Adolf Bierbrauer

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Adolf Bierbrauer, Selbstporträt, 1939, Öl auf Leinwand auf Hartfaserplatte dubliert, 28 cm × 21,5 cm.

Adolf Bierbrauer (* 26. Juli 1915 in Düsseldorf; † 2. September 2012 in Ratingen) war ein bildender Künstler, deutscher Arzt und Psychotherapeut.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antichristentum ohne Ängstlichkeit, Acryl auf Leinwand, 80 cm × 120 cm, 1999
Gemälde von Adolf Bierbrauer, Verzweifeltes Suchen nach dem Inneren Gesicht, somnambule Arbeit, Acryl auf Leinwand, 160 cm × 200 cm, 1999.

Adolf Bierbrauer wuchs mit zwei Geschwistern in Düsseldorf-Oberkassel auf. 1925 wurde er von seiner Klavierlehrerin auf das philosophische Werk von Rudolf Steiner aufmerksam gemacht. Mit achtzehn Jahren trat er öffentlich als Klaviersolist auf. Gleichzeitig fertigte er Portraits von Menschen aus der Nachbarschaft. 1934 reiste er zum Goetheanum nach Dornach in der Schweiz, um die Werke Steiners zu studieren.

1935 nahm er des Medizinstudium an der Philipps-Universität Marburg auf, wechselte 1937 nach Freiburg und setzte ab 1939 das Studium in Jena und an der medizinischen Akademie in Düsseldorf fort. Von 1940 bis 1942 leistete er Militärdienst in Frankreich. 1942 wurde Bierbrauer aus Mangel an Truppenärzten nach Düsseldorf zurückbeordert, um dort das medizinische Staatsexamen zu machen. Er schloss 1943 das Studium mit der Promotion ab. Im Januar 1945 wurde er als Truppenarzt zur Ostfront geschickt, in Breslau gefangen genommen und nach Transkaukasien (Mingitschaur) abtransportiert, um dort als Streckenbauer und Betonarbeiter eingesetzt zu werden.

Während seiner Gefangenschaft malte Bierbrauer im Auftrag des Lagerleiters dokumentarische Bilder von geologischen Untersuchungen der Endmöranen. Nebenbei wurden Kriegsgefangene bei archäologische Ausgrabungen von Medergräbern eingesetzt.

1949 kam er nach Düsseldorf zurück und wurde Volontärarzt an der Universitätsklinik Hamburg. Von 1951 bis 1953 arbeitete er als Psychotherapeut an der 2. Medizinischen Akademie in Düsseldorf und spezialisierte sich auf Hypnosebehandlungen. Die ersten Hypnosebilder entstanden. „Bierbrauer malte die ‚Hypnosebilder‘ nach den Schilderungen der seinen Patienten im Trancezustand erschienen Bilder.“[1] Seine öffentliche Stellungnahme gegen Elektroschockbehandlungen und Insulinschocks führten 1953/1954 zu seiner Entlassung durch die Universität. Im Sommersemester besuchte er die Klasse „Monumentalmalerei und Wandmalerei“ unter der Leitung von Otto Gerster an den Kölner Werkschulen. Er bewarb sich an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde abgelehnt.

1954 erhielt er die kreisärztliche Bescheinigung für die Niederlassung als praktischer Arzt. Bierbrauer spezialisierte sich auf Nervenleiden und psychosomatische Erkrankungen. Er verfolgte den eingeschlagenen Therapieweg mit Hypnose weiter.

Seit den 1960er-Jahren entstanden die ersten somnambulen Bilder. Ein Schlaganfall im Jahr 1965 zwang Bierbrauer seine Tätigkeit als Arzt aufzugeben. Ab dem Jahr 1973 erklärte er sich zum freien Künstler und gab in seinem Haus Malunterricht für Kinder. Daraus ging später der erste Waldorfkindergarten in Düsseldorf hervor. Weiterhin war er auch als Pianist an den Waldorfschulen tätig. 1974 bewarb er sich erneut an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er fast zwei Jahre blieb. Gleichzeitig besuchte er Philosophievorlesungen bei Rudolf Heinz an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Ab ca. 1990 entstand die „Müllkunst“, wie Bierbrauer einige seiner Arbeiten nannte. 1998 bezog Bierbrauer das von ihm mit initiierte, anthroposophisch-orientierte Heinrich-Zschokke-Haus in Gerresheim. Im Jahr 2000 wurden seine Werke im Rahmen der Präsentation seiner Monografie im NRW-Forum erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Bazon Brock und Gabriele Lohberg, Direktorin der Europäischen Kunstakademie Trier, hielten die Einführungsreden.

Seinen Lebensabend verbrachte er zunächst in einem anthroposophischen Altersheim und ab 2006 in Ratingen in einem Altenheim der Kaiserswerther Diakonie. Im Herbst 2012 starb Bierbrauer an Herzversagen.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der elefantöse Tobsuchtanfall, Adolf Bierbrauer, Bronze Skulptur

Bierbrauers Schlüsselwerke sind seine Hypnose-Bilder aus den frühen 1950er-Jahren und seine in den letzten fünf Jahrzehnten geschaffenen somnambulen Bilder, sowie Skulpturen aus unterschiedlichen Materialien.

Finden sich im Frühwerk Porträts und Aktbilder, so näherte er sich im Laufe seiner Tätigkeiten als Künstler, Arzt und Psychotherapeut immer mehr den verborgenen Inhalten der menschlichen Psyche. Die bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der 1950er-Jahre entstandenen Bilder basieren auf Bierbrauers Suche nach Wegen, um Patienten von ihren durch Krieg und persönlichen Vergangenheit entwickelten Traumata durch die Hypnose zu heilen, indem er die in der Hypnose imaginierten Bilder von den Patienten beschreiben lässt, sie gleichzeitig malt, um sie danach mit ihnen zu besprechen. Durch diese Therapiemethode ist es Bierbrauer nicht nur gelungen, seinen Patienten zu helfen, sondern Kunstwerke durch die Mithilfe des Patienten zu gestalten und zwar im Sinne seines Verständnisses des Künstlers als Heilender des an der Gesellschaft erkrankten Individuums. Gewertet werden diese Bilder in der Kunstwissenschaft als Vorreiter der Konzeptkunst der 1960er-Jahre. Diese Hypnosebilder verglich Bazon Brock mit der Bedeutung der von Joseph Beuys durchgeführten Fußwaschungen für die Konzeptkunst. „Die Ergebnisse der Bilder, die daraufhin entstanden, sind letztlich so bedeutsam, weil sie künstlerischen formal auf dem absolut höchsten Niveau seiner Zeit stehen. Es gibt nichts vergleichbares für die 50er Jahre“[2]

Bei den späten 1960er-Jahren entstandenen „somnambulen Arbeiten“ finden sich viele Parallelen zur Informelle Kunst eines Emil Schumacher oder Emilio Vedova. In seiner Vorgehensweise (Dripping) und Ausdrucksweise sind Bezüge zum abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock zu erkennen. Bierbrauer, geschult durch die Hypnose seiner Patienten, begann in diesem Abschnitt seines künstlerischen Schaffens von den Patientenbildern zu abstrahieren und begab sich nun selbst in einen somnambulen, d. h. tagtraumartigen Zustand, um als Künstler an sein ureigenes Selbst heranzukommen. Diese Bilder, die er bis zum Ende seines Lebens erschuf, beeindrucken durch die Wechselwirkung zwischen der „Inkorporation“ der anderen im Wechselspiel mit der Suche nach der eigenen Identität.

Seine Skulpturen, die seit den 1950er-Jahren entstanden, zeigen eine eigene Ausdruckskraft, Einfallsreichtum in der Formensprache und der Titelfindung. Bei seinen Bronzefiguren wie dem Elefantösen Tobsuchtsanfall aus dem Jahr 2001 setzt er eine expressive freie, nicht an die konkrete Form gebundene Gestaltung ein, die ihren informellen Ausdruck durch die Steigerung der Titelfindung erhält. Sie erscheinen wie trash-artige Skulpturen, meist zusammengesetzt aus Materialresten, die mit Leim, Metalldrähten, Stanniolpapier verbunden sind.

Galerie Auswahl Hypnosebilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adolf Bierbrauers Werk ist die ersten 85 Jahre seines Lebens abseits der Öffentlichkeit entstanden, weil er sein Schaffen für Privatsache hielt.[1] Erst mit der Präsentation seiner Arbeiten im Zusammenhang mit der Vorstellung seiner Monographie im NRW-Forum im Jahr 2000 erfuhr eine breitere Öffentlichkeit von der Existenz seiner Werke.[3]

Bis heute befinden sich Werke von ihm ausschließlich in privaten Sammlungen und gelangen nur selten auf den Auktionsmarkt.[4]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1998: A. Bierbrauer, Leyer-Pritzkow Ausstellungen, Düsseldorf
  • 2000: NRW-Forum Düsseldorf, Einzelausstellung
  • 2001: Menschenbilder, Gruppenausstellung mit Werken von Armin Baumgarten, Woytek Berowski, Adolf Bierbrauer und Fabrizio Gazzarri, Leyer-Pritzkow Ausstellungen, Düsseldorf
  • 2002: Das Archaische in der Kunst, Bierbrauers Arbeiten am Beispiel der Werke aus der Sammlung Helmut Hentrich
  • 2008: Hommage an Adolf Bierbrauer, Leyer-Pritzkow Ausstellungen Düsseldorf
  • 2012: Die Große, Museum Kunstpalast Düsseldorf
  • 2012: Auf der Suche nach dem verlorenen Ich, Städtische Galerie Schwabach
  • 2014: Man kann es auch übertreiben Leyer-Pritzkow Ausstellungen, Düsseldorf
  • 2015: Natura nutrix - Homo vorax, Associazione Culturale Italo-Tedesca, Palazzo Albrizzi, Venedig
  • 2015: Der Andere in mir – Adolf Bierbrauers Hypnosebilder, Onomato, Düsseldorf

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heide-Ines Willner: Das Ende meiner Biographie muss in die Zukunft führen, Rheinische Post, 12. April 1994.
  • Rudolf Heinz (Hrsg.): Pathognostische Studien, VII, Texte zu einem Philosophischen-Psychoanalyse-Finale, S. 113ff., IV. Wie die Hypnosebilder zu deuten sind, Bd. 31, Die Blaue Eule Verlag, Essen 2002, ISBN 3-89206-016-9.
  • Rudolf Heinz (Hrsg.): Pathognostische Studien, VIII, Importune Philosophie-Regresse auf die Psychoanalyse, S. 47, Annäherungen an Adolf Bierbrauers „Hypnosebilder“, Bd. 32, Die Blaue Eule Verlag, Essen 2003, ISBN 3-89924-065-0.
  • Klaus Sebastian: Botschaften aus dem Unterbewusstsein, Rheinische Post, 29. Januar 2003.
  • Ursula Posny: Eine Frage der Würde, Neue Rhein-Ruhr Zeitung, 7. Oktober 2006.
  • Bertram Müller: Adolf Bierbrauer – Herr der Farben, Rheinische Post, 13. Oktober 2008.
  • Katja Knicker: Der Künstler als Heilender, Adolf Bierbrauers Hypnosebilder, Magisterarbeit zur Erlangung des Grades Magistra Artium der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Januar 2010.
  • Sabine Schuchart: Trancezustände und Traumwelten, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 107, Heft 27, 4. Juli 2010.
  • Robert Schmitt: Der Heilende als Künstler, Martin Leyer-Pritzkow stellt Adolf Bierbrauers Werk in der Bürgerhaus Galerie vor, Schwabacher Tageblatt, 30. März 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Adolf Bierbrauer, Hrsg. von Martin Leyer-Pritzkow mit Beiträgen von Helmut Reuter und Veronika Kolbe sowie Roswitha Mösl. Euregio Dr., Nordhorn 1999, ISBN 3-926820-70-5
  2. Bazon Brock: Gesammelte Schriften 1991–2002, Bd. III, Der Barbar als Kulturheld, Ästhetik des Unterlassens, IV Strategien der Ästhetik, Bildende Wissenschaft, 8, Inkorporation und Repräsentation, S. 465 ff., DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002, ISBN 3-8321-7149-5.
  3. Helga Meister: Mit 85 Jahren entdeckt, Westdeutsche Zeitung, 29. Januar 2000.
  4. Christiane Fricke, Langlebiges „Köttelkarnickel“, Handelsblatt, Live-App., 23. Mai 2013.