Giftgasvorfall im April 2017 in Syrien

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Karte mit eingezeichneter Frontlinie und dem lokalisierten Ort des Giftgasangriffs bei Chan Schaichun in Syrien.

Bei dem Giftgasvorfall am 4. April 2017 starben in der syrischen Stadt Chan Schaichun während des Bürgerkriegs in Syrien durch Giftgas 86 Menschen[1] und weitere wurden verletzt.

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut von der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verbreiteten Augenzeugenberichten, die nicht überprüft werden können, gab es um 6:30 Uhr Ortszeit einen Luftangriff, bei dem Giftgas eingesetzt wurde.[2] Fotos und Videos waren spätestens ab 10 Uhr syrischer Zeit im Internet zu sehen, sie zeigen Verletzte mit Atemnot und Erstickungsanfällen sowie Tote.

Einige Stunden später fand ein Luftangriff statt,[3] der unter anderem ein Feldkrankenhaus traf, in dem Opfer des Giftgasvorfalls behandelt wurden.[4] Die Stadt wurde zu diesem Zeitpunkt von der Haiʾat Tahrir asch-Scham (der ehemaligen Nusra-Front) kontrolliert.[5]

Am 11. April schloss sich die Trump-Regierung in Washington in einem offiziell freigegebenen vierseitigen Sicherheitsbericht dieser Sichtweise an. Sie bezog sich darin auch ausdrücklich auf die seitens der Rebellen im Internet verbreiteten Fotos und Videos, ergänzt durch Satellitenaufnahmen des in jenen Bildern vorhandenen Kraters.[6]

Ärzte ohne Grenzen teilte nach dem Angriff in einer Stellungnahme mit, die Betroffenen zeigten Symptome der Verletzung durch Nervengas; mehrere der untersuchten Patienten hatten verengte Pupillen, Muskelzuckungen und unkontrollierten Stuhlgang. Die Stellungnahme bestätigt den Luftangriff, gibt aber nicht an, ob die Kampfstoffe von den Flugzeugen eingesetzt wurden.[7]

Die Weltgesundheitsorganisation ging am 5. April aufgrund von Autopsien an drei Leichen durch türkische Ärzte davon aus, dass es sich um einen Nervenkampfstoff, vermutlich Sarin oder ein anderes Nervengas handelte.[8][1] Der türkische Justizminister Bekir Bozdağ äußerte sich nicht zu der Frage, um welchen Nervenkampfstoff es sich gehandelt haben könnte.[9] Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) teilte am 19. April 2017 mit, dass von ihr durchgeführte Untersuchungen ergeben hätten, dass es sich um Sarin oder sarinähnliche Stoffe gehandelt habe, denen die Opfer ausgesetzt waren. Gleichzeitig kündigte sie an, weitere Recherchen vor Ort betreiben zu wollen, sobald die Sicherheitslage dies zuließe.[10]

Urheberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. April erklärten das russische Verteidigungsministerium und regierungsnahe syrische Medien, es habe einen Luftangriff der syrischen Luftwaffe auf ein Munitionslager der Rebellen gegeben, bei dem große Mengen gelagerter konventioneller Munition und Giftgasgranaten explodierten.[11] Normalerweise wird Sarin jedoch in zwei Vorstadien gelagert; erst durch die Mischung der zwei Stoffe entfaltet es seine Wirkung und diese Vorstadien würden bei einem Luftangriff wirkungslos in Flammen aufgehen.[12] Da der Luftangriff erstens laut russischen Aussagen zwischen 11:30 und 12:30 Uhr Ortszeit stattgefunden haben soll, also lange nach den Veröffentlichungen über den Vorfall, und es zweitens auf den Bildern keine Anzeichen für eine Explosion eines Munitionslagers gab, wurde die russische Erklärung vom Spiegel-Online-Redakteur Christoph Sydow als widerlegt dargestellt und als „Lüge“ bezeichnet.[5] Die von der russischen Seite angegebene Uhrzeit passt vielmehr zu dem Angriff, der unter anderem das Hilfskrankenhaus traf.[5]

Die USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und andere Länder machen die syrische Regierung verantwortlich,[9] während der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres sich weitaus zurückhaltender äußerte.[9] Der Vorsitzende der UNO-Kommission zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien, Paulo Sérgio Pinheiro, teilte mit, dass die Urheberschaft von Luftangriff und Giftgaseinsatz sowie deren Zusammenhang miteinander noch ungeklärt seien.[13] Allerdings hatte das Regime in diesem Jahr laut derselben Quelle bereits fünf Mal Giftgas eingesetzt, auch wenn es sich dabei um Chlor gehandelt hatte.[14]

Sowohl die Regierung in Damaskus als auch Russlands Präsident Putin bestritten eine Schuld des syrischen Militärs für den Giftgaseinsatz. Syriens Außenminister Walid al-Muallim erklärte, die syrische Armee habe nie Chemiewaffen gegen das eigene Volk eingesetzt und werde das auch weiterhin nicht tun.[15] Syriens Präsident Baschar al-Assad bezeichnete den Chemiewaffenangriff als zu „hundert Prozent konstruiert“.[16] Die Vorwürfe eines Chemiewaffeneinsatzes durch seinen Verbündeten Assad wies Russland als unlogisch zurück, dieser habe in seiner Lage überhaupt kein Interesse daran, mit Giftgas zu provozieren, schließlich entwickle sich der Kampf mit konventionellen Waffen zu seinen Gunsten.[17]

