Eduard von Flottwell

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Oberpräsident Flottwell

Eduard Heinrich von Flottwell (* 23. Juli 1786 in Insterburg, Ostpreußen; † 28. Mai 1865 in Berlin) war ein deutscher Richter, Verwaltungsjurist und Staatsminister im Königreich Preußen. Als seine wichtigste politische Aufgabe gilt seine Amtszeit als Oberpräsident der Provinz Posen von 1830 bis 1841. Mit seiner Reform- und Eindeutschungspolitik verfolgte er dort das Ziel, die als eher königstreu angesehenen Bürger und Bauern gegenüber dem polnischen Adel und dem katholischen Klerus zu stärken. Seine Amtszeit, die auch als „Arä Flottwell“ bekannt wurde, gilt einerseits als Zeit der illiberalen, antipolnischen Germanisierung. Andererseits wird als Ergebnis der Flotwellschen Politik eine politische und gesellschaftliche Modernisierung gesehen.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Eltern waren der Polizeidirektor von Insterburg Johann Friedrich von Flottwell (* 1752; † 23. Juli 1829) und dessen Ehefrau Amalie Barbara Charlotte Sanden (* 1764; † 5. Januar 1835).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flottwell studierte Rechtswissenschaft an der Albertus-Universität Königsberg. Nach der Promotion zum Dr. iur. im Februar 1805 begann er als Auskultator beim Hofgericht Insterburg eine juristische Laufbahn. Nach dem Assessorexamen kam er an das Oberlandesgericht Königsberg, das ihn 1808 an das unterstellte Obergericht in Insterburg abstellte. Er wechselte von der Rechtspflege in die innere Verwaltung Preußens und wurde 1812 Regierungsrat und Justitiar bei der Regierung in Gumbinnen. 1816 kam er als Oberpräsidialrat zu seinem Mentor Heinrich Theodor von Schön im westpreußischen Danzig. 1825 wurde er Regierungspräsident in Marienwerder. Er bewährte sich in der Verwaltung des Regierungsbezirks Marienwerder, der oft von Hungersnot und Überschwemmungen der Weichsel heimgesucht wurde.

Eduard Heinrich v. Flottwell vor Vollendung seines 75. Lebensjahrs

Zur Zeit des Novemberaufstands der Polen in Kongresspolen fürchtete die preußische Regierung, auch in Posen könne es zum Aufstand kommen.Deshalb wurde Flottwell im Dezember 1830 zum Oberpräsident der Provinz Posen berufen und der Statthalter Anton Radziwiłł seines Amtes entpflichtet. In der Folge unterstützte man die Russen bei der Niederschlagung des Aufstandes, während Flottwell in den kommenden zehn Jahren eine Germanisierungspolitik umsetzte, wie sie bereits von Schön in Westpreußen verfolgt hatte und die als „Ära Flottwell“ bekannt wurde.[1] Ziel war es, den polnischen Adel und den katholischen Klerus zurückzudrängen und das Bürgertum und die Bauern zu stärken.[2]

Flottwell setzte durch, dass die Landräte nicht mehr von den Kreisständen, sondern durch den preußischen Staat ernannt würden, und dass nicht mehr die Woyts, sondern staatliche Distriktkommissare die örtliche Polizeigewalt ausübten. Er ließ die Städteordnungen und die Verordnungen zur Gewerbefreiheit revidieren, um die Selbstverwaltungsrechte der Städte zu stärken. Polen wurden damit aus der Verwaltung entfernt. Die polnische Sprache wurde aus den Schulen und dem öffentlichen Leben gedrängt, indem man die deutsche Sprache 1832 zur Amts- und Gerichtssprache erklärte und deutsche Schulen gründete. Über einen von ihm eingerichteten staatlichen Fonds finanzierte Flottwell den Ankauf polnischer Güter, um das Land anschließend an Deutsche zu verkaufen. Juden wurde der Erwerb der Bürgerrechte erleichtert, um sich ihrer Loyalität zum preußischen Staat zu versichern. Der Konflikt mit der katholischen Kirche verschärfte sich, als Flottwell die Vereinigung des Erzbistums Gnesen mit dem Bistum Posen durchsetzte. Im Streit um die interkonfessionelle Mischehe verfügte Flottwell 1838 die Absetzung und Verbannung des Erzbischofes Marcin Dunin-Slugustowski.

Mit dem Amtsantritt Friedrich Wilhelm IV. 1840 änderte sich die preußische Politik wieder. Während Flottwell 1841 zum Oberpräsidenten von Sachsen und Regierungspräsidenten von Magdeburg ernannt und damit versetzt wurde, setzte in Posen unter dem neuen Oberpräsidenten Adolf von Arnim-Boitzenburg eine sogenannte „Versöhnungsära“ ein.[1]

Die Politik Flottwells wird unterschiedlich bewertet. Während Hans Hausherr in der Neuen Deutsche Biographie 1961 Flottwells Intention vor allem darin sah, dass dieser „Posen als Provinz voll in den preußischen Staat [eingliedern] und die polnischen Einwohner mit dem Staat“ habe „versöhnen“ wollen und es Flottwells Wirken zuschreibt, dass die Provinz Posen „vollen Anteil an dem wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg des Jahrzehnts von 1830–40“ gehabt habe,[3] bezeichnete Andrea Schmidt-Rösler 1996 die „Ära Flottwell“ als Ende des liberalen Kurses in Posen. Flottwell habe „auf Einschmelzung und Eindeutschung Posens“ gesetzt.[1] Von polnischer Seite wird die „Ära Flotwell“ als Zeit unbeugsamer Germanisierung und illiberaler, antipolnischer Politik gesehen.[4] Stefan Hartmann merkte 1976 an, Flottwells Maßnahmen hätten sich „positiv für den polnischen Mittelstand aus[gewirkt], dessen Herausbildung durch den Ausbau der städtischen Selbstverwaltung, Hebung der bürgerlichen Gewerbe und Fortführung der Bauernablösung“.[5] Für Helmut Glück und Konrad Schröder handelte es sich bei der Politik Flottwells um eine „Modernisierung der Verwaltung, des Rechts- und Verkehrswesens und [der] Wirtschaftsförderung.“[6] Flottwell selbst definierte in einem Rechenschaftsbericht 1841 als Endziel seiner Politik, dass „die gänzliche Vereinigung beider Nationalitäten als der Schluß dieser Aufgabe durch das entschiedene Hervortreten deutscher Kultur erlangt werden möge“.[7] Robert E. Alvis weist darauf hin, dass Flottwells Politik die politischen Landschaft der Provinz tiefgreifend verändert habe. Gegenüber den traditionellen Trennlinien zwischen Liberalen und Konservativen habe die preußische Politik das nationale Element gestärkt. Die Haltung polnischer Konservativer, loyal zum preußischen Staat zu stehen und zugleich ihrem polnischen Erbe treu zu bleiben, habe an Glaubwürdigkeit verloren, während der Unabhängigkeitsgedanke gestärkt worden sei.[8]

Flottwell wurde 1844 an die Spitze des Finanzministeriums berufen und trat 1846 zurück, um als Oberpräsident die Verwaltung der Provinz Westfalen zu übernehmen. Ein Wahlbezirk der Provinz Sachsen wählte ihn in der Deutschen Revolution 1848/49 zur Frankfurter Nationalversammlung, in der er der Fraktion der äußersten Rechten (Café Milani) angehörte. 1849 wurde er von einem Wahlkreis in Posen in die Erste Kammer des Preußischen Landtages gewählt. 1849/50 leitete er die provisorische Verwaltung der Provinz Preußen.

Am 21. Juli 1850 übernahm Flottwell als Oberpräsident in der Provinz Brandenburg zum fünften Mal die Verantwortung für eine preußische Provinz. Am 16. Februar 1855 erhielt er anlässlich seines 50-jähriges Amtsjubiläum den Roten Adlerorden mit Brillanten. Im Oktober 1858 wurde er zum preußischen Innenminister berufen. Er legte am 3. Juni 1859 aus Altersgründen dieses Amt nieder und übernahm wieder seine frühere Funktion als Oberpräsident der Provinz Brandenburg. Bei diesem Rücktritt verlieh ihm der Prinzregent als einem der Ersten das Großkomturkreuz des Hohenzollernordens und bei der Krönung in Königsberg den schwarzen Adlerorden, mit dessen Besitz er zugleich den erblichen Adel erhielt. Ende 1862 trat er in den Ruhestand und zog nach Berlin, wo er am 25. Mai 1865 starb.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Denkschrift des Oberpresidenten Herrn Flottwell, ueber die Verwaltung des Gros-Herzogthum Posen, vom Dezember 1830 bis zum Beginn des Jahres 1841 nebst dem demselben seitens mehrerer Einwohner des Gros-Herzogthum Posen ertheilten Anwordtschreiben. Strasburg 1841 (E-Kopie).

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er heiratete im Oktober 1810 in Tilsit Friederike Koslowski, diese starb aber bereits im Januar 1812. Das Paar hatte einen Sohn:

  • Eduard (* 22. August 1811; † 11. Dezember 1862), Stadtrat ∞ 1840 Frederike Behr († 1857)

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete am 21. Februar 1814 in Gumbinnen Auguste Lüdecke (* 15. August 1794; † 6. März 1862), Witwe des Regierungsdirektors Friedrich Schulz und Tochter des Pfarrers Ernst Lüdecke aus Berlin. Das Paar hatte 5 Söhne und 6 Töchter, davon:

  • Auguste (* 23. Juni 1816; † 19. Januar 1844) ∞ 1839 Theodor Thrinkler († 8. März 1871), Regierungsrat
  • Elise (* 19. April 1818; † 18. Januar 1849)
  • Theodor Bernhard (* 25. November 1820; † 30. März 1886), Regierungsrat
  • Frederike (* 5. September 1822; † 26. Oktober 1861) ∞ 1845 Immanuel Hegel (1814–1891) Konsistorialpräsident, Sohn von Georg Wilhelm Friedrich Hegel
  • Klara (* 2. Januar 1825) ∞ 1865 Immanuel Hegel
  • Hermann (* 26. Juni 1826; † 20. April 1873) ∞ 1856 Johanna Pauline von Frantzius (* 7. Mai 1834)
  • Adalbert Julius (* 3. Februar 1829; † 29. Mai 1909) ∞ 1860 Ella von Oppen (* 7. Dezember 1841)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Andrea Schmidt-Rösler: Polen. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Pustet, Regensburg 1996, S. 82.
  2. Jürgen Heyde: Geschichte Polens. C. H.Beck, 3. Aufl., München 2011, S. 62.
  3. Hans Haussherr: Flottwell, Heinrich Eduard von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 5, Duncker & Humblot, Berlin 1961, ISBN 3-428-00186-9, S. 257 f. (Digitalisat)..
  4. Manfred Alexander: Kleine Geschichte Polens. Reclam, Stuttgart 2007, S. 211.
  5. Stefan Hartmann: Rezension: Dzieje Wielkopolski, Tom II: Lata 1793–1918. In: Zeitschrift für Ostforschung 25 (1976), S. 505.
  6. Helmut Glück, Konrad Schröder: Deutschlernen in den polnischen Ländern vom 15. Jahrhundert bis 1918. Eine teilkommentierte Bibliographie. Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. XXIII.
  7. Elisabeth Kraus: Die Familie Mosse: Deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München 1999, S. 63.
  8. Robert E. Alvis: Religion And The Rise Of Nationalism. A Profile Of An East-Central European City. Syracuse UP, Syracuse 2005, S. 51f..
  9. Hamburger Ehrenbürger (Memento vom 25. September 2011 im Internet Archive)
  10. Kurzbiographie Universität Magdeburg
  11. Ehrenbürger von Berlin (Memento vom 29. Juli 2010 im Internet Archive)