Rolf Verleger

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Rolf Verleger 2010

Rolf Verleger (* 17. Dezember 1951 in Ravensburg) ist ein deutscher Psychologe, Hochschullehrer und israelkritischer Aktivist. Sein Forschungsschwerpunkt in der Neuropsychologie sind ereignisbezogene EEG-Potentiale.

Leben

Familie

Verleger wurde als Sohn von Überlebenden der Shoa geboren; sein Vater kehrte ohne seine Frau und Söhne aus Auschwitz zurück, seine Mutter als Waise von der Deportation nach Estland.[1] Sein Bruder und seine Schwester wanderten als Jugendliche nach Israel aus. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.[2]

Wissenschaftliche Laufbahn

Verleger absolvierte ein Studium der Psychologie an der Universität Konstanz, das er 1976 mit dem Diplom abschloss. 1986 wurde er in Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen promoviert, habilitierte sich 1993 für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck und erhielt dort 1998 eine außerplanmäßige Professur. Schwerpunkt seiner Forschung ist die Untersuchung der Zusammenhänge von kognitiven Prozessen und physiologischen Abläufen im Gehirn mittels Elektroenzephalografie.[3] Er ist Autor von 158 Arbeiten in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Sein Hirsch-Index beträgt 40.[4] 2017 trat er in den Ruhestand.

Er war von 1999 bis 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung e.V.[5]

Funktionen im der jüdischen Gemeinschaft

Verleger war 2001 bis 2005 im Vorstand der neu gegründeten Jüdischen Gemeinde Lübeck.[6] 2005 wurde er Vorsitzender des Landesverbandes Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein (JGSH).[7] Er wurde zudem in den Zentralrat der Juden in Deutschland als Mitglied von dessen Direktorium entsandt.

Unter dem Eindruck des israelisch-libanesischen Kriegs im Sommer 2006 äußerte er sich mit einem Brief vom 23. Juli 2006[8] zunächst intern im Zentralrat, dann öffentlich[9] kritisch zu den „militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon“ und zu der Israel unterstützenden Haltung des Zentralrats hierzu. Dies brachte ihm von Seiten der Zentralrats-Vorsitzenden Charlotte Knobloch und anderer Repräsentanten jüdischer Organisationen Kritik ein; Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer nannte die Position Verlegers „abstrus“ und „absolute Einzelmeinung“. Philipp Gessler verwies darauf, dass Verleger bspw. Israels Politik im Südlibanon kritisiere, was man als Verantwortungsträger der jüdischen Gemeinschaft offenbar nicht ungestraft tun könne.[10][11]

Im August 2006 berief ihn die Jüdische Gemeinde Lübeck in Reaktion auf seine Äußerungen als ihren Delegierten für die JGSH ab. Er verlor damit auch das Amt des Vorsitzenden der JGSH.[12][13] Im Juni 2009 entzog seine Gemeinde Verleger dann auch sein Mandat als Delegierter für das Zentralrats-Direktorium.[14]

Israelkritischer Aktivismus

Am 22. November 2006 startete Verleger die Online-Petition Schalom5767, auch Berliner Erklärung genannt, die mehr kritische Distanz der Bundesregierung gegenüber der israelischen Politik fordert.[15]

In einem Interview am 22. Juli 2014 mit dem Deutschlandfunk bezeichnete Verleger das militärische Vorgehen der israelischen Armee gegen Ziele im Gazastreifen nach verstärktem Raketenbeschuss durch die Hamas im Juli 2014 als „Massaker“ und machte den „Terror Israels“ und die seiner Meinung nach fehlende Kritik daran für die neue Welle des Antisemitismus in Europa verantwortlich. Der Holocaust rechtfertige das nicht: „Ich meine, was hat das mit meiner ermordeten Verwandtschaft zu tun, dass da jetzt ein solches Unrecht im Nahen Osten geschieht? Man kann doch nicht mit Verweis auf schreckliche Dinge in der Vergangenheit weiter heute Unrecht geschehen lassen. Das ist die völlig falsche Lehre, die da gezogen wird. [...] Dieser Konflikt – man kann auf geraubten Land nicht in Frieden leben. Das Land ist den Palästinensern weggenommen worden und es muss eine vernünftige friedliche Regelung her.“ Im größeren historischen Kontext sei die Wurzel des ganzen Konflikts, dass Europa vor 100 Jahren mit seiner jüdischen Minderheit nicht fertig geworden sei und dieses Problem dorthin nach Palästina exportiert habe.[16] In einem weiteren Interview mit WDR 5 sagte er, in Israel herrsche „eine national-religiöse Stimmung mit Tendenzen ins Faschistische“. An der Regierung seien „Leute, die sagen: ‚Nur ein toter Araber ist ein guter Araber‘“. Ferner äußerte er Verständnis für die „verzweifelte“ Hamas, die sich „aus Protest [...] mit den Mitteln [...] wehrt, die sie hat“.[17]

