Wiener Sängerknaben

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Wiener Sängerknaben
Wiener Sängerknaben
Sitz: Wien / Österreich
Gründung: 1498
Gattung: Knabenchor
Gründer: Maximilian I.; Georg von Slatkonia
Leitung: Gerald Wirth
Stimmen: ca. 100 (SA)
Website: http://www.wsk.at

Die Wiener Sängerknaben sind eine Wiener Institution, die aus insgesamt vier Knabenchören besteht.

Organisation[Bearbeiten]

Die Wiener Sängerknaben stehen in der Tradition der Hofsängerknaben (Hofcapell-Singknaben), die am 30. Juni 1498 [1] vom deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. mit der Verlegung des Hofes von Innsbruck nach Wien begründet wurden. Sie standen unter der Leitung des vormaligen Kantors Georg von Slatkonia, und ab diesem Zeitpunkt auch Leiter der Hofkapelle in Wien. Die Aufgabe des Chores, dem Maximilian I. anordnete, dass zumindest sechs Knaben dem Chor anzugehören haben, und später auf  14 bis 20 Knaben erweitert wurde, war die musikalische Gestaltung der Heiligen Messe. Bis 1918 musizierte die Hofmusikkapelle ausschließlich für den Hof, bei Messen, privaten Festen und zu Staatsanlässen. Heute setzen sich die Elite-Knabenchöre, die zu den renommiertesten und bekanntesten Chören der Welt zählen, vornehmlich aus Österreichern, aber auch aus Kindern aus anderen europäischen und außereuropäischen Nationen zusammen. Weltweit geben die Wiener Sängerknaben jährlich um die 300 Konzerte.

1920 wurde die Wiener Hofkapelle aufgelöst, doch der damalige Rektor Josef Schnitt setzte sich für eine Fortführung der Tradition ein. 1924 wurden die Wiener Sängerknaben offiziell als Verein gegründet und bis heute zu einem professionellen Musikbetrieb ausgebaut.

Als Stammsitz und Internat dient dem Chor seit 1948 das Palais im Wiener Augarten.

Neben den traditionellen Diensten in der Wiener Hofmusikkapelle begeben sich die Wiener Sängerknaben, die sich zum größten Teil selbst durch Auftritte und Tonträger finanzieren, mehrmals jährlich auf Konzerttournee. Die Finanzierung erfolgt vielfach über Sponsoren, aber auch durch Förderungen seitens der Republik Österreich und der Stadt Wien. Tradition haben die jährlichen Besuche der Wiener Sängerknaben in den USA und Japan, wo sie sich besonderer Beliebtheit erfreuen. Weiter reisen sie regelmäßig in die Volksrepublik China, nach Taiwan, Singapur und Südkorea, in den arabischen Raum sowie nach Australien, Südamerika und in europäische Staaten. Seltener finden Tourneen nach Südafrika und Ozeanien statt. Die Wiener Sängerknaben gelten als eine der wichtigsten kulturellen Institutionen Österreichs. Von Politikern gern als „jüngste Botschafter Österreichs“ bezeichnet, sind sie ein Aushängeschild Österreichs in der Welt.

1963 wurde der Verein der Wiener Sängerknaben gemeinsam mit anderen Gruppierungen mit dem Karl-Renner-Preis ausgezeichnet.[2]

Musikalisches[Bearbeiten]

Anders als die meisten anderen Knabenchöre sind die Wiener Sängerknaben nicht vollstimmig (SATB) besetzt, sondern verfügen ausschließlich über Sopran- und Altstimmen. Chorus Viennensis / Choralschola der Wiener Hofburgkapelle (bestehend ausschließlich aus ehemaligen Wiener Sängerknaben) ergänzen bei Konzerten und Aufnahmen die Tenor- und Bassstimmen.

Heute gibt es zirka 100 Wiener Sängerknaben, aufgeteilt auf vier Chöre. Die Chöre sind nach den österreichischen Komponisten Bruckner, Haydn, Mozart und Schubert benannt. Diese Bezeichnungen sind allerdings nur intern gebräuchlich, nach außen treten sie immer als Die Wiener Sängerknaben oder Vienna Boys’ Choir auf. Der Chor tritt stets im jeweiligen Gastland mit der Bezeichnung der jeweiligen Landessprache wie z. B. auf spanisch Niños Cantores de Viena auf. Jeder der vier Chöre studiert sein Repertoire unabhängig voneinander ein.