Russlands Stimme im UNO-Sicherheitsrat verhinderte eine Verurteilung Syriens für den Giftgas-Einsatz gegen die eigene Bevölkerung.[18] Die UNO stellten in einem Briefing am 5. April 2017 die Verantwortung für den Angriff als ungeklärt dar.[19]

Bereits 2013 wurde das von Aufständischen gehaltene Ghuta mit Sarin angegriffen; die Urheberschaft ist bis heute umstritten.[20]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-Präsident Donald Trump ließ als Reaktion auf den Giftgas-Einsatz am 7. April 2017 den Militärflugplatz asch-Schaʿirat mit Marschflugkörpern angreifen.[21] Am 19. April zitierte die US Zeitung The Nation das oben erwähnte vierseitige Papier, für welches nicht die Geheimdienste, sondern die Trump Regierung zeichnete. Das Papier lieferte offenbar dem Angriff mit den Cruise-Missiles am 7. April eine Legitimation. Es bestand gerade nach den Angriff in USA weiterhin Skepsis bezüglich des genauen Hergangs des Vorfalls in der Zeit bis zum Erscheinen des Berichts der OPCW, der innert nur zwei Wochen erwartet wurde.[22]

Die russische Regierung sprach von einer Belastung für die Beziehungen zwischen Russland und den USA und verlegte die Fregatte Admiral Grigorowitsch ins Mittelmeer.[23]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Giftgasvorfall im April 2017 in Syrien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Autopsie von Leichen bestätigt Giftgaseinsatz, Spiegel Online, 6. April
  2. Gift für das syrische Volk, Spiegel Online, 4. April 2017
  3. New York Times: Worst Chemical Attack in Years in Syria; U.S. Blames Assad. New York Times, 4. April 2017
  4. Raketenangriff auf Klinik mit mutmaßlichen Giftgasopfern. Spiegel online, 4. April 2017
  5. a b c Christoph Sydow: Eine Lüge und viele Ungereimtheiten, Spiegel Online, 5. April 2017
  6. Anne Barnard, Michael R. Gordon: Declassified U.S. Report on Chemical Weapons Attack, publiziert durch The New York Times, 11. April 2017
  7. Syria: Khan Sheikhoun victims have symptoms consistent with exposure to chemical substances. In: Médecins Sans Frontières (MSF) International. (msf.org [abgerufen am 9. April 2017]).
  8. WHO alarmed by use of highly toxic chemicals as weapons in Syria, Weltgesundheitsorganisation, 5. April 2017
  9. a b c Hintergrund: Der Giftgasangriff in Chan Scheichun. Mitteldeutscher Rundfunk, 7. April 201, abgerufen am 12. April 2017.
  10. OPCW Director-General Shares Incontrovertible Laboratory Results Concluding Exposure to Sarin. Pressemitteilung der OPCW vom 19. April 2017, abgerufen am Tage darauf. (englisch)
  11. Sputnik: Kreml erklärt: Was Russland bei US-Angriff auf syrische Armee tut. Abgerufen am 7. April 2017 (deutsch).
  12. Giftgaseinsatz in Syrien - «Sie atmen noch, das ist alles» NZZ, 5. April 2017
  13. UN-Komission zu Syrien: Von Giftgaseinsatz überzeugt., euronews, 22. April 2017
  14. [1], NZZ, 5. April 2017; der Report unter http://www.ohchr.org/Documents/Countries/SY/A_HRC_34_CRP.3_E.docx
  15. tagesschau.de: Syrische Regierung bestreitet Verantwortung für Giftgasangriff. Abgerufen am 9. April 2017 (de-de).
  16. Chemiewaffenangriff zu "hundert Prozent konstruiert", Spiegel Online, 13. April 2017.
  17. Antrittsbesuch während der Krise: Kühler Empfang in Moskau für Rex Tillerson. In: Handelsblatt. 11. April 2017, abgerufen am 12. April 2017.
  18. Mutmaßlicher Giftgasangriff: Syrien-Resolution scheitert im Uno-Sicherheitsrat, Spiegel Online, 5. April 2017.
  19. Thomas Pany: Giftgasangriff in Syrien: Täter sind noch unbekannt. In: Telepolis. Abgerufen am 7. April 2017 (deutsch).
  20. Assads Giftgas?, Deutsche Welle, 6. April 2017
  21. Trump Orders Missile Attack in Retaliation for Syrian Chemical Strikes. In: U.S. Department of Defense. (defense.gov [abgerufen am 7. April 2017]).
  22. The Chemical-Weapons Attack In Syria: Is There a Place for Skepticism?, The Nation, 19. April 2017
  23. Russland verlegt Kriegsschiff an syrische Küste, Die Welt, 7. April 2017

Koordinaten: 35° 26′ 20″ N, 36° 39′ 4″ O