Fischerinsel (Berlin)

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Fischerinsel ist die Bezeichnung des südlichen Teils der Spreeinsel im Berliner Ortsteil Mitte. Geologisch handelt es sich bei der Fischerinsel um eines der langgestreckten Talsandplateaus eiszeitlichen Ursprungs im Warschau-Berliner-Urstromtal.[1] Der Norden der Insel wurde wegen des sumpfigen Untergrundes erst Jahrhunderte später erschlossen, dessen überwiegender Teil heißt wegen seiner Bauten Museumsinsel. Seit dem Abriss von Resten Alt-Cöllner Bebauung in den 1960er Jahren heißt das etwa acht Hektar große Gebiet der Spreeinsel südlich der Gertraudenstraße Fischerinsel, die seit den 1970er Jahren von Wohnhochhäusern dominiert wird. Einen Fischerkietz als Namensgeber hat es auf diesem Inselteil nicht gegeben. Die Fischereirechte waren dagegen mit den Häusern verknüpft, so dass auch andere Handwerker oder Kaufleute diese Rechte erwarben. Das heißt, eine Häufung von Fischern an dieser Stelle fand nicht statt.[2]

11. bis 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Köllnische Straße auf der Fischerinsel, 1900

Erste Besiedlungen erfolgten um das Jahr 1000 durch Mittelslawen (=Wenden), die jedoch bald spurlos verschwanden; der Grund ist nicht bekannt. Im 12. Jahrhundert errichteten Kaufleute aus dem Westen Europas hier eine völlig neue Siedlung und brachten den Ortsnamen Cölln mit. Zu den neuen Bewohnern kamen wegen der Lage am Wasser auch Fischer- und Schifferfamilien. Ab 1237 gehörte das Gebiet zur Stadt Cölln, die 1709 mit dem benachbarten Berlin vereint wurde. Die Regulierung der Spree und des Spreekanals im 17. und 18. Jahrhundert führte zur verstärkten Ansiedlung von Handwerkern aus Holland und von Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Die Ende des 18. Jahrhunderts beginnende Industrialisierung hatte einen Bedeutungsverlust des Fischerei-Gewerbes zur Folge. Dies führte im frühen 19. Jahrhundert zum Stillstand der Bauentwicklung und zu einer Konservierung des Baubestandes, darunter der letzten giebelständigen Häuser Berlins. Zu dieser Zeit hieß die Insel Speicherinsel, weil an der Fischerstraße ein größerer Speicher erbaut worden war.[2] Die Siedlung galt als Arme-Leute-Viertel. Der in späteren Jahrhunderten eingebürgerte Name Fischerkietz bezieht sich nicht wirklich auf einen Kiez, denn der war ursprünglich eine Dienstsiedlung im Umfeld einer Burg, die es in Alt-Cölln oder Alt-Berlin nie gegeben hat. Kietz (oder Kiez) galt als Schimpfwort, dort zu wohnen war armen Leuten vorbehalten, die auch immer eng zusammenhalten mussten.

Im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Speicherinsel blieb von der Berliner City-Bildung weitgehend unberührt und galt als rückständig.[3] Reiseführer wie der Baedeker nannten das malerische Viertel den ältesten Teil Berlins, andere empfahlen seine Alt-Berliner Gaststätten wie den Nussbaum touristischen Besuchern. Der Fischerkietz bestand bis dahin aus einem rechtwinklig angelegten Straßennetz von neun kleinen Gassen und Straßen mit insgesamt 16 verschiedenen Namen. Seit den 1920er Jahren plante der Berliner Magistrat, große Teile der Altstadt, darunter den Fischerkietz, abzureißen, um Platz für die Neugestaltung der historischen Mitte Berlins zu gewinnen.

„Aber auf Dauer wird man die Berliner Altstadt doch weder als Wohnstadt noch als Museum retten können. Das Stadtbild, das hier […] einmal entstehen wird, wird unromantisch und traditionsarm, aber dafür hygienischer und wirtschaftlich rationeller sein“

Hermann Ehlgötz: Der Untergrund der Berliner Altstadt als Grundlage der städtebaulichen Gestaltung[4]

Diese Pläne wurden in der Zeit des Nationalsozialismus weiterverfolgt, konnten aber nur teilweise umgesetzt werden.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Ortslage keine flächenmäßige Zerstörung.[5] Die Fischerstraße war „verhältnismäßig gut über die Zerstörungen des Bombenkrieges“ hinweggekommen.[6]

