Nationalallegorie

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Hermann Knackfuß, 1895: Völker Europas: von links nach rechts: unbenannt, Britannia, Italia, Austria, Mütterchen Russland, Germania, Marianne.

Eine Nationalallegorie ist eine allegorische Figur, die eine Nation und die ihr zugesprochenen Eigenarten verkörpert. So sie in menschlicher Gestalt erscheint, spricht man von einer nationalen Personifikation.

Weibliche Personifikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Glaube an einen Genius loci als örtlichen Schutzgeist entstammt antiker Tradition; entsprechend verehrten bereits Griechen und Römer lokale Schutzgottheiten neben dem maßgeblichen Pantheon. Weibliche Allegorien als Bildnis für einen Volksstamm beziehungsweise eine Nation sind damit bereits von den Römern überliefert: Auf römischen Münzen, die anlässlich militärischer Erfolge geprägt wurden, erschienen weibliche Personifikationen von Africa, Gallia, Judäa oder Germania in herabwürdigenden Trauerposen, entsprechend beschriftet mit IUDAEA CAPTA oder GERMANIA CAPTA. Die Schutzgöttin der Stadt Rom, Roma, wurde unter Augustus zu einer Identifikationsfigur erhoben. Während der Friedenszeit unter Kaiser Hadrian entstanden hingegen Münzmotive mit den „Schutzgottheiten“ der Reichsprovinzen als Einigkeitssymbolik.

In der mittelalterlichen Kunst gab es vereinzelt Allegorien, die mit regionalen Attributen versehen waren, ähnlich wie dies bei den meisten Heiligendarstellungen der Fall war. In der Renaissance-Kunst kamen weibliche, personifizierte Allegorien wieder verstärkt in Mode, standen nun jedoch nicht mehr im religiösen Sinne für Gottheiten, sondern stellten menschliche oder auch nationale Eigenschaften figürlich und Die Darstellungen von Fürstentümern und Reichen als Frauenfiguren dienten in dieser Zeit hauptsächlich als Motiv der Kunst oder zur Herausstellung nationaler Unterschiede.

Ein Nationalgedanke hinter den Schöpfungen wurde jedoch bereits in der Einigkeit stiftenden Figur einer Helvetia in der konfessionell uneinigen Schweiz verfolgt. Im Zuge der Französischen Revolution und der darauf folgenden Koalitionskriege fand der aufkeimende Nationalgedanke in Europa Fuß und Allegorien der Heimat repräsentierten romantisch-patriotische Motive des Vaterlandes. Überall in Europa kamen ab dem Jahr 1800 nationale Personifikationen nach antikisierendem Vorbild auf, um die jeweiligen Landeskinder unter einer visuell fassbaren Identifikationsfigur zu einen; dies auch in Ländern, die nicht in römischer Tradition standen. Im damals nicht geeinten Deutschland entstanden sowohl Personifikationen der deutschen Nation, wie auch Personifikationen der einzelnen Fürstentümer. Auch später und außerhalb von Europa entstanden noch nationale Personifikationen meist als Ausdruck von Patriotismus. Die weiblichen Personifikationen waren in ihrer Ausgestaltung und Ikonographie flexibel, stellten aber häufig eine wehrhafte Jungfrau oder eine Mutter der Nation dar.[1] Ihnen war bei der Erschaffung gemeinsam, dass sie sich nicht auf historische Vorbilder einer Frau als Herrscherin oder Kriegerin bezogen, sondern die zugehörige Nation mit Insignien von dessen Macht ausstaffiert darstellten. Das in Europa verbreitete, bürgerliche Frauenideal um 1800 sah im Gegenteil keine kämpferischen Frauengestalten vor.[2]

Aufgrund des Bilderverbots im Islam ist in der islamischen Welt die allegorische Personifikation der Nation nicht weit verbreitet. Dennoch kam es kurzlebig in der unmittelbaren postkolonialen Phase auch dort zur Übernahme der weiblichen Nationalallegorie aus der „europäischen Ikonographie“, etwa im Falle Algeriens und Ägyptens. Der Versuch einer Verschleierung machte diese Allegorien zu abstrakt und unpersönlich, weshalb diese Idee fallengelassen wurde.[3]

