Rohrkolben

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Rohrkolben
Breitblättriger Rohrkolben (Typha latifolia), fruchtend

Breitblättriger Rohrkolben (Typha latifolia), fruchtend

Systematik
Klasse: Bedecktsamer (Magnoliopsida)
Monokotyledonen
Commeliniden
Ordnung: Süßgrasartige (Poales)
Familie: Rohrkolbengewächse (Typhaceae)
Gattung: Rohrkolben
Wissenschaftlicher Name
Typha
L.

Die Rohrkolben (Typha), regional auch als Kanonenputzer,[1] Lampenputzer oder Schlotfeger auch Schmackedutsche, Bumskeule,[2] Pompesel,[3] Bullerbesen etc.[4] bezeichnet, sind eine der beiden Gattungen der Familie der Rohrkolbengewächse (Typhaceae) innerhalb der Ordnung der Süßgrasartigen (Poales).

Sie sind Wasser- und Sumpfpflanzen, welche in Feuchtgebieten dichte Bestände entwickeln können. Besonderes Kennzeichen der Rohrkolben ist der auffallend zweiteilige Blütenstand aus einem rein weiblichblütigen und darüber befindlichem rein männlichblütigen Kolben.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schematische Darstellung der Einzelblüten und des Blütenstandes der Rohrkolben
Die Flugsamen werden mit dem Wind fortgetragen.

Erscheinungsbild und Laubblätter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rohrkolben-Arten sind sommergrüne, ausdauernde krautige Pflanzen. Es sind Wasser- und Sumpfpflanzen (Hydrophyten, Helophyten) mit kräftigen unterirdisch kriechenden Rhizomen. Sie sind in der Lage, dichte Bestände zu entwickeln (Polykormone).

An den stets unbehaarten Stängeln sind die Blätter wechselständig und streng zweizeilig (distich) angeordnet. Die ungestielten, einfachen Laubblätter wachsen steif aufrecht, können eine Länge von bis zu 4 Meter erreichen, sind linealisch grasartig und bestehen aus einem schwammartig-zusammendrückbaren Schwimmgewebe. Die parallelnervigen Blattspreiten sind nach außen gewölbt und innen flach, so dass sich im Querschnitt ein Halbkreis ergibt – im Gegensatz zu den Igelkolben mit dreieckigem Blattquerschnitt. Die Blattscheiden sind stets offen. An den Scheidenmündungen im Übergang zur Spreite sind keine Blatthäutchen (Ligulae) entwickelt.

Blütenstände, Blüten und Früchte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rohrkolben-Arten sind einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch). Der Gesamtblütenstand (Infloreszenz) der Rohrkolben besteht aus einem dickeren, rein weiblichblütigen und einem darüber befindlichen, durch einen artspezifisch langen Sprossabschnitt getrennten, dünneren rein männlichblütigen Teilblütenstand. Diese sind als walzenförmige oder kugelige Kolben ausgebildet, in denen die Einzelblüten dicht gedrängt stehen. Der Blütenstand ist nie von Hochblättern (Brakteen) durchsetzt – im Gegensatz zu den Arten der Igelkolbengewächse. Die eingeschlechtigen, dreizähligen Einzelblüten sind spelzenlos. Die weibliche Blüte besteht aus der Blütenhülle (a) (Perigon), die ist zu einem dichten Haarkranz reduziert und einem gestielten Fruchtknoten (c) mit spatelförmiger Narbe (d). Die auf einem Stiel sitzenden zwei bis fünf Staubblätter (b) der einzelnen männlichen Blüten sind von wenigen Hüllborsten (a) umgeben. Die Blütezeit der Rohrkolben erstreckt sich von Mai bis August.

Die Verbreitungseinheit (Diaspore) wird aus der Achäne, eine einsamige Nussfrucht und den Perigonhaaren gebildet.

Röhricht aus Breitblättrigem Rohrkolben an einem nährstoffreichen Gewässer

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Typha-Arten werden durch den Wind bestäubt (Anemogamie).

Die Ausbreitung der Diasporen erfolgt durch den Wind (Anemochorie) und durch Wasser (Hydrochorie). Dabei dienen die feinen Perigonhaare als Flug- oder Schwimmorgane. Bei den meisten Arten verlassen die Samen die Fruchthülle bei längerem Kontakt mit dem Wasser, sinken ab und keimen unter Wasser (anaerob). Bei einigen Arten verbleiben sie in der Fruchthülle und keimen an der Luft unter aeroben Bedingungen.

Die vegetative Ausbreitung erfolgt über Rhizome. Die Typha-Arten können an geeigneten Standorten dichte artenarme Bestände, sogenannte Röhrichte entwickeln. Die Typha-Arten sind an feuchte bis nasse, zum Teil brackige und zeitweise überflutete Lebensräume angepasst. Sie besiedeln Gewässerufer, Sümpfe und Moore.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typha-Arten sind weltweit von den gemäßigten Zonen bis in die Tropen verbreitet (kosmopolitisch) und häufig. Die Typha-Arten sind unterschiedlich verbreitet. Eine weite Verbreitung hat beispielsweise der Breitblättrige Rohrkolben (Typha latifolia). Er kommt in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel bis nach Südamerika sowie in Teilen Afrikas vor. Andere Typha-Arten besiedeln nur ein eingeschränktes Areal. T. capensis beschränkt sich ausschließlich auf ein Gebiet von Uganda bis Südafrika oder Typha davidiana nur auf China.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gattungsname Typha leitet sich vom Griechischen Wort týphos für Rauch ab. Es wird damit auf die braune rauchähnliche Farbe der Fruchtkolben Bezug genommen.

