Henry E. Sigerist

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Baltimore 1933. Von links nach rechts: William Henry Welch, Fielding H. Garrison, John Rathbone Oliver, Owsei Temkin, Henry E. Sigerist
Leipzig 1929. Von links nach rechts: Stephen d’Irsay, Arnold C. Klebs, Henry E. Sigerist, Karl Sudhoff, F. W. T. Hunger, Owsei Temkin

Henry Ernest Sigerist (* 7. April 1891 in Paris; † 17. März 1957 in Pura, Kanton Tessin) war ein Schweizer Medizinhistoriker und Medizintheoretiker.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Henry E. Sigerist war der Sohn des Fabrikanten Ernst Heinrich Sigerist[1] aus Schaffhausen. Er besuchte die Schulen in Paris und (ab dem 10. Lebensjahr) in Zürich. Er studierte zunächst Orientalistik (1909–1912 in Zürich und in London), dann Medizin (1912–1917 in Zürich und in München). 1917 wurde er in Zürich bei Max Cloëtta zum Dr. med. promoviert.[2] 1919 besuchte er Karl Sudhoff in Leipzig, verlegte seinen Arbeitsschwerpunkt auf das Gebiet der Medizingeschichte und habilitierte sich 1921 in Zürich mit einer Arbeit über frühmittelalterliche Antidotarien.

Leipzig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1925 übernahm er als ordentlicher Professor den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin in Leipzig und verschaffte dem von Karl Sudhoff gegründeten Institut für Geschichte der Medizin internationale Bedeutung.[3] Zu seinen Mitarbeitern in Leipzig zählten Johann Daniel Achelis, Ernst Hirschfeld, Walter Pagel, Stephen d’Irsay, Erwin H. Ackerknecht und Owsei Temkin.

Baltimore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1932 wurde er durch William Henry Welch als dessen Nachfolger auf den Lehrstuhl der Medizingeschichte an der Johns Hopkins University in Baltimore in die USA berufen. Aus Leipzig nahm er seinen Privatdozenten Owsei Temkin mit. Dazu der Berner Medizinhistoriker Marcel H. Bickel:

„Beide, der Nazifeind Sigerist und der Jude Temkin, hätten in Deutschland schon ein Jahr später keine Zukunft mehr gehabt.“[4]

In den Jahren 1935, 1936 und 1938 besuchte er die Sowjetunion und veröffentlichte 1937 ein Werk über das sowjetische Gesundheitssystem, das er als das zu dieser Zeit fortschrittlichste System beschrieb.[5] Bei seinem Aufenthalt 1938 besuchte er seinen Freund, den jüdischen Arzt und Medizinhistoriker Richard Koch im kaukasischen Badeort Jessentuki, in den die Familie Koch 1936 ausgewandert war. Sigerist unterstützte die Familie Koch und war wahrscheinlich auch an deren Emigration beteiligt gewesen. Koch schrieb jedenfalls 1946 an seinen Sohn, dass Sigerist «in der Stunde der Not so viel für uns getan hat».[6]

Von August bis Dezember 1939 hielt Sigerist sich auf Einladung des South African Universitie’s Lectureship Committee in Südafrika auf. Dort hielt er Vorlesungszyklen an der Universität Kapstadt, am Huguenot University College in Wellington, am Rhodes University College in Grahamstown und an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Auf Einladung des Erziehungsministeriums referierte er in Pretoria und der offizielle Teil endete mit einer Rede vor den Pietermaritzburg- und Durban-Zweigen des Natal University College. Sigerist kam aber auch nach Südafrika um zu lernen. Wo und wann immer er konnte besuchte er Einrichtungen des Gesundheitswesens. Die dabei gewonnenen Eindrücke fasste er in einer Rundfunkansprache zusammen, welche er anlässlich seines Abschiedes aus Südafrika halten konnte. Dabei kam er u. a. zur Schluss:

„Ich habe den Eindruck gewonnen, dass nur durch den allmählichen Aufbau eines öffentlichen Gesundheitsdienstes allen Menschen in Südafrika, unabhängig von ihrer Rasse und ihrem Einkommen, Gesundheit gebracht werden kann.“[7][8]

1944 hatte die Sozialistische Regierung der kanadischen Provinz Saskatchewan eine Wahl u. a. mit dem Versprechen gewonnen, ein umfassendes System eines sozialen Gesundheitsdienstes einführen zu wollen. Zur Durchführung dieses Versprechens berief sie eine »Health Services Survey Commission« ein. Sigerist wurde durch den neu gewählten Premier Tommy Douglas zur Leitung dieser Kommission eingeladen und er bereiste vom 3. September bis zum 3. Oktober 1944 die Provinz. Zum Abschluss überreichte er dem Gesundheitsminister einen Bericht, in dem er ein Programm zur stufenweisen Sozialisierung des Gesundheitswesens in Saskatchewan darlegte.[9]

Vom 24. Oktober bis 24. Dezember 1944 gehörte Sigerist einem Team von ausländischen Ärzten an, das von der Indischen Regierung in das Land eingeladen wurde. Ein Indisches Health Survey and Development Committee hatte die Zustände im Indischen Gesundheitssystem analysiert und ein Programm für die Reorganisation dieses Systems nach dem Krieg aufgestellt. Das Team von ausländischen Ärzten wurde gebeten, sich selbst ein Bild von der Situation vor Ort zu machen und das Indische Komitee zu beraten. Das Team ausländischer Arzte setzte sich zusammen aus:

Pura[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1947 verließ er Amerika, um als Research Associate der Yale University in Pura an seinem Projekt der Herausgabe eines Handbuchs der Geschichte der Medizin zu arbeiten.

Erwin H. Ackerknecht, der 1931 in Leipzig bei Sigerist eine Dissertation mit dem Titel Beiträge zur Geschichte der Medizinalreform von 1848 verfasst hatte, erinnerte sich 1957 an seinen Lehrer Sigerist:

„Marxist wurde er im Guten wie im Bösen trotz seiner politischen Sympathien nie.“
„Ist es mehr als ein Zufall, dass medizingeschichtlich sein Lieblingsjahrhundert das kosmopolitische 18. Jahrhundert war, aristokratisch selbst in seinen Revolutionären, philanthropisch, aufklärerisch und doch der Schönheit ergeben?“ [11]

Medizingeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Medizinhistoriker Sigerist begann 1919 als Schüler Sudhoffs, das heißt als philologisch orientierter Medizinhistoriker. So habilitierte er sich 1921 mit einer Arbeit über frühmittelalterliche Antidotarien und er edierte 1927 zusammen mit dem klassischen Philologen Ernst Howald den spätantiken Pseudo-Apuleius. Sein großer Plan, alle frühmittelalterlichen medizinischen Manuskripte zu sammeln und zu analysieren, an dem er bis 1934 intensiv arbeitete, blieb unvollendet.[12] Um 1930 begannen soziologische Erwägungen immer stärker in seinem Werk zu erscheinen, bis sie in seiner amerikanischen Zeit dominierend und zu seinem eigentlichen Vermächtnis wurden.[13][14][15]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Studien und Texte zur frühmittelalterlichen Rezeptliteratur. Barth, Leipzig 1923 (= Studien zur Geschichte der Medizin, 13); Neudruck Vaduz 1977
  • Deutsche medizinische Handschriften aus Schweizer Bibliotheken. In: Sudhoffs Archiv 17, 1925, S. 205–240
  • Zusammen mit Ernst Howald (Hrsg.): Antonii Musae De herba vettonica liber, Pseudoapulei Herbarius, Anonymi De Taxone liber, Sexti Placiti Liber medicinae ex animalibus etc. Leipzig und Berlin 1927 (= Corpus medicorum latinorum, 4)
  • Antike Heilkunde. Ernst Heimeran Verlag, München 1927 (Digitalisat)
  • Maße und Gewichte in den medizinischen Texten des frühen Mittelalters. In: Kyklos 3, 1930, S. 439–444
  • Einführung in die Medizin. Georg Thieme, Leipzig 1931
  • Grosse Ärzte. Eine Geschichte der Heilkunde in Lebensbildern. J. F. Lehmanns, München 1931 (6. Auflage München 1970)
  • Amerika und die Medizin. Thieme, Leipzig 1933
  • Notes and comments on Hippocrates. In: Bulletin of the History of Medicine 2, 1934, S. 190–214
  • Socialised Medicine in the Soviet Union. Victor Gollancz, London 1937
  • Medicine and human welfare. Yale Iniversity Press, New Haven 1941
    • Die Heilkunst im Dienste der Menschheit. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1954
  • Introduction to «Maurice Arthus’ Philosophy of Scientific Investigation». In: Bulletin of the History of Medicine. 14 (1943), S. 368–372
  • als Hrsg.: The earliest printed book on wine by Arnold of Villanova, 1235–1311, now for the first time rendered into English and with an historical essay, with facsimile of the original edition 1478. New York 1943.
  • Civilization and Disease. Cornell University Press, Ithaca (New York) 1943 (Digitalisat)
    • Emilie Marie Mostert (Übers.) Geschichte der Zerstörung der menschlichen Gesundheit. Metzner, Frankfurt/Main Berlin 1952
  • Zusammen mit Julia Older. Medicine and Health in the Soviet Union. Jaico Publishing House, Bombay 1947 (Digitalisat)
  • Anfänge der Medizin. Von der primitiven und archaischen Medizin bis zum Goldenen Zeitalter in Griechenland. Europa Verlag, Zürich 1963