Stammväter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem genius loci etablierten sich in verschiedenen Nationen weitere teils legendäre, teils historische Identifikationsfiguren. Dabei wird eine konkrete Figur als Stammvater des Volkes im Sinne einer Herkunftssage verklärt. Anders als bei der weiblichen Nationalallegorie wird eine persönliche Verbindung der Stammes- oder Volksangehörigen zu dem Ahnherren angenommen, in der Regel ein Abstammungsverhältnis. Ferner baut der romantisierende Typus des Stammvaters auf zuvor existierenden Legenden auf und lässt aufgrund spezifischer Symbolik weniger Deutungsspielraum zu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren etwa die zwei am stärksten verbreiteten Identifikationsahnen des Deutschen Reichs „Barbarossa“ und „Arminius“, letzterer wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend entmystifiziert. Hinzu kamen weitere regionale „Heiligenfiguren“.[1] Diese Figuren sind in der Regel eher als Nationalsymbole, vergleiche auch: Nationalheld.

Karikatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allegorische Personifikationen sind nicht nur identitätsstiftend, sondern erlauben auch die bildhafte Darstellung von Handlungen oder Dialogen. Schlafende, kämpfende oder gestikulierende Allegorien finden sich in Zeitungskarikaturen seit dem 19. Jahrhundert. Je nach politischer Lage und Nationalität des Künstlers werden sie auch unvorteilhaft dargestellt, ähnlich den besiegten Allegorien auf römischen Münzen. Die englischsprachige Presse brachte früh auch männliche Personifikationen von Nationen in Mode. Dabei sind die Übergänge fließend - teilweise werden die weiblichen Allegorien des Nationalgeistes verwendet, teils auch neue Figuren geschaffen. So ersetzt beispielsweise häufig eine namenlose Typen-Karikatur mit stereotypischen Attributen die konkrete Gestalt der Allegorie - die Nation wird dann etwa durch die Abbildung einer nationalen Uniform oder Tracht personifiziert. Zeitgenössische Formen der Nationalen Personifikation lassen sich etwa in Comicform finden, so etwa bei dem Internetmem des Polandballs oder in der japanischen Serie Hetalia: Axis Powers, wo Länder als Personen auftreten.

Nationalallegorien als Personifikation der Nation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste soll nur Allegorien aufnehmen, die als figürliche Personifikation der entsprechenden Nation gebräuchlich sind. Nicht aufgenommen werden: (Wappen-)Tiere, historische Persönlichkeiten, Uniformen/Trachten oder Nationalhelden. Zu diesen siehe: Nationalsymbole.

Staat Name der Allegorie Erste Erwähnung/Einführung Bemerkung
Argentinien namenlos 19. Jahrhundert Personifikationen von Eigenschaften der Nation (Freiheit, Fortschritt, Vaterland), dargestellt mit Statuen und Münzen. Vergleichbar mit der brasilianischen Allegorie
Albanien Mutter Albanien (Nëna Shqipëri) 19. Jahrhundert entstanden im Widerstand gegen das Osmanische Reich
Armenien Mutter Armenien (Majr Hajastan) 1962-67 Monumentaldenkmal, als Ersatz für eine Stalinstatue errichtet
Australien Little Boy from Manly 1885 politische Karikatur, propagiert von der Zeitung The Bulletin
Bangladesch Mutter Bengal (Bangla Maa) um 1905 entstanden im Widerstand gegen das Britische Weltreich und später Indien
Brasilien namenlos (Efígie da República) 19. Jahrhundert Bildnis der Republiken Brasilien und Portugal, konnte sich in Portugal nicht durchsetzen. Vergleichbar mit den argentinischen Allegorien.
Bulgarien Mutter Bulgaria
Dänemark Holger Danske 18. Jahrhundert im 16. Jahrhundert romantisierter Sagenheld des 9. Jahrhunderts; als Urvater der Nation zur Allegorie geworden
Mor Danmark 18. Jahrhundert Symbol der dänischen Nation, vor allem in der Nationalromantik verwendet, teilweise Bezug zu der Figur der beiden Sønderjyske piger (Südkütländische Mädchen) als Allegorien des südlichen Jütlands
Deutschland Germania frühes 19. Jahrhundert Wiederaufnahme einer römischen Allegorie; Sinnbild beginnenden deutschen Nationalbewusstseins. Historisch wurde auch Arminius als nationale Verkörperung verwendet.
Weitere Allegorien derselben Epoche stehen romantisierend für damals oft eigenständige Fürstentümer oder (Reichs-)Städte:

