Big Four (Wirtschaftsprüfungsgesellschaften)

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Als Big Four wird das Oligopol der vier umsatzstärksten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt bezeichnet: Deloitte, EY (Ernst & Young), PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG.

Die Big Four sind für einen Großteil der Prüfungen bei aktiennotierten Unternehmen verantwortlich und beraten diese auch. Gemeinsam beschäftigen sie weltweit über 800.000 Angestellte bei 120 Milliarden Euro Umsatz.[1]

In Deutschland sind von 160 Unternehmen, die in den vier wichtigsten deutschen Aktienindizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX gelistet sind, 142 von den so genannten Big Four geprüft.[2]

Zusammensetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Big-Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind:

Name Mitarbeiter
weltweit
Mitarbeiter
Deutschland[3]
Geschichte
Deloitte 225.000 (2015) [4] 5.368 (2015) [4] früher Deloitte & Touche, entstanden durch die Fusion von Touche Ross und Deloitte Haskins & Sells
EY (Ernst & Young) 212.000 (2015) [5] 8.900 (2015) [5] entstanden durch den Zusammenschluss von Ernst & Whinney und Arthur Young
PricewaterhouseCoopers (PwC) 208.109 (2015) [6] 9.804 (2015) [6] entstanden durch den Zusammenschluss von Price Waterhouse und Coopers & Lybrand
KPMG 174.000 (2015) [7] 9.800 (2015) [7] entstanden durch die Fusion von Peat Marwick International und der KMG-Gruppe

Geschichte des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1980er Jahren entstand der Begriff Big Eight; er benannte die damals acht größten – und international dominierenden – Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Big Eight entstanden durch Zusammenschlüsse von regionalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in den 1970er Jahren und den vorherigen Jahrzehnten. Diese Big Eight waren:

  • Arthur Andersen
  • Arthur Young
  • Coopers & Lybrand
  • Ernst & Whinney
  • Deloitte, Haskins & Sells
  • Peat Marwick International (PMI)
  • Price Waterhouse
  • Touche Ross

Seit 1987 tragen die im Jahr zuvor fusionierten Prüfungsgesellschaften PMI und KMG (Klynveld Main Goerdeler) den Namen KPMG.

Die Big Eight wurden im Jahr 1989 zu den Big Six, als Ernst & Whinney im Juni mit Arthur Young zu Ernst & Young fusionierte und sich Deloitte, Haskins & Sells im August mit Touche Ross zu Deloitte & Touche zusammenschloss.

Die Big Six wurden im Juli 1998 zu den Big Five, als Price Waterhouse mit Coopers & Lybrand fusionierte und PricewaterhouseCoopers bildete.

Infolge des Enron-Skandals im Jahr 2001 fusionierten die selbständigen Ländergesellschaften von Arthur Andersen mit verschiedenen Unternehmen, insbesondere den anderen großen Prüfungsgesellschaften. In Deutschland ging der größte Teil des Unternehmens an EY (Ernst & Young), ebenso unter anderem in Großbritannien und Spanien[8]. Als eigenständige Gesellschaft bzw. Marke ging Arthur Andersen unter, und die Big Five wurden zu den Big Four.

Entwicklung in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umsatz der Big Four in Deutschland (in Milliarden)
Umsatzentwicklung der Big Four in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr (in Prozent)
Wer prüft wen? Übersicht über die Wirtschaftsprüfer der DAX-Konzerne.

In Deutschland gab es eine nahezu parallele Entwicklung, allerdings mit einigen Besonderheiten:[9]

  • Der Umsatz der Big Four in Deutschland beträgt insgesamt 6,05 Milliarden Euro (2016).
  • PwC ist traditionell Marktführer unter den Big Four in Deutschland (1,91 Mrd. Euro Umsatz, 2016), dahinter folgen KPMG (1,60 Mrd. Euro, 2016), EY (Ernst & Young) (1,57 Mrd. Euro, 2016) und Deloitte (0,96 Mrd. Euro, 2016).
  • Durch den großen Abstand von Deloitte auf PwC, KPMG und EY (Ernst & Young) besteht am deutschen Markt, anders als bei einer weltweiten Betrachtung, bei der Deloitte und PwC mit merklichem Abstand zu den übrigen Big Four den Markt anführen[10], im Grunde eine Big-Three-Situation.
  • Deloitte ist im Zeitraum 2014 - 2016 am stärksten gewachsen (Ø 13,2 % pro Jahr), KPMG am schwächsten (Ø 6,4 % pro Jahr).
  • EY (Ernst & Young) ist im Zeitraum 2010 - 2016 am stärksten gewachsen (Ø 5,5 % pro Jahr), KPMG am schwächsten (Ø 3,7 % pro Jahr).
  • Die Big Four wachsen vor allem im Consulting-Bereich (Steuerberatung, Unternehmensberatung) und entwickeln sich damit zu breit aufgestellten Service- und Beratungsfirmen; im klassischen Geschäft mit dem Testieren von Bilanzen lässt sich seit Jahren nur noch geringes Wachstum generieren.
  • Die Big Four teilen sich 83 Prozent des Geschäfts als Abschlüssprüfer mit den 160 großen deutschen Aktiengesellschaften (Stand: 2011).[11]
  • Mit Blick auf die großen DAX-Unternehmen gibt es nur noch Big Two: Unter den 30 im DAX notierten großen deutschen Konzernen dominieren KPMG (prüft 16 DAX-Unternehmen) sowie PwC (10). Deloitte prüft derzeit nur ein einziges DAX-Unternehmen (K+S, seit September 2008 im DAX), wobei ab 2017 auch das Mandat der Bayer AG von PwC hinzukommt. Ernst & Young prüft die Siemens AG (seit 2009), Beiersdorf (seit Dezember 2008 im DAX) sowie die HeidelbergCement AG (seit 2010 im DAX).
  • Mit Blick auf Finanzdienstleister ist KPMG die Nummer eins. Nur die Commerzbank wird von PwC, die Bayerische Landesbank von Deloitte[12] und die DZ Bank von EY (Ernst & Young)[13] geprüft.
  • Hinter den Big Four liegen gemäß der Lünendonk-Liste 2015 mit erheblichem Abstand BDO AG, Rödl & Partner, Ebner Stolz und Baker Tilly Roelfs.[14] Diese Gesellschaften erreichen jedoch weniger als ein Drittel bzw. ein Viertel des Umsatzes von Deloitte.
  • Sozusagen in der dritten Liga agieren drei Gesellschaften, die wiederum weniger als die Hälfte des Umsatzes der Zweitliga-Gesellschaften aufweisen: Roever Broenner Susat Mazars, Warth & Klein Grant Thornton und PKF Fasselt Schlage.

Daneben spielen auf dem Wirtschaftsprüfer-Markt in Deutschland noch große Netzwerke als Zusammenschlüsse mittelständischer WP-Gesellschaften eine Rolle, wie z. B. Nexia International, Moore Stephens Deutschland, Grant Thornton International, RSM Germany, PKF Pannell Kerr Forster, HLB Deutschland, Baker Tilly International, AGN International, Kreston International, DFK International, Moores Rowland, Ecovis, Accountants Global Network oder SC International.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prem Sikka (Professur für Rechnungswesen, University of Essex) kritisierte die Steuerberatungstätigkeit der Big Four in Zusammenhang mit den Luxemburg Leaks scharf. Ihre Steuervereinbarungen, welche die Verringerung der Steuerzahlungen in erheblicher Höhe ermöglichen, habe zur Folge, „dass normale Menschen höhere Steuern zahlen müssen, weil ihre Steuervermeidungsschemata große Konzerne und reiche Menschen entlasten“. Er fordert die Macht der großen Prüfungsgesellschaften zu beschränken, andernfalls würden diese weiterhin ihre Macht nutzen, „um die Demokratie, das Recht und das Wohlergehen der Menschen zu untergraben.“[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Macht der Insider, Deutschlandfunk
  2. http://www1.wdr.de/nachrichten/monitor-big-four-100.html (Memento vom 10. August 2016 im Internet Archive) Die Marktmacht der "Big Four", WDR
  3. Lünendonk-Liste „Führende Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs-Gesellschaften in Deutschland 2011“ (PDF; 273 kB)
  4. a b Deloitte - Zahlen und Fakten abgerufen am 10. August 2016
  5. a b EY (Ernst & Young) - Zahlen und Fakten abgerufen am 10. August 2016
  6. a b PricewaterhouseCoopers (PwC) - Zahlen und Fakten abgerufen am 10. August 2016
  7. a b KPMG - Zahlen und Fakten abgerufen am 10. August 2016
  8. British Unit Of Andersen Is Defecting To Deloitte, NYT, 11. April 2002
  9. vgl. Meldung im Handelsblatt vom 30. September 2010.
  10. Big 4 Accounting Firms, abgerufen am 31. Dezember 2016
  11. In: Handelsblatt, 19. Januar 2011.
  12. siehe Einzelabschluss der Bayerischen Landesbank des Jahres 2015, Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers, Seite 119. Abgerufen am 21. November 2016.
  13. siehe Jahresabschluss und Lagebericht der DZ BANK AG, Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers Seite 217. Abgerufen am 21. November 2016.
  14. Lünendonk-Liste 2015: Führende Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs-Gesellschaften in Deutschland 2014 (PDF; 205 kB).Abgerufen am 14. Januar 2015.
  15. Luxemburg-Leaks – Warum ein Professor PwC für eine Gefahr für die Gesellschaft hält. In: Süddeutsche Zeitung, 31. Januar 2015. Abgerufen am 30. Januar 2016.