Im SWR-Interview am 14. August 2014 wiederholte Verleger seine Kritik an der Gaza-Operation und auch am Verhalten der Bundesregierung gegenüber Israel.[18]

Solche in mehreren deutschen Medien getätigte Äußerungen Verlegers zu Israel wurden 2014 in der Jüdischen Allgemeinen kritisiert. Verleger vertrete nur sich und eine irrelevante Minderheit der deutschen Juden. Er werde nicht aufgrund seiner „tiefgründigen Analysen des Nahostkonflikts“ um einen Kommentar gebeten, sondern weil „Jude kritisiert Israel“ den größeren Sensationsfaktor biete.[19]

Im Juli 2016 gründete Verleger gemeinsam mit Yazid Shammout, dem Vorsitzenden der palästinensischen Gemeinde in Hannover, das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (BIB) und übernahm dort auch den Vorsitz.[20] Zu den Mitgliedern zählen der Palästinenser Ghaleb Natour und die Israelin Nirit Sommerfeld. Horst Teltschik ist Beirat des Bündnisses.[21] Anlässlich einer BIB-Konferenz in Heidelberg im Mai 2018 erklärte Verleger, die Kippa sei „Symbol der nationalreligiösen jüdischen Siedler“ und rufe daher „selbstverständlich Wut bei den Palästinensern“ hervor. Er betont, dass er den Gewaltausbruch eines arabischen Heranwachsenden in Berlin gegen einen Kippa tragenden Israeli vom Vormonat damit nicht rechtfertigen, sondern erklären wolle.[22]

Verleger ist Beiratsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft[23], der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft[24] und Kuratoriumsmitglied der Freunde von Neve Shalom/Wahat al-Salam[25]. Er war zudem Vorsitzender und ist nun normales Mitglied des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

