Gareth Jones (Journalist)

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Gedenktafel an einem Gebäude der Aberystwyth University

Gareth Richard Vaughan Jones (* 13. August 1905 in Barry; † 12. August 1935 in Mandschukuo) war ein britischer Journalist und Politikberater.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gareth Richard Vaughan Jones entstammte einer walisischen Lehrerfamilie. Sein Vater Edgar Jones arbeitete als Direktor an der Barry County School, seine Mutter war als Gouvernante bei der Industriellenfamilie Hughes in der Ukraine tätig. Er wurde mehrsprachig erzogen und studierte von 1926 bis 1929 an den Universitäten in Wales und Cambridge Französisch, Deutsch und Russisch. Ab 1930 arbeitete Jones als Politikberater für den ehemaligen Premierminister David Lloyd George, dessen Memoiren er ferner schrieb.[2] Im Sommer 1931 besuchte er mit Henry John Heinz II. die Sowjetunion. In der Ukraine und in Kasachstan wurde Jones Zeuge einer weit verbreiteten Hungersnot. Für die New York Times verfasste er umgehend einen Bericht, in welchem er explizit Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft als Ursache der Hungerkatastrophe benannte.[3] 1932/33 lieferte er aus Russland regelmäßig Reportagen an amerikanische, britische und deutsche Zeitungen.[4]

Im Januar und Februar 1933 berichtete Jones für die Western Mail (Wales) exklusiv über die Machtübernahme in Deutschland. Am 23. Februar konnte er Hitler interviewen und ihn in einer Junkers Ju 52/3m, dem damals schnellsten und modernsten Flugzeug der Welt, von Berlin nach Frankfurt am Main begleiten. Über dieses Erlebnis stark beeindruckt soll er gesagt haben: „Wenn das Flugzeug abstürzt, würde sich die ganze Geschichte Europas anders entwickeln.“[5] Der Journalist George Carey urteilte über Jones' Verhältnis zum NS-Staat, dass „Adolf Hitler ihn als einen befreundeten Berichterstatter betrachtete“, er mit den Nationalsozialisten „gut vernetzt war und einen fast beispiellosen Zugang zu Hitler und Goebbels“ besaß, und er „stets positiv über die Errungenschaften der Nationalsozialisten“ berichtete.[6] Kurz nach dem Flug mit Hitler fuhr Jones erneut nach Russland und bestieg am 7. März 1933 in Moskau einen Zug nach Charkow. Laut seinen Angaben stieg er an einem kleinen Bahnhof aus und ging zu Fuß weiter; seine Erlebnisse schilderte er folgendermaßen (Auszüge):

„Ich sah eine Hungersnot gewaltigen Ausmaßes. Viele Menschen waren aufgequollen vor Hunger. Überall hörte ich Sätze wie ‚Wir warten auf den Tod‘. Ich schlief neben verhungernden Kindern auf dem Lehmboden. In Charkow sah ich Menschen, die sich um zwei Uhr früh vor Geschäften anstellten, die nicht vor sieben öffneten. An einem Durchschnittstag standen 40.000 Menschen nach Brot an. Die in der Schlange Wartenden versuchten so verzweifelt ihre Plätze zu halten, dass sie sich an die Gürtel der vor ihnen Stehenden klammerten. Manche waren so schwach vor Hunger, dass sie nicht ohne Hilfe Anderer stehen konnten.“[7]

Rund zwei Wochen später kehrte Jones nach Deutschland zurück und informierte am 29. März 1933 auf einer von Paul Scheffer in Berlin organisierten internationalen Pressekonferenz die Weltöffentlichkeit über die Ausmaße der sowjetischen Hungerkatastrophe.[8] Anwesend waren neben vielen deutschen Korrespondenten unter anderem Pressevertreter der Chicago Daily News, The Yorkshire Post, The Sun, Manchester Guardian, Time Magazine, The New York Times, La Liberté. Sie alle veröffentlichten noch am gleichen Abend oder in den nächsten Tagen auf den Titelseiten nahezu identisch lautende Leitartikel über die Hungerkatastrophe.[9]

Diesen Darstellungen widersprachen regierungsnahe Journalisten in verschiedenen Ländern. Insbesondere der Pulitzer-Preisträger Walter Duranty verharmloste Jones‘ Berichte. Unter der Überschrift „Russians hungry, but not starving“ (etwa: „Russen sind hungrig, aber verhungern nicht“) veröffentlichte die New York Times am 31. März 1933 ein Dementi. Duranty schilderte darin, dass Jones‘ Beschreibungen „Wunschdenken“ und eine „große Angst-Story“ seien, es zwar in der Sowjetunion „ernsthafte Nahrungsmittelknappheit“, aber „keine Hungertote“ gäbe; vielmehr wäre eine „weit verbreitete Mortalität von Krankheiten wegen Mangelernährung, vor allem in der Ukraine, im Nordkaukasus und an der Unteren Wolga“ feststellbar.[10][11] Dem entgegen hielt Eugene Lyons, der Moskauer Korrespondent der United Press International, fest: „Als Jones aus Russland zurückkehrte, gab er Mitteilungen heraus, die mehr eine Zusammenfassung dessen war, was ihm andere Korrespondenten erzählt hatten. Er berichtete über Exkursionen in die Ukraine, vielleicht um die Echtheit seiner Informationen zu betonen, oder um uns andere Journalisten als seine Hauptquellen vor den Zensoren in Russland zu beschützen.“[12]

Bericht im Berliner Tageblatt vom 1. April 1933

Tatsächlich war Gareth Jones nicht der Erste und nicht der Einzige der versuchte, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Zu nennen sind beispielsweise Paul Scheffer, mit dem Jones befreundet war, sowie Malcolm Muggeridge, William Henry Chamberlin, Hubert Renfro Knickerbocker, aber allen voran Delegierte des Europäischen Nationalitätenkongresses (ENK). Diese überstaatliche Organisation erfuhr von ukrainischen Abgeordneten sehr früh von der Vorgehensweise und den Ausmaßen der Hungerkatastrophe. Offiziell sprach der ENK ab Mitte 1932 von „systematischen Mord durch Hunger in Russland“, organisierte Hungerhilfen; und stieß dabei auf massive Behinderungen verschiedener Regierungen.[13][14]

Zu dieser Zeit bemühte sich die sowjetische Regierung um Aufnahme in den Völkerbund und versuchte aktiv, das Geschehen in Russland vor der Weltgemeinschaft zu verbergen. Gleichzeitig sprachen sich mehrere westliche Staaten für die Aufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen zur Sowjetunion aus. Besonders die USA und Großbritannien unterdrückten ab Mitte 1932 eine negative Berichterstattung über Russland und betrachteten die Veröffentlichungen über die Folgen der sogenannten Hungerexporte nebst der Hungertoten als Hetze und Propaganda.[15][16][17] So teilte Maxim Litwinow persönlich in einem Schreiben über die sowjetische Botschaft in London Lloyd George mit, dass jegliche Berichterstattungen von Jones unerwünscht und weitere Besuche für ihn in die Sowjetunion untersagt seien.[18] Faktisch verfasste er fortan keine neuen Berichte über die Hungersnöte in Russland. Insgesamt hatte Jones darüber bis April 1933 zwanzig Artikel geschrieben, die einige Zeitungen ohne Scheu später reproduzierten.[19]

1933/34 lag sein Wirkungsbereich fast ausschließlich in Deutschland und Österreich. Hier traf er sich unter anderem oft in Wien mit Kardinal Innitzer und Ewald Ammende, dem Generalsekretär des ENK.[20] Bei einem Besuch in Danzig lernte Jones den deutschen Generalkonsul von Charkow kennen. Dieser dankte ihm für seine journalistische Arbeit und bemerkte, dass die Situation für die hungernden Menschen in Russland immer schlimmer werde.[21][22] Während dieser Zeit schrieb Jones Reportagen überwiegend für das Berliner Tageblatt, die seine Nähe und Sympathie zum NS-Regime widerspiegelten.[23] Über den Jahreswechsel 1934/35 verweilte er auf Hearst Castle in San Simeon. Dort traf er auf einem Neujahrsempfang den Medienmogul William Randolph Hearst persönlich, in dessen Auftrag Jones Anfang 1935 in verschiedenen amerikanischen Zeitungen sowjet-kritische Artikel verfasste. Ferner lastete er darin Josef Stalin den Tod des Leningrader Parteichefs Sergei Mironowitsch Kirow an.[24]

Im März 1935 reiste er von den USA über Japan nach China. Genauso wie die Sowjetunion die Äußere Mongolei annektierte und die Mongolische Volksrepublik als Marionettenstaat installierte, ging Japan in der Inneren Mongolei mit der Gründung von Mandschukuo vor. Die Entwicklung in der Mongolischen Volksrepublik schloss Stalins Zwangskollektivierung ein.[25] In dieser Folge brachen auch hier eine gewaltige Hungersnot und Unruhen aus, denen die sowjetische Regierung mit einer Erhöhung ihrer Militärpräsenz entgegnete.[26] Dieses Vorgehen betrachtete Japan als Bedrohung seiner Interessen und verlagerte ebenfalls weitere Truppen an Manschukuos Grenze. Beide Aggressoren gaben als offizielle Begründung die Unterstützung ihrer „Bruderländer“ bei der Bekämpfung von Banden und Warlords an. Ab Januar 1935 nahmen die Konflikte zwischen russischen und japanischen Stoßtrupps aufgrund ungeklärter Grenzverläufe dramatisch zu, sodass sich die Aufmerksamkeit verschiedener Journalisten für kurze Zeit in den Fernen Osten verlagerte. Keine der Konfliktparteien hatte ein Interesse am Bekanntwerden der Auseinandersetzungen, zumal am Chalchin Gol riesige Gold- und Kupfervorkommen entdeckt worden waren.[27][28]

In China angekommen, lernte Jones den deutschen Ingenieur Dr. Herbert Müller kennen, der späteren Veröffentlichungen zufolge ein getarnter GPU-Agent gewesen sein soll. Gemeinsam fuhren sie in das Krisengebiet, wo sie dem Vernehmen nach von einer Bande entführt, gefoltert und für 18 Tage festgehalten wurden. Angeblich sollen die Kidnapper ein Lösegeld für die Freilassung von Deutschland gefordert haben. Beweise für diese Darbietungen existieren nicht, zumal bei dieser Legende unerwähnt bleibt, wann und in welcher Form die Forderung der Banditen die deutsche Botschaft in Xinjing oder Peking erreicht haben könnte.[29][30] Fest steht lediglich, dass Gareth Jones kurz vor seinem 30. Geburtstag mit Schüssen in den Hinterkopf getötet und seine Leiche am 12. August 1935 auf dem Gebiet Mandschukuos gefunden wurde.[31]

Nachwirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Scheffer veröffentlichte am 16. August 1935 für seinen Freund auf der Titelseite des Berliner Tageblatts einen mehrspaltigen Nachruf, womit er die Arbeit Gareth Jones' würdigte. Spätere Gerüchte über eine Beteiligung des sowjetischen Geheimdienstes, der Nationalchinesen oder der Japaner am Tod von Jones konnten nicht verifiziert werden.[32] Aufgrund seiner Berichterstattung über den heute sogenannten Holodomor erklärte Wiktor Juschtschenko im November 2008 Gareth Jones zum Nationalhelden und verlieh ihm postum den Freiheitsorden, die höchste Auszeichnung der Ukraine.[33]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, 2011.
  • Margaret Siriol Colley: Gareth Jones. More Than a Grain of Truth. Newark 2005.
  • Deanna Spingola: The Ruling Elite. Trafford Publishing, 2014.
  • Ray Gamache: Gareth Jones, Eyewitness to the Holodomor. Welsh Academic Press, 2016.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. British History, Gareth Jones (engl.), Spartacus Educational Publishers Ltd., abgerufen am 16. Juni 2017.
  2. Documentary, Gareth Jones (engl.), Guardian News and Media Limited, abgerufen am 16. Juni 2017.
  3. British History, Gareth Jones (engl.), Spartacus Educational Publishers Ltd., abgerufen am 16. Juni 2017.
  4. British History, Gareth Jones (engl.), Spartacus Educational Publishers Ltd., abgerufen am 16. Juni 2017.
  5. Gareth Jones: With Hitler across Europe. The Western Mail and South Wales News, 28. Februar 1933.
  6. British History, Gareth Jones (engl.), Spartacus Educational Publishers Ltd., abgerufen am 16. Juni 2017.
  7. Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H.Beck, 2011, S. 52 f.
  8. Margaret Siriol Colley: Gareth Jones. More Than a Grain of Truth. Newark 2005, S. 22 f.
  9. Hungersnot in Russland? Berliner Tageblatt vom 1. April 1933 auf garethjones.org, abgerufen am 16. Juni 2017.
  10. Walter Duranty: Russians Hungry, but not Starving. In: The New York Times, 31. März 1933.
  11. Deanna Spingola: The Ruling Elite. Trafford Publishing, 2014, S. 153-156.
  12. Eugene Lyons: Assignment in Utopia. Transaction Publishers, 1938, S. 572-580.
  13. Congress of European Nationalities: Die Nationalitäten in den Staaten Europas: Sammlung von Lagerberichten des Europäischen Nationalitäten-Kongress. W. Braumüller, 1932, S. 16 f.
  14. Ewald Ammende: Muss Russland hungern? Menschen- und Völkerschicksale in der Sowjetunion. W. Braumüller, 1935, S. 50 f.
  15. Claudia Breuer: Die Russische Sektion in Riga: amerikanische diplomatische Berichterstattung über die Sowjetunion, 1922–1933/40. Franz Steiner Verlag, 1995, S. 30 f.
  16. Ian Kershaw: Höllensturz: Europa 1914 bis 1949. DVA, 2016, S. 111.
  17. Ewald Ammende: Muss Russland hungern? Menschen- und Völkerschicksale in der Sowjetunion. W. Braumüller, 1935, S. 22 f.
  18. Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H.Beck, 2011, S. 20 f.
  19. Deanna Spingola: The Ruling Elite. Trafford Publishing, 2014, S. 155.
  20. Paul Scheffer: Gareth Jones ermordet – Von seinen Entführern erschossen. Berliner Tageblatt, 16. August 1935.
  21. Short Biography of Gareth Jones (eng.), garethjones.org, abgerufen am 16. Juni 2017.
  22. Berichte der Deutschen Botschaft Moskau und des Generalkonsulats Charkow (pdf), Auszug Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat, Nr. 28/2010, abgerufen am 17. Juni 2017.
  23. The brave journalist who told the truth about Stalin's famine, Guardian News and Media Limited, abgerufen am 16. Juni 2017.
  24. Deanna Spingola: The Ruling Elite. Trafford Publishing, 2014, S. 155.
  25. Europäische Rundschau: Vierteljahreszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte, Band 4. Verein Europäische Rundschau, 1976, S. 81.
  26. Nicole Funck, Sarah Fischer: Mongolei für individuelles Entdecken. Verlag Peter Rump, 2015, S. 367.
  27. Ikuhiko Hata: Reality and Illusion. The Hidden Crisis between Japan and the USSR 1932–1934. Columbia University Press, 1967, S. 133.
  28. Gerald Mund: Ostasien im Spiegel der deutschen Diplomatie: die privatdienstliche Korrespondenz des Diplomaten Herbert v. Dirksen von 1933 bis 1938. Franz Steiner Verlag, 2006.
  29. The brave journalist who told the truth about Stalin's famine, Guardian News and Media Limited, abgerufen am 16. Juni 2017.
  30. Paul Scheffer: Gareth Jones ermordet - Von seinen Entführern erschossen. Berliner Tageblatt, 16. August 1935.
  31. Terry Breverton: Jones, Gareth Richard Vaughan Jones. In: Wales A Historical Companion. Amberley Publishing Limited, 2009; S. 33.
  32. Documentary, Gareth Jones (engl.), Guardian News and Media Limited, abgerufen am 16. Juni 2017.
  33. Jones: The man who knew too much (Report 13. November 2009), BBC History Information, abgerufen am 17. Juni 2017.