Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung Tunesiens 2011

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Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung Tunesiens 2011
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Sitzverteilung
        
Von 217 Sitzen entfallen auf:

Die Wahl der Verfassunggebenden Versammlung in Tunesien 2011[2] fand am 23. Oktober 2011 statt. Sie wurde vom tunesischen Staatspräsidenten Fouad Mebazaâ in einer Fernsehansprache am 3. März 2011 für den 24. Juli angekündigt, am 8. Juni 2011 jedoch auf den 23. Oktober verschoben.[3] Es handelte sich um die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes. Bei der Wahl wurden die Mitglieder der Abgeordnetenkammer für eine Legislaturperiode von einem Jahr gewählt. Aufgabe der Verfassunggebenden Versammlung soll es unter anderem sein, eine neue Verfassung auszuarbeiten und die nächsten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zu organisieren.[4] Weiterhin soll sie die Macht haben, entweder eine neue Regierung zu ernennen oder die Amtszeit der gegenwärtigen Regierung bis zu allgemeinen Wahlen zu verlängern.[5] 217 Sitze werden durch die Wahl bestimmt.[6]

Hintergrund[Bearbeiten]

Die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung sollen nach der Revolution in Tunesien 2010/2011 einen Ausweg aus dem Dilemma weisen, dass die alte tunesische Verfassung Festlegungen enthält, die nicht geeignet sind, den Übergang des Landes von der Diktatur des geflohenen Präsidenten Ben Ali in eine Mehrparteien-Demokratie durch Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zu gewährleisten. Unter anderem sieht sie für den Fall, dass das Präsidentenamt nicht besetzt ist, Neuwahlen innerhalb von 60 Tagen vor. Damit wären – gerechnet ab der Flucht Ben Alis am 14. Januar 2011 – Präsidentschaftswahlen bis Mitte April 2011 notwendig. Eine Frist, die die Organisation demokratischer Wahlen unter den gegebenen Umständen kaum zulässt. Die alte Verfassung war zudem auf die damalige Regierungspartei Konstitutionelle Demokratische Sammlung (RCD) zugeschnitten und benachteiligte jede ernsthafte Opposition.

Wahlsystem[Bearbeiten]

Gewählt wurde nach dem Verhältniswahlrecht. Eine Sperrklausel gab es nicht. Alle Wahllisten mussten geschlechterparitätisch besetzt sein.

Wahlbezirke, Kandidaten, Parteien[Bearbeiten]

Neben den 27 Wahlbezirken im Inland wurden auch 6 im Ausland eingerichtet: in Marseille und Paris, in Italien, Deutschland, Kanada und Abu Dhabi. Insgesamt gab es 1600 verschiedene Kandidatenlisten (Stand Mitte September 2011). Gut die Hälfte (845) wurden von Parteien aufgestellt, 678 von Unabhängigen und 77 von Parteienbündnissen.[6]

Umfragen favorisierten die Partei Ennahda von Rachid al-Ghannouchi, die tunesische Variante der Nahda-Bewegung. Al-Ghannouchi war im Januar 2011 nach mehr als 20 Jahren aus seinem Exil in London zurückgekehrt und hatte seine Partei wieder offiziell anerkennen lassen. Ebenfalls wurde der säkularen Progressiven Demokratischen Partei (PDP) von Ahmed Najib Chebbi und Maya Jribi sowie dem sozialdemokratischen Ettakatol (FDTL) von Mustapha Ben Jaafar gute Chancen eingeräumt.[7][8]

Spitzenkandidaten[Bearbeiten]

Wahl[Bearbeiten]

Die Wahlbeteiligung lag bei 52 %.[9] Da die Wahlbeteiligung alle Erwartungen übertraf, kam es bereits am frühen Morgen zu Warteschlangen. Teilweise mussten die Wahlwilligen stundenlang anstehen. Die Wahllokale waren von 7 bis 19 Uhr geöffnet.[10]

Insgesamt waren rund 8,3 Millionen Tunesier (Registrierte und Nichtregistrierte) im In- und Ausland wahlberechtigt.

