Konflikt in Nordmali (seit 2012)

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Konfliktlage in Nordmali 2013

Der Konflikt in Nordmali ist ein seit 2012 andauernder bewaffneter Konflikt in Nordmali, an dem seit Januar 2013 auch westliche Staaten – insbesondere Frankreich – beteiligt sind (siehe Opération Serval).

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konflikte zwischen den Tuareg, die vielfach halbnomadisch als Viehzüchter leben, und schwarzafrikanischen Volksgruppen, die traditionell sesshafte Bauern sind, haben in Afrika eine Geschichte, die bis in vorkoloniale Zeit reicht. Auch nach der Unabhängigkeit Malis gab es in den nordöstlichen Landesteilen – auch Azawad genannt – mehrfach bewaffnete Aufstände der Tuareg.

Infolge des Bürgerkrieges in Libyen kam es Ende 2011 zu einem Zustrom von Waffen und Kämpfern in den Norden Malis.

Konfliktverlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tuareg-Rebelle in Nordmali (26. Juli 2012)

Im Januar 2012 begannen Stammesangehörige der Tuareg von der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) eine erneute Rebellion gegen die malische Regierung mit dem Ziel der Unabhängigkeit des Azawad.[1]

Im März 2012 kam es in der malischen Hauptstadt Bamako zu einem Militärputsch gegen Präsident Amadou Toumani Touré, dem die Putschisten Unfähigkeit bei der Bekämpfung des Aufstandes vorwarfen.

Am 6. April 2012 verkündete die MNLA, ihre Ziele erreicht zu haben, beendete die Offensive gegen die Regierungstruppen und erklärte die Unabhängigkeit von Azawad.[2]

Ab Juni 2012 geriet die MNLA in Konflikt mit den islamistischen Gruppierungen Ansar Dine und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO), nachdem die Islamisten mit der zwangsweisen Einführung der Scharia in Azawad begonnen hatten.[3] Bis zum 17. Juli 2012 hatten MUJAO und Ansar Dine sowie die „Al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQMI) die MNLA gewaltsam aus allen bedeutenden Städten verdrängt.[4][5] Am 1. September 2012 wurde Douentza, eine Stadt in der Region Mopti unter der Kontrolle der Ganda-Iso-Miliz, von der MUJAO eingenommen.[6] Am 28. November 2012 vertrieb die Ansar Dine die MNLA aus Léré, einer Kleinstadt im Kreis Niafunké in der Region Timbuktu.[7]

Bis zum Jahresende 2012 verschlechterte sich die militärische Situation der malischen Armee nach mehreren Monaten von Kämpfen zusehends. Als im Januar 2013 der Kollaps der malischen Armee und ein Durchmarsch der Islamisten in die Hauptstadt Bamako drohte, veranlasste François Hollande, der Präsident Frankreichs, einen Militäreinsatz gegen die Rebellen, von Frankreich Opération Serval genannt.

Ende Januar 2013 eroberten französische und malische Truppen mehrere Städte (Opération Serval), darunter die strategisch wichtigen Städte Gao und Timbuktu, zurück.[8] Zur gleichen Zeit verstärkten mehrere westafrikanische Staaten der ECOWAS, die im Rahmen der Operation AFISMA Truppen zur Verfügung gestellt hatten, ihre Kontingente.[9]

Am 18. Juni 2013 kündigten die Tuareg eine Waffenruhe an.[10] Bei der im Juli stattfindenden Präsidentschaftswahl gewann Ibrahim Boubacar Keïta die meisten Stimmen und löste somit die Übergangsregierung des Militärs ab.[11]

Im September desselben Jahres kündigte die MNLA den Waffenstillstand auf, nachdem Regierungstruppen das Feuer auf Steine werfende Demonstranten eröffnet hatten. Der Vizepräsident der MNLA, Mahamadou Djeri Maiga, sagte zum Vorfall: „Was passiert ist, ist eine Kriegserklärung.“[12]

