Zum Inhalt springen

Johannes Paul (Forschungsreisender)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Johannes Paul um 1952

Ernst Johannes Paul (* 26. Februar 1902 in Lorenzkirch in Sachsen; † 9. Dezember 1958 in Göttingen) war ein deutscher Forschungsreisender, Gesandtschaftsrat, Verlagslektor und Autor.

Johannes Paul wurde am 26. Februar 1902 im Pfarrhaus in Lorenzkirch geboren. Sein Vater Carl Paul (1857–1927) war dort evangelisch-lutherischer Pastor; am 21. September 1911 wurde der Vater Missionsdirektor der Leipziger Mission und Honorarprofessor für Missionsgeschichte und Missionskunde in Leipzig.

In Leipzig besuchte Johannes Paul ein humanistisches Gymnasium und bestand am 7. März 1922 das Abitur. Anschließend studierte er in Leipzig und München Philologie und legte am 2. August 1927 das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab. Am 18. November 1927 wurde er mit einer Dissertation über Die territoriale Ausbreitung der britischen Herrschaft in Südafrika bis zur Gründung Rhodesiens zum Dr. phil. promoviert. Die Dissertation diente ihm auch zur Vorbereitung seiner Forschungsreise nach Südafrika.

Forschungsreise nach Südafrika und Namibia

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit vom 10. Dezember 1927 bis zum 13. Mai 1930 unternahm Johannes Paul eine geographische Forschungsreise nach Südafrika und Namibia. In Südafrika bereiste er in der damaligen Südafrikanischen Union die Kapprovinz mit Transkei, Natal und Transvaal. Die Forschungsergebnisse veröffentlichte er 1932 in seinem Aufsatz Bevölkerungsprobleme in der Südafrika-Union.

In Namibia untersuchte Paul die Geographie und die Ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Einen besonderen Schwerpunkt setzte er vom Oktober bis zum Dezember 1928 und vom Mai bis zum Juni 1929 in die Erforschung des Ovambolands in Nordzentralnamibia und des Volksstammes der Ovambo. Als angehender Lehrer interessierten ihn bei der Forschungsreise auch die Deutschen Auslandsschulen in Wynberg bei Kapstadt und in Swakopmund. An der Deutschen Auslandsschule in Swakopmund unterrichtete er vom 4. März bis zum 11. August 1928. Die dabei gewonnenen Erfahrungen kamen ihm bei seiner späteren Anstellung im Auswärtigen Amt zugute.

Die bei dieser Forschungsreise entstandene Photosammlung übergab Paul dem Museum für Völkerkunde im Leipziger Grassimuseum. Seine Dublette dieser Photosammlung wurde bei einem Luftangriff auf Berlin zerstört.

Nach seiner Rückkehr in Deutschland arbeitete Paul vom 1. Juli 1930 an im sächsischen Schuldienst. Zu Ostern 1931 wurde er Studienassessor. Danach war er Hauslehrer bei einem Gutsbesitzer in Lampertswalde in Sachsen. Zum 1. Mai 1933 trat er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 1.919.152),[1] SA und in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) ein.

Arbeit im Auswärtigen Amt

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Johannes Paul an der Deutschen Auslandsschule in Swakopmund gearbeitet hatte, bewarb er sich beim Auswärtigen Amt um eine vakante Lehrerstelle in einer Deutschen Auslandsschule. Das Auswärtige Amt entschloss sich stattdessen, ihn im Auswärtigen Dienst einzusetzen.[2] Seitdem wohnte er in Berlin. 1943 wurde das Haus, in dem er wohnte, bei einem Luftangriff zerstört. Damit verlor er nicht nur seinen Hausstand, sondern auch die Aufzeichnungen und Bilddokumente seiner Forschungsreise.

Paul begann am 4. April 1934 im Auswärtigen Amt als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter. Nach dem Röhm-Putsch trat er Ende des Jahres 1934 mit stillschweigender Genehmigung seiner Vorgesetzten aus der SA aus. Am 21. Oktober 1936 wurde er zum Legationssekretär und danach ohne weitere Anhebung der Bezüge am 17. November 1943 zum Legationsrat und am 22. Mai 1944 zum Gesandtschaftsrat befördert. Er arbeitete in der Abteilung Kultur und von dem 5. Mai 1936 an in der Kulturpolitischen Abteilung. Er war zunächst in dem Referat 6 (Deutsches Schulwesen im Ausland) und später in dem Referat Gen II (Allgemeine Fragen der Auslandsinformation) beschäftigt. Dienstreisen führten ihn nach England, Italien, Ungarn, Kroatien und Spanien zum Besuch der deutschen Auslandsschulen und der zuständigen deutschen Gesandtschaft oder des deutschen Konsulates.

Sein persönliches Ziel war es, die Deutschen Auslandsschulen von politischen Einflüssen des Nationalsozialismus freizuhalten. Deswegen bekam er immer wieder Schwierigkeiten mit der Auslandsorganisation der NSDAP. Bis zum Sommer 1944 wurde er nur im Innendienst des Auswärtigen Amtes eingesetzt. Vom 8. Juni 1944 an arbeitete er als Sachbearbeiter für Schulfragen in der deutschen Botschaft in Madrid. Wegen Auseinandersetzungen mit den dortigen Vertretern der NSDAP wurde er im Februar 1945 nach Deutschland zurückversetzt. Durch eine von Adolf Hitler am 23. Februar 1945 unterzeichnete Urkunde wurde er in den einstweiligen Wartestand versetzt. Seine späteren Bemühungen um eine Wiederanstellung im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland blieben vergeblich.

Entnazifizierung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Verfahren zur Entnazifizierung legten zwölf Zeugen, die nicht der NSDAP angehört hatten, eidesstattliche Erklärungen vor, in denen sie Johannes Paul und seine Arbeit im NS-Staat beurteilten. Kurt Döhner, früherer Leiter der Deutschen Schule in Rom, schrieb 1948: Aus eigenster Erfahrung darf ich heute behaupten: Dr. Paul hat während vieler Jahre im Rahmen der durch seine Stellung gegebenen Möglichkeiten tapfer Widerstand geleistet und dadurch seinerseits mit dazu beigetragen, dass das deutsche Auslandsschulwesen heute auf eine einwandfreie Tätigkeit zurückblicken kann.[3] Da Johannes Paul durch diese Zeugenaussagen nachweisen konnte, dass er während seines Dienstes im Auswärtigen Amt im Rahmen seiner Möglichkeiten Schädigungen von den deutschen Auslandsschulen ferngehalten hatte, wurde er am 11. März 1949 von der britischen Militärregierung in Wilmersdorf unter dem Aktenzeichen 11506 entnazifiziert.

Verlagslektor und Reiseschriftsteller

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul arbeitete seit Ende 1945 bei der Buchhandlung Gesellius und vom 15. Mai 1950 an als Verlagslektor bei der Evangelischen Verlagsanstalt in Ostberlin. In diesem Verlag veröffentlichte er sein Buch: Von Grönland bis Lambarene. Reisebeschreibungen christlicher Missionare aus drei Jahrhunderten. Dieser Band enthält Reisebeschreibungen von Hans Egede, Plinius Fisk, Reginald Heber, Eugène Casalis, Wilhelm Posselt, David Livingstone, John S. Paton, Jane Edkins, Alexander Merensky, Johannes Warneck, Martin Wilde, Bruno Gutmann, Gerhard Rosenkranz und Albert Schweitzer.

