Camillo Benso von Cavour

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Camillo Benso Graf von Cavour, Porträt von Francesco Hayez
Unterschrift von Camillo Benso von Cavour

Camillo Benso Graf von Cavour (italienisch Camillo Benso, conte di Cavour [kaˈmilːo ˈbɛnso ˈkonte dikaˈvuːr] Audio-Datei / Hörbeispiel Ausspr.?/i; * 10. August 1810 in Turin; † 6. Juni 1861 ebenda) war ein italienischer Staatsmann und Unternehmer. Als Ministerpräsident des Königreichs Sardinien trieb er die italienische Einheit voran, war danach Architekt der italienischen Verfassung und erster Ministerpräsident des neuen Königreiches Italien.

Kindheit und Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Palais Benso di Cavour in Turin

Cavour wurde in Turin geboren. Zur Zeit seiner Geburt gehörte die Stadt zum Französischen Kaiserreich Napoléons I., bis sie 1814 wieder Hauptstadt des Königreichs Sardinien-Piemont wurde. Sein Vater Michele Benso von Cavour war ein frankophiler piemontesischer Adeliger und seine Mutter Adèle de Sellon entstammte einer kalvinistischen Familie aus Genf. Cavour verbrachte seine Kindheit und Jugendzeit im Palais Cavour in Turin, seine Muttersprache war das Französische, das er auch zeitlebens im privaten Gebrauch benutzte. In Turin besuchte Cavour die königliche Militärakademie. Er trat in die sardisch-piemontesische Armee ein, wo er zuletzt den Rang eines Oberleutnants bekleidete. Doch aufgrund seiner radikalen liberalen Gedanken wurde er unter Druck gesetzt, die Armee zu verlassen, und so quittierte er 1831 den Dienst. Nach dieser Militärzeit reiste er durch Europa, wobei er Politik und Landwirtschaft studierte.

Cavours Studien von Regierungen und seine Erlebnisse während der Julirevolution in Frankreich 1830 verstärkten seine liberalen Ansichten. Die erfolgreich eingesetzte konstitutionelle Monarchie, mit Ludwig Philipp als König, überzeugte ihn von der Effizienz einer solchen Staatsform. Cavour, welcher vom nationalistischen Eifer des frühen 19. Jahrhunderts ergriffen war, strebte auch eine Einigung Italiens an. Seine Studien der Landwirtschaft weckten sein Interesse an der Industrialisierung und an Infrastruktur ganz allgemein. Er modernisierte Italien sowohl politisch als auch technologisch.

Frühe politische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Wahl des liberalen Papstes Pius IX. 1846 sah Cavour die Möglichkeit, für die Reformen einzutreten. 1847 gründete er die Zeitung Il Risorgimento („Die Wieder[auf]erstehung“; der Ausdruck wurde später gleichbedeutend mit der Einigung Italiens 1815–1870), in der Positionen des Liberalismus, des Konstitutionalismus und der Einheit Italiens vertreten und unterstützt wurden. Als Herausgeber avancierte Cavour bald zu einer mächtigen Gestalt der sardisch-piemontesischen Politik.

Im Laufe des Jahres 1848 gab es eine Reihe gewalttätiger Revolutionen in Europa. Die Erhebung im Königreich beider Sizilien erschütterte auch die Herrschaft König Karl Alberts von Sardinien-Piemont. Vom Einfluss von Il Risorgimento und der Uneinigkeit in seinem Reich unter Druck gesetzt, räumte er am 8. Februar 1848 Sardinien-Piemont eine Charta der Freiheiten ein. Hocherfreut von diesem Erfolg, wandte sich Cavour an Karl Albert mit der Bitte, dieser solle Österreich den Krieg erklären. Dieses bestimmte damals die Politik eines großen Teils von Nord- und Mittelitalien durch von ihm abhängige Kleinstaaten, die Herzöge von Parma und Piacenza, von Modena und Reggio sowie den Großherzog von Toskana, der selbst aus der Dynastie Habsburg stammte. Eine passende Gelegenheit kam am 19. März, als in Turin die Neuigkeiten eintrafen, dass in Mailand eine Revolte gegen die habsburgische Herrschaft ausgebrochen sei. Am 15. März gab Karl Albert dem Druck Cavours und seiner Partei nach und erklärte Österreich den Krieg.

Obwohl die sardisch-piemontesischen Truppen von den österreichischen unter dem Befehl von Feldmarschall Graf Josef Wenzel Radetzky von Radetz in der Schlacht bei Novara am 23. März 1849 besiegt und italienische Revolutionäre in der Lombardei, Venetien und Mailand niedergeworfen wurden, blieben der Liberalismus und der Nationalismus Italiens bestehen – in den Juli-Wahlen 1848 gewann Cavour einen Sitz in der sardischen Abgeordneten-Kammer –, doch nach der Niederlage gegen Österreich dankte Karl Albert zugunsten seines liberaleren und durchsetzungsfähigeren Sohnes Viktor Emanuel II. ab. In dessen Regierungszeit blühte Cavours politische Karriere. 1850 wurde er Minister für Landwirtschaft und Handel und 1851 Finanzminister.[1]

Nach dem Scheitern der Revolutionen von 1848 änderte Cavour seine liberalen Gedanken und beschloss, seinen Idealismus zugunsten der Realpolitik aufzugeben. Er dachte, dass, selbst wenn Italien nicht durch eine Revolution geeinigt werden könne, eine starke und berechnende Herrschaft eine Chance hätte. In seinen ersten beiden Regierungsämtern arbeitete er hart daran, Sardinien-Piemont zu stärken. Er organisierte die Armee, das Gerichtswesen, das Finanzsystem und die Bürokratie neu. Er trieb auch die Entwicklung der Industrie voran und ließ Fabriken und Eisenbahnlinien bauen, so dass Sardinien-Piemont einer der modernsten Staaten Europas seiner Zeit wurde.

Weg zur Einheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Porträt (Die Gartenlaube 1861)

Im November 1852 wurde Cavour Präsident des Ministerrates von Sardinien. In diesem Amt konnte er seine Vorhaben in den Bereich der Außenpolitik ausdehnen. 1854, mit dem Ausbruch des Krimkriegs, sah er eine Möglichkeit gekommen, die internationale Position seiner Nation zu stärken. Sardinien trat dem Krieg im Januar 1855 als Alliierter Englands und Frankreichs bei. Im Gegenzug versprachen diese beiden Mächte, die Zukunft Italiens ernsthaft international zu besprechen. Nach dem Krieg nutzte Cavour den Kongress in Paris als Möglichkeit, die Besetzung Norditaliens durch das neutral gebliebene Österreich anzuprangern.

Cavour war nicht der einzige wichtige Führer, der 1852 an die Macht kam – im selben Jahr wurde Napoléon III. Kaiser der Franzosen. Dieser war Cavours Plänen eines geeinten Italiens nicht abgeneigt, und im Juli 1858 trafen sich beide in Plombières-les-Bains, um Italiens Zukunft zu erörtern. Auf diesem Treffen stimmte Napoleon zu, Sardinien zu beschützen, falls Österreich dieses angreifen würde. Cavour machte sich sofort daran, Österreich zu einem Krieg zu provozieren, und im April 1859 erklärte Österreich Sardinien den Krieg, was zum Sardinischen Krieg führte. Doch nach sehr verlustreichen Siegen bei Magenta und Solferino beschloss Napoléon III., sich mit dem Vorfrieden von Villafranca vom Krieg zurückzuziehen. Dieser Vertrag erlaubte es Österreich, Venetien zu behalten, und die von Sardinien eroberten Kleinstaaten wurden ihren früheren Herrschern zurückgegeben, während Sardinien immerhin die Lombardei erhielt. Cavour war wütend auf Napoleon, doch das Blatt wendete sich bald, als im Frühjahr 1860 als Folge einer sardischen Feldzugsoperation die dazu ausgewählten Bürger der Toskana, von Modena, Parma und Bologna sowie der Emilia-Romagna, die allerdings überall nur eine verschwindend kleine Minderheit der tatsächlichen Bevölkerung darstellten, in Volksabstimmungen für den Anschluss an Sardinien stimmten. Napoleon erkannte diese Entscheidung an und erhielt dafür das Herzogtum Savoyen und die Grafschaft Nizza übertragen.

Kurz darauf führte der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi seine berühmte Armee aus tausend rot-gekleideten Abenteurern, die Mille, nach Sizilien in das Königreich beider Sizilien (Mai 1860), während Viktor Emanuel II. mit seinen Truppen in die Provinz Umbrien des Kirchenstaates einrückte. Nach dem Fall der beiden Festungen Gaeta und Civitella del Tronto im Jahre 1861 stimmten die Wahlbürger von Neapel-Sizilien und des Kirchenstaats für eine Union mit Sardinien, woraufhin das Königreich Italien im März 1861 ausgerufen wurde. Cavours territoriale Ziele waren erreicht, denn bis auf Venetien und Rom war Italien vereint.

Cavours Büste (unten rechts) im Famedio des Mailänder Cimitero Monumentale

Als Ministerpräsident Cavour zwei Monate später starb, war sein Traum eines geeinten Italiens fast erfüllt. Venetien wurde 1866 als Folge des Deutschen Kriegs, in dem Italien auf der Seite Preußens stand, Teil des Königreiches. Rom kam nach dem Abmarsch der französischen Schutztruppen am 20. September 1870 zu Italien und wurde danach Hauptstadt; dieses Ereignisses wird noch heute gedacht.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cavour wurde entsprechend seinem ausdrücklichen Willen neben seinem Neffen Augusto Benso di Cavour, der im Alter von zwanzig Jahren in der Schlacht von Goito gefallen war, in der Krypta unter der Familienkapelle in der Chiesa dei Santi Apostoli Pietro e Paolo (St. Peter und Paul-Kirche) in Santena beigesetzt. Die Krypta wurde 1911 zum Nationaldenkmal erklärt.[2] In der Ehrenhalle des Famedio des Mailänder Cimitero Monumentale wurde an prominenter Stelle seine Büste aufgestellt.

In mehreren italienischen Städten wurden Cavour-Denkmäler errichtet sowie Plätze und Straßen nach ihm benannt.

Flugzeugträger Cavour

Das Schlachtschiff Conte di Cavour, Typschiff der gleichnamigen Conte-di-Cavour-Klasse, wurde nach ihm benannt, ebenso der Flugzeugträger Cavour, seit 2009 das Flaggschiff der italienischen Marine.[3]

2-Euro-Gedenkmünze (2010)

Aus Anlass von Cavours 200. Geburtstag wurde 2010 eine 2-Euro-Gedenkmünze mit seinem Bildnis emittiert.[4]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Il Conte Di Cavour in Parlamento. Discorsi, raccolti e pubblicati. Hrsg. von Isaac Artom und Albert Blanc. Barbèra, Florenz 1868 (Digitalisat bei Google Books).
  • Epistolario (18 Bände), hrsg. von der Commissione Nazionale per la pubblicazione dei carteggi del Conte di Cavour. Olschki, Florenz 1970–2008.
  • Autoritratto. Lettere, diari, scritti e discorsi (Selbstporträt. Briefe, Tagebücher, Schriften und Reden). Hrsg. von Adriano Viarengo, mit einem Vorwort von Giuseppe Galasso. Classici moderni Mondadori, Mailand 2010, ISBN 978-88-17-04260-4.
  • Scritti di economia. 1835–1850 (Schriften zur Wirtschaft). Hrsg. von Francesco Sirugo. (Reihe „Testi e documenti di storia moderna e contemporanea“, Bd. 5), Istituto Feltrinelli (Verlag), Mailand 1962 (Digitalisat in der Biblioteca europea di informazione e cultura).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • M. Bernardi: Cavour. Verlagsanstalt u. Druckerei, Hamburg 1888 (Digitalisat in den Digitalen Sammlungen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf).
  • Joseph Devey (Hrsg.): Life and times of Count Cavour. In: The Westminster Review, Bd. LV (1862), Heft 1, S. 1–11; Heft 2, S. 174–183 (englisch).
  • Marie-Louise Jacotey: Camille Benso, comte de Cavour. Guéniot, Langres 1993, ISBN 2-87825-062-1 (französisch).
  • Giuseppe Massari: Graf Cavour’s Leben und Wirken. aus dem italienischen von Eduard Rüffer. Costenoble, Jena 1874 (Digitalisat bei Google Books).
  • Rosario Romero: Vita di Cavour. Laterzo, Rom 2004, ISBN 88-420-7491-8.
  • Peter Stadler: Cavour. Italiens liberaler Reichsgründer. Oldenbourg Verlag, München 2001, ISBN 3-486-56509-5.
  • Franco Valsecchi: Cavour. Ein europäischer Staatsmann. Steiner, Wiesbaden 1957.
  • Fritz Wagner: Cavour und der Aufstieg Italiens im Krimkrieg. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1940; 2. Auflage 1942.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Camillo Benso Conte di Cavour – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Biographie von Camillo Benso von Cavour bei britannica.com
  2. Chiesa Ss. Pietro e Paolo auf parrocchiasantena.it (italienisch).
  3. Flugzeugträger Cavour auf der Website des italienischen Verteidigungsministeriums.
  4. bessere Bildqualität siehe https://it.wikipedia.org/wiki/File:2_euro_Cavour.jpg bzw. https://it.wikipedia.org/wiki/File:2_euro_Cavour.jpg#/media/File:2_euro_Cavour.jpg; die jpg-Datei lässt sich bislang nicht einbinden.