Umsiedler

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Deutsche Karte von 1939 zu Umsiedlungen aus Nordost- und Südosteuropa in den Warthegau

Umsiedler sind Personen, die Beteiligte einer Umsiedlung sind. Dabei handelt es sich um eine größere Bevölkerungsgruppe, die durch staatlich gelenkte Maßnahmen in einer gemeinsamen Umsiedlungsaktion ihren bisherigen Lebensraum verlässt. Es kann sich um eine freiwillige Migration oder eine Zwangsmigration handeln. Beispiel für Letzteres sind die von der österreichischen Hofkanzlei im 18. Jahrhundert verordneten Transmigrationen. Größere Umsiedlungen fanden im 20. Jahrhundert in Europa vor allem unmittelbar vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg statt.

Polen nach dem Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Mit dem Friedensvertrag von Versailles wurden der zweiten polnischen Republik u. a. Teile der Provinzen Westpreußen, Posen und Oberschlesiens des Deutschen Reiches zugeschlagen[1]. Bisher dort lebende Deutsche (Optanten) hatten die Wahl, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen, oder das Gebiet zu verlassen und umzusiedeln. Unmittelbar danach verließen 200.000 deutsche Umsiedler die der Republik Polen zugesprochenen Gebiete.

Andere Staaten[Bearbeiten]

1913 gab es in Friedensverträgen zwischen der Türkei mit Bulgarien und Griechenland erste Umsiedlungsregelungen zum abgetretenen Thrakien. 1923 wurden im Rahmen des Vertrags von Lausanne 1,5 Millionen Griechen nach Griechenland und eine halbe Million Türken in die Türkei umgesiedelt. Weitere Vertragswerke gab es beispielsweise 1940 zwischen Rumänien und Bulgarien (Vertrag von Craiova) wegen der Dobrudscha, Bulgarien und Griechenland (→Thrakische Bulgaren), Ungarn und der Tschechoslowakei 1946 in Bezug auf Slowaken.

Deutsches Reich von 1933 bis 1945[Bearbeiten]

Treck volksdeutscher Umsiedler aus Cholm, in Polen 1940
NSV händigt den Umsiedlern im Lager Pinne Bilder von Adolf Hitler für ihre Wohnungen aus.
Umsiedler aus Litauen in Ostpreußen (1941)

Während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges waren von einer Umsiedlung viele Gruppen von Volksdeutschen betroffen. Zwischen 1939 und 1943 wurden sie unter der Losung „Heim ins Reich“ aus ihren (oft schon seit vielen Generationen bewohnten) nichtdeutschen Siedlungsgebieten in die eroberten Ostgebiete umgesiedelt. Es handelte sich um Verschiebungen von Menschen aus nationalstaatlichen Ideologien auf Initiative des Deutschen Reichs. Bei befreundeten oder vom Deutschen Reich abhängigen Staaten waren bilaterale Verträge Grundlage der Umsiedlungen, bei militärisch besetzten Staaten wurde dies nicht als notwendig erachtet. Umsiedler wurden eingebürgert, womit sie für den Reichsarbeitsdienst dienstpflichtig und wehrpflichtig wurden. Für ältere Umsiedler gab es Ausnahmen von der Wehrpflicht.

Die Umsiedlung betraf folgende Volksgruppen und Gebiete:

Die Umsiedlungsaktionen haben ihren Ursprung in Adolf Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 zum Zerfall des polnischen Staates infolge der deutschen Besetzung. Darin äußerte er, das im „Zeitalter des Nationalitätenprinzips und des Rassegedankens“ eine „neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“ notwendig sei. Das bezog er nicht nur auf den Raum Polen, sondern sprach auch vom weiteren Osten und Südosten Europas, der mit „nichthaltbaren Splittern des deutschen Volkstums“ gefüllt sei. Zum einen versprach er sich davon, dass Minderheitenkonflikte in den Nationalstaaten verhindert werden. Zum anderen sollte das umzusiedelnde Menschenpotenzial das von Deutschland eroberte Polen sowie den polnischen Korridor besiedeln. Das erforderte wiederum, dass die ortsansässige Bevölkerung in den Ansiedlungsgebieten vertrieben oder umgesiedelt wurde. Davon waren allein im Warthegau zwischen 1939 und 1944 rund 630.000 polnische und jüdische Bewohner betroffen.

Größtenteils wurden die deutschstämmigen Umsiedler aus dem nordost- und südosteuropäischen Raum in den vom Deutschen Reich annektierten Teilen Polens angesiedelt, wie im Warthegau und im Generalgouvernement. Sie gerieten daher 1944/45 in den alle in Ostdeutschland und Osteuropa lebende Deutsche erfassenden Prozess von Flucht und Vertreibung. In Westdeutschland sowie der Bundesrepublik Deutschland blieb der NS-spezifische Umsiedler-Begriff zur Bezeichnung dieser besonderen Teilgruppe der Heimatvertriebenen weiter in Gebrauch.

Im Holocaust diente der Begriff „Umsiedlung“, ähnlich wie „Endlösung“ und „Sonderbehandlung“, auch als euphemistische Tarnbezeichnung für den Transport der Juden in die Vernichtungslager.

Deutsche Demokratische Republik[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ordnete die sowjetische Besatzungsmacht im Herbst 1945 für ihre Besatzungszone an, alle deutschen Flüchtlinge oder Heimatvertriebenen künftig offiziell als „Umsiedler“ zu bezeichnen. Dieser Sprachgebrauch wurde zwar in der Gesellschaft und insbesondere unter den Betroffenen selbst nur bedingt nachvollzogen, doch im offiziellen politischen und bürokratischen Sprachgebrauch wurde seither auch in der DDR von „Umsiedlern“ oder sogar „ehemaligen Umsiedlern“ gesprochen. Damit bezeichnete man eine in der SBZ/DDR lebende Großgruppe von 1947 etwa 4,3 Millionen Menschen, die jedoch bis 1961 (insbesondere durch eine überdurchschnittliche Beteiligung an der „Republikflucht“ nach Westdeutschland) auf etwa 3 bis 3,5 Millionen zurückgegangen sein dürfte. Zeitweilig existierten im SED-Staat entsprechend auch Umsiedlerverwaltungen (1945–1948/50) und ein sozialpolitisch ausgerichtetes Umsiedlergesetz (1950; voller Titel: Gesetz zur weiteren Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik mit Hilfen für vertriebene Landwirte, Handwerker, Schüler und Auszubildende sowie einem Kreditprogramm für den Erwerb dringenden Hausrats).

Nach 1953 gab es in der DDR keine derartige sozialpolitisch motivierte Umsiedlerpolitik mehr. Die Novelle von Anna Seghers und das Drama von Heiner Müller, die beide den Titel Die Umsiedlerin tragen, nehmen auf diese DDR-Sprachpolitik Bezug. Im Zuge der Wende 1989/90 gründete Bernhard Fisch zusammen mit Gleichgesinnten den „Verband der Umsiedler der DDR“,[2] der im Bund der Vertriebenen aufging.

Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

Die räumliche Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 war in allen deutschen Besatzungszonen chaotisch verlaufen und hatte – ohne auf langfristige Erwerbschancen zu achten – insbesondere ländliche Regionen (im Westen etwa Schleswig-Holstein, im Osten etwa Mecklenburg-Vorpommern) zu Schwerpunkten der Vertriebenensiedlung gemacht. Diese Disproportionen entkrampften sich sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR nach 1950 wesentlich durch individuelle Arbeitsmigration in vielversprechendere (insbesondere schwerindustrielle) Nachbarregionen. Zugleich aber entwickelte die frühe Bundesrepublik auch staatlich geplante Programme von „Umsiedlung“ zur besseren Lastenverteilung zwischen den deutschen Bundesländern. Auf diesen binnen-westdeutschen „Umsiedler“-Begriff bezieht sich die gleichnamige Novelle von Arno Schmidt. Ähnliche Diskussionen über „Binnenumsiedlung“ wurden auch in der DDR geführt und in kleinerem Maßstab umgesetzt.

Russischer Sprachgebrauch[Bearbeiten]

Außerhalb dieser deutschen Sprachpolitik wurde auch im russischen Sprachgebrauch der 1930er bis 1950er Jahre ein Äquivalent des „Umsiedler“-Begriffs zur Bezeichnung für diverse innersowjetische Zwangsdeportationen im Kontext der Stalinschen Säuberungen benutzt. Es ist wahrscheinlich, dass dieser russische Sprachgebrauch die beschriebene Sprachpolitik der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR mitbeeinflusst hat. Inwiefern er mit dem beschriebenen NS-Sprachgebrauch in Zusammenhang steht (die Sowjetunion war ein wichtiger Vertragspartner für Hitlers „Umsiedlungen“), muss dahingestellt bleiben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heike Amos: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1990 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernr.). Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59139-2.
  • Hellmuth Hecker (Hrsg.): Die Umsiedlungsverträge des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges (= Werkhefte der Forschungsstelle für Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht der Universität Hamburg. H. 17). Forschungsstelle für Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht der Universität Hamburg, Hamburg 1971, ISBN 3-7875-2117-8.
  • Dierk Hoffmann, Marita Krauss, Michael Schwartz (Hrsg.): Vertriebene in Deutschland. Interdisziplinäre Ergebnisse und Forschungsperspektiven (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernr.). Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-64505-6.
  • Heike van Hoorn: Neue Heimat im Sozialismus. Die Umsiedlung und Integration sudetendeutscher Antifa-Umsiedler in die SBZ/DDR. Klartext, Essen 2004, ISBN 3-89861-241-4 (Zugleich: Münster, Univ., Diss., 2002).
  • Stefan Nagelstutz: „Umsiedler“ in der SBZ/DDR. Vertriebenenintegration in der SBZ/DDR 1945–1953. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-6077-4.
  • Alexander von Plato, Wolfgang Meinicke: Alte Heimat – Neue Zeit. Flüchtlinge, Umgesiedelte, Vertriebene in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR. Verlags-Anstalt Union, Berlin 1991, ISBN 3-372-00404-3.
  • Michael Schwartz: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“. Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945–1961 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte. Bd. 61). Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-56845-0 (Zugleich: Münster, Univ., Habil.-Schr., 2001).
  • Manfred Wille (Hrsg.): Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (= Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund. Bd. 13). Harrassowitz, Wiesbaden 1993, ISBN 3-447-03404-1.

Film[Bearbeiten]

  • Jacek Kubiak, Klaus Salge (Regie): Eine blonde Provinz – Polen und der deutsche Rassenwahn. Dokumentation, Deutschland 2009, 52 Min. (Im Westen Polens plante das NS-Regime eine „blonde Provinz“ durch die Ansiedlung Volksdeutscher z. T. aus sowjetischen Gebieten. Anhand unter anderem der Biographien von drei betroffenen Polen aus Posen. Die von den Besatzern so genannten Übergangslager für Polen ähnelten Konzentrationslagern: Hunger, Krankheiten und Morde waren dort Alltag.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Volks-Brockhaus, 10. Auflage, Leipzig 1943, S. 541
  2.  Bernhard Fisch: „Wir brauchen einen langen Atem“. Die deutschen Vertriebenen 1990–1999. Eine Innenansicht. Verlag Neue Literatur, Jena u. a. 2001, ISBN 3-934141-13-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Umsiedlung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen