Amtsgericht Zwingenberg

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Gebäude des ehemaligen Amtsgerichtes

Das Amtsgericht Zwingenberg (bis 1879 Landgericht Zwingenberg) war ein von 1821 bis 1934 bestehendes hessisches Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Sitz in Zwingenberg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Starkenburg wurde das „Hofgericht Darmstadt“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Zwingenberg“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Zwingenberg. In den standesherrlichen Gebieten der Provinz Starkenburg bestanden weiterhin die Justizkanzlei in Michelstadt für Gerichtsfälle zweiter Instanz, die dem Hofgericht nachgeordnet war. Das Deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 führte zu einer einheitlichen Gerichtsorganisation im ganzen Reich. Das „Hofgericht Darmstadt“ wurde nun als „Landgericht Darmstadt“ zur übergeordneten Zweiten Instanz in der Provinz, während die Gerichte erster Instanz in Amtsgericht umbenannt wurden.

Landgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der Trennung von Justiz und Verwaltung im Großherzogtum Hessen durch die Verordnung vom 14. Juli 1821[1] gründete sich das Landgericht Zwingenberg, dessen Sprengel deckungsgleich mit dem Landratsbezirk Bensheim war und somit folgende Bestandteile aufwies:

1824 wurden Beedenkirchen und Wurzelbach vom Landgericht Lichtenberg abgetrennt und dem Landgericht Zwingenberg zugeteilt.[2] Am 16. Dezember 1839 erfolgte die Gründung des Landgerichts Gernsheim, an dessen Sprengel die Orte Gernsheim, Eich, Eschollbrücken, Hahn und Klein-Rohrheim abgegeben werden mussten[3], als Ersatz dafür gingen die bis dahin zum Sprengel des Landgerichts Fürth zählenden Orte Elmshausen, Gadernheim, Gronau, Hohenstein, Lautern, Raidelbach, Reichenbach, Schönberg, Wilmshausen und Zell an den Zwingenberger Sprengel[4]. Im Zuge der Neuordnung der Gerichtsbezirke in der Provinz Starkenburg mit Wirkung vom 1. Juni 1853[5] wurden die Orte Pfungstadt, Eberstadt und Nieder-Beerbach an den Bezirk des Landgerichts Darmstadt abgegeben[6].

Amtsgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Oktober 1879 kam es infolge des Gerichtsverfassungsgesetzes zur Umbenennung in Amtsgericht Zwingenberg, zur Zuteilung zum Bezirk des neu – als Obergericht – geschaffenen Landgerichts Darmstadt und zur Abgabe des Ortes Malchen an das nunmehrige Amtsgericht Darmstadt II. Der Sprengel des Amtsgerichts Zwingenberg bestand nun aus den Orten Alsbach, Auerbach, Balkhausen, Beedenkirchen mit Wurzelbach, Bensheim, Bickenbach, Elmshausen, Fehlheim, Gadernheim, Gronau, Hähnlein, Hochstädten, Jugenheim, Langwaden, Lautern, Ober-Beerbach mit Schmal-Beerbach und Stettbach, Raidelbach, Reichenbach, Rodau, Schönberg, Schwanheim, Seeheim, Staffel, Wilmshausen, Zell und Zwingenberg.[7] Von diesen bildeten Bensheim, Elmshausen, Gadernheim, Gronau, Lautern, Raidelbach, Reichenbach, Schönberg, Wilmshausen und Zell den Grundstock des am 1. Mai 1902 neuerrichteten Amtsgerichtsbezirks Bensheim.[8]

1934 wurde das Amtsgericht Zwingenberg aufgelöst und die Aufgaben an das Amtsgericht Bensheim übertragen.[9]

Gerichtsgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude am Obertor 1, ehemaliges Jagdschloss von Philipp dem Großmütigen aus dem Haus Hessen, diente von 1803 bis 1934 als Amtshaus, d. h. bis 1934 war hier das Land- bzw. Amtsgericht untergebracht und von 1821 bis 1900 auch das vorher in Seeheim angesiedelte Rentamt. Ab 1934 diente das Amtsgebäude nur noch zu Wohnzwecken. Das ehemalige Amtsgebäude ist ein zweigeschossiger Bruchsteinbau mit Satteldach und nach Süden zeigendem Schweifgiebel. Die Putzfassade ist durch rechteckige Fenster mit hölzernen Klappläden gegliedert. Am Südgiebel befinden sich horizontale Gesimse, seitlich davon kleine Obeliskenaufsätze. Im Dach gibt es wiederum kleine Gaupen mit spitzen Helmen. An der Westseite ist ein Treppenturm mit rundbogigem Kellerportal, die Hauseingänge an der Obergasse sind mit zweiflügeligen Türen und Oberlichtern ausgestattet. Der Amtsgerichtssaal ist durch einen niedrigen Eingangsflügel mit dem Hauptgebäude verbunden. Das kleine Gebäude ist eingeschossig mit großen gekoppelten Fenstern, ebenfalls verputzt und mit obeliskenbekrönten Schweifgiebeln geschmückt. Der hofartige Winkel zwischen Haupt- und Nebengebäude ist durch einen Eisenzaun zwischen hohen Sandsteinpfosten zur Straße abgegrenzt. Vor dem Treppenturm erstreckt sich die Remise, ein langgestreckter, eingeschossiger, unverputzter Bruchsteinbau mit Satteldach und sandsteingerahmten Tür- und Fensteröffnungen. Davor, im Hof, ein Sandsteinbrunnen mit hohem, vierseitigem Stock, Abschlussplatte und rundem Wasserbecken. Das ehemals herrschaftliche Anwesen und spätere Verwaltungsgebäude ist von besonderer orts- und regionalgeschichtlicher Bedeutung, darüber hinaus als Bau der späten Renaissance auch von kunsthistorischem und baukünstlerischem Wert und demzufolge als Baudenkmal geschützt.

Richter am Amtsgericht Zwingenberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 404)
  2. Zutheilung der Gemeinden Beedenkirchen und Wurzelbach zu dem Landrathsbezirke Bensheim und dem Landgerichte Zwingenberg betr. vom 11. Oktober 1824 (Hess. Reg.Bl. S. 633–634)
  3. Bekanntmachung, die Errichtung eines Landgerichts zu Gernsheim betreffend vom 16. November 1839 (Hess. Reg.Bl. S. 375–376)
  4. Bekanntmachung, die Trennung der Orte des ehemaligen Amtes Schönberg, mit Ausnahme des Kirchspiels Rimbach, von dem Landgerichte Fürth und deren Zutheilung zu dem Landgerichte Zwingenberg betreffend vom 16. November 1839 (Hess. Reg.Bl. S. 377)
  5. Bekanntmachung, 1. die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt und Waldmichelbach, 2. die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichtsbezirke in der Provinz Starkenburg betr. vom 20. Mai 1853 (Hess. Reg.Bl. S. 377)
  6. Bekanntmachung vom 15. April 1853, betreffend:
    1) die Aufhebung der Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt, Waldmichelbach, Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichts-Bezirke in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. (Hess. Reg.Bl. S. 221–230)
  7. Großherzog von Hessen und bei Rhein: Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1879 Nr. 15, S. 197–211 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 17,8 MB]).
  8. Großherzogliches Ministerium der Justiz: Bekanntmachung, die Errichtung eines Amtsgerichts in Bensheim betreffend vom 26. März 1902. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1902 Nr. 19, S. 154 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 3,0 MB]).
  9. Verordnung über die Umbildung von Amtsgerichtsbezirken vom 11. April 1934. In: Hessisches Regierungsblatt. 1934 Nr. 10, S. 63 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 13,6 MB]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Amtsgericht (Zwingenberg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 49° 43′ 19,7″ N, 8° 36′ 50,8″ O