Bavaria - Bayern
Berolina - Berlin
Borussia - Preußen
Brunonia - Braunschweig
Francofurtia - Frankfurt a.M.
Franconia - Franken
Hammonia - Hamburg
Lubeca - Lübeck
Saxonia - Sachsen
Württembergia - Württemberg (Darstellung aus dem Jahr 1720)

Finnland Jungfrau Finnland (Suomi-neito, Aura) 19. Jahrhundert allegorische Tochter der schwedischen Swea, verwendet im Widerstand gegen das Russische Reich
Frankreich Marianne ab 1792 Freiheitssymbol der Französischen Revolution
Gallia / Francia vor 1792 stand für das Ancien Régime
Georgien Mutter Georgiens (Kartvlis Deda) 1958 Monumentaldenkmal der Hauptstadt Tiflis; nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion wurde die Figur angepasst. Zudem ist St. Georg der Schutzheilige des Landes.
Großbritannien Britannia 17. Jahrhundert Wiederaufnahme einer römischen Allegorie; in Verwendung ungefähr seit der Vereinigung Schottlands und Englands
Caledonia / Scotia Wiederaufnahme einer römischen Allegorie für Schottland
John Bull 1712 politische Karikatur
Dame Wales (Mam Cymru) 1906 politische Karikatur für Wales
Griechenland Hellas 19. Jahrhundert
Irland Hibernia 19. Jahrhundert weibliche Allegorie in römischer Tradition
Ériu (Éire) legendenhafte Königin; Urmutter der Nation in keltischer Tradition
Israel Srulik 1956 politische Karikatur; entwickelt als Abkehr von antijüdischen Klischees
Indien Mutter Indien (Bharat Mata) 19. Jahrhundert Amalgam weiblicher hinduistischer indischer Gottheiten, insbesondere Durga. Entstanden unter britischer Besatzung.
Indonesien Mutter Prithivi (Ibu Pertiwi) lokale Adaption der hinduistischen Gottheit Prithivi
Island Bergfrau (Fjallkonan) 1752 populär seit dem 18. Jahrhundert
Italien Italia turrita 19. Jahrhundert altrömisch saturnia tellus; seit dem 16. Jahrhundert in der Kunst dargestellt. Ähnliche Allegorien derselben Epoche stehen romantisierend für damals eigenständige Fürstentümer: Venetia.
Kanada Johnny Canuck 1869 politische Karikatur (eine Mother Canada existiert auch, ist aber wenig etabliert)
Malta Melita 1899 unter britischer Hoheit eingeführt auf Briefmarken und Banknoten
Mazedonien Mutter Mazedonien
Mexiko namenlos (Alegoría de la Patria Mexicana) frühes 19. Jahrhundert etabliert im Krieg gegen die USA und im Kaiserreich
Neuseeland Zealandia frühes 20. Jahrhundert Nationalallegorie in Wappen, Briefmarken, Banknoten und in Form von Statuen
Niederlande Niederländische Maid (Nederlandse Maagd) 1796 Freiheitsfigur nach Vorbild der französischen Marianne
Norwegen Mutter Norwegen (Mor Norge) frühes 19. Jahrhundert
Österreich Austria 19. Jahrhundert zuvor auch als Allegorie der Habsburger verstanden
Regionale Allegorien existieren, etwa:

Tyrolia - Tirol (entstanden im Freiheitskampf gegen die napoleonische Besatzung)

Palästina Handala 1969 entstanden als politische Protestkarikatur
Polen Lech legendenhafter patriarchalischer Urvater der Nation
Polonia 19. Jahrhundert
Römisches Reich Roma 1. Jahrhundert nach Christus ursprünglich Göttin, unter Augustus zur Identifikationsfigur erhoben
Russland Mütterchen Russland (Россия-Матушка) 20. Jahrhundert (in Sowjetzeiten: Mutter Heimat)
Rus legendenhafter patriarchalischer Urvater der Nation
Schweden Mutter Svea (Moder Svea) 1697 entstanden als allegorische Theaterfigur, im 19. Jahrhundert zur Identifikationsfigur erhoben
Schweiz Helvetia 1672 Ausdrücklich als Allegorie der Einheit der Eidgenossenschaft geschaffen
Kantonsallegorien derselben Epoche existieren, etwa:

Berna - Bern

Serbien Mutter Serbien (Majka Srbija) 19. Jahrhundert entstanden während der Unabhängigkeitsbewegungen
Spanien Hispania 19. Jahrhundert Wiederaufnahme einer römischen Allegorie
Tschechien Čechie 19. Jahrhundert
Čech legendenhafter patriarchalischer Urvater der Nation
Ukraine Berehynia nach 1990 entstanden als nationale Identifikationsfigur; angebliche legendenhafte heidnische Schutzgottheit
Kosak Mamai 18. Jahrhundert idealisierter Kosak
Ungarn Hungaria 19. Jahrhundert
Vereinigte Staaten von Amerika Uncle Sam 1812 offiziell etabliert 1961; häufig auch als Allegorie auf die US-Regierung angewandt
Lady Liberty Personifikation des amerikanischen Freiheitsgedankens, verkörpert in der Freiheitsstatue
Brother Jonathan 17. Jahrhundert historische Allegorie von Neuengland als britischer Kolonie, gab zahlreiche Attribute an Uncle Sam ab
Columbia 18. Jahrhundert historische weibliche Allegorie; weitgehend durch Uncle Sam abgelöst

Tierische Nationalallegorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste soll nur Allegorien aufnehmen, die als tierische Allegorie der entsprechenden Nation gebräuchlich sind. Nicht aufgenommen werden Personifikationen (s.o.), reine Wappentiere, sowie anderweitige Nationalsymbole.

Staat Name der Allegorie Erste Erwähnung/Einführung Bemerkung
Australien Boxing kangaroo 1940er namensgebendes Tier der Sportflagge Australiens
China Drache (chinesisch  / , Pinyin lóng) 2. Jahrhundert vor Christus ursprünglich Allegorie des Kaisers. Auch der Panda steht für China.
Frankreich Gallischer Hahn 1792 Freiheitssymbol der Französischen Revolution; die Lilie stand zuvor für das Ancien Régime
Großbritannien Britischer Löwe übernommen aus der Heraldik
Niederlande Leo Belgicus 16. Jahrhundert (historisch) kartografische Interpretation des Wappentiers in Form der niederländischen Provinzen
Römisches Reich Reichsadler 1. Jahrhundert vor Christus ursprünglich religiöses Symbol, später militärisches Identifikationssymbol und dynastisches Wappentier
Russland Russischer Bär 16. Jahrhundert Seit dem 20. Jahrhundert stärker auch innerhalb Russlands verwendet. Das Wappentier ist der Adler.
Singapur Merlion 1964 entworfen für das Stadtmarketing in Anspielung auf die Gründungslegende der Stadt
USA Weißkopfseeadler übernommen aus der Heraldik

Allegorien auf die Einwohner der Nation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Nationen kennen figürliche Allegorien, die mit ihrem Namen stellvertretend für die ganze Bevölkerung stehen, nicht aber die Nation als solches repräsentieren. Beispiele hierfür sind der Deutsche Michel, der portugiesische Zé Povinho, der philippinische Juan dela Cruz oder der norwegische Ola Nordmann.

Diese Form der Nationalallegorie muss abgegrenzt werden von dem Ethnophaulismus, welcher andere Nationen rassistisch herabwürdigt - Beispiele hierfür sind Ausdrücke wie Wenzel und Boche, die sich mit entsprechenden Figuren in landestypischer Kluft oder Uniform verknüpfen ließen.

Eine weitere Form der Verdichtung einer Bevölkerung auf eine einzelne Person ist die des Durchschnittskonsumenten: Otto Normalverbraucher und Familie Mustermann sind Beispiele im deutschen Sprachraum, vergleichbar damit sind John Doe in den USA, Doña Juanita in Chile und auch Ola Nordmann (s.o.) in Norwegen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Gerhard Brunn. Germania und die Entstehung des deutschen Nationalstaates. Zum Zusammenhang von Symbolen und Wir-Gefühl. In: Rüdiger Voigt (Hrsg.), Symbole der Politik — Politik der Symbole. Opladen 1989. ISBN 3322971945. S. 103-110. Digitalisat
  2. Mareen van Marwyck: Gewalt und Anmut: Weiblicher Heroismus in der Literatur und Ästhetik um 1800. Bielefeld 2015. ISBN 9783839412787. Digitalisat
  3. Susanne Kaiser: Körper erzählen: Der postkoloniale Maghreb von Assia Djebar und Tahar Ben Jelloun Bielefeld 2015. S. 196. ISBN 3839431417. Digitalisat

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nationalallegorie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien