Raúl Castro

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Dieser Artikel bezieht sich auf den kubanischen Staats- und Regierungschef Raúl Castro. Der gleichnamige Politiker aus dem US-Bundesstaat Arizona ist unter Raul Hector Castro zu finden.
Raúl Castro (2012)

Raúl Modesto Castro Ruz (* 3. Juni 1931 in Birán, Provinz Oriente) ist seit 2008 Präsident des Staats- und des Ministerrates der Republik Kuba und seit 2011 Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas als Nachfolger seines Bruders Fidel, der aus gesundheitlichen Gründen diese Ämter abgegeben hatte, sowie eine der führenden Persönlichkeiten der Kubanischen Revolution.

Leben[Bearbeiten]

Familie und Jugend[Bearbeiten]

Raúl Castro wurde als außerehelicher Sohn eines Großgrundbesitzers geboren. Seine Eltern waren Ángel Castro Argiz, aus der galicischen Stadt Lugo ursprünglich als Kolonialsoldat nach Kuba entsandter und später eingewanderter Spanier, und Lina Ruz González, aus einer mittellosen Bauernfamilie aus der Provinz Pinar del Río. Raúl ist der jüngste der drei Castro-Brüder − neben Ramón und Fidel. Im Gegensatz zu seinem Bruder Fidel gilt er als Familienmensch, der auch zu „abtrünnigen“ Familienmitgliedern in den USA oder Spanien den Kontakt aufrechterhält.[1]

Er absolvierte die Schulzeit zunächst im Heimatort Birán und besuchte anschließend eine auf Initiative Fulgencio Batistas gegründete, kombinierte zivil-militärische Landschule, sowie später eine baptistische Privatschule in El Cristo bei Santiago de Cuba.[2] Im Gegensatz zu seinem Bruder Fidel, der sowohl intellektuell als auch sportlich in seinen Klassen herausragte, war Raúl weniger erfolgreich. 1950 ging er mit Unterstützung seines Vaters nach Havanna. Obwohl er nie das Abitur ablegte, konnte er an der Universität von Havanna einen Verwaltungslehrgang und später Soziologiekurse, unter anderem bei Boris Goldenberg besuchen. Einen Hochschulabschluss besitzt Raúl jedoch nicht. Er erhielt aber auch nicht dieselbe großzügige materielle Unterstützung aus dem Elternhaus wie Bruder Fidel.[1]

Während seiner Studienzeit engagierte sich Raúl in der Juventud Socialista („Sozialistische Jugend“), dem Jugendverband der der Sowjetunion nahestehenden Kommunistischen Partei Kubas (die 1944 bis 1962 den Namen Partido Socialista Popular (PSP) trug). So nahm er im März 1953 an der vom kommunistischen Weltbund der Demokratischen Jugend organisierten Internationalen Konferenz zur Verteidigung der Jugendrechte in Wien als Delegierter teil, wo der sowjetische Auslandsnachrichtendienst auf ihn aufmerksam wurde und besuchte anschließend mehrere osteuropäische Länder, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Einfluss der von Josef Stalin geführten Sowjetunion jeweils eine Kommunistische Partei die Regierung übernommen und die staatlichen Strukturen sowie das politische System umgebaut hatte.[1] Auf der einen Monat langen Rückreise per Schiff aus Europa freundete er sich mit Nikolai Leonow an, einem jungen Mitarbeiter des sowjetischen Außenministeriums, den er bereits von der Wiener Konferenz kannte und der in späteren Jahren zu einem wichtigen Kontakt zur sowjetischen Regierung werden sollte.[3]

Bei seiner Wiedereinreise nach Kuba wurde Castro zunächst von Batistas Polizei festgenommen, er hatte kommunistisches Propagandamaterial bei sich geführt und gegen die Festnahme zweier mittelamerikanischer Mitreisenden protestiert. Nach seiner Freilassung wurde er im Juni 1953 von der Sozialistischen Jugend als Vollmitglied aufgenommen.[4] Sieben Wochen später folgte er dem Aufruf seines Bruders Fidel zum bewaffneten Kampf gegen den im März 1952 durch einen Militärputsch an die Macht gekommenen Diktator Fulgencio Batista, obwohl die kubanischen Kommunisten solche Aktionen damals prinzipiell ablehnten.[1][5] Als Konsequenz seiner Teilnahme am Sturm auf die Moncada-Kaserne, den die PSP-Führung als Putschversuch bewertete,[6] beschloss der kommunistische Jugendverband seinen Ausschluss.[7]

