Aktivist

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Aktivismus)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Als Aktivist (von lateinisch activus „tätig, aktiv“) wird eine Person bezeichnet, die in besonders intensiver Weise, mit Aktivismus, für die Durchsetzung bestimmter Absichten eintritt. Oft sind diese im weitesten Sinn politischer Art und stammen insbesondere aus den Bereichen der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialpolitik sowie der Bürger- und Menschenrechte. Andere Aktivisten setzen sich für Tierrechte und beispielsweise gegen Tierversuche, Massentierhaltung oder gentechnisch veränderte Lebensmittel ein. Aufgrund der gewachsenen Bedeutung des Internets setzen sich in jüngerer Zeit auch zunehmend Menschen für Datenschutz und gegen übermäßige staatliche Überwachung ein.

Ein Aktivist unterscheidet sich vom Politiker vor allem darin, dass er seine Ziele nicht über direkte Teilhabe an dem formellen politischen Prozess erreichen will, etwa durch Anstreben eines politischen Amts oder Mitarbeit in einer Partei, sondern auf eher informelle Art und Weise – etwa durch Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und in jüngerer Zeit verstärkt durch Internet-Aktivitäten wie Online-Abstimmungen, was auch als Cyberaktivismus bezeichnet wird. Von Teilen mancher Bewegungen wird auch Gewalt als Möglichkeit gesehen.[1]

Ein informeller oder auch organisierter Zusammenschluss vieler Aktivisten wird bei entsprechenden Zielen auch Soziale Bewegung genannt. Größere organisierte Zusammenschlüsse von gleichgesinnten Aktivisten werden teilweise auch als Nichtregierungsorganisationen (NGO) bezeichnet.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Popper definiert Aktivismus als „Die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens.“[2] Der Gegenbegriff zu Aktivismus ist Attentismus. Für eine ziellose, unreflektierte, auf die Aktivität als Selbstzweck gerichtete Vorgehensweise wird hingegen im Allgemeinen der Begriff Aktionismus verwendet. In der Umweltbewegung heißen Menschen, die eine Kampagne bzw. ein Projekt engagiert betreiben, Campaigner. Dieses Wort wird auch in anderen Sprachen verstanden; außerdem ruft es keine negative Konnotation hervor.

Die Begriffe „Aktivist“ oder „Aktivismus“ finden z. B. Verwendung

  • im politischen Bereich, meist im linken Spektrum (zum Beispiel bei attac),
  • als Bezeichnung einer politischen Ausrichtung der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg, siehe Aktivismus und Negativismus,
  • im Umweltschutz oder der Umweltbewegung („Umwelt-Aktivist“, „Greenpeace-Aktivist“),
  • im Bereich freie Software („Freie-Software-Aktivist“, „Open-Source-Aktivist“),
  • im Bereich Tierrechte („Tierrechtsaktivist“, „Tierschützer“),
  • im Bereich des Lebensschutzes („Lebensschützer“),
  • bei Kritik der Reformpädagogik, der oft vorgeworfen wird, dass sie auf „Herz und Hand“ mehr Wert legt als auf den „Kopf“, und somit in einem „leeren Aktivismus“ mündet.[3]

Noam Chomsky definierte 1970:

„Die Rolle der Intellektuellen und radikalen Aktivisten besteht im Beurteilen und Bewerten, im Überzeugen und Organisieren, und nicht in der Machtergreifung und Herrschaft.[4]

Wortgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühes 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnete das Wort "Aktivismus" eine philosophische Denkrichtung. Der Philosoph Rudolf Eucken vertrat in Grundlinien einer neuen Lebensanschauung (1907) einen "schöpferischen Aktivismus".[5] In Rudolf Eislers Philosophen-Lexikon (1912) wird Aktivismus als philosophische Schule erwähnt. In der zweiten Auflage seines Handwörterbuchs der Philosophie (1922) wird auch eine literarische Ausprägung des Aktivismus erwähnt.[6] Der Schriftsteller Kurt Hiller hatte das Wort seit 1914 als Bezeichnung für eine literarische Strömung in Abgrenzung zum Expressionismus verwendet. Während letzterer eine Ausdrucksart bezeichne, gehe es dem Aktivismus um eine Gesinnung.[7] Karl Kraus verspottete die Strömung 1920 in seiner Zeitschrift Die Fackel.[8]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arbeiter eines VEB in der SBZ vor einem Propagandaplakat der Aktivisten-Bewegung (Fotomontage)

Der von den Nationalsozialisten als positive Eigenbezeichnung verwendete Begriff (etwa von Hans Schemm, der 1929 in der Lehrerschaft eine "aktivistische Kerntruppe" schaffen wollte[9] oder von Joseph Goebbels in einem Brief vom 30. März 1945 zur Gründung des "Freikorps Adolf Hitler" im "Volkssturm", wo er von „Aktivisten der Bewegung, Freiwilligen des Volkssturms und Freiwilligen der Werkschar“ schreibt), wurde folgerichtig in der Kontrollratsdirektive Nr. 38[10] für eine Kategorie von NS-belasteten Personen in Deutschland benutzt. Auf die „Hauptschuldigen“ folgte die Gruppe der „Belasteten“, zu diesen gehörten die „Aktivisten“.

In Artikel III, Teil A hieß es unter anderem: „Aktivist ist:

  1. Wer durch seine Stellung oder Tätigkeit die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wesentlich gefördert hat;
  2. Wer seine Stellung, seinen Einfluß und seine Beziehungen zur Ausübung von Zwang, Drohung, Gewalttätigkeiten, Unterdrückung oder sonst ungerechten Maßnahmen ausgenutzt hat;
  3. Wer sich als überzeugter Anhänger der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, insbesondere ihrer Rassenlehre, offen bekannt hat.“

sowie: „Aktivist ist auch, wer nach dem 8. Mai 1945 durch Propaganda für den Nationalsozialismus oder Militarismus oder durch Erfindung und Verbreitung tendenziöser Gerüchte den Frieden des deutschen Volkes oder den Frieden der Welt gefährdet hat oder möglicherweise noch gefährdet.“

Das Wort Aktivist wurde gleichwohl im Sprachraum der SBZ und DDR für eine gemeinnutzen- und neuerungsorientierte Einstellung zur Arbeit wiederverwendet. Aktivist der sozialistischen Arbeit war eine häufig verliehene Auszeichnung im Rahmen des sozialistischen Wettbewerbs der DDR. Zum Propagandaleitbild wurde 1948 der Bergmann Adolf Hennecke aufgebaut. Der Tag der Aktivisten wurde jährlich ab 1949 am 13. Oktober, dem Tag der Sonderschicht Henneckes, in der DDR begangen. Vorbild für den sozialistischen Begriff des Aktivisten war das russische Wort 'aktivist', das den Angehörigen eines Aktivs bezeichnete, eine nach sowjetischem Vorbild geschaffene Bezeichnung für eine Arbeitsgruppe.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: Aktivist – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://www.zeit.de/2014/36/tierschutz-tierrechte-radikale-aktivisten
  2. Karl R. Popper: Das Elend des Historizismus. 4. Auflage. Mohr, Tübingen 1974, ISBN 3-16-532721-1, S. 7. (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften. Band 3)
  3. Winfried Böhm, Wilhelm Hehlmann: Wörterbuch der Pädagogik. Kröner Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-09415-0, S. 443.
  4. Norbert Seitz: Das politische Vermächtnis eines linken Idols, Deutschlandfunk – Website, 11. August 2014. Abgerufen am 11. August 2014.
  5. Stiftung Deutsches Historisches Museum: Gerade auf LeMO gesehen: LeMO Biografie. Abgerufen am 9. Oktober 2019.
  6. Rudolf Eisler: Handwörterbuch der Philosophie. Berlin 1922, S. 16.
  7. Kurt Hiller. Abgerufen am 9. Oktober 2019.
  8. a b Matthias Heine: Aktivist: Wortgeschichte und Bedeutung des Wortes. 26. Februar 2014 (welt.de [abgerufen am 9. Oktober 2019]).
  9. Henning Heseke: "Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus", Seite 63f
  10. Kontrollratsdirektive Nr. 38: Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, Nationalsozialisten und Militaristen und Internierung, Kontrolle und Überwachung von möglicherweise gefährlichen Deutschen (Memento vom 4. September 2018 im Internet Archive) vom 12. Oktober 1946. Volltext bei verfassungen.ch