Tergnier

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Tergnier
Wappen von Tergnier
Tergnier (Frankreich)
Tergnier
Region Picardie
Département Aisne
Arrondissement Laon
Kanton Tergnier (chef-lieu)
Gemeindeverband Communauté de communes Chauny-Tergnier.
Koordinaten 49° 39′ N, 3° 17′ O49.6563888888893.288333333333353Koordinaten: 49° 39′ N, 3° 17′ O
Höhe 44–90 m
Fläche 17,98 km²
Einwohner 14.110 (1. Jan. 2012)
Bevölkerungsdichte 785 Einw./km²
Postleitzahl 02700
INSEE-Code
Website www.ville-tergnier.fr

Bahnhof

Tergnier ist eine französische Gemeinde des Départements Aisne in der Region Picardie. Sie gehört zum Arrondissement Laon und dem gleichnamigen Kanton Tergnier, dessen Hauptort sie ist.

Am 1. Januar 1974 wurden die damals eigenständigen Gemeinden Fargniers und Vouël eingemeindet. Am 1. Januar 1992 folgte Quessy, das bis dahin ebenfalls selbständig war.

Geografie[Bearbeiten]

Die Kleinstadt mit 14.110 Einwohnern (Stand 1. Januar 2012) liegt etwa 30 Kilometer westlich von Laon, im Oise-Tal und ist ein Eisenbahnknoten. Auch treffen vor Ort drei Wasserwege zusammen. Es sind dies der Seitenkanal der Oise, der Sambre-Oise-Kanal und der Kanal von Saint-Quentin.

Geschichte[Bearbeiten]

Spätantike und Mittelalter[Bearbeiten]

Der Ursprung der Ortschaft bleibt trotz Forschungsarbeiten im Dunkeln. Die ersten verlässlichen Angaben sind für das 17. Jahrhundert zu finden. Über die Herkunft und Bedeutung des Ortsnamens gibt es verschiedene Theorien, doch konnte sich keine davon durchsetzen.

In Vouël (heute ein Ortsteil von Tergnier) wurden Trümmer aus der gallo-römischen Zeit entdeckt und zwar entlang der Römerstraße Chaussée Brunehaut. Es könnte sein, das es sich dabei um die Überreste eines heidnischen Tempels, welche später als Fundament für die erste Kirche genutzt wurden, handelt.

Ebenfalls in Vouël konnte eine Motte, welche Tombelle de Vouël genannt wurde, festgestellt werden. 1239 soll der Gutsherr Jean de Vouël auf alle seine Rechte verzichtet haben. Im Hundertjährigen Krieg wurde der Ort nacheinander von allen beteiligten Kriegsparteien geplündert: um 1339 durch Banden des englischen Königs Eduard III., um 1410 durch die Armagnacs und etwas später durch die Söldner des Herzogtums Burgund.

Neuzeit[Bearbeiten]

Im Dreißigjährigen Krieg fielen die Spanier 1637 in die Thiérache ein und verwüsteten dabei auch Tergnier. Es gilt als fast sicher, dass Seigneur de la Borde, Maréchal de camp, 1638 die Bewohner der um Tergnier liegenden Weiler aufbot, um die Eindringlinge zu vertreiben. Der Westfälische Frieden entlastete das französische Heer und König Ludwig XIV. konnte im Französisch-Spanischen Krieg gegen seinen Widersacher vorgehen. Im September 1653 schlugen die Marschälle Henri de La Ferté-Senneterre und Henri de Turenne mit ihren 16.000 Mannen im Oise-Tal ihr Lager auf und konfiszierten das Getreide, welches sie in Tergnier und der Umgebung finden konnten. Die lokale Bevölkerung flüchtete, kam bald darauf zurück, allerdings nur um feststellen zu müssen, dass sich die Lage nicht gebessert hatte. Sie verließen darauf das Dorf erneut und kehrten erst wieder im Januar des folgenden Jahres heim. Die Arbeitspferde waren von der Armee in Beschlag genommen worden, die Äcker waren unbestellt oder von den Einfällen der Spanier verwüstet. Also nahm die Bevölkerung mit, was sie tragen konnte und suchte in der Stadt Laon Unterschlupf.

Im Jahre 1567 belagerten die örtlichen Hugenotten unter der Führung von François d’Hangest, Herr von Genlis sowie Fürst von Condé, und der Gouverneur der Picardie die Burg Coucy. 1610 wurde in Vouël ein Tempel errichtet, der die Protestanten der Gegend anzog. Am 22. April 1676 kam es in der Region zu einem Eklat: die Hugenotten von Chauny und deren Umgebung beklagten sich, dass die katholischen Priester und die Bevölkerung von Tergnier ihre Geschäfte stören würden.

Die Abtei Nogent-sous-Coucy besass seit dem 16. Jahrhundert ein Grundstück im heutigen Ortsteil Quessy, welches das Kloster während der Religionskriege abgeben musste. Nach der Marginalisierung der Hugenotten im Jahre 1703 wurde das Grundstück aber wieder an das Kloster ausgehändigt.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Bevölkerungswachstum während der Boomjahre
Tergnier Quessy[1]
Jahr Einw. Jahr Einw.
1793 220 1791 154
1845 276 1841 516
1856 362 1861 738
1868 1750
1869 1806
1875 1572
1881 3079 1881 1010
1885 3536

Während des Sechs-Tage-Feldzuges in den Koalitionskriegen fiel Tergnier nach der Niederlage Napoleons an den Feind. Requisitionen und Plünderungen waren in der Folge die Regel. Nach der Niederlage von Waterloo wurde Tergnier am 25. Juni 1815 erneut besetzt und bezahlte ein hoher Tribut.

Zwischen 1857 und 1867 wurde die Bahnlinie von Tergnier über Ham nach Saint-Quentin gebaut, ein Projekt das noch von König Louis-Philippe bewilligt worden war, und von Napoleon III. mit großem Pomp eingeweiht wurde. Zu jener Zeit war Tergnier eine einzige große Baustelle auf der Tag und Nacht gearbeitet wurde. Wege wurden zu Straßen ausgebaut und neue Straßen geschaffen. Die Stadt zog nun fähige Leute von überall an, sogar aus Paris. Unter deren Leitung entstanden neben neuen Berufen im Transportwesen moderne Gewerbebetriebe, wie industrielle Spinnereien und Webereien. Bald gaben viele Bauern und Diener ihre angestammten Berufe auf, um am wirtschaftlichen Aufschwung teilzunehmen.

Im Zuge des Deutsch-Französischen Krieges wurde Tergnier am 15. November 1870 von der Preußischen Armee besetzt. Zehn Tage später nahmen die Deutschen die Umgebung unter Artilleriebeschuss. Im Winter 1870/71 beherbergte die Bevölkerung von Tergnier einige Tausend Soldaten der geschlagenen französischen Armee. Nach dem Frieden von Frankfurt blieb Ostfrankreich bis zur Begleichung der Reparationen unter deutscher Besatzung. Im Mai 1872 wurden aber die letzten deutschen Truppen auch aus Tergnier abgezogen.

Zeit des Ersten Weltkrieges[Bearbeiten]

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die mit Frankreich alliierte Britische Armee unter der Leitung von Douglas Haig, kommandierender General des I. Korps, in Tergnier stationiert. Nach der Schlacht von Le Cateau wurde Tergnier am 27. August 1914 von den Deutschen überfallen. Ab dem 25. September 1914 wurden alle Männer der Stadt, die im wehrfähigen Alter waren, in das Kriegsgefangenen Lager Altengrabow bei Möckern verschleppt. Im Jahre 1917 entschloss sich die Deutsche Armee für einen strategischen Rückzug aus der Region. Beim Abzug wurde die Infrastruktur von Tergnier und anderen Städten, willentlich zerstört, um dem Feind das Leben möglichst schwer zu machen. Auf dem Höhepunkt des Stellungskrieges in den Jahren 1917/18 wurde Tergnier mehrmals von der einen oder anderen Kriegspartei (wieder) eingenommen, wobei auch die nicht-strategischen Anlagen der Stadt, wie Häuser zu 95 % zerstört wurden.