Nach dem Sieg der Revolution heiratete Raúl im Januar 1959 in Santiago de Cuba Vilma Espín, die ihm bereits während des mexikanischen Exils als aktive Unterstützerin der revolutionären Bewegung begegnet war und die letzten Monate des Guerillakriegs an seiner Seite verbracht hatte.[8] Sie war bis zu ihrem Tod am 18. Juni 2007 Vorsitzende des kubanischen Frauenverbandes und galt wie ihr Mann als vom Kommunismus überzeugt und entstammte ebenfalls einer begüterten Oberschichtfamilie Ostkubas. Gemeinsam haben sie vier Kinder: Déborah, Mariela, Nilsa und Alejandro. Auch ist es Raúl, der Kontakt auch zu „abtrünnigen“ Familienmitgliedern in Miami oder Spanien pflegt und geheime Familientreffen ermöglicht.[1]

Revolution[Bearbeiten]

Raúl Castro zusammen mit Che Guevara in der Sierra Cristal (1958)

Castro war Gründungsmitglied der „Bewegung des 26. Juli“ am 12. Juni 1955 und damit treibende Kraft der Revolution gegen den Diktator Batista auf Kuba. Am 26. Juli 1953 nahm Raúl Castro am Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba teil, der von seinem Bruder Fidel angeführt wurde. Der gesamte Versuch scheiterte. Raúl Castro wurde zu 13 Jahren Zuchthaus auf der Isla de Pino (heute Isla de la Juventud) südlich von Havanna verurteilt und kam nach zwei Jahren im Rahmen einer Generalamnestie im Mai 1955 frei. Der Generalsekretär der kubanischen Kommunisten Blas Roca bezeichnete den Überfall als „kleinbürgerlichen Putsch, mit dem wir Kommunisten nichts zu tun haben“.[1]

Zusammen mit seinem Bruder und einigen weiteren seiner Getreuen ging er nach Mexiko ins Exil, wo er auch mit Che Guevara bekannt gemacht wurde und sich sofort mit ihm befreundete.[9] In einem Guerillatrainingscamp bereiteten sie sich dort auf einen bewaffneten Kampf gegen das Batista-Regime vor. Raúl machte im Juli 1956 sowohl Guevara als auch Fidel mit seinem, inzwischen in der sowjetischen Botschaft in Mexiko tätigen, russischen Freund Leonov bekannt, der 1958 zum KGB wechselte.[10] Laut den Memoiren des damaligen sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow habe Raúl damals gegenüber seinem Bruder Fidel seine „wahren Überzeugungen verborgen“. Chruschtschow hielt ihn für „einen nützlichen, vom KGB geführten Einflussagenten in Havanna“. Tatsächlich geschahen wohl alle Kontakte zu in- und ausländischen Kommunisten und entsprechende Aktivitäten mit Wissen oder gar auf Weisung seines Bruders Fidel, der sich schon damals die kommunistische Option offen halten, aber vermeiden wollte, diese öffentlich zu kommunizieren. Dieser orientierte sich damals öffentlich noch an den Antikommunisten seiner Ortodoxen Partei unter Eduardo Chibás.[1]

Während des Kampfes in der Sierra Maestra, auch schon während der chaotischen Anfangszeit ab Dezember 1956, galt Raúl Castro als disziplinierter und harter Kämpfer. Comandante en jefe (Oberkommandierender) Fidel Castro beförderte ihn schnell zum Kompaniechef.[11] Ende Februar 1958 wurde er (gleichzeitig mit Juan Almeida) in den Rang des Comandante erhoben und mit der Gründung und Leitung der Zweiten Front beauftragt, die nach Frank País, dem populären Organisator des städtischen Untergrundkampfes benannt wurde, der im Sommer 1957 in Santiago getötet worden war. Diese erste vom Rest der Rebellenarmee getrennte Einheit sollte von der Sierra Cristal aus, im fast äußersten Osten Kubas, heutige Provinz Holguín, kämpfen. Dorthin brach Raúl Castro im März des Jahres zusammen mit 66 Mitkämpfern von der Sierra Maestra aus auf. Es begann der erfolgreiche Kampf zunächst um den Norden der Provinz Oriente, bevor wenig später andere Einheiten den Guerillakrieg auf das ganze Land ausdehnten.[12] In dem Gebiet der Zweiten Front hatten bereits zuvor kleinere bewaffnete Gruppen, die nicht unter dem Kommando Fidel Castros standen, sondern überwiegend der Stadtguerilla in Santiago entstammten, dem Batista-Regime einzelne Schläge versetzt. Raúl brachte sie unter sein Kommando, wodurch die von Fidel angeführte Rebellenarmee insgesamt an Einfluss gewann.[13]

