Wenzel Hollar

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Porträt von Jan Meyssens

Wenzel Hollar (* 13. Juli 1607 in Prag; † 25. März 1677 in London), auch Wenceslaus oder Václav Hollar, war ein böhmischer Zeichner und Kupferstecher.

Hollar gehörte zu seinen Lebzeiten zu den bedeutendsten Vertretern seines Genres und machte als einer der ersten die Technik der Farbradierung in England bekannt. Er hinterließ eine Vielzahl von Arbeiten, die wegen ihrer Detailgenauigkeit und der sorgfältigen Ausführung bis heute geschätzt werden.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Wenzel Hollars Jugend fällt in die Anfangsjahre des Dreißigjährigen Krieges. Er entstammte einer wohlhabenden, katholischen Beamtenfamilie aus Böhmen, die nach der Rückeroberung Prags durch Truppen des Kaisers und der Katholischen Liga 1621 verarmte. Ursprünglich für ein Jurastudium bestimmt, entschied sich der junge Wenzel jedoch mit 18 Jahren für eine künstlerische Karriere.

Erste Jahre als Künstler[Bearbeiten]

Wenzel Hollar: St. Martinsdom in Mainz; Federzeichnung 1632
Stadtplan von Osnabrück 1633

1627 zog der deutschsprachige Hollar nach Frankfurt am Main, wo er bei Matthäus Merian, dem berühmtesten Kupferstecher seiner Zeit, in die Lehre ging. Während seiner Frankfurter Zeit arbeitete Hollar u.a. an Merians Topographien mit. Nach 1630 hielt er sich in Straßburg, Mainz und Koblenz auf. Hollar gehörte zu den ersten Künstlern, die die Landschaft des Mittelrheintals als besonders malerisch empfanden. In zahlreichen Abbildungen hielt er Städte, Burgen und die Natur des Rheintals fest, und wurde so zu einem frühen Vorläufer der Rheinromantik.

1633 wurde in Köln Lord Thomas Howard, Earl of Arundel, der als englischer Gesandter zu Kaiser Ferdinand II. unterwegs war, auf ihn aufmerksam. Die Begegnung mit Arundel, einem der wichtigsten englischen Kunstsammler und Mäzene seiner Zeit, sollte für Hollars weiteres Leben entscheidend sein. Er begleitete den Earl of Arundel zunächst an den kaiserlichen Hof in seine Heimatstadt Prag, später nach Wien und auf ausgedehnte Reisen durch ganz Mitteleuropa. Wieder in Köln, veröffentlichte er 1635 sein erstes Buch mit Stichen. Als sein Förderer 1637 nach England zurückkehrte, folgte Hollar ihm nach London, wo er den größten Teil seines weiteren Lebens verbringen sollte.

Übersiedelung nach England[Bearbeiten]

Wenzel Hollar: Ansicht von Westminster; Kupferstich

Hollar lebte anfangs in Arundels Haushalt, arbeitete aber nicht exklusiv für ihn, sondern auch für Verleger und Buchdrucker, die ihn allerdings zeit seines Lebens schlecht bezahlten. Als unerfahrener Ausländer, weitgehend ohne Verbindungen, musste er immer wieder viel zu niedrige Honorare akzeptieren. Schon in seinem ersten Jahr in England schuf er für den Verleger Peter Stent, für den er auch in den kommenden Jahren des Öfteren arbeiten sollte, eine große Ansicht von Greenwich, die dieser mit nur 30 Shilling pro Druckplatte honorierte. Später legte Hollar seinen Preis auf 4 Pence pro Stunde fest; seine Arbeitszeit maß er mit einer Sanduhr.

Wenzel Hollar: Holländische Handelsschiffe

Am 4. Juli 1641 heiratete Hollar eine Kammerfrau der Gräfin von Norfolk namens Tracy, mit der er zwei Kinder hatte. Als 1642 der englische Bürgerkrieg ausbrach, kehrte der Earl of Arundel, der erneut als Gesandter unterwegs gewesen war, nicht nach England zurück. Hollar trat daher in die Dienste des Herzogs von York, arbeitete auch für König Karl I. und war für kurze Zeit Lehrer des Prince of Wales, des späteren Königs Karl II..

Als Anhänger des Königs trat Wenzel Hollar schließlich in ein royalistisches Regiment ein und wurde 1645 bei der Belagerung von Basing House von Parlamentstruppen gefangen genommen. Schon nach kurzer Zeit gelang ihm jedoch die Flucht. In Antwerpen traf er noch im selben Jahr erneut mit dem Earl of Arundel zusammen, der aber schon 1646 starb. In den nächsten Jahren entstanden einige von Hollars besten Werken, niederländische Stadtansichten ebenso wie Seestücke oder Naturdarstellungen. 1652 kehrte er nach London zurück.

Späte Jahre[Bearbeiten]

In den folgenden Jahren erschienen zahlreiche Bücher mit Illustrationen von Hollar, unter anderm Klassikerausgaben von Homer, Vergil und Juvenal. Wenig geschäftstüchtig, verkaufte Hollar auch diese Werke weit unter Wert, so dass er in ärmlichen Verhältnissen lebte. Auch die Restauration der Monarchie unter König Karl II. verbesserte seine Lage nicht, da er vom Hof kaum Aufträge erhielt.

