Forensic Architecture

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Gründer und Leiter Eyal Weizman 2012

Forensic Architecture ist eine 2011 gegründete unabhängige Kunst- und Rechercheagentur unter Leitung von Eyal Weizman mit Sitz am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, University of London.

Counter Forensic[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründer Eyal Weizman hatte schon früh die politischen Möglichkeiten von Architektur erkannt: „Sie ist eben nicht nur ein Set von Techniken und Technologien, die einem ermöglicht bessere Häuser und andere Gebäude zu bauen. Architektur ist auch eine sehr mächtiges analytisches Werkzeug, vor allem, wenn das eigentliche Verbrechen bereits in Architektur gegossen ist, und das ist im Westjordanland der Fall.“ Seit seiner Gründung 2011 entwickelte der Think Tank die Idee der Counter Forensic gegen seiner Ansicht nach staatlichen Desinformationen und setzt diese zunehmend bei Menschenrechtsverletzungen und staatlicher Gewalt in Untersuchungen ein. Dazu werden Bilder, Videos und sonstige Informationen in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen und in Ort und Zeit interdisziplinär modelliert und visualisiert. Die Auswertungen werden als Gegenbeweise zu staatlicher Informationspolitik verstanden und auf kreative Weise sowohl für Gerichtsverhandlungen als auch für Ausstellungen aufbereitet.[1]

Auftraggeber und Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Forensic Architecture arbeitet ausschließlich für zivile Opfer, NGOs und unabhängige Vereine und wird für einzelne Projekte vom Europäischen Forschungsrat mitfinanziert.[2]

Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei seinen Untersuchungen geht Forensic Architecture von zwei Prämissen aus: Staatliche Gewalt hinterlässt Spuren und die Entscheidungsträger verfügen über die Macht, sie zu tilgen.[2] U.a. befasste sich Forensic Architecture mit folgenden Untersuchungen:

  • Untersuchung zum Grenfell Tower-Brand[3]
  • Mordfall Halit Yozgat (NSU-Komplex): Der Verfassungsschützer Andreas Temme saß im Hinterzimmer des Internetcafes in dem Yozgat am 6. April 2006 erschossen wurde und laut Zeugenprotokoll den Mord nicht bemerkt habe. Die Forscher werteten Tatortfotos, Zeugenaussagen, zugespielte Polizeiakten und die Browser-Geschichte des Computers aus. Mit einem gleich großen Schauspieler stellten sie den Hergang in einer Rekonstruktion des Tatortes nach und zogen auch einen Akustikspezialisten hinzu. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Temme den Schuss gehört und die Leiche beim Verlassen des Cafes gesehen haben müsse. Ausgestellt wurde die Simulation auf der Documenta 14.[4][5]
  • Modell des syrischen Foltergefängnisses Saydnaya
  • Untersuchung zum Bootsunglück vor Tripolis 2011
  • Untersuchung Mare Clausum von Charles Heller und Lorenzo Pezzani zur Zusammenarbeit Italiens mit der libyschen Küstenwache (wurde von Klägern im Mai 2018 als Beweismittel einer Klageschrift an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beigefügt).[6][7]
  • Untersuchung zur angeblichen Zusammenarbeit der im Mittelmeer Seenotrettung betreibenden Juventa-Besatzung mit libyschen Menschenschmugglern. Bislang gibt es keinen Prozess, kein Verfahren gegen Jugend rettet; um das Schiff Juventa zu beschlagnahmen, wurden andere Paragrafen bemüht. Die Untersuchungsergebnisse von Forensic Architecture werden als eine dreidimensionale Simulation 2018 auf der Manifesta 12 in Palermo gezeigt, um jenseits der Fernsehbilder und Gerichtssäle eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.[8]
  • Zur Entführung des israelischen Leutnants Hadar Goldin am 1. August 2014 und dem anschließenden massiven Bombardement von Rafah gegen Zivilpersonen erstellte Forensic Architecture einen Bericht auf der Grundlage von Zeitzeugeninterviews, Video- und Photoaufnahmen aus dem die Forscher ableiteten, dass die Hannibal-Direktive der israelischen Armee in exzessiver Form angewendet worden war.[9][10] Nach öffentlichen Anschuldigungen und internen Untersuchungen des als "Black Friday" bezeichneten Vorgangs nahm das israelische Militär die Direktive im Jahr 2016 zurück.[11] Die Dokumentation wurde als Film Hannibal in Rafah auf der Berlinale im Jahr 2016 gezeigt.[12]
  • Im Gaza-Krieg soll Israel im Dezember 2008 und Januar 2009 konventionelle Munition mit verbotenem Weißem Phosphor im dicht besiedelten Gaza eingesetzt haben. Forensic Architecture untersuchte die Explosion einer solchen Granate und modellierte die Ausbreitung der brennenden Chemikalie anhand der Windverhältnisse. Der Bericht wurde 2012 von Menschenrechtlern der UN in Genf vorgelegt und als Beweismittel in 2013 einer Petition vor dem Israelischen Gerichtshof beigefügt.[13] Im April 2013 sagte das israelische Militär zu, Granaten mit weißem Phosphor nicht mehr in bevölkerten Gebieten ein zu setzen.[14] Der israelische Gerichtshof lehnte daraufhin eine Befassung mit dem Vorgang im Juli 2013 ab.[15]
  • Umm al-Hiran Fall: Beim Räumungsversuch des Bedouinendorfes UMM al-Hiran durch israelische Sicherheitskräfte im Negev wurde im Januar 2017 ein fünfzigjähriger Mathematiklehrer in seinem Auto erschossen, weil er nach Darstellung der israelischen Behörden einen islamistisch motivierten Angriff durchführte und dabei einen Polizisten tötete. Forensic Architecture untersuchte den Fall mit israelischen Partnern und deckte Widersprüche in der amtlichen Darstellung auf.[16] Später kam an die Öffentlichkeit, dass ein Shin Bet-Bericht, der unmittelbar nach dem Vorfall verfasst worden war, Beweise für ein Attentat ausschloss und schwere operative Fehler der Sicherheitskräfte als Ursache für das Ereignis nannte.[17]