Werk und Rezeption

Verlegers 2008 veröffentlichtes Buch Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil beschreibt Verleger seine Wurzeln im Judentum - aufgewachsen in den religiösen Regeln – und seine Sicht auf jüdische Traditionen: den biblischen Konflikt zwischen Religion und jüdischer weltlicher Macht, die zentrale Stellung des Gebots der Nächstenliebe, die zionistische Bewegung und Israel. Im zweiten Teil berichtet er über seine Auseinandersetzung im Zentralrat und stellt die These auf, dass in Zeiten schwindender Religiosität Nationalismus zum Ersatz für jüdische Identität geworden sei. Im dritten Teil beschreibt er seine Version der harten Auseinandersetzungen, die er durch seine Interventionen auslöste. Das Buch löste kontroverse Reaktionen aus. Positive Besprechungen gab es unter anderem von Ludwig Watzal in der Neuen Zürcher Zeitung („Orientierungsrahmen für eine Debatte, in der die Schwarzweissmalerei überwiegt; Grautöne findet der Leser bei Rolf Verleger“)[26] und von Martin Forberg in der Süddeutschen Zeitung („Sein Ansatz schlägt Brücken zum palästinensischen Volk“)[27]. Dagegen lieferte Verleger laut dem Soziologen Armin Pfahl-Traughber zwar eine bisher hierzulande in dieser Schärfe ungekannte Kritik an Israel aus einer jüdischen Perspektive, doch seien dabei sehr unterschiedliche Texte eher unsystematisch aneinandergereiht worden. Verleger beschäftige sich kaum mit der Politik der Feinde Israels sowie dessen legitimen Sicherheitsinteressen und verkenne zudem, dass „auch Antisemiten [...] ihren Judenhass hinter scheinbar legitimer Israelkritik verbergen“ würden. Es sei zwar zutreffend, dass hinter übertriebenen Einwänden gegenüber Israel nicht Judenfeindschaft stehen müsse. Es hätte jedoch einer differenzierteren Erörterung bedurft zur „Unterscheidung von antisemitischer und nicht-antisemitischer Israel-Kritik“. Zudem gebe es entgegen Verleger durchaus einen „traditionellen islamischen Antisemitismus“.[28] Zur Neuauflage von 2009 kritisierte Karl Pfeifer, dass Verleger Theodor Herzl aus dritter Hand bzw. englischen Übersetzungen zitiere. Auch David Ben Gurion sei nur „aus einem Elaborat von Ilan Pappe“ und entkontextualisiert zitiert worden. Verlegers „antiisraelische Ressentiments“ resultierten wohl auch aus dem von ihm verlassenen orthodoxen Familienumfeld. Er beanstande, dass israelische Politiker den Holocaust instrumentalisieren würden, mache jedoch das Gleiche mit seinen ermordeten Verwandten. Seine „Dämonisierung Israels“ reiche bis zur „Fälschung von dessen Geschichte [und] Legitimierung antisemitischer Politiker wie dem Londoner Ex-Bürgermeister Ken Livingstone“. Verleger habe von Rechts- und Linksextremisten wie dem Neonazi-Portal Altermedia oder der Querfront-Webseite Arbeiterfotografie Lob als „mutiger Jude“ erfahren für Sätze wie „Das Judentum [ist in] Hände von Leuten gefallen, denen Volk und Nation höhere Werte sind als Gerechtigkeit und Nächstenliebe“. Das sei „purer Unsinn“, denn „‚das‘ Judentum [gebe es] nicht“ und Israel sei „im Vergleich zu seinen Nachbarn ein Hort der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe“, auf den Verleger doppelte Standards anwende.[29]

In seinem 2017 erschienenen Buch Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus beschäftigt sich Verleger zunächst erneut mit seinen jüdischen Wurzeln, seiner Familiengeschichte und dem Wert der Nächstenliebe in der jüdischen Tradition. Im dritten und vierten Teil vertritt Verleger die These, dass Europa vor 100 Jahren nicht mit seiner jüdischen Minderheit fertig wurde. Teil 3 beschreibt die Geschichte der Juden im Zarenreich 1795–1917, das Entstehen der zionistischen, nationalreligiösen, bundistischen, sozialistischen und orthodoxen politischen Bewegungen im dortigen Judentum und die Massenauswanderung nach Westen, mit Parallelen zur heutigen Flüchtlingsproblematik. Darauf aufbauend werden die Motive der Balfour-Deklaration skizziert. Teil 4 diskutiert die Argumente, mit denen sich Edwin Montagu, einziges jüdisches Mitglied der britischen Regierung im Herbst 1917, gegen die Deklaration wandte. Das Buch endet mit der These, dass gegenwärtig zwei Pole im Judentum noch ideologische Strahlkraft hätten, nämlich die nationalreligiöse „Erlösung des Landes“ in Israel und die universalistische Menschenrechtsidee im US-Judentum. Pfahl-Traughber befand dazu, das Buch sei formal wie inhaltlich fragmentarisch und unstrukturiert und Verleger setze „der Einseitigkeit einer kritiklosen Sicht auf die Politik der israelischen Regierung seine eigene Einseitigkeit der Ignoranz gegenüber den politischen Kontexten entgegen“. Die Behauptung, dass Israelkritik durch den als „politische Waffe“ genutzten Antisemitismusvorwurf verunglimpft würde, sei ein Strohmannargument. Es gebe genügend empirische Belege dafür, „dass Antisemitismus nicht selten über Israelfeindlichkeit als Umwegstrategie vermittelt“ werde. Verleger negiere zudem den „israelfeindlichen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft“.[30] Ina Rottscheidt meinte hingegen im Deutschlandfunk, dass „man [...] nicht jede These Verlegers teilen [müsse], aber man kann sein Buch als einen Denkanstoß verstehen, als ein Plädoyer für das Umdenken.“[31]

