Gewalt und Leidenschaft

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Filmdaten
Deutscher TitelGewalt und Leidenschaft
OriginaltitelGruppo di famiglia in un interno
ProduktionslandItalien
OriginalspracheEnglisch
Erscheinungsjahr1974
Länge121 Minuten
AltersfreigabeFSK 16
Stab
RegieLuchino Visconti
DrehbuchSuso Cecchi D’Amico
Enrico Medioli
Luchino Visconti
ProduktionGiovanni Bertolucci für Rusconi Film
MusikFranco Mannino
KameraPasqualino De Santis
SchnittRuggero Mastroianni
Besetzung

Gewalt und Leidenschaft (Gruppo di famiglia in un interno) ist ein Film von Luchino Visconti, der am 10. Dezember 1974 in Italien, am 2. November 1979 in Deutschland und am 23. Juni 1977 (als Conversation Piece) in den USA herauskam. Thematisch knüpft er sowohl an Motive aus Tod in Venedig (angedeutete homosexuelle Neigungen eines älteren Mannes zu einem jüngeren) als auch an die satirischen Darstellungen des römischen Jet Sets in Fellinis Filmen an. Es ist Viscontis vorletzter Film, von ihm teilweise im Rollstuhl gedreht.[1] Nach eigenen Worten wollte er mit dem Film auch allegorisch die Wehrlosigkeit des Bürgertums gegen Dekadenzeinflüsse oder den Faschismus zeigen.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rom in den 1970er-Jahren: Ein amerikanischer Professor lebt als Pensionär zurückgezogen in einem luxuriösen Palazzo und umgibt sich mit kostbaren Gemälden des 18. Jahrhunderts. Er pflegt kaum Kontakt mit Menschen außer mit seiner langjährigen Haushälterin Erminia, doch selbst dieser Kontakt ist von Distanziertheit geprägt. Eines Tages klingelt der italienische Jet Set in Form der reichen, aber vulgären Gräfin Brumonti (ihr Mann ist ein rechtsstehender Fabrikant, taucht aber nicht auf) an seiner Tür. Die Gräfin schafft es dem Professor aufzuschwätzen, die leerstehende Wohnung im oberen Stock des Palazzo zu vermieten. Ihr deutlich jüngerer deutscher Liebhaber Konrad Huebel, ihre jugendliche Tochter Lietta samt Fast-Verlobtem Stefano machen auch die Bekanntschaft mit dem Professor.

Der Professor wird in seiner Ruhe durch die aufdringlichen Neumieter gestört, die sogleich lautstark ihre Wohnung umbauen lassen, die Wohnung des Professors nach Hinweisen auf dessen Vergangenheit untersuchen, kleinere Partys feiern und amouröse Erlebnisse untereinander haben (darunter auch Konrad mit der Tochter der Gräfin). Doch neben der Verärgerung über fühlt sich der Professor von den jungen Leuten belebt, er fühlt sich insbesondere zu dem provokanten, undurchsichtigen Konrad hingezogen. Konrads Vergangenheit des Gigolos als ehemaliger linker 68er, der dann in Drogen abrutschte, wird angedeutet - ein völliger Kontrast zu dem vorherigen gänzlich anderen Leben des Professors, das von dem aristokratischer Erziehung und den Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges geprägt war. Gelegentlich versinkt der Professor in Erinnerungsbildern an seine ehemalige Frau und an seine Mutter. Der Professor und Konrad befreunden sich zunehmend, nachdem letzterer eines Nachts wegen Spielschulden zusammengeschlagen wird und der Professor ihn auffindet und medizinisch versorgt, und haben ein gemeinsames Interesse an Kunst.

Der Professor lädt die Gräfin, Konrad, Lietta und Stefano zu einem Abendessen ein, in der er sie seine 'neue Familie' nennt und damit zugleich Zufriedenheit bekundet, dass sie mit seinem Einzug Bewegung in sein eingefrorenes Leben gebracht haben. Unter seinen Gästen bricht aber ein Streit auf, in dem es um die zweifelhafte Vergangenheit Konrad Huebels und um seine Beziehung zur Gräfin, geht. Diese will sich von ihrem Mann zwar trennen, jedoch nicht, um Konrad zu heiraten, da dieser deutlich jünger sei und gesellschaftlich unter ihr stehe. Konrad enthüllt daraufhin, dass er ihren Ehemann wegen dessen Unterstützung rechtsextremer Kreise ausspioniert habe. Dieser sei nicht wegen Geschäften, sondern aus Angst vor einer Verhaftung in die Franco-Diktatur nach Spanien geflogen. Die Gräfin und der konservative Unternehmerssohn Stefano distanzieren sich daraufhin von Konrad. Der Professor lehnt deren reaktionäre Überzeugungen ab, schreitet aber nicht weiter ein, um Konrad zu unterstützen.

Konrad geht, nachdem er sich zuvor brieflich von seinem neuen 'Vater' verabschiedet und angedeutet hatte, dass sie sich wahrscheinlich nicht mehr lebend sehen würden, nach oben. Unmittelbar danach kommt es zu einer Gasexplosion, bei der Konrad ums Leben kommt. Der Professor macht sich Selbstvorwürfe wegen Konrads Tod und erkrankt schwer. Das letzte Bild zeigt ihn am Tropf hängend auf seinem Krankenbett, während ihn die Gräfin mit Lietta und Stefano besucht. Lietta spricht als Letzte mit dem Professor und deutet an, dass sich Konrad nicht selbst das Leben genommen habe, sondern umgebracht wurde.

Produktionshintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreharbeiten zu Gewalt und Leidenschaft fanden zwischen dem 8. April und 15. Juli 1974 in Rom statt. Visconti, dessen vorletzter Film vor seinem Tod es wurde, war bei den Dreharbeiten bereits körperlich geschwächt. In dem Film spiegelt sich auch die aufgeheizte politische Lage im Italien der 1970er-Jahre wieder. Ereignisse wie der Terroranschlag von Brescia durch Neofaschisten am 28. Mai 1974 sowie Entführungen durch die Roten Brigade fanden während der Dreharbeiten statt und fanden mediale Beachtung. Visconti befürchtete die Gefahr einer neofaschisten Katastrophe und versuchte mit dem Film, ein Klima von Terror und Verschwörungen zu vermitteln.[2]

Nach ihrem gemeinsamen Erfolg mit Der Leopard im Jahr 1963 war es die zweite Zusammenarbeit Viscontis mit Burt Lancaster. Die zweite Hauptrolle übernahm Viscontis langjähriger Lebensgefährte. Da Visconti selbst aus altem Adel stammt und die Figur des Professors mit ihm einige Ähnlichkeiten teilt, erhält der Film durch die Besetzung auch eine autobiografische Note. Visconti reflektiert im Film seine Beziehung zu Berger. Neben den größeren Rollen haben die Filmdiven Dominique Sanda und Claudia Cardinale Cameo-Auftritte, in denen sie in zwei Rückblenden in der Rolle der Mutter und der Ehefrau des Professors erscheinen.

Für die Kostüme waren Piero Tosi und Vera Marzot zuständig. Als Musik zum Film sind unter anderem Testarda Io von Iva Zanicchi, Desiderare von Caterina Caselli, Mozarts Sinfonia concertante (KV 364) und die Arie K 418 "Vorrei spiegarvi, oh Dio!" zu hören. Lietta rezitiert W. H. Auden („There is no sex life in grave“).

Der US-Titel Conversation Piece steht dem italienischen Titel Gruppo di famiglia in un interno (Deutsch: „Familiengruppe in einem Innenraum“) nahe und stammt von der kunstwissenschaftlichen Bezeichnung für englische Gruppenporträts des 18. Jahrhunderts, die der Professor auch im Film sammelt.

2013 drehte Ferdinando Cito Filomarino anlässlich der Restaurierung und Digitalisierung des Films einen Dokumentar- und Kurzfilm über die Genese des Films.[3]

Synchronisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wurde in englischer Sprache gedreht und für die italienische Fassung synchronisiert. Die deutsche Synchronfassung entstand zur Kinopremiere bei der Arnold & Richter KG in München, für Dialogbuch und Dialogregie zeichnete sich Conrad von Molo verantwortlich.[4]

Rolle Schauspieler Dt. Synchronstimme
der Professor Burt Lancaster Holger Hagen
Konrad Huebel Helmut Berger Jürgen Clausen
Marchesa Bianca Brumonti Silvana Mangano Rosemarie Fendel
Lietta Brumonti Claudia Marsani Andrea L’Arronge
Stefano, Liettas Freund Stefano Patrizi Ivar Combrinck
Erminia Elvira Cortese Maria Landrock
Portier Philippe Hersent Walter Ofiera
Kunsthändler Blanchard Jean-Pierre Zola Ernst Kuhr

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film erhielt 12 Preise und wurde für vier weitere nominiert. Er erhielt u. a. den Preis der italienischen Filmkritik (Nastro d’Argento) für Regie, Kamera, Produktion, Produktionsdesign, beste Nachwuchsschauspielerin (Marsani) und das italienische Oscar-Äquivalent David di Donatello als bester Film und für Burt Lancaster als besten ausländischen Schauspieler. 1975 wurde er auf dem Valladolid International Film Festival mit dem Golden Spike ausgezeichnet.

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Burt Lancaster als Professor

„Im Zusammenprall zweier grell kontrastierter Milieus werden die Konsequenzen des Rückzuges aus der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Verflechtung reflektiert. Bewegendes, Skepsis und Lebenshoffnung verbindendes Alterswerk des wie immer ästhetisch ausgefeilt gestaltenden Luchino Visconti.“

„Gewalt und Leidenschaft" ist nach "Der Leopard" ein weiteres Meisterwerk von Luchino Visconti - eine Bild gewaltige, bewegende Studie über den Zusammenprall zweier Milieus, mit der der italienische Meisterregisseur seiner Beziehung zu Helmut Berger, mit dem er zwei Jahre zuvor auch "Ludwig II." gedreht hatte, ein Denkmal setzte.“

prisma[6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach Abschluss der anstrengenden Dreharbeiten zu Ludwig II. (1972) hatte er einen Schlaganfall und war halbseitig gelähmt
  2. Laurence Schifano: Luchino Visconti. Fürst des Films. Gernsbach, Katz 1988, S. 462–464.
  3. IMDb: L'Inganno
  4. Deutsche Synchronkartei | Filme | Gewalt und Leidenschaft. Abgerufen am 11. Juli 2019.
  5. Gewalt und Leidenschaft. In: Lexikon des internationalen Films. Zweitausendeins, abgerufen am 2. März 2017.Vorlage:LdiF/Wartung/Zugriff verwendet 
  6. prisma.de: Gewalt und Leidenschaft