Chorus Viennensis[Bearbeiten]

1952 wurde der Chorus Viennensis gegründet – ein Männerchor, in dem ausschließlich ehemalige Wiener Sängerknaben singen, und der häufig mit den Wiener Sängerknaben zusammenarbeitet. Seit 2013 ist Alexander Jost dessen musikalischer Leiter. Neben den Vereinsversammlungen halten die Wiener Sängerknaben auch offizielle und inoffizielle Treffen der ehemaligen Wiener Sängerknaben ab.

Chorus Juventus[Bearbeiten]

Aus den Schülern des Oberstufenrealymnasiums besteht der Chorus Juventus, ein vollstimmiger Chor, der im Rahmen des Schulunterrichts drei Mal pro Woche probt. Der Chor trat schon in der Stadthalle Wien und bei der langen Nacht der Kirchen auf. Seit der Gründung des Chores 2010 betreut Chorleiter und Komponist Raoul Gehringer den Chor, seit 2013 Norbert Brandauer.

Der Chor unterscheidet sich von einem herkömmlichen Schulchor in erster Linie durch den an sich selbst gestellten Anspruch: Im Umfeld der Wiener Sängerknaben möchte er sich nicht mit durchschnittlichen Leistungen zufriedengeben. Drei Mal pro Woche wird je zwei Stunden geprobt und dazu kommen noch pro Schülerin und Schüler zwei Stunden Einzelstimmbildung. Neben den öffentlichen Konzerten gibt es auch hausinterne Klassenabende, wo die Schülerinnen und Schüler in Solovorträgen ihren Fortschritt unter Beweis stellen.

Seinen Namen erhielt der Chor im Schuljahr 2012/13. In diesem Jahr wurde auch die neue Chorkleidung festgelegt. Je nach Konzert tritt der Chor in Weiß oder in bunten Polos auf, die auf der linken Brustseite das Logo der Wiener Sängerknaben umrahmt vom Schriftzug „Chorus Juventus“ tragen.

Leitung[Bearbeiten]

Rechtlich sind die Wiener Sängerknaben ein privater Verein von etwa 100 Mitgliedern, wohl gibt es aber einen Leistungsaustauschvertrag mit der Republik Österreich, im Gegenzug für Staatsauftritte übernimmt die Republik Österreich die Kosten für das schulische Lehrpersonal des Gymnasiums und Oberstufenrealgymnasiums. Die Mitgliedschaft im Verein steht nur ehemaligen Wiener Sängerknaben offen. Die Vereinsmitglieder wählen den Vorstand, der wiederum den Präsidenten wählt. Eugen Jesser war von 2001 bis 2008 Präsident der Wiener Sängerknaben, von Juni 2008 an hatte Walter Nettig dieses Amt inne und seit September 2013 Gerald Wirth[3].

Der Vereinsleitung nachgeordnet ist der administrative Leiter, der künstlerische Leiter, der wiederum allen Chorleitern (Kapellmeistern) vorsteht und der pädagogische Leiter, zugleich Schulleiter des Gymnasiums. Des Weiteren gibt es einen Internatsleiter für das Internat und eine Direktorin für die Volksschule. Seit 2001 ist Gerald Wirth, der als Kind selbst Wiener Sängerknabe war, künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben. Seit 2003 hat die Leitung des Gymnasiums Markus Blauensteiner (seit Jänner 2013 Ehrenmitglied der Wiener Sängerknaben) inne. Als administrativer Leiter fungiert zurzeit Walter Wieser.

Erscheinungsbild[Bearbeiten]

Wiener Sängerknaben in „Gala-Uniform“ auf der Empore vor der Orgel bei einer Aufführung im Musikvereinsaal in Wien

Unverkennbar sind die Wiener Sängerknaben durch ihren Matrosenanzug, der seit 1924 die offizielle Uniform der Kinder ist. Auf Fotos aus der k.u.k.-Zeit sind die Knaben noch in militärischen Uniformen und mit Säbeln abgebildet. Der Grund für die Auftritte in Matrosenuniformen liegt darin, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in bürgerlichen Familien üblich war, Kinder in Matrosenuniformen abzubilden. Die Wiener Sängerknaben tragen zum einen eine blaue Uniform, die bei Reisen, offiziellen Presseterminen und bei Auftritten in sakralen Aufführungstätten verwendet wird. Des Weiteren existiert ein weißer, besonders festlicher Matrosenanzug, auch Gala-Uniform genannt, welcher für abendliche Auftritte in Konzertsälen mit klassischem Programm – etwa gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern oder anderen großen Orchestern im Goldenen Saal des Wiener Musikvereinsgebäudes oder Wiener Konzerthauses – getragen wird.