Bei Überfällen auf die in US-Besitz befindlichen Nickelminen von Moa und Nicaro, östlich von Holguín, sowie Betriebe der United Fruit Company ließ Raúl Ende Juni 1958 mehrere Dutzend dort beschäftigte US-Amerikaner als Geiseln nehmen. Damit wollte er die Einstellung der US-Verkäufe von militärischem Gerät und Treibstoff an Batista erzwingen, der kurz zuvor eine Sommer-Offensive gegen die Rebellenarmee eingeleitet hatte. Raúls Aktion war jedoch mit seinem Bruder Fidel nicht abgesprochen. Dieser wollte eine Konfrontation mit den USA unbedingt vermeiden, sodass Raúl die Geiseln, wenn auch widerwillig und mit zeitlicher Verzögerung, wieder freiließ. Den Plan Raúls, in Guantánamo stationierte US-Soldaten zu entführen, konnte Fidel gerade noch verhindern. Es wäre nicht nur ein Verstoß gegen das Völkerrecht gewesen, sondern hätte mit großer Wahrscheinlichkeit auch zum Eingreifen der USA geführt, obwohl diese ihre Unterstützung für Batista im Laufe des Kampfes in der Sierra Maestra schon zurückgefahren hatten.[14][15]

Raúl Castro zeigte während seiner Zeit als Comandante in der Sierra Cristal militärisches und organisatorisches Talent. Er schuf eine anfänglich aus 53 Männern bestehende Spezialeinheit für schwierige Aktionen, welche mit der Zeit auf über 1000 Mann anwuchs, sowie eine revolutionäre Verwaltung, welche zum Vorbild für das spätere Regime diente. Auch wurden die armen Bauern in der Region unterstützt, indem man ihre überschüssige Ernte nicht etwa beschlagnahmte, sondern sie für bares Geld abkaufte. Außerdem wurden in der Region soziale Infrastrukturen geschaffen, indem man Straßen baute sowie Schulen, Krankenhäuser und Apotheken errichtete. All diese Maßnahmen trugen wesentlich zur Popularität der Rebellen in der Gegend bei, die Propagierung marxistischer Ideen sorgte jedoch auch für Irritationen unter nichtkommunistischen Angehörigen und Unterstützern der Rebellenarmee.[16][17][18]

Raúl Castro war, ähnlich wie Che Guevara, bekannt dafür, dass er Verräter, Kriminelle und Deserteure zur militärischen und sozialen Disziplinierung der Truppe gnadenlos erschießen ließ.[19] Mit dem Ziel der Abschreckung ließ Raúl auch Hinrichtungen von Kriegsgefangenen vor den Augen von Batista-Unterstützern durchführen.[18] Schon während des Guerillatrainings in Mexiko musste Raúl beweisen, ein „fähiger Revolutionär“ zu sein, was bedeutete, auch töten zu können. Als mögliche, von Che definierte Gründe für ein Todesurteil galten damals „Befehlsverweigerung, Desertion oder Defätismus“. Der wegen Befehlsverweigerung vorm „Kriegsgericht“ angeklagte Guerillero Calixto Morales – er fühlte sich nicht mehr in der Lage, eine besonders anstrengende Trainingseinheit auszuführen – wurde von „Ankläger“ Raúl Castro zum Tode verurteilt, jedoch später von Fidel begnadigt. Im November 1956 vermutete Fidel einen Batista-Spitzel in den Reihen der Revolutionäre und ordnete ohne Verfahren dessen Erschießung an. Raúl persönlich führte den Befehl aus.[1]

Unmittelbar nach dem Sieg der Revolution am Neujahrstag 1959 übernahm Raúl Castro die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba und damit das militärische Kommando der Region. Unter seiner Regie kam es dort zu Massenerschießungen vermeintlicher und tatsächlicher Kriegsverbrecher und Folterer im Dienste Batistas. So ließ er beispielsweise 70 Ex-Soldaten und Zivilisten gruppenweise vor einem Massengrab aufstellen und mit Maschinengewehren erschießen. Die Grube wurde anschließend mit Bulldozern zugeschüttet. Diese offensichtlichen Grausamkeiten lösten in der kubanischen und US-amerikanischen Presse große Empörung aus, sodass der um das Ansehen der Revolution besorgte Fidel solche öffentlichen Hinrichtungen bald untersagte.[20] Kurz nach seinem Eintreffen in der Hauptstadt übernahm Raúl am 11. Januar das Kommando über den bisherigen Generalstab der Streitkräfte in der Columbia-Kaserne in Havanna.[18]

Politiker im nachrevolutionären Kuba[Bearbeiten]

Nach der Revolution bis zum Zusammenbruch des Ostblocks (1959–1990)[Bearbeiten]

Nach der kubanischen Revolution war Raúl Castro von 1959 bis 1976 Vize-Premierminister, danach wurde er Vizepräsident des Staatsrates. Er galt als ideologischer Hardliner.