Wenzel Hollar: Stadtplan Londons nach dem großen Brand von 1666; die zerstörten Gebiete in weiß

1665 traf ihn ein schwerer Schicksalsschlag, als sein jüngerer Sohn, der sein zeichnerisches Talent geerbt hatte, an der Pest starb. Im Jahr darauf wurde Hollar Zeuge einer weiteren Katastrophe, des Großen Brandes von London. Bereits in den Jahren zuvor hatte Hollar zahlreiche Ansichten der Stadt geschaffen, dank deren Genauigkeit man sich noch heute ein Bild des mittelalterlichen London machen kann, das in dem Brand vernichtet wurde. Nach der Feuersbrunst fertigte er weitere, bis heute bekannte Darstellungen an, darunter Topographien, die die zerstörten Stadtteile bezeichneten. Deren Qualität mag den König bewogen haben, ihn 1668 mit auf eine Expedition nach Tanger zu schicken. Dort fertigte er detailgenaue Zeichnungen der Stadt und ihrer Befestigungen an,[1] die Karl II. als Mitgift seiner Frau, der portugiesischen Prinzessin Katharina von Braganza, in Besitz nahm. Auf der Rückreise wurde sein Schiff in ein Gefecht mit algerischen Piraten verwickelt, das er später ebenfalls bildlich festhielt.

Nach seiner Rückkehr lebte er noch acht Jahre. Er arbeitete unermüdlich und schuf 1670 mit einem Stich Edinburghs eines seiner großformatigsten Werke. Er starb in äußerster Armut, und es wird überliefert, dass seine letzten Worte dem Gerichtsvollzieher galten: Er bat darum, ihm nicht sein Sterbebett zu pfänden. Wenzel Hollar wurde in der St. Margaret’s Church in Westminster beigesetzt.

Werk[Bearbeiten]

Wenzel Hollar: Ureinwohner Virginias (1645)
Of the Frogs Desiring a King (1665). Kupferstich aus The fables of Aesop paraphras’d in verse von John Ogilby.

Wenzel Hollar war nicht nur einer der besten sondern auch einer der fleißigsten Künstler seiner Zeit. Sein Werk umfasst rund 400 Zeichnungen und über 3.000 Radierungen. Mehr als 2.700 Druckplatten für Stiche sind von ihm bekannt. Seine Arbeiten zeichnen sich vor allem durch absolute Genauigkeit, Detailtreue und einen geradezu dokumentarischen Realismus aus.

Hollar interessiert sich für eine unerschöpfliche Vielfalt von Themen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Topographien sowie durch seine Landschafts- und Städtebilder aus Deutschland, Böhmen, England, den Niederlanden, der Schweiz und dem heutigen Marokko. Dazu kamen Porträts von Heiligen und bekannten Personen seiner Zeit, Darstellungen von Themen des Alten und Neuen Testaments, mythologische und historische Szenen aber auch Wappen, Karikaturen, Tier- und Pflanzenbilder, Stillleben, Allegorien, Darstellungen von Kleidermoden und vieles mehr.

Darüber hinaus fertigte Hollar Druckgrafiken von Werken berühmter Künstler an, die damit einem großen Publikum bekannt gemacht werden konnten. Eine Kopie der "Jungfrau mit Kind" von Albrecht Dürer, der Hollars Kunstempfinden stark beeinflusste, gehört zu seinen frühesten bekannten Werken aus den Jahren 1625 und 1626.

In den Jahren ab 1644 schuf Hollar einen Totentanz nach dem Vorbild der "Bilder des Todes" von Hans Holbein d.J., der 1651 in London erstmals gedruckt wurde. Die meisten der 30 Radierungen sind signiert mit W. Hollar fecit. Unter jeder Darstellung stehen lateinische Texte aus dem Alten oder Neuen Testament. Alle Bilder haben auffallend dekorative Rahmen mit Symbolfiguren und Sinnbildern der Vergänglichkeit, entworfen von dem Antwerpener Maler und Graphiker Abraham van Diepenbeeck.[2]

Die bedeutendeten Sammlungen von Werken Wenzel Hollars befinden sich heute in Windsor Castle, im British Museum in London, im Hollareum der tschechischen Nationalgalerie in Prag sowie in der Fisher Library der Universität von Toronto. Ein erweitertes illustriertes Werkverzeichnis, publiziert von Hollstein, erschien 2009/10.