Am 25. Januar 2014 wurde bekannt, dass bei einer französischen Militäroperation nördlich von Timbuktu 11 „muslimische Kämpfer“ getötet wurden.[13]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flüchtlingsproblematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) teilte am 15. Januar 2013 mit, dass knapp 150.000 Menschen aus den Kriegsgebieten ins Ausland geflohen sind und 230.000 weitere Menschen ihre Wohnorte verlassen haben, sich aber noch innerhalb Malis befinden. Für die Versorgung der Malier mit Lebensmitteln würden laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen 129 Millionen US-Dollar benötigt.[14]

Laut einem Bericht der BBC wurden seit Beginn des Konfliktes im Jahr 2012 insgesamt 228.918 Menschen innerhalb von Mali aus ihrer Heimat vertrieben. Bis zum Jahresende 2012 flohen 144.500 Malier ins Ausland, davon 54.100 nach Mauretanien, 50.000 nach Niger, 38.800 nach Burkina Faso und 1500 nach Algerien. Hunderte sollen in den letzten Wochen das Land verlassen haben. 5000 Einwohner der Stadt Konna flohen vor den Kämpfen.[15]

Bedrohung des Weltkulturerbes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die UNESCO forderte zum Schutz der Weltkulturerbestätten in Mali auf.

Die historische Stadt Timbuktu mit ihren Lehmmoscheen ist eine Stätte des UNESCO-Welterbe von hoher kultureller Bedeutung, jedoch ist das sorgfältig bewahrte Erbe wegen des anhaltenden Konfliktes in Mali in Gefahr geraten. Zerstörungen betrafen die Lehmmoscheen, aber auch die berühmten Timbuktu-Manuskripte. Die sagenumwobene Stadt, deren Name in westlichen Kulturen als Synonym für einen weit entfernten Ort verwendet wurde, war früher das Zentrum des Handels in der Sahara. Im Jahr 2012 zerstörten der Al-Qaida angehörige Rebellen aus dem Nordmali dort historische und religiöse Wahrzeichen mit der Begründung, solche Relikte seien abgöttisch. Nun wird die Stätte durch den Krieg gefährdet. Die Generalsekretärin der UNESCO, Irina Bokova, nahm dazu folgend Stellung:

„Ich fordere alle Streitkräfte dazu auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um das kulturelle Erbe des Landes, welches bereits schwer beschädigt ist, zu beschützen. Das kulturelle Erbe von Mali ist ein Juwel, dessen Schutz für die gesamte Menschheit wichtig ist. Das ist unser gemeinsames Erbe, nichts kann es rechtfertigen es zu beschädigen.“[16]

Nach der Einnahme Timbuktus durch französische und malische Truppen Ende Januar 2013 wurden erste Bilder der Zerstörungen bekannt.[17] Neben den Lehmmoscheen haben insbesondere die Manuskripte des Institut des hautes études et de recherches islamiques Ahmed Baba gelitten, obwohl die Mehrzahl rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden war.[18]

Menschenrechtsverletzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vereinten Nationen haben Fälle von Amputationen, Auspeitschungen und Hinrichtungen wie zum Beispiel einer Steinigung eines Paares im Juli 2012, welches angeblich eine Affäre hatte, festgestellt. Der Internationale Strafgerichtshof hat eine Untersuchung auf Kriegsverbrechen aufgrund von Berichten über Verstümmelungen und Tötungen von Bewohnern, welche den Islamisten nicht Folge leisteten, angeordnet.

„Die derzeitige die Menschenrechte betreffende Lage ist mit langjährigen und ungelösten Problemen verbunden. Menschenrechtsverletzungen wurden sowohl im Norden als auch im Bereich unter Kontrolle der Regierung begangen“, erklärte der UN-Menschenrechtsrat unter Berufung auf Missbräuche seit Januar 2012. Der Rat stellte fest, dass „im nördlichen Mali seit Januar 2012 schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen stattgefunden haben, einschließlich Massenhinrichtungen und Tötungen ohne Gerichtsverfahren.“

Der Menschenrechtsrat führte in seiner Erklärung einige Fälle im Detail aus.[16]