Ruinen der Raffinerie „Sailly“, nach dem Ersten Weltkrieg
Die Waffenstillstandverhandlungen wurden am 7. November 1918 eingeleitet. In der folgenden Nacht war ein Kraftfahrzeug mit der deutschen Verhandlungsdelegation unter der Leitung des Staatssekretärs Matthias Erzberger von La Capelle nach Saint-Quintin auf unwegsam gewordenen Straßen unterwegs. Erzberger war in Begleitung von Kommandant De Bourbon-Busset, Chef des Deuxième Bureau (Geheimdienst) der 1. Französischen Armee. Die Franzosen verschwiegen den Deutschen das Ziel der Fahrt. Weit und breit stand kein Haus mehr, nur eine Ruine nach der anderen war zu sehen. Die zerstörten Häuser gaben im Schimmer des Mondlichtes eine gespenstige Kulisse ab. Kein Lebewesen weit und breit, nur ein Gleisende war zu erkennen. Unvermittelt hielt der Wagen um 3 Uhr 45 an.
„Wo sind wir?“, fragte Erzberger.
In Tergnier“, antwortete Bourbon-Busset.
Erzberger schaute umher. „Aber hier ist kein einziges Haus“, bemerkte er.
„Ganz richtig, aber hier war vormals eine Stadt“, erwiderte Bourbon-Busset.
Anschließend bestieg die Delegation einen Sonderzug, welcher sie von Tergnier in ein Waldstück bei Compiègne fuhr. Dort wartete Marschall Foch in einem Eisenbahnwagen, um den Waffenstillstand von 1918 auszuhandeln.[2]

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Die Gegend um Tergnier wurde im Mai und Juni 1940 von den Deutschen überfallen. Die Wehrmacht überschritt den Kanal von Saint-Quentin bei Liez und nahm Tergnier von beiden Seiten in die Zange. Dabei war die Stadt auch Luftangriffen ausgesetzt. Viele Bewohner und Bewohnerinnen flohen, doch einige kehrten zurück und schlossen sich der Résistance an. Tergnier wurde zu einem Zentrum des Widerstandes. Sabotageakte, vor allem ausgeführt auf Eisenbahneinrichtungen, sollten dem Besatzer das Leben schwer machen. Die Vergeltungsaktionen der Wehrmacht folgten auf dem Fuße und waren unerbittlich sowie oft auch unverhältnismäßig. Viele Aktivisten – aber auch Unbeteiligte – wurde standrechtlich erschossen oder in Konzentrationslager verschleppt.