Unterstützung beim Rechtsstreit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Forensic Architecture[18] gehört neben andere NGOs zu den Unterstützern der Klage von 17 nigerianischen Staatsbürgern gegen Italien vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Kläger werfen Italien vor, ihre Menschenrechte dadurch verletzt zu haben, dass Italien in ihrem Fall die libysche Küstenwache mit der Seenotrettung beauftragt hatte. Von den 17 Klägern waren 2 von der libyschen Küstenwache gerettet und zurück nach Libyen gebracht worden. Dort seien sie gefoltert worden. Nachdem sie sich zu einer Rückreise in ihr Heimatland Nigeria bereiterklärt hätten, seien sie dorthin zurückgebracht worden. Vertreter Italiens verteidigten die Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache und erklärten dass viele Menschen dadurch gerettet worden seien und zudem die Zahl der Migranten die ihr Leben libyschen Schmugglern und seeuntüchtigen Schlauchbooten anvertrauten gesenkt werden konnte.[19]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Forensic Architecture Agency arbeitet eng mit verschiedenen NGOs zusammen. Dass die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aktivismus dabei verschwimmen ist gewollt. Die Arbeit der Forensic Architecture Agency ist per se politisch. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Weizman gelegentlich Todesdrohungen erhält.[20]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht jedes Verfahren landet vor einem Gerichtshof, deshalb ist Forensic Architecture auf andere Foren angewiesen. Ausstellungen werden als alternative Gerichtssäle genutzt und so die Öffentlichkeit mit Informationen versorgt.[2]

bedeutende Ausstellungen
Institution Stadt Jahr Titel
Institute of Contemporary Arts London 2018 Counter Investigations: Forensic Architecture
Kunsthalle Schirn Frankfurt am Main 2018 Power to the People: Politische Kunst jetzt
Film „Bil’in“ (2009)[21]
Museu d’Art Contemporani Barcelona 2017 Forensic Architecture: Towards an Investigative Aesthetics
University Museum of Contemporary Art Mexiko-Stadt 2017 Forensic Architecture: Towards an Investigative Aesthetics
Documenta 14 Kassel 2017 "77sqm_9:26min" (Film zum Fall Halit Yozgat)
Shanghai Biennale 11 Shanghai 2016/2017 "Liquid Traces" (Film zum Left-to-die Boat)[22]
Biennale Venedig 2016 Reporting from the Front
Fundación Proa Buenos Aires 2015 Forensis
Haus der Kulturen der Welt Berlin 2014 Forensis