Die genaue Platzierung der Gattung innerhalb der Ordnung Poales war lange umstritten. So wurde von einigen Autoren die Gattung Igelkolben in die Familie der Rohrkolbengewächse aufgrund ihrer morphologischen Ähnlichkeit mit aufgenommen, von anderen Autoren wurde die Beibehaltung eigenständiger, monogenerischer Familien (Typhaceae und Sparganiaceae) vorgezogen. Nach der strikt phylogenetisch orientierten APG III sind die Igelkolben jedoch Teil der Rohrkolbengewächse.[5]

Schmalblättriger Rohrkolben (Typha angustifolia)
Laxmanns Rohrkolben (Typha laxmannii)
Zwerg-Rohrkolben (Typha minima)

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gattung Typha umfasst je nach Autor 16 bis 27 Arten:[6]

Dazu kommen noch als Hybride:

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herstellung von Holzstühlen mit Sitzfläche aus Rohrkolbenblättern in Garaloza, Südspanien

Rohrkolben werden zur Reinigung von Abwässern in Kläranlagen eingesetzt und zur Entgiftung von Böden und Schlämmen. Diese naturnahen Verfahren werden unter dem Fachbegriff „Phytosanierung“ zusammengefasst, bei denen die komplexen Fähigkeiten von Pflanzen und der mit ihnen im Wurzelraum vergesellschafteten Mikroorganismen genutzt werden. Rohrkolben qualifizierten sich wegen ihrer hohen Primärproduktion zur Kultivierung. Sie gewinnen an Bedeutung als nachwachsender Rohstoff zum Beispiel für Dämmmaterial, als Torfersatz oder Bau- und Heizmaterial.

Rohrkolben-Arten werden als dekorative Bepflanzung von Teichen in Parks und Gärten eingesetzt. Die getrockneten Blütenstände werden in der Floristik verwendet.

Alle Pflanzenteile sind essbar. Besonders die stärkereichen Rhizome können wie Gemüse gekocht werden. Lange bevor andere Getreidearten von den Menschen nutzbar gemacht wurden, wurden offenbar schon vor 30.000 Jahren die stärkehaltigen Wurzelstöcke zu Mehl verarbeitet. Aus den Erträgen eines Hektars Sumpfland können bis zu 8 Tonnen Mehl gewonnen werden.[7]

Die Bastfasern einiger Arten können zu Spinnfasern verarbeitet werden.[8]

Aus dem Stroh können Flechtwaren z. B. Strohüte hergestellt werden.

Baustoff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 2000er Jahren entwickelte der Architekt Wolfgang Theuerkorn aus Typha angustifolia einen Dämmstoff, indem er Streifen der Blätter mit Magnesit zu Platten verklebte und zunächst bei der Sanierung eines historischen Fachwerkhauses in Nürnberg einsetzte. Inzwischen wurden etliche weitere Gebäude mit den 2 bis 12 Zentimeter starken, diffusionsoffenen, kapillaraktiven, schalldämmenden und aufgrund enthaltener Gerbstoffe schimmelresistenten Platten gedämmt, die in einer kleinen Fabrik im bayerischen Schönau (Rottal) hergestellt werden. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen (Oberbayern) errichtete zum Langzeittest eine Hütte.[1][9]

Heraldische Darstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rohrkolben (Typha) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Bernd Eberhart: Das Brett aus dem Sumpf. In: Die Zeit. Nr. 51, 11. Dezember 2014, S. 41 (online seit 29. Dezember 2014).
  2. Henry Potonié: Illustrierte Flora von Nord- und Mittel-Deutschland. 4. Auflage, Springer, 1889, ISBN 978-3-642-90261-1, S. 97, online auf biodiversitylibrary.org, abgerufen am 14. April 2017.
  3. William Foerste: Niederdeutsches Wort. Band 7, Heft 1/2, Aschendorff, 1967, S. 73, online (PDF; 4,91 MB), auf lwl.org, abgerufen am 14. April 2017.
  4. Franz Dornseiff: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. De Gruyter, 1933, 2013, ISBN 978-3-11-219386-0 (Reprint), S. 102, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  5. Angiosperm Phylogeny Group: An update of the Angiosperm Phylogeny Group classification for the orders and families of flowering plants: APG III. In: Botanical Journal of the Linnean Society. 161:2, 2009, S. 105–121, doi:10.1111/j.1095-8339.2009.00996.x
  6. nach R. Govaerts: (2004) World Checklist of Monocotyledons. Database in ACCESS: 1-54382. The Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew. online in Royal Botanic Gardens KEW.
  7. Lebensmittelchemiker Udo Pollmer: Transkript der Sendung Mahlzeit vom 14. November 2010 im Deutschlandradio.
  8. Otto Lueger: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften. Bd. 1, 2. Auflage, Stuttgart, Leipzig 1920, S. 647.Typhafaser. Bei Zeno.org.
  9. Neuer tragfähiger und dämmender Baustoff aus Rohrkolben (Typha) (PDF; 177 kB), auf ibp.fraunhofer.de, abgerufen am 14. April 2017.