaken, Wolgadeutschen u.a. konfrontiert, die ihre Weideflächen verkleinerte.[6] Unzufrieden mit dieser Politik beschlossen die Kalmücken unter Ubaschi Khan (reg. 1761–1771/5) Anfang 1771 zur großen Mehrheit, ins alte Siedlungsgebiet am Altai zurückzukehren. Vom Januar 1771 bis 1786 kehrten sie unter starken Verlusten durch den Widerstand der Kasachen zurück ins alte Stammland. Nur 66.000 von über 169.000 Menschen überlebten und kamen am Ili an, wo ihnen der Qing-Kaiser Weideplätze zuwies. Die Gruppen westlich der Wolga blieben aufgrund der Unpassierbarkeit des Flusses und weil Kosaken die einzige Wolgabrücke gesprengt hatten, in jenem Frühjahr zurück und gehören seitdem zu Russland.[7]

Die Kalmücken in Russland vom 18. Jahrhundert bis heute[Bearbeiten]

Ein ehemaliger Gedächtnistempel nahe Astrachan für kalmückische Einheiten, die 1812 gegen die französische Armee kämpften.

Die verbliebenen Kalmücken lebten bis ins 20. Jahrhundert als Nomaden und Halbnomaden zwischen der unteren Wolga und dem unteren Don. Obwohl die Kalmücken nicht zum Wehrdienst verpflichtet waren, gehörten kalmückische Einheiten in den Kriegen des 18. und 19. Jahrhunderts zur Armee Russlands. Eine Minderheit trat auch in die Verbände der Kosaken ein und wurde dabei christlich getauft.

Nach der Februarrevolution 1917 bildeten die Kalmücken wie viele andere Minderheiten Russlands einen Nationalrat, der unter Fürst Dmitri Tundutow, einem ehemaligen Adjutanten Kaiser Nikolaus' II. stand. Im Russischen Bürgerkrieg 1918–20 standen viele westlichere "Don-Kalmücken" auf der Seite der gegen die Bolschewiki kämpfenden Weißen Armee, während die östlicheren "Astrachan-Kalmücken" von der Roten Armee beherrscht wurden. Ein Teil der Kalmücken emigrierte am Ende des Krieges ins Ausland. Durch Emigration und Opfer in der Kriegszeit ging die kalmückische Bevölkerung von 190.648 zur Volkszählung 1897[8] auf 127.651 im Jahre 1926[9] zurück.

In der Sowjetunion erhielten die Kalmücken ein Autonomes Gebiet, das später zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) innerhalb der Russischen SFSR ausgerufen wurde. Im Zuge der Kollektivierung wurden die Kalmücken zur Sesshaftigkeit gezwungen. Diese abrupte Zwangsansiedelung führte anfangs zu Hungersnöten, vom benachbarten Nomadenvolk der Kasachen starben in den 1930er Jahren 1,3–1,5 Millionen Menschen. Teilweise unterstützten die Kalmücken nach diesen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg die einmarschierende Wehrmacht und begleiteten sie auf ihrem Rückzug.[10] Die Kalmückische ASSR wurde in Vergeltung für die Kollaboration aufgelöst und die restliche kalmückische Bevölkerung nach Sibirien zwangsumgesiedelt. Ein Drittel der Deportierten kam ums Leben. Die nach Polen und Deutschland ausgewanderten Kalmücken wurden überwiegend repatriiert. Strafdeportationen nach Mittelasien und Sibirien trafen unter Stalin auch andere sowjetische Völker, wie die Krimtataren, Karatschaier, Balkaren, Inguschen und Tschetschenen. In allen Fällen war die Zahl der gegen die Rote Armee kämpfenden Menschen kleiner, als die Zahl der in der Roten Armee kämpfenden Menschen. Unter Chruschtschow durften die Deportierten ab 1958 in die wiedergegründete Kalmückische ASSR zurückkehren. Bei der Volkszählung 1959 lebten nur noch 106.066 Kalmücken[11].