Auf den regionalen Wahllisten der Parteien mussten sich Frauen und Männer abwechseln, wobei bei 93 % aller Listen ein Mann an erster Stelle stand.[11] Da auf viele Wahllisten nur ein Sitz entfiel, ergab sich unter den gewählten Abgeordneten ein Frauenanteil von 26 %.[12]

Nationales Ergebnis[Bearbeiten]

Parteien Stimmen  % Sitze
 Ennahda 1.501.320 37,04 % 89
 Kongress für die Republik (CPR) 353.041 8,71 % 29
 Ettakatol (FDTL) 284.989 7,03 % 20
 Volkspetition 273.362 6,74 % 26
 Progressive Demokratische Partei (PDP) 159.826 3,94 % 16
 Die Initiative (Almoubadara) 129.120 3,19 % 5
 Demokratisch-Modernistischer Pol (PDM) 113.005 2,79 % 5
 Afek Tounes 76.488 1,89 % 4
 Kommunistische Arbeiterpartei Tunesiens (PCOT) 63.652 1,57 % 3
 Bewegung Sozialistischer Demokraten (MDS) 22.830 0,56 % 2
Volksbewegung 30.500 0,75 % 2
 MOUPAD 33.419 0,83 % 1
 Freie Patriotische Union (UPL) 51.665 1,26 % 1
Neo-Destur 15.448 0,38 % 1
Parti de la nation culturel et unioniste 5.581 0,14 % 1
Fortschrittlicher Kampf 9.978 0,25 % 1
Justice et Equite (unabhängig) 7.621 0,19 % 1
Partei der Sozialdemokratischen Nation 15.534 0,38 % 1
 Liberale Maghrebinische Partei 19.201 0,47 % 1
Unabhängige Listen 62.293 1,54 % 8
Listen ohne Sitz 1.290.293 31,83 %
Gesamt
4.053.148
217
Wahlbeteiligung = 51.97 % (4.308.888 von 8.289.900)
Quelle: Wahlkommission ISIE[1][13]

Wahlkreisergebnis[Bearbeiten]

Parteien Ar BA Bi Gb Gf Je Ka Ks Kb Kf Mh Mn Md Mo N1 N2 S1 S2 SB Si So Ta To T1 T2 Za F1 F2 De It E-A A-W Gesamt
 Ennahda 3 2 4 4 4 3 2 4 3 2 2 3 3 4 3 2 2 3 4 2 2 4 3 2 4 3 2 2 2 1 2 1 1 89
 Kongress für die Republik 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 - - 1 - 1 1 1 1 1 1 - - 1 1 29
 Volkspetition - 1 - 1 1 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 3 1 1 1 - - - 1 - dq - 1 - - 26
 Ettakatol 1 1 2 1 - - 1 1 - - 1 - 1 - 1 1 1 1 1 - - 1 - - 1 2 - 1 1 - - - - 20
 Progressive Demokratische Partei 1 1 1 1 - 1 1 - 1 - - - - 1 - 1 1 - - - 1 1 - - 1 1 1 - 1 - - - - 16
 Demokratisch-Modernistischer Pol 1 - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 1 - 1 - - - - - 5
 Die Initiative - - - - - - - - - - - 1 - - 2 - - - - - - 2 - - - - - - - - - - - 5
 Afek Tounes - - - - - - - - - - - 1 - 1 - 1 - - 1 - - - - - - - - - - - - - - 4
 Kommunistische Arbeiterpartei Tunesiens - - - - - - - 1 - - - - - - - - - 1 - - 1 - - - - - - - - - - - - 3
 Bewegung Sozialistischer Demokraten - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 2
Volksbewegung - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 2
Neo-Destur - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
 Freie Patriotische Union - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - 1
 Liberale Maghrebinische Partei 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
 MOUPAD - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Fortschrittliche Unionsbewegung - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Für eine Nationale Tunesische Front - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Loyalität den Märtyrern - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - 1
Al Adala - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Parti de la nation culturel et unioniste - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Nationale Soziale Partei - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Partei der Sozialdemokratischen Nation - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 1
Fortschrittlicher Kampf - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - 1
Wafa (Loyalität) - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Sawt Al Mostakol - Unabhängige Stimme - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - 1
Sozialer Aktivismus (unabhängig) - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Justice et Equite (unabhängig) - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1
Hoffnung (unabhängig) - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 1
Unabhängige Liste - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - - - - - - - - 1
Gesamtsitze für die Gouvenorate 8 6 10 9 7 7 8 9 8 5 6 8 7 9 9 7 6 7 9 8 6 10 4 4 9 8 5 5 5 1 3 2 2 217
Quelle: Wahlkommission ISIE[1]

Unruhen[Bearbeiten]

Am 27. Oktober, kurz nach Bekanntgabe der vorläufigen Ergebnisse, protestierten hunderte Anhänger der Volkspedition in Sidi Bouzid gegen die Aberkennung von acht ihrer ursprünglich 27 Sitze.[14][15] Das tunesische Militär trieb die Menge mit Warnschüssen und Tränengas auseinander nachdem sie, Augenzeugen zufolge, den Gouverneurssitz angegriffen haben sollen. Der Vorsitzende der Volkspedition, Hachemi Hamdi, gab bekannt, dass seine Partei aus Protest alle Mandate zurückgeben wolle.[16] Bei den Protesten kam es zu Straßenschlachten mit der Polizei und in dem örtlichen Büro von Ennahda sowie dem Gebäude der Regionalverwaltung, sollen Brände gelegt worden sein.[14]