Zusammen mit seinem Freund Che Guevara war Raúl Castro einer der wenigen bekennenden Kommunisten in der Rebellenarmee, die mehrheitlich aus dem bourgeoisen Milieu Kubas hervorgegangen war.[21] Während Che auch Sympathien für Stalin[22][23], Mao Zedongs China und für die nordkoreanische Chuch’e-Ideologie hegte,[24][25] galt Raúl als loyaler Vertreter des seinerzeitigen Sowjetkommunismus. Nach dem Sieg der Revolution 1959 betrieben sie die Annäherung an die Sowjetunion und den Ostblock jedoch gemeinsam. Auch die umfassende Landreform und Enteignung der Banken und Großindustrie ab 1959 wurde von beiden einvernehmlich organisiert. Auf die Befindlichkeiten der USA, deren Firmen (wie beispielsweise die United Fruit Company) in Kuba große Anteile hielten, nahmen sie keine Rücksicht.

Raúl war besonders besorgt darüber, dass sein Bruder Fidel anfangs noch Verhandlungen mit den USA suchte und von einer kommunistischen Ausrichtung der Revolution vermeintlich[1] noch nichts wissen wollte.[26] 1964 warf Raúl Castro Che eine pro-chinesische Haltung vor. Derweil sich Che Guevara 1965 offen von der Sowjetunion abwandte und auch Fidel bei den Sowjets als unsicherer Gefährte galt, war Raúl stets „ihr Mann in Havanna“.[27] Seine Nähe zur Sowjetunion und zum KGB schützte ihn wohl auch mehr oder weniger vom Schicksal zahlreicher anderer Comandantes de la Revolución, die ins Gefängnis geworfen wurden oder in die USA emigrieren mussten, darunter unter anderen auch die gemeinsame Schwester Juanita, denn Blutsverwandtschaft bedeutete für Fidel keinerlei Garantie für Loyalität. Raúl wurde zur „mausgrauen Eminenz“ des Comandante en Jefe Fidel Castro.[1]

Raúl organisierte ab Januar 1959 die völlige Umstrukturierung der bisherigen kubanischen Streitkräfte und die Umwandlung der Revolutionstruppen, deren getrennt operierende Einheiten während des Guerillakrieges teilweise ein hohes Maß an Autonomie hatten, in ein wirkungsvolles und zentral gelenktes Instrument des Staates. Im Zuge dieses Prozesses wurde das bisherige Verteidigungsministerium aufgelöst, und Raúl übernahm am 18. Oktober 1959 den Posten des Ministers der Revolutionären Streitkräfte an der Spitze des neu aufgebauten Ministeriums. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörten auch die Militärindustrie, der Zivilschutz und die wenig später gebildeten Revolutionären Milizen. Auf Bitte Raúl Castros unterstützte die Sowjetunion diesen Reorganisationsprozess ab April 1959 durch die vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Entsendung von zunächst siebzehn spanischen Kommunisten, die an der sowjetischen Militärakademie ausgebildet worden waren, als bezahlte Berater.[28][29] Das MINFAR (Ministerium der Revolutionären Streitkräfte) bewies in den nächsten Jahrzehnten seine Schlagkraft und Fähigkeit zur Abschreckung gegen bewaffnete Gegner von innen wie von außen und intervenierte darüber hinaus in zahlreichen Bürger- und internationalen Kriegen – mit dem Militäreinsatz in Angola als wichtigstem Beispiel.[30]

Raúl Castro war 1959 daran beteiligt, den populären, aber gegenüber kommunistischen Strömungen sehr skeptischen Guerillaführer Comandante Huber Matos seines Amtes zu entheben und in einem Prozess zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilen zu lassen. Auch das nach einem mutmaßlichen Flugzeugabsturz spurlose Verschwinden des charismatischen und beim kubanischen Volk sehr beliebten Revolutions-Comandante, Generalstabschef und Freund Matos’ Camilo Cienfuegos soll Castro gelegen gekommen sein, da es seinem Aufstieg zum Verteidigungsminister und zweiten Mann im Staate sehr behilflich war. Einen Beweis für eine Verschwörung gibt es jedoch bisher nicht.[31][32]