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mit Bild-Analysen Menschenrechtsverletzungen aufklären. BR2 15. September 2017, abgerufen 3. Juni 2018
  2. a b c Antje Stahl: Diese Architekten dokumentieren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. NZZ 7. März 2018, abgerufen 3. Juni 2018
  3. Mladen Gladić: Schmutz im Licht. Grenfell-Brand, NSU-Mord: Forensic Architecture rekonstruieren das Band zwischen Verbrechen und Politik. In: der Freitag, 14. Juni 2018, S. 13
  4. Mladen Gladić: Schmutz im Licht. Grenfell-Brand, NSU-Mord: Forensic Architecture rekonstruieren das Band zwischen Verbrechen und Politik. In: der Freitag, 14. Juni 2018, S. 13
  5. Sören Kittel: Britisches Forscherkollektiv rekonstruiert auch NSU-Mord. Westfälische Rundschau, 6. Juli 2018, abgerufen 18. Juli 2018
  6. Stefanie Kirchgaessner und Lorenzo Tondo: Italy's deal with Libya to 'pull back' migrants faces legal challenge. Guardian, 8. Mai 2018, abgerufen 27. Juni 2018
  7. Harriet Hagerholm: Italy sued over migrant 'push back' deal with Libya after 20 migrants drown in Mediterranean. Independent, 8. Mai 2018, abgerufen 27. Juni 2018
  8. Catrin Lorch: In Seenot. Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2018, abgerufen 13. Juli 2018
  9. Lizzie Dearden: Israel accused of killing 75 children during day of 'carnage' and war crimes in Gaza war. Independent, 29. Juli 2015, abgerufen 15. Juli 2018
  10. Strong Evidence' of Israeli War Crimes in Gaza, Says New Amnesty Report. Newsweek, 29. Juli 2015, abgerufen 15. Juli 2018
  11. Raf Sanchez: Israel ends the 'Hannibal Directive' - military policy to kill your own troops rather than let them be captured. Telegraph, 29. Juni 2016, abgerufen 15. Juli 2018
  12. Hannibal in Rafah: A reconstruction of one bloody day in the 2014 Gaza War from user generated videos. Filmdatenblatt Berlinale, abgerufen 15. Juli 2018
  13. Andrew Curry: The Rise of Forensic Architecture. Architect, 24. April 2017, abgerufen 15. Juli 2018
  14. Gili Cohen: IDF to Stop Using Shells With White Phosphorus in Populated Areas, State Tells High Court. Haaretz, 13. Mai 2013, abgerufen 15. Juli 2018
  15. White phosphorus petition (Israeli High Court of Justice). weaponslaw.org, abgerufen 15. Juli 2018
  16. Michael Kimmelmann: Forensics Helps Widen Architecture’s Mission. New York Times, 6. April 2018, abgerufen 17. Juli 2018
  17. Michael Bachner: Shin Bet report said to have ruled out terror in Bedouin village car-ramming. Times of Israel, 11. Juni 2018, abgerufen 17. Juli 2018
  18. DPA International, Italy's migration deal with Libya challenged in European rights court, 8. Mai 2018
  19. Nicole Winfield: Migrants accuse Italy of responsibility for Libyan abuses. AP News 8. Mai 2018, abgerufen 4. Juni 2018
  20. Tageswoche, Dieser Schweizer geht mit Big Data gegen das Sterben auf dem Mittelmeer vor, 16. Mai 2016.
  21. Maria Sitte: Die Kunst der Investigation. SchirnMag 26. April 2018, abgerufen 8. Juni 2018
  22. The 11th Shanghai Biennale, abgerufen 20. Juli 2018
  23. Princess Margriet Award for Culture, Europäische Kulturstiftung, abgerufen 4. Juni 2018