Human Rights Watch (HRW) erklärte am 19. Januar 2013, dass sie im Besitz von belastbaren Informationen über schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen, einschließlich Mord, sind, die von malischen Sicherheitskräften gegen Zivilisten in der Stadt Niono verübt wurden. Laut HRW sind vor allem Tuareg und Araber, von denen die meisten Rebellen abstammen, betroffen. Die Nichtregierungsorganisation forderte „die malischen Behörden und Soldaten, auch die Franzosen und Westafrikaner, dazu auf, ihr Möglichstes zu tun, um den Schutz aller Zivilisten zu gewährleisten.“[19]

Die Fédération internationale des ligues des droits de l’Homme (FIDH), eine französische Menschenrechtsorganisation, beschuldigte am 22. Januar die malische Armee der Massenerschießungen sowie Misshandlungen in mindestens 33 Fällen im Raum Sévaré, Mopti und Niono. In Bamako sollen durch die Truppen Häuser geplündert sowie deren Tuareg-Einwohner eingeschüchtert worden sein.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Konflikt in Nordmali – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Orphans of the Sahara (Episode 1: Return 46:30 – Episode 2: Rebellion 47:26 – Episode 3: Exile 47:30) (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mali Besieged by Fighters Fleeing Libya. Stratfor. Abgerufen am 22. März 2012.
  2. Tuareg rebels declare the independence of Azawad, north of Mali, Al Arabiya. 6. April 2012. 
  3. Serge Daniel: Islamists seize north Mali town, at least 21 dead in clashes, Google News. 27. Juni 2012. Archiviert vom Original am 23. November 2012. 
  4. Adam Nossiter: Jihadists’ Fierce Justice Drives Thousands to Flee Mali. In: The New York Times, 18. Juli 2012. Archiviert vom Original am 23. November 2012. Abgerufen am 23. November 2012. 
  5. Die Akteure in Mali: Islamisten und Drogenhändler. In: taz. 13. Januar 2013, abgerufen am 2. Februar 2013 (deutsch).
  6. Mali: des islamistes à la lisière Nord-Sud. In: Le Figaro, 1. September 2012. Abgerufen am 13. Januar 2013. 
  7. Ban Ki-moon met en garde contre une intervention au Mali. In: Le Monde, 29. November 2012. Abgerufen am 13. Januar 2013. 
  8. Französische und malische Truppen nehmen Gao ein. In: Tagesschau. 26. Januar 2013, archiviert vom Original am 28. Januar 2013, abgerufen am 2. Februar 2013 (deutsch).
  9. Afrikas Staaten stocken Truppen für Mali auf. In: Tagesschau. 27. Januar 2013, archiviert vom Original am 28. Januar 2013, abgerufen am 2. Februar 2013 (deutsch).
  10. faz.net
  11. zeit.de
  12. Mali’s Tuareg fighters end ceasefire. 30. November 2013. Abgerufen am 28. Dezember 2013. 
  13. French troops kill 11 Muslim fighters in Mali, Press TV. 25. Januar 2014. 
  14. Über 100'000 Malier flüchten ins Ausland. Tagesschau, 15. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2013.
  15. Mali conflict: French set for key ground combat. BBC News, 16. Januar 2013, abgerufen am 16. Januar 2013.
  16. a b French, Malians seize town from Islamists. CNN, 19. Januar 2013, abgerufen am 20. Januar 2013.
  17. zu den Zerstörungen der Überblick bei Terroristen, Milizen und Glaubensfanatiker – Instrumentalisierung des Kulturerbes in Mali. Archaeologik, 8. Januar 2013
  18. Ausgetrickst – Timbuktu Manuskripte wurden rechtzeitig versteckt. Archaeologik, 30. Januar 2013
  19. Les populations civiles du nord du Mali sont menacées. In: Le Monde. 19. Januar 2013, abgerufen am 20. Januar 2013.
  20. Mali army accused of 'summary executions’ by rights group. CBC, 23. Januar 2013, abgerufen am 23. Januar 2013.