Regierungsbildung[Bearbeiten]

Am 15. November einigten sich Ennahda und die Kongresspartei auf Moncef Marzouki als Übergangspräsident.[17] Zudem hatten sich die drei Koalitionsparteien Ennahda, CPR und Ettakatol darauf geeinigt, dass Hamadi Jebali von der Ennahda zum Ministerpräsident und Moustapha Ben Jaafar von der Ettakatol zum Präsidenten der Verfassunggebenden Versammlung gewählt werden sollen.[18]

Am 22. November trat die Verfassunggebende Versammlung erstmals zusammen. Die erste Sitzung begann mit dem Singen der Nationalhymne und dem Rezitieren der Fātiha, der ersten Sure des Koran, um der Opfer der Herrschaft Ben Ali's zu gedenken.[19]

Am 11. Dezember 2011 wurde von der verfassunggebenden Versammlung eine Übergangsverfassung verabschiedet, welche unter anderem den Wahlprozess für die neue Übergangsregierung und die Regeln für Exekutive, Legislative und Judikative festlegt. Die Übergangsverfassung soll solange gelten, bis eine endgültige Verfassung ausgearbeitet und ein neues Parlament gewählt ist.[20] Am Tag darauf wurde Moncef Marzouki von der Versammlung zum neuen Übergangspräsidenten gewählt und offiziell im Amt vereidigt.[21]

Am 26. Januar 2014 verabschiedete die Versammlung die neue Verfassung mit der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit.[22][23]

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b c Offizielles Wahlergebnis 2011 Wahlkommission ISIE
  2. Mariette le Roux: Tunisians gear up for historic vote, Google. 22. Oktober 2011. Abgerufen am 23. Oktober 2011. 
  3. Hamburger Abendblatt: Tunesien verschiebt Wahl für Verfassungsrat auf den 23. Oktober
  4. Tunesien plant Wahl eines Verfassungsrats
  5. http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-12642942 abgerufen am 4. März 2011
  6. a b Serge Halimi: Kompassnadel der Revolution. Im tunesischen Wahlkampf rechnen sich alle zur Mitte. In: Le Monde diplomatique. 14. Oktober 2011, S. 13, abgerufen am 19. Oktober 2011 (deutsch, Ausgabe: Oktober 2011 - Nr. 9623).
  7. Susanne Klaiber: Schicksalstag in Tunesien. Die Pioniere des Arabischen Frühlings wählen. In: Focus Online. 22. Oktober 2011, abgerufen am 23. Oktober 2011 (deutsch).
  8. Ghassan Abid: Tunesien probt die Demokratie. In: 20min.ch. 21. Oktober 2011, abgerufen am 23. Oktober 2011 (deutsch).
  9. http://www.leaders.com.tn/article/l-isie-proclame-les-resultats-definitifs-et-recommande-sa-perennisation?id=6927
  10. NZZ
  11. http://www.isie.tn/Fr/statistiques-des-listes-candidates_11_142
  12. http://www.quotaproject.org/uid/countryview.cfm?country=220; siehe auch http://www.dw.de/dw/article/0,,15741208,00.html
  13. http://www.tunisia-live.net/2011/11/14/tunisian-election-final-results-tables/
  14. a b Ausschreitungen in Sidi Bouzid. In: die tageszeitung. 28. Oktober 2011, abgerufen am 3. November 2011 (deutsch).
  15. Allan Bradley: Familiar Tunisian Parties Benefit From Aridha Disqualification (Englisch), tunisia-live.net, 30. Oktober 2011. Abgerufen am 4. November 2011
  16. Militär feuert Warnschüsse ab. In: ORF. 28. Oktober 2011, abgerufen am 2. November 2011 (deutsch).
  17. Einigung auf Übergangspräsidenten in Tunesien. In: Neue Zürcher Zeitung. 16. November 2011, abgerufen am 16. November 2011 (deutsch).
  18. Jebali wird neuer Ministerpräsident SPIEGEL ONLINE, 22. November 2011
  19. Mit Nationalhymne und Sure zum «Staat der Freiheit». In: Neue Zürcher Zeitung. 22. November 2011, abgerufen am 22. November 2011 (deutsch).
  20. Übergangsverfassung in Tunesien verabschiedet RP ONLINE, 11. Dezember 2011
  21. Marzouki wird erster demokratisch gewählter Präsident Tunesiens ZEIT ONLINE, 12. Dezember 2011
  22. Tunesien: Parlament stimmt für neue Verfassung, tagesschau.de, 26. Januar 2014
  23. En Tunisie, la nouvelle Constitution adoptée, Le Monde, 26. Januar 2014 (frz.)