Eisenbahnerstadt

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Wasserturm von Bebra, Wahrzeichen der Stadt

Eine Eisenbahnerstadt, ohne Stadtrecht auch Eisenbahnerdorf, ist ein Ort, der infolge der Errichtung wichtiger Eisenbahnknotenpunkte, Grenzbahnhöfe oder Ausbesserungswerke wesentlich größer wurde als er ohne diese geworden wäre. In solchen Orten erlangte die Eisenbahn eine überragende Bedeutung im Hinblick auf Stadtentwicklung, Stadtbild und Wirtschaftsleben. In einigen Eisenbahnerstädten ist die Bedeutung der Eisenbahn mittlerweile mitunter stark zurückgegangen.

Davon zu unterscheiden sind Eisenbahnersiedlungen, die auf der grünen Wiese, ähnlich Werkssiedlungen, völlig neu als Wohnort für bei der Bahn Beschäftigte und deren Familien angelegt wurden.

Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eisenbahnerstädte haben sich sowohl aus älteren Orten entwickelt oder sind im Rahmen der Industrialisierung, in Mitteleuropa vorrangig im 19. Jahrhundert, gegründet worden. In Eisenbahnerstädten erfolgte durch die überregionale Bedeutung des Personen- und/oder Güterverkehrs ein großer Wandel in der Stadtentwicklung, der Einwohnerzahl, dem Stadtbild und dem allgemeinen Wirtschaftsleben.

Eisenbahnerstädte sind durch ihre Abhängigkeit von der Eisenbahn anfällig für Veränderungen der Bahnstruktur, beispielsweise durch die Errichtung von neuen Schnellfahrstrecken mit anderer Streckenführung, für Automatisierungen im Güterumschlag oder für den Abbau von Grenzkontrollen, beispielsweise durch das Schengener Abkommen. Beispiele für einstige Eisenbahnerorte, die aufgrund obiger Veränderungen völlig an Bedeutung verloren, sind Cerbère und Portbou an der französisch-spanischen Grenze.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eisenbahnerstädte aufgrund von Verkehrsknotenpunkten sind Aulendorf, Bebra, Betzdorf, Buchloe, Falkenberg/Elster, Hagen, Hamm, Lehrte, Offenburg, Plattling und Treuchtlingen. Eisenbahnerstädte als Standorte von Bahnbetriebswerken für Schublokomotiven am Fuße von Steigungsstrecken sind Altenhundem oder Neuenmarkt. Eisenbahnerstädte mit großen Grenzbahnhöfen sind Freilassing oder Weil am Rhein.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Eisenbahnerstadt auf Grund von Hauptwerkstätten, mit den Österreichischen Bundesbahnen als mit Abstand größten Arbeitgeber, ist Knittelfeld. In Arnoldstein war einstmals ein wichtiger Grenzbahnhof nach Italien.

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele in der Schweiz sind Olten oder als Standort eines Bahnbetriebswerks für Schublokomotiven Erstfeld. Ein Ort mit einem grossen Grenzbahnhof ist Chiasso.

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele für Eisenbahnstädte in Frankreich sind Tergnier und Miramas. Beispiele für eine Eisenbahnerstadt durch seinen Grenzbahnhof ist Cerbère, wo die Gleise der spanischen Breitspur enden.

Belgien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Belgien stellt der Ort Montzen eine herausragende Bedeutung im Eisenbahnverkehr dar.

Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Stadt Bentschen (polnisch Zbąszyń) vom Deutschen Reich an Polen. In der Folge wurde durch die Deutsche Reichsbahn der Bahnhof Neu Bentschen eingerichtet, der Funktionen als Grenzbahnhof und als Knotenpunkt für drei nach Westen führende Strecken eingerichtet. Da sich in der Nähe des neuen Bahnhofs kein größerer Ort befand, ließ die Deutsche Reichsbahn eine Eisenbahnersiedlung anlegen, die in der Folge zur Stadt anwuchs. Sie erhielt den Namen Neu Bentschen (polnisch Zbąszynek).

Portugal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel für eine Eisenbahnstadt in Portugal ist Entroncamento.

Rumänien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simeria in Rumänien wuchs durch neue Eisenbahnanlagen zur Stadt heran.

Tschechien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel die Österreichisch-Ungarische Monarchie und es entstand der Staat Tschechoslowakei. 1920 wurden der Tschechoslowakei noch einige grenznahe Gebiete Österreichs zugesprochen, darunter der Bahnhof der niederösterreichischen Stadt Gmünd mit dem umliegenden Stadtteil. Hieraus entwickelte sich die neue Stadt České Velenice. Hintergrund der Grenzziehung war das Zusammentreffen der Bahnlinien nach Budweis sowie nach Prag in České Velenice.

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen von Aulendorf Wappen von Bebra
Wappen von Aulendorf
Wappen von Bebra

Die Bedeutung der Bahn lässt sich auch an Eisenbahnsymbolen in Gemeindewappen erkennen. So haben Neuenmarkt und Aulendorf ein Flügelrad. Bebra hat gekreuzte Eisenbahnschienen im Wappen, die die beiden sich kreuzenden Bahnstrecken und den Kreuzungsbahnhof symbolisieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Mikus: Die Auswirkungen eines Eisenbahnknotenpunktes auf die geographische Struktur einer Siedlung: am speziellen Beispiel von Lehrte und ein Vergleich mit Bebra und Olten/Schweiz. In: Freiburger Geographische Hefte. Heft 3. (Zugl.: Diss. Univ. Freiburg 1966): Freiburg 1966.