In der Folgezeit der 1970er und 80er Jahre baute Raúl eine eigene Hausmacht auf, die weniger aus den alten Revolutionären sondern vielmehr aus bewährten Internationalisten bestand, Kämpfer die sich im versuchten Revolutionsexport in Lateinamerika oder Afrika, beispielsweise in Angola hervortaten.[1] Ende der 1980er Jahre bedrohte jedoch der populäre Angola-Veteran Arnaldo Ochoa das nepotistische Machtgefüge der Castro-Brüder. Dessen Hinrichtung im Jahre 1989 wegen Korruption und Drogenhandel, obwohl Ochoa dies offensichtlich mit Wissen und Billigung der obersten Führung tat, um Devisen für das Land zu beschaffen, bedeutete ein Signal, um politische Gegner auszuschalten und politisch ambitionierte Militärs zu disziplinieren.[33] Laut dem inzwischen exilierten Schriftsteller und ehemaligen Kumpanen von Raúl, Norberto Fuentes, lieferte Raúl Castro die ideologische Rechtfertigung für den Rauschgiftschmuggel in die USA: „Fidel sagt, wir müssen diese Sache mit sehr viel Takt anpacken. Aber Fidel sagt auch, die Kolonialmächte hätten schließlich alle ihre Kriege in Asien durch den Opiumhandel finanziert. Insofern ist unsere Aktivität im Grunde Teil der historischen Vergeltung der unterdrückten Völker.“ Trotz dieses Vorfalls gilt Raúl unter den Militärs als „verlässlich und berechenbar“, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Fidel.[1]

Als Verteidigungsminister kontrollierte Raúl Castro bedeutende Teile der kubanischen Wirtschaft, da wichtige Staatsunternehmen im Tourismus, dem Nickelbergbau und der Zuckerindustrie der Armee gehören. Militärs stehen oder standen an den Spitzen des Innenministeriums, des Zuckerministeriums, des Ministeriums für Hochschulerziehung, an der Spitze der Zivilluftfahrtbehörde, des Gesundheitsministeriums, des Hafens von Havanna und anderer wichtiger Institutionen.

Zeit der Sonderperiode bis zur Erkrankung Fidels (1990–2006)[Bearbeiten]

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der darauf folgenden Spezialperiode trat Raúl Castro als Realpolitiker und Wirtschaftsreformer auf. So brachte er beispielsweise 1994 in der Zeit der tiefsten Krise, als es sogar zu Unruhen kam, seinen Bruder dazu, die erst 1986 abgeschafften freien Bauernmärkte wieder zuzulassen, was zur raschen Verbesserung der Versorgungslage führte.[34] Außerdem erwog er in diesem Zusammenhang auch den Einsatz des Militärs zur Bekämpfung innerer Unruhen, was bisher ausschließliche Aufgabe von Polizei, Geheimdienst und speziellen paramilitärischen Einheiten war. Dies hätte allerdings die hohe Popularität der kubanischen Streitkräfte bei der Bevölkerung stark gefährdet.[35]

Unter Leitung des von Raúl Castro kontrollierten Militärs wurden zur Abfederung der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf Kuba zahlreiche, nach westlichem Vorbild funktionierende Managementmethoden, u. a. unter dem Namen Sistema de Perfeccionamiento Empresarial, eingeführt.[36] Unter Leitung eines älteren Dreisternegenerals entstanden landwirtschaftliche Musterbetriebe, in denen moderne Verfahren des Nutzpflanzenanbaus, der Betriebsführung und des Warenabsatzes erprobt wurden. In diesen Musterbetrieben arbeiten junge Soldaten (Ejercito Juvenil de Trabajo) in anderer Weise als in der restlichen kubanischen Wirtschaft, nämlich nicht in einer Mangel- und Schlendrianswirtschaft, so der frühere Botschafter Wulffen.

Präsidentschaft[Bearbeiten]

Raúl Castro mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew (November 2008).
Raúl Castro empfängt Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner (Januar 2009).

Am 31. Juli 2006 übertrug der Staats- und Regierungschef Fidel Castro, aufgrund einer schweren Erkrankung, vorübergehend die Führung der Partei, den Oberbefehl über die Armee und das Amt des Staatsoberhaupts an seinen Stellvertreter und Bruder Raúl. Fidel musste sich einer komplizierten Darmoperation unterziehen.[37] Bis dahin diente Raúl seinem Bruder Fidel als stets loyaler Vize.[38]

Im Unterschied zu seinem charismatischen Bruder gilt Raúl eher als „der oberste Verwaltungskader eines bürokratischen Sozialismus. Sehr viel mehr als sein Bruder muss Raúl die verschiedenen Kräfte im Apparat ausbalancieren und integrieren.“ Weder ist er ein guter Redner noch ein Mann großer Gesten. Allerdings versucht er auch gar nicht, seinen Bruder diesbezüglich zu kopieren.[39][40] Jedoch wirkt Raúl gemäß Fidel-Biograf Carlos Widmann seit seiner Präsidentschaft „gesünder, ja sogar verjüngt“. Er gilt als Pragmatiker.[1]

Zu Beginn seiner Amtszeit erwarteten Beobachter von Raúl, dass er zwar die wirtschaftlichen Probleme des Landes durch Wirtschaftsreformen lindern könne, jedoch seien größere politische Reformen eher unwahrscheinlich.[41] Auch hinsichtlich der Meinungsfreiheit scheinen die Zügel nicht mehr so straff gezogen wie zur Amtszeit Fidels. So hat Raúl das Volk zu Diskussionen über die zukünftige Entwicklung aufgerufen, in der kubanischen Presse wird die Trägheit der Funktionäre kritisiert und es wird sogar nichts gegen regierungskritische Blogs aus Kuba, wie dem von Yoani Sánchez, unternommen.[42][43] Zahlreiche politische Gefangene, darunter alle der während des Schwarzen Frühlings festgenommenen und zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Mitglieder der „Gruppe der 75“ wurden bis März 2011 unter Vermittlung der katholischen Kirche freigelassen. Der Großteil wurde nach Spanien abgeschoben. Einige wenige Dissidenten, die sich der Abschiebung verweigert hatten, durften letztendlich „auf Bewährung“ in Kuba bleiben.[44]

Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 20. Januar 2008 erreichte Raúl Castro mit 99,3 Prozent die höchste Stimmenzahl aller Abgeordneten. Sein Bruder Fidel kam mit 98,4 Prozent der Stimmen auf den vierten Platz.[45]

Am 24. Februar 2008 wurde Raúl vom Parlament zum Präsidenten des Staatsrates (Staatsoberhaupt) und Präsidenten des Ministerrates (Regierungschef) gewählt, nachdem sein Bruder Fidel einige Tage zuvor erklärt hatte, nicht mehr für diese Ämter kandidieren zu wollen. Auf seiner Antrittsrede sprach er Probleme des Landes wie zum Beispiel das doppelte Währungssystem an, die jedoch sehr komplex und nicht einfach zu lösen seien. Dabei sprach er von einem Prozess der Transition und kündigte an, einige Verbote für die Bevölkerung aufheben zu wollen, ohne jedoch ins Detail zu gehen. Den Weg des Sozialismus wolle er jedoch fortsetzen.[46]

Demzufolge wurden Hoffnungen, Kuba könnte alsbald ein westliches Demokratiemodell mit Mehrparteiensystem und Marktwirtschaft einführen, enttäuscht.[38] Zwar werden Raúl Castro Sympathie für das chinesische Modell nachgesagt, wonach die Wirtschaft nach marktwirtschaftlichen Richtlinien modernisiert, das Einparteiensystem jedoch beibehalten wird,[47] jedoch glauben Experten nicht, dass dies für Kuba aufgrund seiner mangelnden geografischen Größe und der Nähe zum „Hauptfeind“ USA mit einer großen exilkubanischen Gemeinschaft eine realistische Option wäre.[38]

Fidel Castro selbst mischte sich zunächst kaum noch in die Innenpolitik Kubas ein, sondern beschränkte sich auf Kommentare zu außenpolitischen Themen. Nach der anscheinenden Genesung von seiner Krankheit hielt dieser sich aber offensichtlich nicht mehr an entsprechende Absprachen, was man als eine der Ursachen ansah, dass es den angekündigten Reformen an „Kohärenz und Dynamik“ mangelte.[48]

Ab 2009 begann Raúl Castro sukzessive die oberste Führungsriege im Ministerrat auszutauschen. Darunter befanden sich auch jüngere „high potentials“ wie Carlos Lage und Felipe Pérez Roque. Ihnen wurde unter anderem Illoyalität vorgeworfen. Ersetzt wurden diese Positionen mit Vertrauten Raúl Castros aus den Zeiten der Revolution und Militärs aus dem Verteidigungsministerium, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hatte.[48]

Im Jahre 2010 kündigte Raúl Castro Wirtschaftsreformen an. Entscheidender Teil des Planes war es, innerhalb von sechs Monaten rund 500.000 Staatsbedienstete aus der überdimensionierten Verwaltung und unrentablen Staatsbetrieben, ein Achtel der Erwerbstätigen, zu entlassen.[39] Bis 2015 solle die Zahl auf 1,3 Millionen steigen. Aufgefangen werden solle dies durch die Legalisierung von insgesamt 178 Tätigkeiten auf eigene Rechnung (Selbständige), welche jedoch nur vergleichsweise niedere Tätigkeiten wie Pizzabäcker oder Taxifahrer umfasst, während Experten eine deutliche Ausweitung der Liste unter anderem auf akademische Berufe fordern.[49][50]

Auf dem VI. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas im April 2011 übernahm Castro auch das höchste Parteiamt als Nachfolger seines Bruders. Die von ihm selbst angemahnte deutliche Verjüngung der Führungsriege in Staat und Partei blieb jedoch aus.[51]

Am 24. Dezember 2011 kündigte Castro an, tausende Häftlinge, darunter auch Dissidenten, aus „humanitären Gründen“ zu entlassen. Dies ist bis dahin die größte Massenamnestie in der Geschichte Kubas.[52] Damit kam er Anträgen von Familienangehörigen und verschiedenen regionalen Institutionen wie der Kirche nach. U. a. soll ein bevorstehender Besuch Papst Benedikts XVI. im Frühjahr 2012 laut Castro Grund dafür gewesen sein. Bis 29. Dezember 2011 wurden fast 3000 Häftlinge freigelassen, darunter auch sieben politische Häftlinge. Die Amnestie gelte vor allem für Frauen, Kranke und Alte sowie für junge Häftlinge mit guten Resozialisierungschancen, die überwiegend wegen minderschwerer Vergehen Haftstrafen erhielten. Verurteilte Mörder, Drogenhändler oder ausländische Agenten wie der US-Amerikaner Alan Gross seien von der Amnestie ausgenommen. Aufgrund der wenigen politischen Gefangenen bezeichnete der Menschenrechtsaktivist Elizardo Sánchez Santacruz die Massenamnestie als „Medieninszenierung“.[53]

Castro wurde am 24. Februar 2013 durch den Volkskongress für eine weitere fünfjährige Amtszeit bestätigt. Bei seiner dortigen Rede kündigte er an, dass dies seine letzte Amtsperiode sein werde.[54]

Am 10. Dezember 2013 schüttelten sich Castro und US-Präsident Barack Obama als Vertreter zweier seit Jahrzehnten verfeindeter Staaten während der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg gegenseitig die Hände.

Siehe auch[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Raúl Castro – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m Carlos Widmann: Endspiel mit Raúl. In: Das letzte Buch über Fidel Castro, S. 316-330
  2. Marcos Antonio Ramos: La Cuba de Castro y después...: Entre la historia y la biografía. S. 96f., Nelson, 2007 (spanisch)
  3. Bernd Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 32.
  4. Raúl Castro in der Enzyklopädie EnCaribe, abgerufen am 17. Juli 2013 (englisch)
  5. Cuba: 50 years of revolution in: Morning Star vom 7. Januar 2009, abgerufen am 13. Oktober 2011 (englisch)
  6. Raúl Castro: Raúl Castro On 1953 Moncada Assault: ‘Aim Was To Spark Revolutionary Armed Action’, in: The Militant vom 2. August 1999, abgerufen am 17. Juli 2013 (englisch)
  7. Revolution aus der Hüfte, in: Der Spiegel vom 8. September 1969, abgerufen am 17. Juli 2013
  8. Raúl Castro, Biografías y Vidas, abgerufen am 2. Mai 2011
  9. Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution, S. 131
  10. Rafael Poch: Tres preguntas sobre Rusia: estado de mercado, Eurasia y fin del mundo bipolar. S. 75f., Icaria, Barcelona 2000 (spanisch), (teilweise online über Internet Archive)
  11. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 41 ff.
  12. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 45 ff.
  13. Carlos Franqui: Family Portrait with Fidel, S. 157f. (englisch)
  14. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 46 f.
  15. Rafael Rojas: El origen de la dictadura in: Nuevo Herald vom 13. Juli 2008, abgerufen am 13. Oktober 2011 (spanisch)
  16. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 47 f.
  17. Michael Zeuske: Insel der Extreme – Kuba im 20. Jahrhundert, 2. Auflage (2004), Seite 177
  18. a b c Centro de Información y Documentación Internacionales de Barcelona: Raúl Castro Ruz in der Biografie-Datenbank politischer Führer, Stand vom 6. Juni 2011, abgerufen am 13. Oktober 2011 (spanisch)
  19. Michael Zeuske: Insel der Extreme – Kuba im 20. Jahrhundert, 2. Auflage (2004), Seite 173
  20. Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution, S. 190
  21. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 51
  22. Der Mann hinter dem Mythos, Deutschlandradio Kultur vom 24. September 2008
  23. Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution, S. 15 f., S. 21 f., u.a.
  24. Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution, S. 224 f.
  25. Bert Hoffmann: Kuba, 3. Aufl., S. 83 ff.
  26. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 48 ff.
  27. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 60 f.
  28. Samuel Farber: The Origins of the Cuban Revolution Reconsidered, S. 146, Chapel Hill: The University of North Carolina Press, 2006, ISBN 978-0-8078-5673-4 (englisch)
  29. César Reynel Aguilera: Razones de Angola (IX) in: Penúltimos Días vom 22. Dezember 2010, abgerufen am 5. Juli 2012 (spanisch)
  30. Creación del MINFAR: Con características propias (Spanisch) In: Bohemia vom 23. September 2009, abgerufen am 9. Mai 2011
  31. Wulffen: Kuba im Umbruch, S. 48 f.
  32. Gerd Koenen: Traumpfade der Weltrevolution, S. 211 f.
  33. Michael Zeuske: Insel der Extreme – Kuba im 20. Jahrhundert, 2. Auflage (2004), Seite 242 f.
  34. Bert Hoffmann: Kuba (2009), S. 128.
  35. Michael Zeuske: Insel der Extreme – Kuba im 20. Jahrhundert, 2. Auflage (2004), S. 331.
  36. Peter Thiery, Arndt Wierheim: Kuba nach Castro – Akteure und Szenarien der Transformation (PDF; 129 kB), Bertelsmann Forschungsgruppe Politik, Centrum für angewandte Politikforschung, Universität München, September 2006
  37. Spiegel-Online − Castro überträgt Amtsgeschäfte an Bruder Raul vom 1. August 2006
  38. a b c Bert Hoffmann: Kuba unter dem anderen Castro – Die Revision der Revolution nach Fidel, Le Monde diplomatique Nr. 8682 vom 12. September 2008
  39. a b Bert Hoffmann: Raúl Castro ist kein neuer Fidel, in: taz.de vom 15. April 2011
  40. Bert Hoffmann: Kuba (2009), S. 127 f.
  41. Knut Henkel: Kubas gefühlter Wandel vom 22. Januar 2008
  42. Knut Henkel: Presse in Kuba – Kritik plötzlich erwünscht vom 13. Dezember 2007
  43. Die Zeit: Insel der blinden Passagiere Ausgabe 05 vom 24. Januar 2008
  44. Cuba frees prisoners of conscience, Amnesty International, 23. März 2011
  45. El País: Fidel, sólo cuarto vom 1. Februar 2008
  46. Antrittsrede von Raúl Castro als neuer Präsident vor dem kubanischen Parlament (Version vom 12. April 2009 im Internet Archive) (Spanisch) (Version in Englisch (Version vom 26. August 2009 im Internet Archive)) vom 24. Februar 2008
  47. Hildegard Stausberg: Kubas letzte Chance, Die Welt, 22. Dezember 2010
  48. a b Uwe Optenhögel Kuba: Wie der tropische Sozialismus sein eigenes Erbe riskiert (PDF; 168 kB), in: Internationale Politik und Gesellschaft 3/2010
  49. Uwe Optenhögel: Kuba auf neuen Wegen: Kann eine Dosis Markt die Revolution retten? (PDF; 51 kB), Friedrich-Ebert-Stiftung, Februar 2011
  50. „Der Staat zieht sich zurück“, Interview von Knut Henkel mit dem kubanischen Ökonom Omar Pérez Villanueva, taz.de vom 15. Januar 2011
  51. Kubas Erneuerung: Auf die Alten folgen die Alten, Spiegel Online vom 19. April 2011
  52. Amnestie Kuba will 2.900 Gefangene begnadigen bei zeit.de, 24. Dezember 2011
  53. Massenamnestie: Kuba lässt fast 3000 Häftlinge frei bei tagesschau.de, 29. Dezember 2011 (abgerufen am 29. Dezember 2011).
  54. Raul Castro macht es nur noch einmal in Tagesschau vom 25. Februar 2013