Publikationen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Helga Verleger - Die Quellen sprechen - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Abgerufen am 17. August 2017.
  2. Der Provokateur, taz vom 14. August 2006
  3. http://www.neuro.uni-luebeck.de/neuro/index.php/forschungsgruppen/kognitive-elektrophysiologie.html
  4. [1], Scopus, nach Einloggen Autorensuche Verleger, R
  5. Vereinsregister des Amtsgerichts Gießen Blatt 1367
  6. Amtsgericht Lübeck, Vereinsregisterblatt VR 2355 (Ausscheiden als Vorstand deklaratorisch erst 2006 eingetragen)
  7. Vertrag zwischen dem Land Schleswig-Holstein, der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, den er für die Jüdische Gemeinschaft unterzeichnet hat
  8. Brief an das Präsidium des Zentralrats
  9. Philipp Gessler: Vertreter des Zentralrats kritisiert Israel. In: die tageszeitung vom 8. August 2006
  10. Philipp Gessler: Der Provokateur. In: taz. die tageszeitung – Ausgabe 8047. 14. August 2006, archiviert vom Original am 20. Juni 2017; abgerufen am 20. Juni 2017.
  11. Christopher Stolzenberg: „Zehn Libanesen für einen toten Israeli“. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. August 2006
  12. Zentralrats-Kritiker muss gehen. In: die tageszeitung vom 24. August 2006
  13. Israel-Kritik: Jüdische Gemeinde Lübeck entmachtet Vorsitzenden des Landesverbandes. (Memento vom 11. März 2007 im Internet Archive) Bericht der Lübecker Nachrichten vom 24. August 2006, in dem die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein nur verkürzt als „Landesverband“ genannt ist
  14. Marlis Prinzing: Jüdisches Vermächtnis: Porträt, Gespräche, Perspektiven, Lahr 2010, ISBN 978-3-7806-3090-2, S. 65
  15. .: Schalom5767 - Friede2006 :. Abgerufen am 17. August 2017.
  16. Rolf Verleger: Interview zum Gaza-Beschuss durch Israel. Deutschlandfunk, 22. Juli 2014.
  17. „Ventil für nationale Gefühle in Israel“, WDR5, 25. Juli 2014. (Link ungültig)
  18. SWR 1 "Leute": Rolf Verleger, Psychologe, lebt als gläubiger Jude in Deutschland und kritisiert die Gaza-Politik der israelischen Regierung. online Audio vom 14. August 2014
  19. Michael Wuliger: Kritischer Jude vom Dienst – Die mediale Karriere des Professors Rolf Verleger. In: Jüdische Allgemeine. 21. August 2014, archiviert vom Original am 20. Juni 2017; abgerufen am 20. Juni 2017.
  20. BIB-JETZT. Abgerufen am 17. August 2017.
  21. Daniel Schacht (Interviewer): „Wir wollen, dass Wort und Tat zusammenpassen“ / Rolf Verleger und Yazid Shammout über das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung - das heute in Hannover gegründet wird. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Juli 2016, S. 6.
  22. Israel boykottieren oder nicht? In: Rhein-Neckar-Zeitung vom 28. Mai 2018.
  23. Beiratsmitglieder auf der Internetseite der DAG
  24. web site der Deutsch-Palästinenischen Gesellschaft
  25. Website der Freunde von Neve Shalom/Wahat as Salam
  26. [2], Neue Zürcher Zeitung vom 16. Mai 2008.
  27. [3], Süddeutsche Zeitung vom 23. März 2009.
  28. Armin Pfahl-Traughber: Fragen zum Antisemitismus und zu Israel. Humanistischer Pressedienst vom 6. August 2008.
  29. Karl Pfeifer: Antizionistische Stille Post aus Deutschland. Hagalil vom 5. Juli 2009.
  30. Armin Pfahl-Traughber: Einseitigkeiten gegen andere Einseitigkeiten. Humanistischer Pressedienst vom 6. November 2017.
  31. [4], Ina Rottscheidt im Deutschlandfunk
  32. Jörg Armbruster: Rolf Verleger: "Israels Irrweg – eine jüdische Sicht", SWR2 - Die Buchkritik, 5. Oktober 2009, als MP3-Datei und Manuskript (PDF; 16 kB)
  33. Martin Forberg: "Brücken zu Palästina", Süddeutsche Zeitung, 23. März 2009