Babyn Jar

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Babyn Jar (2004)

Babyn Jar (ukrainisch Бабин Яр; russisch Бабий Яр/Babi Jar; übersetzt Weiberschlucht) ist eine Schlucht auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Mit einer Länge von 2,5 km und einer Tiefe von 5 bis 30 m war sie ein Nebental des einstigen Dneprzuflusses Potschajna und befand sich ursprünglich außerhalb der Stadtgrenzen. Heute wird das Gebiet durch die Melnykowa-Straße im Norden, die Olena-Teliha-Straße im Westen und die Dorohoschizka-Straße im Süden begrenzt.

Diese Schlucht war 1941 der Schauplatz des größten einzelnen Massakers an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg, das unter der Verantwortung des Heeres der Wehrmacht durchgeführt wurde.[1] Den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD fielen am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden zum Opfer. Juden wurden in dieser Phase des Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion noch von mobilen SS-Truppen mit Schusswaffen umgebracht, der fabrikmäßige Massenmord durch Gaseinsatz war noch nicht gebräuchlich. Die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, die bereits in den Monaten zuvor bei den Judenmorden eng mit dem SD zusammengearbeitet hatte, half bei der Planung und Durchführung der Vernichtungsaktion.[2]

Das Massaker von 1941[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmal für die ermordeten Kinder von Babyn Jar (2006)
„Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September bis 8 Uhr Ecke der … einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen… Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen. Wer in verlassene Wohnungen von Juden eindringt oder Gegenstände entwendet, wird erschossen.“ Fotomontage des russischen, ukrainischen und deutschen Textes (1942)

Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung wurde verübt, nachdem die 6. Armee und die Einsatzgruppe C der SS in Kiew einmarschiert waren. Verantwortlicher Oberbefehlshaber war Generalfeldmarschall Walter von Reichenau. Die jüdische Bevölkerung Kiews, die bei Kriegsbeginn 220.000 Menschen zählte, war zum großen Teil vor dem Einmarsch der Wehrmacht geflohen oder diente in der Roten Armee; etwa 50.000 waren zurückgeblieben, überwiegend ältere Männer, Frauen und Kinder.[3] Das XXIX. Armeekorps, das der 6. Armee unterstand, stellte Kiew unter Besatzungsrecht und ernannte den Chef der Feldkommandantur 195 Generalmajor Kurt Eberhard zum Stadtkommandanten von Kiew.[4][5]

Wenige Tage nach der Eroberung der Stadt (Schlacht um Kiew) kam es im Kiewer Stadtzentrum zu Explosionen und Bränden, bei denen mehrere Hundert Angehörige der Wehrmacht und Einwohner ums Leben kamen. Daraufhin hielten Offiziere der Wehrmacht und SS am 27. September 1941 in den Diensträumen Generalmajors Kurt Eberhard eine Besprechung ab, Teilnehmer waren u. a. Friedrich Jeckeln, der bereits das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941 mit zu verantworten hatte, der Befehlshaber der Einsatzgruppe C, SS-Brigadeführer Otto Rasch, sowie der Befehlshaber des Sonderkommandos 4a, SS-Standartenführer Paul Blobel. Es wurde beschlossen, einen Großteil der Kiewer Juden zu töten und dieses Vorhaben durch eine „Evakuierungsaktion der Juden“ zu tarnen. Zur vereinbarten Arbeitsteilung zwischen Wehrmacht und SS berichtete SS-Obersturmführer August Häfner, der an dieser und den Folgebesprechungen teilnahm: „Wir mußten die Drecksarbeit machen. Ich denke ewig daran, daß der Generalmajor Kurt Eberhard in Kiew sagte: ‚Schießen müsst ihr!‘“. Vor den Angehörigen von SS und Wehrmacht sollte die Mordaktion als „Vergeltung für die Anschläge“ legitimiert werden.[6] Generalfeldmarschall Reichenau forcierte die Aktion persönlich, wie aus einem Bericht der SS nach Berlin hervorgeht: „Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen“.[7]

An der Aktion waren Angehörige des SD und des Sonderkommandos 4a (befehligt von SS-Standartenführer Paul Blobel) der SS-Einsatzgruppe C unter dem Kommando von SS-Brigadeführer Otto Rasch, die für die sogenannten Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zuständig war, Kommandos des Polizeiregiments Süd der Ordnungspolizei, Angehörige der Geheimen Feldpolizei, ukrainische Miliz sowie die Wehrmacht beteiligt. Auch die „Bukowiner Kurin“, eine von Pjotr Wojnowskyj angeleitete Militäreinheit der Melnyk-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten, nahm aktiv an dem Massaker teil.[8]

Am 28. September 1941 wurden Bekanntmachungen über eine Evakuierung an die Kiewer Juden herausgegeben. Diese sollten sich am folgenden Tag in der Nähe des Bahnhofes einfinden und warme Kleidung, Geld sowie persönliche Dokumente und Wertgegenstände mitbringen. Diesem Aufruf folgten mehr Juden als erwartet. In Gruppen wurden diese aus der Stadt und zur Schlucht geführt, mussten sich dort ihrer Kleidung entledigen und wurden dann entsprechend dem „Einsatzbefehl der Einsatzgruppe Nr. 101“ systematisch durch Maschinengewehr- und Maschinenpistolenfeuer erschossen. Bei den Erschießungen am 29. und 30. September 1941 wurden laut Ereignismeldung der SS-Einsatzgruppe C vom 2. Oktober 1941 innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden getötet.[9]

Eine der wenigen Überlebenden, Dina Pronitschewa, schildert das Grauen so:

„Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der Ermordeten legen und auf die Schüsse warten, die von oben kamen. Dann kam die nächste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Juden und starben. Vielleicht waren die Menschen im Sterben und im Tod gleich, aber jeder war anders bis zum letzten Moment, jeder hatte andere Gedanken und Vorahnungen, bis alles klar war, und dann wurde alles schwarz. Manche Menschen starben mit dem Gedanken an andere, wie die Mutter der schönen fünfzehnjährigen Sara, die bat, gemeinsam mit ihrer Tochter erschossen zu werden. Hier war selbst zum Schluss noch eine Sorge: Wenn sie sah, wie ihre Tochter erschossen wurde, würde sie nicht mehr sehen, wie sie vergewaltigt wurde. Eine nackte Mutter verbrachte ihre letzten Augenblicke damit, ihrem Säugling die Brust zu geben. Als das Baby lebendig in die Schlucht geworfen wurde, sprang sie hinterher.[10]

Vor den Erschießungen soll es laut Zeugenaussagen auch zu Fällen sexueller Gewalt gegenüber Frauen gekommen sein. Die Wehrmacht leistete mehr als nur logistische Hilfe, indem sie die Stadt und den Erschießungsort absicherte und nach dem Massaker Teile der Schluchtwände sprengte, um mit dem abgesprengten Schutt die Leichenberge zu verstecken. Bis zum 12. Oktober wurden insgesamt 51.000 Juden getötet. Die Habseligkeiten der Juden wurden in einem Lagerhaus aufbewahrt und an Volksdeutsche sowie bedürftige Einwohner von Kiew verteilt. Die Kleider wurden in 137 Lkw verladen und der NS-Volkswohlfahrt übergeben.[11]

Nach dem Massaker lobte die Einsatzgruppe C die gute Zusammenarbeit mit der 6. Armee:

„Es ist der Einsatzgruppe gelungen, zu sämtlichen Wehrdienststellen vom ersten Tag an ein ganz ausgezeichnetes Einvernehmen herzustellen. Hierdurch wurde es auch ermöglicht, daß die Einsatzgruppe von Beginn ihres Einsatzes an sich niemals im Raum des rückwärtigen Heeresgebietes aufgehalten hat, daß vielmehr von der Wehrmacht immer wieder die Bitte ausgesprochen wurde, die Einsatzkommandos möchten sich möglichst weit vorne bewegen.[12]

Weitere Massaker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur Einnahme Kiews durch die Rote Armee im November 1943 fanden weitere Massenerschießungen statt, bei denen sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten unterschiedlicher Nationalitäten getötet wurden. Die Anzahl der Opfer betrug unterschiedlichen Schätzungen zufolge insgesamt zwischen 150.000 bis 200.000 Tote.

Vertuschungsaktion 1005 B[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Sonderaktion 1005

Nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad wurde, wie in anderen Gegenden auch, versucht, die Spuren der Massaker zu beseitigen, weil eine Rückkehr der Roten Armee in den Bereich des Möglichen rückte. SS-Standartenführer Paul Blobel kehrte mit dem Sonderkommando 1005A zurück und eine Gruppe unter SS-Obersturmbannführer Baumann bestehend aus ca. 10 SD-Männern und 30 deutschen Polizisten sowie 327 Gefangenen des nahe gelegenen KZ Syrez mussten als Zwangsarbeiter die Leichen „enterden“, angeblich 40.000 bis 45.000, und auf Scheiterhaufen, die aus benzingetränkten Eisenbahnschwellen aufgeschichtet wurden, verbrennen. Danach wurden die Zwangsarbeiter als Mitwisser erschossen. Einige entkamen und berichteten nach dem Krieg über diese Leichenverbrennungen.[13][14]

Juristische Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dina Pronitschewa, eine Überlebende des Massakers, 1946 bei ihrer Aussage in Kiew in einem Kriegsverbrecherverfahren gegen 15 deutsche Polizeiangehörige

In Kiew gab es 1946 einen Kriegsverbrecher-Prozess.[15]

Das Massaker von Babyn Jar war auch einer der Anklagepunkte in den Nürnberger Prozessen.[16] Das sowjetische Anklageteam legte dort schriftliche Dokumente über die Exhumierungen vor. Paul Blobel wurde beim Einsatzgruppen-Prozess des Mordes an 60.000 Personen, darunter der Opfer von Babyn Jar, für schuldig befunden, zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 in Landsberg gehängt.

Im Jahr 1968 wurden weitere acht Mitglieder des Sonderkommandos 4a im „Callsen-Prozess“ (SS-Führer Kuno Callsen war der Verbindungsoffizier Blobels zum AOK 6) vom Landgericht Darmstadt zu langen Haftstrafen verurteilt. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau war schon 1942 an einem Schlaganfall gestorben; Generalmajor Kurt Eberhard verübte 1947 in US-Internierung in Stuttgart Suizid.[17]

Im Mai 1971 wurde vor dem Landgericht in Regensburg ein Prozess gegen den Kommandeur des Polizei-Bataillons 45, Martin Besser (79), den Kompanieführer Engelbert Kreuzer (57) und den Feldwebel der Kompanie Fritz Forberg (66) wegen Beihilfe zu tausendfachem Mord eröffnet. Nach zwei bzw. drei Tagen wurde das Verfahren gegen Besser und Forberg aufgrund amtlich attestierter Verhandlungsunfähigkeit eingestellt bzw. unterbrochen. Kompanieführer Kreuzer klagte man zudem als Mittäter bei 40.000-fachem Mord an. Im August 1971 wurde der Polizeimajor und SS-Sturmbannführer Kreuzer vom Gericht für schuldig befunden und zu sieben Jahren Haft wegen Beihilfe zum Massenmord von Babyn Jar verurteilt. Darüber hinaus war er laut Urteil an den Morden von Berdytschiw, Chorol, Slawuta, Schepetowka, Sudylkow und Winniza beteiligt. Das Regensburger Landgericht war örtlich zuständig, da das Polizeibataillon 45 zum Polizeiregiment Russland-Süd gehörte und dessen Kommandeur, René Rosenbauer, in Regensburg lebte. Das Verfahren gegen den Oberstleutnant Rosenbauer, der das Kommando des o.g. Regiments innehatte, wurde schon im Vorfeld wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.[18]

Keiner der Offiziere der Wehrmacht, die sich an Vorbereitung, Durchführung oder Vertuschung des Massakers beteiligt hatten, musste sich jemals vor Gericht verantworten.[19]

Erinnerungspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Massaker von Babyn Jar blieb in einer breiteren Öffentlichkeit lange weitgehend unbekannt. Zwar berichtete die New York Times bereits am 29. November 1943 darüber.[20] In der Sowjetunion wurde das Wissen um das Massaker aber von Regierungsseite manipuliert und unterdrückt.[21] Die erste sowjetische Pressemitteilung über das Massaker in der Zeitung Iswestija vom 19.  November 1941 hatte noch vermerkt, dass die Opfer von Babyn Jar ausschließlich Juden waren.[22] Stalin hatte aber schon während des Krieges eine Kampagne gegen die sowjetischen Juden begonnen.[23] Zuzugestehen, dass die Nationalsozialisten vor allem Juden als Gruppe ermordet hatten, hätte für die sowjetische Regierung außerdem bedeutet, die Existenz der Juden als eigener Gruppe in der sowjetischen Gesellschaft anzuerkennen. Auch die Beteiligung von Kollaborateuren sollte nicht erwähnt werden.[24] Der Ende Februar 1944, sechs Monate nach der Befreiung Kiews, unter Leitung Nikita Chruschtschows veröffentlichte offizielle Bericht über das Massaker sprach von den Opfern nur als sowjetischen Bürgern, ohne darauf einzugehen, dass gezielt Juden ermordet worden waren. Die Publikation eines Schwarzbuches von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg über den Mord an den Juden wurde zensiert bzw. die Auslieferung unterbunden.[23][25]

Jewgeni Jewtuschenko, Autor eines Gedichts Babi Yar (2009)

In der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod diskutierte das ukrainische Zentralkomitee 1957 Pläne für ein Denkmal, entschied aber, es sei besser, den Ort des Massakers mit einem Sportstadion zu überbauen. Nach einem offenen Brief des Schriftstellers Wiktor Nekrassow und einer Petition von Bürgern ließ die ukrainische Regierung verlautbaren, dass nun ein Park mit einem Denkmal in Babyn Jar gebaut werden sollte. Chruschtschow selbst sorgte dafür, dass die Pläne nicht weiterverfolgt wurden. Stattdessen wurde 1960 mit dem Bau eines Staudamms begonnen und Schlamm und Wasser aus einem nahegelegenen Steinbruch in die Schlucht gepumpt. Nach größeren Regenfällen und einem Unfall in der nahegelegenen Ziegelei brach der Damm am 13. März 1961 und überflutete Vororte im Norden Kiews. Nach Angaben der New York Times kamen dabei 145 Menschen ums Leben.[26] Es entsprach umgekehrt aber auch dem Schlingerkurs Chruschtschows, dass die Publikation des Gedichts Babi Yar von Jewgeni Jewtuschenko am 19. September 1961 erlaubt wurde.[27]

Mit den Bauarbeiten bei Babyn Jar wurde indes ebenso fortgefahren wie mit öffentlichen antisemitischen Attacken.[28] Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof, der während des Massakers als Sammelpunkt gedient hatte, eingeebnet, um dort einen Fernsehturm zu errichten.[29] Ab 1966 begannen aber auch geduldete Gedenkmärsche mit tausenden Teilnehmern.[30] Schließlich wurde 1976 ein Denkmal eingeweiht, das aber nicht darauf einging, dass die Getöteten vor allem Juden waren.[31] Am 29. September 1991 wurde das jüdische Denkmal „Menorah“ im Park Babyn Jar (Metrostation Дорогожичі Dorohoshytschi) der Öffentlichkeit übergeben. In den folgenden Jahren wurden weitere Denkmale errichtet, sodass der Historiker Andrej Kotljarchuk von einer Opferkonkurrenz spricht.[32]

Rede des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich eines zweitägigen Besuches in der Ukraine, den Jitzchak Rabin am 12. und 13. September 1995 mit seiner Ehefrau Leah absolvierte, besuchten die Rabins auch Babyn Jar. In seiner dort gehaltenen Rede gedachte Rabin der Toten mit folgenden Worten:

„Hier in Babyn Jar haben die Männer des Sonderkommandos A4 die Träume kleiner Kinder vernichtet und die Herzen ihrer Eltern, die sie mit ihren eigenen Körpern zu schützen versuchten. Hier übertönte das Dröhnen der Gewehrsalven die Schreie Zehntausender von Kiewer Juden und vieler anderer Opfer. Und hier in diesem Höllenschlund endete die Geschichte einer großartigen jüdischen Welt – der Welt der ukrainischen Juden, aus deren Mitte die ersten Träumer von Zion hervorgingen, die besten jüdischen Dichter und Schriftsteller, die großen Pioniere und Wegbereiter des Zionismus.“

Zitiert nach Leah Rabin[33]

Literarische Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 20. Jahrestag des Massakers verfasste der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko das Gedicht Babij Jar, dessen ersten zwei Verse wie folgt lauten (mit einer Übersetzung Paul Celans):

«Над Бабьим Яром памятников нет.
Крутой обрыв, как грубое надгробье.»

«Nad Babjim Jarom pamjatnikow net.
Krutoi obryw, kak gruboje nadgrobje.»

„Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.“[34][35]

Mit seinem Gedicht erlangte Jewtuschenko 1961 Weltruhm. Im eigenen Land führte es zu heftigen kulturpolitischen Auseinandersetzungen, da er erstmals in der Sowjetunion an den Massenmord an Kiewer Juden von 1941 erinnerte und die Anklage gegen das deutsche Verbrechen mit dem offiziellen Antisemitismus im eigenen Land verband, durch welchen den Opfern ein Denkmal verweigert wurde.[36] Nachdem der Text zunächst als Samisdat im Umlauf gewesen war, las Jewtuschenko das Gedicht erstmals im September 1961 öffentlich in Moskau. Am 13. September 1961 erschien es in der sowjetischen Literaturzeitschrift Literaturnaja Gaseta. Verstärkt wurden die Auseinandersetzungen aufgrund der Vertonung des Gedichts 1962 durch den Komponisten Dmitri Schostakowitsch im Adagio seiner 13. Sinfonie in b-Moll op. 113.[37] Laut Frank Grüner ist neben Jewtuschenkos Gedicht keine künstlerische Bearbeitung des Babij-Jar-Themas auf ein derartiges lebhaftes Interesse gestoßen wie Schostakowitschs Uraufführung der Sinfonie am 18. Dezember 1962 im Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium.[38]

Bereits 1944 hatte Ilja Ehrenburg in einem Gedicht an die Opfer von Babij Jar erinnert. In dem von ihm und Wassili Grossman herausgegebenen tausendseitigen Schwarzbuch über die verbrecherischen Massenvernichtungen der Juden in der Sowjetunion 1941–1945 behandelt der erste Text die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Kiew; Babi Jar.

Anatoli Kusnezow hat in dem Dokumentar-Roman Babij Jar – Die Schlucht des Leids über dieses Massaker aus unmittelbarer Nähe und nach den Zeugnissen Überlebender berichtet. Der Massenmord wird auch in dem Roman Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell dargestellt.

Katja Petrowskaja, die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2013, thematisiert in dem von ihr gelesenen Text Vielleicht Esther die Erschießung ihrer jüdischen Urgroßmutter 1941 in Kiew.[39] Er erzählt vom Versuch der Nachgeborenen, den Mord erzählend hinauszuschieben.[40] Auch anlässlich des 70. Jahrestages 2011 hatte die Autorin in ihrer Reportage Spaziergang in Babij Jar an das Massaker erinnert.[41]

Film und Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Verbrechen wurden mehrere Filme gedreht, unter anderem:

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944“. Topographie des Terrors. Berlin. 28. September 2016 bis 19. März 2017.[42]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ilja Altman: Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941–1945. Mit einem Vorwort von Hans-Heinrich Nolte. Aus dem Russischen von Ellen Greifer. Muster-Schmidt, Gleichen/Zürich 2008, ISBN 978-3-7881-2032-0.(Russische Originalausgabe: Жертвы ненависти. Холокост в СССР, 1941—1945 гг. – Schertwy nenawisti. Cholokost w SSSR 1941–1945, „Fond Kowtscheg“, Moskwa 2002, Rezension H-Soz-u-Kult, 24. Oktober 2008).
  • Klaus Jochen Arnold: Die Eroberung und Behandlung der Stadt Kiew durch die Wehrmacht im September 1941. Zur Radikalisierung der Besatzungspolitik. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 1999 (58), 23–63.
  • Patrick Dempsey: Babi-Yar. A Jewish Catastrophe. P. A. Draigh, Measham 2005, ISBN 1-904115-03-9.
  • Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg (Hrsg.): Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994, ISBN 3-498-01655-5; Kapitel Kiew; Babi Jar, S. 43–58 (Zeugenberichte aus dem Jahr 1945, 1946/47 zum Druck vorbereitet von L. Oserow).
  • Anatoli Wassiljewitsch Kusnezow: Babi Jar. Ein dokumentarischer Roman. Volk und Welt, Berlin 1968.
    • neu ediert und übersetzt aus dem Russischen von Irina Nowak. Mit einem Nachwort von Benjamin Korn. Matthes & Seitz, Berlin 2001, ISBN 3-88221-295-0.
  • Stefan Klemp: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch. 2. Auflage, Klartext Verlag, Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0663-1, S. 63 f.
  • Dieter Pohl: Die Einsatzgruppe C 1941/1942. In: Peter Klein (Hrsg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Gedenk- und Bildungsstätte Haus Wannseekonferenz, Berlin 1997, ISBN 3-89468-200-0, S. 71–87.
  • Richard Rhodes: Die deutschen Mörder. Die SS-Einsatzgruppen und der Holocaust. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 978-3-404-64218-2, siehe insbesondere S. 262–275.
  • Hartmut Rüß: Wer war verantwortlich für das Massaker von Babij Jar? In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 1998 (57), 483–508. (Zur Rolle der Wehrmacht).
  • Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 102–113.
  • Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-089431-6. (Insbesondere Kapitel Tötungsarbeit – Die Durchführung.)
  • Erhard Roy Wiehn (Hrsg.): Die Schoáh von Babij Jar. Das Massaker deutscher Sonderkommandos an der jüdischen Bevölkerung von Kiew 1941. Fünfzig Jahre danach zum Gedenken. Hartung-Gorre, Konstanz 1991, ISBN 3-89191-430-X. (Aufsatzsammlung)
  • Karl Fruchtmann: Die Grube. Drehbuch zu einem Film. Donat, Bremen 1998, ISBN 3-931737-44-6.
  • Vladyslav Hrynevych/Paul Robert Magocsi (eds.), Babyn Yar. History and Memory. Duch i Litera, Kyiv 2016, ISBN 978-966-378-470-0 (auch ukr.; Aufsatzsammlung: Konferenzbeiträge des Jahres 2016)
  • Vitaliy Nakhmanovych (ed.), Babyn Yar. Memory against History's Background. Laurus, Kyiv 2017, ISBN 978-617-7313-02-0 (ukr.-engl. Katalog zur Ausstellung im Kiewer Historischen Museum)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Babi Yar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 102.
  2. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 115–128.
  3. Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 103.
  4. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht: Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Hamburg 2002, ISBN 3-930908-74-3, S. 161.
  5. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8.
  6. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 118f.
  7. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 119.
  8. Roman Danyluk: Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht. Edition AV, Lich 2010, ISBN 978-3-86841-029-7. S. 143.
  9. Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 102.
  10. 75 Jahre Massaker von Babi Jar Die Opfer haben Namen. In: Spiegel online, abgerufen 29. September 2016.
  11. Bafij-Jar-Verfahren am LG Wien, Nachkriegsjustiz.at, abgerufen 15. Januar 2015.
  12. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 117.
  13. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 125.
  14. Babyn Jar auf Deathcamp.org, abgerufen 17. Januar 2015.
  15. Karl Schlögel: Holocaust mit Kugeln. In: Neue Zürcher Zeitung, 1. Oktober 2016
  16. Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Anklageschrift, Kriegsverbrechen, Bd. I, S. 53; Sitzung vom 14. Februar 1946.
  17. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 123.
  18. Stefan Klemp: Nicht ermittelt. 2005, S. 124.
  19. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 127.
  20. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 150.
  21. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 152.
  22. Jeff Mankoff: Babi Yar and the Struggle for Memory, 1944–2004. In: Ab imperio, 2/2004, S. 396.
  23. a b Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 143–174, hier S. 152 f.
  24. Jeff Mankoff: Babi Yar and the Struggle for Memory, 1944–2004. In: Ab imperio, 2/2004, S. 393–415, hier S. 397 f.
  25. Andrej Kotljarchuk: The Memory of the Roma Holocaust in Ukraine: Mass Graves, Memory Work and the Politics of Commemoration. In: Tea Sindbæk Andersen u. Barbara Törnquist-Plewa (Hrsg,): Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe (= Media and Cultural Memory / Medien und kulturelle Erinnerung 24). De Gruyter, Berlin 2016, S. 149–174, hier S. 160.
  26. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 157 f.; Andrej Kotljarchuk: The Memory of the Roma Holocaust in Ukraine: Mass Graves, Memory Work and the Politics of Commemoration. In: Tea Sindbæk Andersen u. Barbara Törnquist-Plewa (Hrsg.): Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe. De Gruyter, Berlin 2016, S. 162.
  27. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 158.
  28. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 159 f.
  29. Jeff Mankoff: Babi Yar and the Struggle for Memory, 1944–2004. In: Ab imperio, 2/2004, S. 399.
  30. Jeff Mankoff: Babi Yar and the Struggle for Memory, 1944–2004. In: Ab imperio, 2/2004, S. 407 f.
  31. Jacqueline Cherepinsky: The Absence of the Babi Yar Massacre from Popular Memory. In: Victoria Khiterer, Ryan Barrick u. David Misal (Hrsg.): The Holocaust. Memories and History. Cambridge Scholars Publ., Newcastle upon Tyne 2014, S. 162; Andrej Kotljarchuk: The Memory of the Roma Holocaust in Ukraine: Mass Graves, Memory Work and the Politics of Commemoration. In: Tea Sindbæk Andersen u. Barbara Törnquist-Plewa (Hrsg,): Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe. De Gruyter, Berlin 2016, S. 162.
  32. Andrej Kotljarchuk: The Memory of the Roma Holocaust in Ukraine: Mass Graves, Memory Work and the Politics of Commemoration. In: Tea Sindbæk Andersen u. Barbara Törnquist-Plewa (Hrsg,): Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe. De Gruyter, Berlin 2016, S. 163.
  33. Leah Rabin: Ich gehe weiter auf seinem Weg. Erinnerungen an Jitzchak Rabin. Droemer Knaur, 1997, ISBN 3-426-26975-9, S. 371. – Das bei Rabin so genannte „Sonderkommandos A4“ heißt korrekt „Sonderkommando 4a“; siehe Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 102
  34. Евгений Евтушенко: Бабий Яр. Библиотека Максима Мошкова, abgerufen am 31. Dezember 2013.
  35. „Babij Jar“ in vier deutschen Fassungen; Die Zeit, 18. Januar 1963 Nr. 03
  36. Fremde Nähe. Celan als Übersetzer. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1997, S. 191
  37. Rezitation: Yewtuschenko, Aufführung der 13. Sinfonie durch Kurt Masur und die New Yorker Philharmoniker auf YouTube.
  38. Frank Grüner: Die Tragödie von Babij Jar im sowjetischen Gedächtnis. Künstlerische Erinnerung versus offizielles Schweigen. In: Frank Grüner, Urs Heftrich, Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.): Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2006, S. 57–96, S. 88.
  39. In der späteren Buchveröffentlichung Vielleicht Esther. Erzählungen, Suhrkamp, Berlin 2014 fand der Text am Ende des 5. Kapitels seinen Platz.
  40. Jens Bisky: Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja. Im Deutschen noch minderjährig. In: Süddeutsche Zeitung vom 7. Juli 2013.
  41. Zum Jahrestag des Massakers: „Spaziergang in Babij Jar“. auf faz.net.
  42. Sven Felix Kellerhoff: Babyn Jar-Massaker. Tausendfacher Mord als Alltag – und Belustigung. In: Die Welt, 29. September 2016. Online. Stand: 14.10.2016

Koordinaten: 50° 28′ 17″ N, 30° 26′ 58″ O