Bei beiden Uniformen befindet sich das offizielle österreichische Bundeswappen (Österreich) (schwarzer Adler mit rot-weiß-rotem Bindeschild auf weißem Hintergrund) an der linken Brusthälfte. Die Wiener Sängerknaben tragen das Wappen der Republik Österreich seit 1961, was auf eine Anregung von Walt Disney zurückzuführen ist.

Leben im Chor[Bearbeiten]

Ein besonderer Schwerpunkt wird vor allem durch die tägliche zweistündige Chorprobenarbeit gelegt. Auf Grund der mehrmonatigen Auslandstourneen findet der Unterricht konzentriert in kleineren Gruppen statt. Die Chorproben finden mit den jeweiligen Chormitgliedern statt, in einem Chor finden sich daher 24 Mitglieder im Alter von 10 bis 14 Jahren. In ihren jungen Jahren erhalten die Knaben eine solide musikalische Ausbildung.

Die aktiven Wiener Sängerknaben besuchen ihr eigenes privates Realgymnasium mit Latein als Freifach. Im Schuljahr 2000/2001 wurde ihm das Öffentlichkeitsrecht verliehen, davor waren halbjährlich Externisten-Prüfungen im GRG Albertgasse 18-22 zu absolvieren. Die Schüler leben in einem Internat, auch wenn sie in Wien wohnhaft sind. Jeder Chor verbringt vier Wochen im Sommer in Sekirn in Kärnten, wo die Sängerknaben ein Feriendomizil am Wörthersee besitzen.

Die Sängerknaben betreuen in Kooperation mit der Gemeinde Wien einen Kindergarten und betreiben eine eigene Volksschule, die auch für Mädchen zugänglich ist. Spätestens in der 4. Klasse der Volksschule mit zehn Jahren müssen die Kinder die Volksschule der Wiener Sängerknaben besuchen, um als aktive Wiener Sängerknaben ein Jahr später in einen der vier Chöre und in das hauseigene Gymnasium aufgenommen zu werden. Allerdings gibt es Ausnahmen für besonders begabte Kandidaten. Das Unterstufengymnasium kann – im Unterschied zu den anderen Bildungseinrichtungen des Chores – ausschließlich von den aktiven Wiener Sängerknaben besucht werden.

Seit 2010 bieten die Sängerknaben auch ein Oberstufen-Gymnasium mit Schwerpunkt Vokalmusik an, das allen Bewerbern (nicht nur ehemaligen Wiener Sängerknaben) offensteht. Die Oberstufe der Wiener Sängerknaben ist ebenfalls im Augartenpalais untergebracht; sie ist ein Schulversuch. Der Lehrplan ist mit der Universität für Musik Wien und dem Mozarteum Salzburg abgestimmt und soll auf ein musikalisches Hochschulstudium vorbereiten. Damit bieten die Wiener Sängerknaben eine durchgehende Ausbildung vom Kindergarten bis zur Matura. Die aktiven Mitglieder der Wiener Sängerknaben sind ausschließlich Schüler des Unterstufengymnasiums.

Neben der schulischen Ausbildung absolviert jeder Chor jährlich zumindest eine mehrmonatige Konzerttournee. Auf den Tourneen werden die Knaben von einem Kapellmeister, zwei Erziehern und einem Tourmanager begleitet. Während der Tourneen findet kein Schulunterricht statt.

Mozart war im Unterschied zu Franz Schubert kein Wiener Sängerknabe, hat aber mit dem Chor musiziert, wie zahlreiche andere Künstler der jüngeren Zeit, etwa Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Riccardo Muti, Zubin Mehta, Nikolaus Harnoncourt, Kent Nagano, Pierre Boulez, Seiji Ozawa und Mariss Jansons.

Schule und Internat[Bearbeiten]

Palais Augarten

Der Augarten, die ehemaligen persönlichen Jagdgebiete des österreichischen Herrscherhauses im heutigen zweiten Wiener Gemeindebezirk, ist der Stammsitz der Wiener Sängerknaben. Hier befinden sich das Realgymnasium, die vier Probenräume der Chöre und ein szenischer Proberaum. Weiters gibt es einen weitläufigen Park, ein Schwimmbad, Fußballplätze, einen Volleyballplatz, einen Basketballplatz und einen Turnsaal. Des Weiteren beherbergt das Palais Augarten die Internatsräume und die Freizeiträume der Knaben. Auch die administrative und künstlerische Leitung befindet sich im Palais Augarten, ebenso wie die hauseigene Kostüm- und Uniformschneiderei. Im Mitteltrakt des Hauses befinden sich repräsentative Räumlichkeiten (der Salon) für Hauskonzerte und die aus vielen Foto- und Filmaufnahmen der Knaben bekannte Prunkstiege. In den originalgetreuen Räumen werden oft hohe Staatsgäste empfangen.