Fischerinsel mit Petrikirche, Blick von der Waisenbrücke, 1952

Nach damaliger Einschätzung hätten 40–50 Prozent der Gebäude der Fischerinsel wieder aufgebaut werden können. Im Flächennutzungsplan von 1955 wurde darum die Reparatur der erhaltenswerten Bausubstanz festgelegt. Das Viertel mit allen zu restaurierenden Baudenkmalen sollte nach der Planung des Ost-Berliner Magistrats unter Bewahrung des Straßengrundrisses und der Grundstücksgrenzen als Wohngebiet bis 1965 wiederaufgebaut werden.[7] Chefarchitekt Hermann Henselmann beauftragte 1957 die „Planung der städtebaulichen Reorganisation des Stadtviertels am Fischerkiez“. Das Konzept von Hans Schmidt und Georg Münter kombinierte den Neubau von viergeschossigen Gebäuden, der mit teilweisen Abrissen verbunden gewesen wäre, mit der Sanierung der historischen Häuser. Doch bereits ab 1955 vollzog sich im DDR-Bauwesen eine Wende hin zur strikten Ökonomisierung durch industrielles Bauen und typisierten Wohnungsbau. Nachdem der Plan zum Aufbau des Zentrums der Hauptstadt der DDR 1962 beschlossen worden war, erfolgte 1964–1967 die Neubebauung von Friedrichsgracht, Sperlingsgasse, Scharrenstraße und Brüderstraße in Plattenbauweise, nach Planungen des Büros um Heinz Graffunder, mit wenig Rücksicht auf den historischen Ort. Das Ministerium für Bauwesen folgte 1967–1968. Schließlich sah das 1966 aufgestellte Programm zum Aufbau des Berliner Stadtzentrums den Bau von Wohnhochhäusern in einem Ring um das Stadtzentrum vor. Bei der folgenden Kahlschlagsanierung wurden die historischen Häuser auf der Fischerinsel abgebrochen, darunter 30 Baudenkmale,[8] und sechs 21-geschossige Gebäude in Großtafelbauweise des Typs WHH GT 18 mit jeweils 240 Wohnungen bis 1973 errichtet. So verschwand das jahrhundertelang bestehende Straßennetz bis auf die Roßstraße[9] und Gertraudenstraße, die im Sinne der autogerechten Stadt stark verbreitert wurde.[10]

In seinen letzten Lebensjahren dokumentierte der Berliner Maler Otto Nagel in einer Pastell-Serie den Abschied vom Fischerkietz,[11] nachdem er 1955 vergeblich aufgerufen hatte, die Fischerinsel vor „abermaliger Zerstörung zu behüten und zu schützen“.[12]

Hochhausbebauung auf der Fischerinsel mit Ahornblatt im Vordergrund, 2000

Neben einer Schwimmhalle wurde 1971–1973 in extravaganter Architektur mit einem freitragenden Betondach die Großgaststätte Ahornblatt als gesellschaftliches Zentrum des Wohngebietes errichtet. Ihr Abriss im Jahr 2000 zugunsten der Errichtung einer Gebäudezeile in konventioneller Bauweise, der Fischerinsel Passage, war äußerst umstritten, da mit ihr ein herausragendes Beispiel moderner DDR-Architektur verschwand. Die Neubebauung macht die historischen Straßenfluchten der Roß-, Petri-, Grün- und Gertraudenstraße wieder teilweise kenntlich.

Gegenüber dem südlichen Ende der Fischerinsel, getrennt durch den westlichen Spreearm und verbunden über die Inselbrücke, die Roßstraßenbrücke und die Grünstraßenbrücke, stehen denkmalgeschützte Häuser, darunter ein Nachbau des 1967/1968 in der Breiten Straße abgerissenen Ermelerhauses. Die Insel wird östlich über die Mühlendammbrücke an das Alt-Berliner Zentrum angeschlossen und westlich über die Gertraudenbrücke an den Friedrichswerder.

Bekanntester Bewohner der alten Fischerinsel war der Kaufmann Hans Kohlhase, dem Heinrich von Kleist als Michael Kohlhaas ein literarisches Denkmal als „einen der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ setzte.