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Fischer: Henry E. Sigerist.
  2. Titel seiner Dissertation: Experimentelle Untersuchungen über die Einwirkung chronischer Kampherzufuhr auf das normale und pathologische Herz.
  3. Ingrid Kästner: Walter von Brunn (1876–1952). Versuch einer Lebensbeschreibung. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 449–458; hier: S. 449.
  4. Marcel H. Bickel. Owsei Temkin (1902-2002): ein Medizinhistoriker des 20. Jahrhunderts. In: Gesnerus. Swiss Journal of the history of medicine and sciences. Band 59, Nr. 3–4, 2002, S. 224–241, hier: S. 226 (Digitalisat).
  5. Brief Richard Kochs an Henry E. Sigerist vom 30.7.1945. Hrsg. von Frank Töpfer und Urban Wiesing. Universität Tübingen, Tübingen 2005, Einleitung der Herausgeber (Volltext).
  6. Postkarte Richard Kochs an seinen Sohn Friedrich vom 2. Juni 1946, im Tübinger Koch-Nachlass. Zitiert nach: Brief Richard Kochs an Henry E. Sigerist vom 30.7.1945. .
  7. Wörtlich: „It seems to me, therefore, that the only possibility of bringing health to all the people of South Africa, irrespective of race and income, is the gradual development of public services.“
  8. Henry E. Sigerist. A physician’s impression of South Africa. A Farewell Address broadcast from the Cape Town Studio of the South African Broadcasting Corporation on December 11, 1939. In: Bulletin of the History of Medicine. Johns Hopkins Press, Baltimore, Band 8 (1940), S. 22–27
  9. Henry E. Sigerist. The Johns Hopkins Institute of the History of Medicine during the academic year 1944-1945. … III Field Work in Canada and India. In: Bulletin of the History of Medicine. Johns Hopkins Press, Baltimore, Band 18 (1945), S. 230–231
  10. Henry E. Sigerist. The Johns Hopkins Institute of the History of Medicine during the academic year 1944-1945. … III Field Work in Canada and India. In: Bulletin of the History of Medicine. Johns Hopkins Press, Baltimore, Band 18 (1945), S. 231–232
  11. Erwin Heinz Ackerknecht. Henry E. Sigerist. In: Gesnerus. Band 14 (1957) S. 66 und S. 68
  12. Henry E. Sigerist. In: Bulletin of the Institute of the History of Medicine. Band 2 (1934), N° 1 (März), S. 22–25: Karl Sudhoff the mediaevalist. S. 26–50: The medical literature of the early middle ages. A program – and a Report of a Summer of Research in Italy. N° 10 (Dezember), S. 559–610: A summer of research in European libraries.
  13. Henry E. Sigerist. Probleme der medizinischen Historiographie. Nach einem Vortrag, der am VIII. Internationalen Kongreß für Geschichte der Medizin am 23. September 1930 in Rom gehalten wurde. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin, Band 24, Heft 1, 10. Januar 1931, S. 1–18
  14. Henry E. Sigerist. Einführung in die Medizin. Leipzig 1931, S. 365–376
  15. H. Vorwahl-Harburg. Medizungeschichte oder Soziologie? In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin, Band 25, 1932, S. 110–112
  16. Welch Medal Winners