Mit über 180.000 Menschen im Jahr 2010 lag die Bevölkerungszahl der Kalmücken noch unter dem Stand von 1890. Die Regierung der russischen Republik Kalmückien verfolgt aber eine Politik der Rücksiedlung der etwa 150.000 Kalmücken aus Westchina, deren Vorfahren 1771–86 abwanderten und die Regierungen Russlands und Chinas befürworten diese Pläne.[12] Sollte diese Politik erfolgreich sein, wird die Zahl der Kalmücken in Russland zunehmen.

Bekannte Kalmücken[Bearbeiten]

Jewgenia Mandschiewa

Literatur[Bearbeiten]

  • Benjamin Fürchtegott Balthasar von Bergmann: Nomadische Streifereien unter den Kalmücken in den Jahren 1802 und 1803. Riga 1804/5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche), fotomechanischer Nachdruck mit Einführung von Siegbert Hummel, Oosterhout/Niederlande 1969.
  •  Elza-Bair Guchinova (Autor), David C. Lewis (Übersetzer): The Kalmyks: A Handbook (Caucasus World). Routledge Curzan, Abingdon (Oxon) und New York 2006, ISBN 978-0700706570.
  •  Joachim Hoffmann: Deutsche und Kalmyken 1942 bis 1945. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Einzelschriften zur militärischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs. 14, Rombach, Freiburg 1974, ISBN 3-7930-0173-3.
  • Konstantin Nikolaevich Maksimov: Kalmykia in Russia´s past and present: National policies and administrative system. Budapest, New York 2008 (Übersetzung der russischen Originalausgabe 2002).
  •  Emanuel Sarkisyanz: Geschichte der orientalischen Völker Rußlands bis 1917. R. Oldenbourg Verlag, München 1961, S. 252-261.
  •  Michael Weiers (Hrsg.): Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1986, ISBN 3-5340-3579-8.

Siehe auch[Bearbeiten]

Kalmückisches Kavalleriekorps

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kalmücken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Demoskop Weekly (Online), Demoskopischen Abteilung des russischen Institutes für Ethnologie und Anthropologie (Hrsg.): Russische Volkszählung 2002. Zeile "Калмыки". Nr. 481-482, 10.-23. Oktober 2011 (Originaltitel: Демоскоп Weekly), ISSN 1726-2887 (online, abgerufen am 19. Oktober 2011).
  2. Offizielle Ergebnisse der Volkszählung Excel-Tabelle 5, Zeile 81.
  3. Ergebnisse der Volkszählung Russlands 2010, Excel-Tabelle 7, Zeile 341.
  4. vgl. z. B. Dietmar Schorkowitz: The Orthodox Church, Lamaism, and Shamanism among the Buriats and Kalmyks 1825-1925. in: Robert P. Geraci, Michael Khodarkovsky: Of religion and empire: missions, conversion, and tolerance in Tsarist Russia Ithaca/ New York 2001, S. 201 ff.
  5. a b  Michael Weiers (Hrsg.): Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1986, ISBN 3-5340-3579-8, S. 185 u. 210.
  6. a b  Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich: Entstehung - Geschichte - Zerfall. 2. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 3-4065-7739-3, S. 46f.
  7.  Michael Khodarkovsky: Where two worlds met: The Russian State and the Kalmyk nomads 1600-1771. Cornell University Press, Ithaca, New York 1992, ISBN 978-0801425554, S. 207-235.
  8. Volkszählung 1897
  9. Volkszählung 1926
  10. Artikel aus "Der Freitag" im Webarchiv, zu beachten ist, dass nur eine Minderheit von ca. 10.000 Menschen nach den Erfahrungen unter Stalin mit der Wehrmacht kollaborierte.
  11. Volkszählung 1959
  12. Bericht aus dem "Neuen Deutschland" 2006 auf der Webseite der AG Friedensforschung
  13. Profil "Eugenia Mandzhieva" auf Fashionmodeldirectory