Freizeiträume und Privatzimmer der Buben befinden sich in einem Zubau, der mit dem Palais über einen Durchgang verbunden ist. In dem Zubau (der Neubau) befindet sich auch die Internatsküche, der Speisesaal und die Sporträume der Kinder.

Die Volksschule und der Kindergarten der Wiener Sängerknaben befinden sich in einem eigenen Gebäude im Parkgelände der Wiener Sängerknaben (Josefstöckl).

Am Augartenspitz, der am Parkgelände des Chores angrenzt, entstand für die Sängerknaben der Konzertsaal „MuTh“ (steht für Musik und Theater) für 400 Besucher, der unter anderem für Proben und Aufführungen der Kinder genutzt werden kann. Er wurde am 9. Dezember 2012 durch ein feierliches Konzert unter Beteiligung der Wiener Philharmoniker unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst eröffnet. Der Konzertsaal wurde durch den Generalsponsor der Wiener Sängerknaben POK Pühringer Privatstiftung finanziert.[4]

Gegen die Konzerthalle gab es teilweise Widerstände von Anrainern und Aktivisten. Eine Gruppe von Protestierenden hielt das Grundstück monatelang besetzt. Der Augarten ist einer der ältesten barocken Parkanlagen Europas und eines der größten Wiener Erholungsgebiete, das ehemalige kaiserliche Jagdgebiet wurde schon im Jahr 1775 von Kaiser Josef II. für die Öffentlichkeit teilweise freigegeben. Die Protestierenden fürchteten eine weitere Vereinnahmung des Augartens, der im Eigentum der Republik Österreich ist und zum Großteil für die Bevölkerung frei zugänglich ist, durch die Wiener Sängerknaben. Die Bereiche des Chores sind von den Wiener Sängerknaben gemietet und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Fälle von Missbrauch[Bearbeiten]

Im März 2010 wurden Vorwürfe über Missbrauch bekannt.[5] Die Wiener Sängerknaben haben diese auch kurz darauf zugegeben und eine Hotline für Betroffene eingerichtet. Laut Wiener Sängerknaben hätten sich dabei elf Personen gemeldet, welche hauptsächlich über allzu strenge Erziehungsmethoden geklagt hätten, nur wenige Fälle würden von körperlichem oder sexuellem Missbrauch handeln.[6] Die meisten bekannten Fälle liegen laut Wiener Sängerknaben jedoch mindestens 40 Jahre zurück.[7]

Ehemalige Wiener Sängerknaben[Bearbeiten]

(einschließlich Hofsängerknaben)

Ehemalige Präsidenten, Chorleiter, Direktoren und Vorstände[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • R. Holzer, J. Schnitt: Die Wiener Sängerknaben, 1953
  • F. J. Grobauer: Die Nachtigallen aus der Wiener Burgkapelle, 1954
  • A. Witeschnik: Die Wiener Sängerknaben, Verlag Anton Pustet, Salzburg 1968 (mit beiliegender Single-Schallplatte: Das Heidenröslein, Lasst euch erzählen)
  • F. Endler: Die Wiener Sängerknaben, 1974
  • L. Beck und T. Breckwoldt: Wiener Sängerknaben, St. Pölten 2004
  • Elisabeth Th. Hilscher-Fritz: Wiener Sängerknaben. In: Oesterreichisches Musiklexikon. Online-Ausgabe, Wien 2002 ff., ISBN 3-7001-3077-5; Druckausgabe: Band 5, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2006, ISBN 3-7001-3067-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kalenderblatt 20030630, br-online.de
  2. Wiener Rathauskorrespondenz, 13. Dezember 1963, Blatt 2993
  3. Mitteilung über die Wahl des neuen Präsidenten (PDF; 101 kB)
  4. Wiener Zeitung vom 10. Dezember 2012: Wiener Sängerknaben eröffneten „Muth“. Abgerufen am 29. Dezember 2012.
  5. Opfer klagen an: Missbrauchsvorwürfe auch bei Wiener Sängerknaben
  6. http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/Überblick/Chronik/ChronikContainer/472194-8/wiener-sängerknaben-schon-elf-mutmaßliche-missbrauchs-opfer.csp wiener-sängerknaben-schon-elf-mutmaßliche-missbrauchs-opfer. tt.com
  7. Stellungnahme, wsk.at