Literarische Hollar-Rezeption[Bearbeiten]

Hollars Leben und Werk wurde auch in der Literatur aufgegriffen und thematisiert, so etwa in der umfangreichen Erzählung Das Elefantenblatt (1962, aus dem gleichnamigen Erzählungsband) von Johannes Urzidil und in dem Roman Dobrá kočka, která nemlsá (1970) von Miloš Václav Kratochvíl.[3]

Werke[Bearbeiten]

  • The dance of death. Coxhead, London 1816 (Digitalisat)

Literatur[Bearbeiten]

  • Vladimir Denkstein: Wenceslaus Hollar, New York 1979 (Biographie: Englische Fassung des tschechischen Originals, Prag 1977) ISBN 0-913870-94-3
  • Eugen Dostál: Václav Hollar, Praha 1924 (Zahlr. s/w-Taf., frz. Einleitung)
  • Michael F. Feldkamp: Anmerkungen zum Stadtplan Osnabrücks von Wenzel Hollar aus dem Jahre 1633, in: Osnabrücker Mitteilungen 88 (1982), S. 230-233 (Zusammenfassung im Internet: [1]).
  • Antony Griffiths u. Gabriela Kesnerova (Hrsg.): Wenceslaus Hollar. Prints and Drawings from the Collections of the National Gallery, Prague, and the British Museum, London, London 1969 ISBN 0-7141-0787-5
  • Hans Mielke: Wenzel Hollar. Radierungen und Zeichnungen aus dem Berliner Kupferstichkabinett, hg. von den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz ISBN 3-88609-128-7
  • Gustav Parthey: Wenzel Hollar. Beschreibendes Verzeichnis seiner Kupferstiche, Berlin 1853
  • Richard Pennington: A Descriptive Catalogue of the Etched Work of Wenceslaus Hollar 1607-1677, Cambridge University Press 2002 ISBN 0-521-52948-4
  • Berthold Roland (Hrsg.): Wenzel Hollar (1607-1677): Reisebilder vom Rhein. Städte und Burgen am Mittelrhein in Zeichnungen und Radierungen, Ausstellungskatalog, Mainz 1987
  • Werner Schäfke (Hrsg.): Wenzel Hollar - Die Kölner Jahre. Zeichnungen und Radierungen 1632-1636, Köln 1992
  • Gillian Tindall: The Man Who Drew London. Wenceslaus Hollar in Reality and Imagination, London 2003 ISBN 0-7126-6757-1
  • Johannes Urzidil: Wenceslaus Hollar. Der Kupferstecher des Barock. Unter Mitarbeit von Franz Sprinzels. Wien u. Leipzig, Passer 1936.
  • Johannes Urzidil: Hollar, a Czech émigré in England. Übersetzt v. Paul Selver, London, Czechoslovak, 1942.
  • Jirina Volková: Hollar von Prahenberg, Wenzel. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 539 f. (Digitalisat).
  • Wenzel Hollar (1607-1677). Radierungen aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Karlsruhe 1990 ISBN 3-921524-56-3
  • Bernhard Grueber: Hollar von Prahenberg, Wenzel. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 12, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 750–754.
  • Wenceslaus Hollar. Hrsg.: Simon Turner, Giulia Bartrum (The New Hollstein German engravings, etchings and woodcuts 1400-1700). Bd. I-IV, Sound & Vision Publishers, Ouderkerk aan den Ijssel, 2009-2010. ISBN 978-90-77551-76-9 / 77-6 / 82-0 / 83-7. (Vollständiges, illustriertes Werkverzeichnis - unbezahlbar, aber in Universitätsbibliotheken einzusehen)
  •  William Crowne: Blutiger Sommer. Eine Deutschlandreise im Dreißigjährigen Krieg. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011 (Originaltitel: A true relation of all the remarkable places and passages observed in the travels of the right honourable Thomas Lord Hovvard, Earle of Arundell and Surrey, Primer Earle, and Earle Marshall of England, ambassadour extraordinary to his sacred Majesty Ferdinando the second, emperour of Germanie, anno Domini 1636. By Wiliam Crowne Gentleman., übersetzt von Alexander Ritter und Rüdiger Keil), ISBN 3534242963 (Zeitgenössischer Reisebericht einer Reise von Thomas Howard, 21. Earl of Arundel durch Mitteleuropa im Jahr 1636 mit Illustrationen von Hollar, Englische Originalausgabe in der Google-Buchsuche).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Malcolm Elbl: Portuguese Tangier (1471-1662): Colonial Urban Fabric as Cross-Cultural Skeleton. Toronto und Peterborough: Baywolf Press, 2013, ISBN 978-0-921437-50-5. Ss. 109-110 und andere. (Weblink)
  2. Hans Georg Wehrens: Der Totentanz im alemannischen Sprachraum. "Muos ich doch dran - und weis nit wan". Schnell & Steiner, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7954-2563-0. S. 206f.
  3. Vgl.: Jindra Broukalová: Schlüsselerlebnisse im Leben eines Menschen und Künstlers. Das Bild Václav Hollars in Johannes Urzidils Erzählung Das Elefantenblatt und in Miloš V. Kratochvíls Roman Dobrá kočka, která nemlsá. In: Steffen Höhne, Klaus Johann und Mirek Němec (Hg.): Johannes Urzidil (1896-1970). Ein „hinternationaler“ Schriftsteller zwischen Böhmen und New York. Böhlau, Köln, Weimar u. Wien 2012, ISBN 978-3-412-20917-9. (= Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert. 4.) S. 507-521.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wenzel Hollar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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Dieser Artikel wurde am 30. Oktober 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.