Im 21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hochhäuser auf der Fischerinsel, 2009

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl Berlins wieder an, unter anderem auch durch die erfolgte Wiedervereinigung der Stadt. Der Senat von Berlin und die Bezirksverwaltung von Mitte hatten sich daher geeinigt, dass auf der Fischerinsel nun weitere Wohnhäuser entstehen dürfen. Der Bau sollte 2017 beginnen, weswegen im Auftrag des Berliner Denkmalschutzamtes seit etwa 2015 umfangreiche archäologische Grabungen im Untergrund stattfinden. Die Fachleute der Firma Archaeofakt haben vor allem den mittelalterlichen Siedlungskern von Alt-Cölln im Blick. Gefunden wurde 2016 bereits eine gut erhaltene längere Feldstein-Mauer und eine aus dem 14. Jahrhundert stammende Latrine. Nun beraten Bauleute, Archäologen und Stadtplaner, ob und gegebenenfalls wie diese Funde erhalten bleiben können.[13]

Die geplante und in den Medien vorgestellte Errichtung eines neuen 58 m hohen Wohnhauses findet jedoch wenig Zustimmung bei den Berlinern, auch der Senat hat das Projekt nicht genehmigt. Selbst der frühere Bausenator Hans Stimmann lehnt dies ab: „Damit werden die Planungen der 70er-Jahre für ein sozialistisches Stadtzentrum mit Wohnen in Hochhäusern weitergeführt als existiere die DDR noch.“ Im Planwerk von 1999 ist auf der Insel keine Neubebauung enthalten und wenn diese doch stattfinden solle, fehle ein Konzept für den gesamten Fischerkietz und eine öffentliche Debatte darüber. Das neue Hochhaus mit rund 200 Wohnungen soll aus einer U-förmigen Randbebauung emporragen und mit den benachbarten Hochhäusern ein Ensemble bilden.[14] Die Proteste von Anwohnern führen höchstwahrscheinlich dazu, dass die Baupläne für das Hochhaus nicht verwirklicht werden. Mit einer achtgeschossigen Blockrandbebauung können sich die Gesprächspartner und die WBM als Bauherr jedoch anfreunden.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Fischerinsel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Herbert Schwenke: Lexikon der Berliner Stadtentwicklung, S. 56.
  2. a b Interview von Maritta Tkalec mit dem Historiker Felix Escher (siehe Literatur).
  3. Zur „Rückständigkeit“ des Fischerkietzes siehe Harald Bodenschatz, Hans-Joachim Engstfeld und Carsten Seifert: Berlin auf der Suche nach dem verlorenen Zentrum. Junius, Hamburg 1995, ISBN 3-88506-255-0, S. 56.
  4. In: Deutsche Bauzeitung Nr. 14, 1931.
  5. Zum Erhaltungsgrad siehe Erika Schachinger: Alte Wohnhäuser in Berlin. Ein Rundgang durch die Innenstadt, Verlag Bruno Hessling, Berlin 1969, S. 33–44.
  6. Otto Nagel: Berliner Bilder, Henschel, Berlin 1955, S. 16; dort auch das folgende zum geplanten Wiederaufbau, S. 8 f.
  7. Entwurf für den Wiederaufbau der Fischerinsel und die Rekonstruktion der separaten Insel, Lageplan, 1954.
  8. Zum Denkmalsbestand nach 1945 siehe Hans Müther: Berlins Bautradition. Kleine Einführung, Das Neue Berlin, Berlin 1956, S. 85–112: Register der historischen Berliner Städtebau- und Baudenkmale im Stadtbezirk Mitte (mit zwei Plänen).
  9. Zur tabula-rasa-Lösung siehe Joachim Hermann et al.: Berlin: Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme, Akademie-Verlag, Berlin 1987 (= Werte unserer Heimat Band 49/50), S. 143.
  10. Herbert Schwenke: Berliner Stadtentwicklung von A bis Z, Berlin 2001, S. 61–63.
  11. Zur Pastell-Serie siehe Otto Nagel: Zu den Ausstellungen (Februar und April 1966). Ölbilder und Zeichnungen aus viereinhalb Jahrzehnten und Berliner Bilder 1933−1965 in der Ladengalerie Berlin-Charlottenburg. Ladengalerie, Berlin-Charlottenburg, o. J. (verm. 1966)
  12. Otto Nagel: Berliner Bilder, Henschel, Berlin 1955, S. 9
  13. Uwe Aulich: Wo einst Weinfässer lagerten. In: Berliner Zeitung, 27. Dezember 2016, S. 9.
  14. Ulrich Paul: Bauprojekt in Berlin-Mitte. Wütende Proteste gegen geplantes Hochhaus auf der Fischerinsel, in: Berliner Zeitung, 28. September 2015, abgerufen am 4. September 2017.
  15. Hochhaus gekippt? WBM signalisiert Kompromissbereitschaft In: Berliner Woche, 18. August 2017. Die Baupläne entstanden nach einem europaweiten Architekturwettbewerb. Die achtgeschossige Blockbebauung geht auf den an dritter Stelle platzierten Entwurf vom Büro Blauraum Architekten zurück.

Koordinaten: 52° 30′ 47″ N, 13° 24′ 24″ O