Rolf Verleger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rolf Verleger 2010

Rolf Verleger (* 17. Dezember 1951[1] in Ravensburg) ist ein deutscher Psychologe, Hochschullehrer und Essayist.

Jugend und wissenschaftliche Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rolf Verleger wurde als Sohn von Überlebenden der Judenvernichtung geboren; sein Vater kehrte ohne seine Frau und Söhne aus Auschwitz zurück, seine Mutter als Waise von der Deportation nach Estland [2]. Er absolvierte ein Studium der Psychologie an der Universität Konstanz, das er 1976 mit dem Diplom abschloss. 1986 wurde er in Sozialwissenschaften an der Universität Tübingen promoviert, habilitierte 1993 für Medizinische Psychologie an der Universität zu Lübeck und erhielt dort 1997 den Professorentitel.[1]

Verleger war von 1999 bis 2005 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung e.V.[1]

Funktionsträger jüdischer Institutionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der außeruniversitären Öffentlichkeit ist Verleger vor allem als Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein[3] bekannt geworden.

Unter dem Eindruck des israelisch-libanesischen Kriegs im Sommer 2006 äußerte er sich mit einem Brief vom 23. Juli 2006[4] zunächst intern im Zentralrat, dann öffentlich[5] kritisch zu den „militärischen Maßnahmen der israelischen Regierung gegen den Libanon“ und zu der Israel unterstützenden Haltung des Zentralrats hierzu. Dies brachte ihm von Seiten der Zentralrats-Vorsitzenden Charlotte Knobloch und anderer Repräsentanten jüdischer Organisationen Kritik ein; Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer bezeichnete die Position Verlegers als „abstrus“ und „absolute Einzelmeinung“. Andere verwiesen darauf, dass er nicht gegen Israel an sich, sondern gegen die derzeitige Politik des Landes argumentierte.[6][7]

Im August 2006 berief ihn die Jüdische Gemeinde Lübeck in Reaktion auf seine Äußerungen als ihren Delegierten für die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein ab. Er verlor damit auch das Amt des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein.[8][9]

Im Juni 2009 entzog die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein Verleger sein Mandat als Delegierter im Zentralrats-Direktorium.[10]

Rolf Verleger ist Mitglied des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

Kritik an israelischer Politik und deutschen Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. November 2006 startete Rolf Verleger die so genannte Online-Petition Schalom5767, auch Berliner Erklärung genannt, die mehr kritische Distanz der Bundesregierung gegenüber der israelischen Politik fordert.[11]

In einem Interview am 22. Juli 2014 mit dem Deutschlandfunk bezeichnete er das militärische Vorgehen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte gegen Ziele im Gazastreifen nach verstärktem Raketenbeschuss durch die Hamas im Juli 2014 als „Massaker“ und machte den „Terror Israels“ und die seiner Meinung nach fehlende Kritik daran für die neue Welle des Antisemitismus in Europa verantwortlich. Der Holocaust rechtfertige das nicht: „Ich meine, was hat das mit meiner ermordeten Verwandtschaft zu tun, dass da jetzt ein solches Unrecht im Nahen Osten geschieht? Man kann doch nicht mit Verweis auf schreckliche Dinge in der Vergangenheit weiter heute Unrecht geschehen lassen. Das ist die völlig falsche Lehre, die da gezogen wird. [..] Dieser Konflikt – man kann auf geraubten Land nicht in Frieden leben. Das Land ist den Palästinensern weggenommen worden und es muss eine vernünftige friedliche Regelung her.“ Im größeren historischen Kontext sei die Wurzel des ganzen Konflikts, [dass] Europa vor 100 Jahren mit seiner jüdischen Minderheit nicht fertig geworden sei und dieses Problem dorthin nach Palästina exportiert habe.[12] In einem weiteren Interview mit WDR 5 sagte er, in Israel herrsche „eine national-religiöse Stimmung mit Tendenzen ins Faschistische“. An der Regierung seien „Leute, die sagen: ‚Nur ein toter Araber ist ein guter Araber‘“. Ferner äußerte er Verständnis für die „verzweifelte“ Hamas, die sich „aus Protest [...] mit den Mitteln [...] wehrt, die sie hat“.[13]

Im SWR-Interview am 14. August 2014 wiederholte Verleger seine Kritik an der Gaza-Operation und auch am Verhalten der Bundesregierung gegenüber Israel.[14]

Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 2. Juli 2016 gründete Rolf Verleger gemeinsam mit Yazid Shammout, dem Vorsitzenden der Palästinensischen Gemeinde in Hannover, das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung [15]. Impulsgeber hierfür waren zuvor der Theologe Martin Breidert und der nach ersten Planungstreffen kurz zuvor verstorbene Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck. Zu den Mitgliedern zählen der Palästinenser Ghaleb Natour und die Israelin Nirit Sommerfeld. Horst Teltschik ist Beirat des Bündnisses.[16]

Publikationen zum Nahostkonflikt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Vereinsregister des Amtsgerichts Gießen Blatt 1367
  2. Helga Verleger im Interview des Bayerischen Rundfunks
  3. Vertrag zwischen dem Land Schleswig-Holstein, der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein, den er für die Jüdische Gemeinschaft unterschrieben hat
  4. Brief an das Präsidium des Zentralrats, Brief als PDF
  5. Philipp Gessler: Vertreter des Zentralrats kritisiert Israel. In: die tageszeitung vom 8. August 2006
  6. Philipp Gessler: Der Provokateur. In: die tageszeitung vom 14. August 2006
  7. Christopher Stolzenberg: „Zehn Libanesen für einen toten Israeli“. In: Süddeutsche Zeitung vom 8. August 2006
  8. Zentralrats-Kritiker muss gehen. In: die tageszeitung vom 24. August 2006
  9. Israel-Kritik: Jüdische Gemeinde Lübeck entmachtet Vorsitzenden des Landesverbandes. Bericht der Lübecker Nachrichten vom 24. August 2006, in dem die Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein nur verkürzt als „Landesverband“ genannt ist
  10. Israel-Kritiker Rolf Verleger abberufen. In: junge Welt vom 19. Juni 2009
  11. Website von Schalom5767
  12. Rolf Verleger: Interview zum Gaza-Beschuss durch Israel. Deutschlandfunk, 22. Juli 2014
  13. „Ventil für nationale Gefühle in Israel“, WDR5, 25. Juli 2014.
  14. SWR 1 "Leute": Rolf Verleger, Psychologe, lebt als gläubiger Jude in Deutschland und kritisiert die Gaza-Politik der israelischen Regierung. online Audio vom 14. August 2014
  15. Website des "Bündnis"
  16. Daniel Schacht (Interviewer): „Wir wollen, dass Wort und Tat zusammenpassen“ / Rolf Verleger und Yazid Shammout über das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung - das heute in Hannover gegründet wird. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2. Juli 2016, S. 6
  17. Jörg Armbruster: Rolf Verleger: "Israels Irrweg – eine jüdische Sicht", SWR2 - Die Buchkritik, 5. Oktober 2009, als MP3-Datei und Manuskript (PDF; 16 kB)
  18. Martin Forberg: "Brücken zu Palästina", Süddeutsche Zeitung, 23. März 2009