Anfang Januar 1954 zog Paul von West-Berlin nach Hamburg und veröffentlichte noch im gleichen Jahr das Buch Abenteuerliche Lebensreise – Sieben biographische Essays in dem Wilhelm Köhler Verlag in Minden. Dieser Band enthält Biografien von Marco Polo, Georg Forster, Fürst Pückler, Johann Gottfried Seume, Fridtjof Nansen, Alexander von Humboldt und Sven Hedin.

Am 27. September 1955 zog Paul zu Verwandten nach Niedernjesa und widmete sich seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Zum 1. August 1956 wurde er von der Bundesregierung in den Ruhestand versetzt. Vom 20. Juni 1957 an arbeitete er in Göttingen beim Deutschen Verband Evangelischer Büchereien.

Johannes Paul starb am 9. Dezember 1958 in Göttingen und wurde auf dem Friedhof in Niedernjesa begraben.

  • Die territoriale Ausbreitung der britischen Herrschaft in Südafrika bis zur Gründung Rhodesiens. Eine politisch-geographische Studie zur neueren Kolonialgeschichte. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde. Thomas & Hubert, Weida/Thüringen 1927 (online, abgerufen am 25. November 2025).
  • Deutsche, Buren und Engländer in Südwestafrika. Begleitwort zu einer Nationalitätenkarte der Europäer in Südwestafrika. In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker- und Staatenkunde. Zeitschrift für das gesamte Eingeborenenwesen, Jg. 23 (1931), S. 200–208 (online, abgerufen am 25. November 2025).
  • Die Europäerbevölkerung der Südafrikanischen Union. In: Koloniale Rundschau. Zeitschrift für koloniale Länder-, Völker- und Staatenkunde. Zeitschrift für das gesamte Eingeborenenwesen, Jg. 24 (1932), S. 495–513.
  • Wirtschaft und Besiedelung im südlichen Amboland. In: Wissenschaftliche Veröffentlichungen des Museums für Länderkunde zu Leipzig, Neue Folge, Jg. 2 (1933), S. 69–101 (online, abgerufen am 25. November 2025).
  • als Herausgeber mit Joachim Fernau und Kurt Kayser: Afrika wartet. Ein kolonialpolitisches Bildbuch. Rütten & Loening Verlag, Potsdam 1942 (mit Fotografien von Johannes Paul von der geographische Forschungsreise 1927–1930 in das Amboland).
  • als Mitautor: Art. Deutsch-Südwestafrika. In: Carl Petersen, Otto Scheel (Hrsg.): Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, Band 2. Ferdinand Hirt Verlag, Breslau 1936, S. 262–278. (PDF, abgerufen am 25. November 2025).
  • als Mitherausgeber: Japan. Ein Bildbuch. Rütten & Loening Verlag, Potsdam 1944.
  • als Herausgeber: Suchet der Stadt Bestes. Kirchlicher Dienst in der Weltstadt Berlin. Ein Almanach. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin (Ost) 1951.
  • Abenteuerliche Lebensreise – Sieben biographische Essays. Wilhelm Köhler Verlag, Minden 1954 (online, abgerufen am 25. November 2025).
  • als Herausgeber: Von Grönland bis Lambarene. Reisebeschreibungen christlicher Missionare aus drei Jahrhunderten. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin (Ost) 1951 (2. Aufl. 1952, 3. Aufl. 1953); Neuausgabe der 1. Aufl. im Kreuz-Verlag, Stuttgart 1958 (online, abgerufen am 25. November 2025).
  • Maria Keipert (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 3: Gerhard Keiper, Martin Kröger (Bearb.): L–R. Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-71842-6, S. 440–441.

Archivunterlagen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Personalakte von Johannes Paul im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin
Commons: Johannes Paul – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/31790564
  2. Die Quellen für den Absatz „Arbeit im Auswärtigen Amt“ sind der im Familienbesitz befindliche Nachlass von Johannes Paul und die Personalakte von Johannes Paul im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin.
  3. Eidesstattliche Erklärung von Dr. Kurt Döhner vom 18. September 1948 für das Entnazifizierungsverfahren.