Vor der Befreiung Frankreichs im Jahre 1944 kam Tergnier als Eisenbahnknoten erneut unter Beschuss, diesmal durch die Alliierten. Nach dem Krieg wurde der Stadt das Verdienstkreuz Croix de guerre 1939–1945 verliehen. Das dazugehörige Begleitschreiben stellt fest, dass die Stadt bei den massiven Bombardierung der alliierten Luftstreitkräfte 58 Einwohner verlor. Zudem wurden 407 Gebäude völlig und 1041 teilweise zerstört. 11 Einwohner wurden von den Deutschen in Konzentrationslager verschleppt; nur 4 von ihnen überlebten diese Tortur.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Der alte Bahnhof von Tergnier
  • Der Bau des Canal de Saint-Quentin zieht sich von 1730 bis 1843 hin.
  • 1852: Die Konzession für die Eisenbahnlinie von Tergnier nach Reims wird erteilt.
  • 1855: Die erste Eisenbahnwerkstatt von Tergnier zum Bau und zur Wartung von Lokomotiven wird erstellt.
  • 1859: Die Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer du Nord entschließt sich Tergnier zu einem ihrer Knotenpunkte auszubauen.
  • 1860: M. Mention errichtet eine Zuckerfabrik, die 60 bis 80 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt und 6.000 Tonnen Zucker pro Jahr raffiniert.
  • 1867: Die Bahnstrecke Tergnier - Amiens wird in Betrieb genommen.
  • 1868: Die französisch-belgisch Fayence-Manufaktur A. Mongin beschäftigt 200 Arbeiter und Arbeiterinnen.
  • 1876: Eine Großstickerei stellt viele Arbeiterinnen, die vorher vorwiegend saisonal in der Landwirtschaft als Mägde tätig waren, ein.
  • 1885: Die Gießerei Tergnier-Fargniers, geleitet von M. Maguin, wird eröffnet. (heute zerstört)
  • 1893: Die Gießerei der Gebrüder Lebois wird gegründet. (heute zerstört)
  • 1901: Die Gießerei M. Berlemont wird gegründet. (heute zerstört)
  • 1918: Nach dem Ersten Weltkrieg sind circa 50 % der Geleisanlagen in Tergnier zerstört.
  • 1944: Während der Befreiung Frankreichs wird Tergnier, das noch von den Deutschen besetzt ist, bombardiert. Dabei werden Bahnhof, Eisenbahndepot, Eisenbahnwerkstätten und Rangiergleise fast vollständig zerstört.

Wappen[Bearbeiten]

Blasonierung: Geviert: Im ersten Feld auf Azurblau ein goldener Bischofsstab; im zweiten Feld fünffach geteilt Balken von Rot und Eisenhutfeh in Blau und Silber; im dritten Feld auf Gold ein schwarzer Löwe; im vierten Feld auf Gold oben ein Hermelinsbalken.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr 1936 1946 1954 1962 1968 1975 1982 1990 1999 2009
Einwohner 4.357 3.370 5.002 5.827 5.949 11.7361 12.032 11.698 15.0692 14.373

1 Erstmals mit den Eingemeindungen Fargniers und Vouël
2 Erstmals mit der Eingemeindung Quessy

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Der Wiederaufbau des zu 95 % im Ersten Weltkrieg zerstörte Ortsteil Fargniers wurde im Jahre 1920 von den Architekten Paul Bigot und Henri-Paul Nénot auf dem Reißbrett geplant und in den Jahren 1922–1928 mit der Unterstützung der Andrew Carnegi-Stiftung umgesetzt. Entstanden ist ein zentraler Platz (Place Carnegi genannt) um den die Gebäude konzentrisch aufgebaut wurden. Die Straßen verlaufen radial auf den Platz zu. Im inneren Kreis befinden sich die öffentlichen Gebäude und Grünanlagen, auf den äußeren Kreisen die Wohn- und Gewerbegebäude, sowie weitere Grünzonen. Das Ensemble ist seit 1998 ein französisches Kulturdenkmal.[3]
  • Cité-jardin de Tergnier nennt sich eine Gartenstadt und Eisenbahnsiedlung im Ortsteil Fargniers. Sie hat die Form von drei Lokomotivrädern und wurde im Jahre 1921 von der Eisenbahngesellschaft Chemins de fer du Nord errichtet.
  • Ebenfalls im Ortsteil Fargniers steht das Museum Musée de la Résistance et de la Déportation de Picardie, welches an die Résistance-Bewegung und die Deportationen in der Region Picardie während des Zweiten Weltkrieges erinnert.
  • Tergnier liegt am Pilgerweg Via Francigena.

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heute Ortsteil von Tergnier
  2. Nicholas Best: The Greatest Day in History, Kapitel 5. PublicAffairs, New York, 2009.
  3. Eintrag Nr. PA02000018 in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tergnier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien