Royal Philharmonic Society

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Queen’s Hall, London, Zeichnung von 1893

Die Royal Philharmonic Society (RPS) ist eine britische Konzertgesellschaft für klassische Orchestermusik. Sie wurde 1813 in London unter dem Namen Philharmonic Society of London (auch Philharmonic Society oder London Philharmonic Society genannt) gegründet und ist neben dem in Leipzig beheimateten Gewandhaus-Konzertverein die zweitälteste Musikgesellschaft dieser Art. Im viktorianischen Zeitalter war sie prägend für die Musikgeschichte.

Ziele waren die Förderung der bestmöglichen Darbietung der Instrumentalmusik, vorrangig durch regelmäßige öffentliche Konzerte in London innerhalb der Konzertsaisons. Sie vergab Kompositionsaufträge und führte die ihr gewidmeten Kompositionen auf, von denen eine Vielzahl nach ihrer Erstaufführung heute zum Weltrepertoire gehören.

2013 feierte sie ihr zweihundertjähriges Bestehen.[1] Vorsitzender ist seit Juli 2010 John Gilhooly.

Geschichte[Bearbeiten]

St. James’s Hall, Zeichnung von 1858

Die Gesellschaft wurde am 24. Januar 1813 von 30 Berufsmusikern unter der Federführung von Charles Neate, Johann Baptist Cramer, Philip Antony Corri und Henry Dance gegründet.[2]

Die Gründungsmitglieder waren: die Komponisten Thomas Attwood, Henry Rowley Bishop, William Horsley, Vincent Novello, William Shield und Samuel Webbe; die Pianisten Ludwig Berger, Johann Baptist Cramer, George Eugène Griffin, Charles Neate und der Pianist und Komponist Muzio Clementi; die Violinisten Benjamin Blake, Franz Cramer, William Dance, Johann Peter Salomon, Giovanni Battista Viotti, Felix Janiewicz; die Streicher R. H. Potter (Viola), William Sherrington (Viola), Charles Jane Ashley (Cello) und die Kontrabassisten Henry Hill und Joseph Moralt; der Flötist Andrew Ashe; die Sänger James Bartleman (Bass), Thomas Simpson Cooke (Bass), William Knyvett sowie Philip Antony Corri, Graeff und die Dirigenten William Ayrton und George Smart.[3] Dazu kamen 25 assoziierte Mitglieder.

Die Musiker entschieden gemeinsam darüber, wer den Mitgliedsstatus erhält, welche Musik aufgeführt wird und wer von ihnen hierfür die musikalische Leitung hat, was auch dazu führte, dass sich mehrere Mitglieder gleichzeitig Direktoren nannten. Dieses Konzept war vorbildhaft z. B. für die 1842 gegründete Philharmonic Symphony Society of New York, die nach den Statuten für ihre eigene Gesellschaft angefragt hatte.[4]

Das erste Konzert fand am 8. März 1813 statt unter der Leitung von Johann Peter Salomon mit Muzio Clementi als Pianist und Nicolas Mori als erste Geige; dargebracht wurden Sinfonien von Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven, dazu kleinere Stücke und Kammermusik von Luigi Cherubini, Antonio Sacchini, Luigi Boccherini und Mozart.[5] Seitdem haben viele herausragende Komponisten und Künstler an den Konzerten mitgewirkt.

1813–1912[Bearbeiten]

Aufführungsorte des Orchesters der Gesellschaft waren von 1813 bis 1830 die Argyll Rooms (teilweise 1830 durch Feuer zerstört), danach bis 1869 die Hanover Square Rooms (Hanover Square Concert Room) mit 800 Sitzplätzen. 1869 siedelte man in die größere St. James’s Hall um und blieb dort bis 28. Februar 1894. Es folgte von 1894 bis 1941 die Queen’s Hall. Sie wurde 1893 erbaut und galt als Aufführungsstätte mit „perfekter Akustik“, der Saal hatte mehrere Balkone und umfasste 2.400 Sitzplätze. Sie wurde 1941 zerbombt.

Seit 1912[Bearbeiten]

Seit der 100sten Konzertsaison 1912 steht sie unter der unmittelbaren Schirmherrschaft des Königshauses und nennt sich fortan Royal Philharmonic Society.

Die Gesellschaft unterhält heute kein eigenes Orchester mehr, auch weil sich durch die neuen großen Orchestergründungen des Thomas Beecham, 1932 das London Philharmonic Orchestra und 1947 Royal Philharmonic Orchestra, die Konzertlandschaft in London verändert hatte. Sie ist ein gemeinnütziger Verein (UK charity No. 213693) und ist offen für Mitglieder, Fördermitglieder und Institutionen. Ihr Schwerpunkt liegt heute bei der Musikförderung.

Dirigenten und Musikdirektoren[Bearbeiten]

Eine Konzertsaison umfasste laut Satzung anfänglich acht Konzerte, deren Programme erhalten sind.[6] Die Besonderheit lag darin, dass für jede Konzertsaison eine Reihe von Musikdirektoren benannt wurde; für die erste Saison 1813 waren dies: William Ayrton (1777–1858), Henry Bishop (1786–1855), Muzio Clementi, Philip Antony Corri (1784–1832), Johann Baptist Cramer (1771–1858), Franz Cramer (1772–1848) und William Dance (1755–1840).[7]

Seit Beginn gab es zahlreiche Musikdirektoren, Dirigenten und Gastdirigenten, für die Zeit von 1813–1845: Luigi Cherubini, Charles Gounod, Ferdinand Hiller, Felix Mendelssohn Bartholdy, Hector Berlioz, Louis Spohr, Carl Maria von Weber.[8]

Erst ab 1845 wurden ordentliche Dirigenten ernannt: zuerst von 1846 bis 1854 Michele Costa, 1855 Richard Wagner, 1867 bis 1883 Williams George Cusins, 1884 Frederic Hymen Cowen, 1885 bis 1887 Arthur Sullivan, 1888 bis 1892 und 1900 bis 1908 erneut Cowen, 1893 bis 1900 Alexander Mackenzie. Ab 1908 folgten u. a. Arthur Nikisch.

Repertoire[Bearbeiten]

Zur Zeit der Gründung waren Mischkonzerte aus Orchestermusik, Kammermusik, Opernfragmenten und Instrumental- und Gesangssoli üblich mit einem sich daraus ergebenden Virtuosenkult; älteres Repertoire, zum Beispiel die Musik Händels, bevorzugten die ebenfalls in London berühmten Ancient Concerts. Dagegen widmete sich die Philharmonic Society bevorzugt zeitgenössischen Kompositionen der Klassik und Romantik unter der Leitung eines Dirigenten. Von seinen Anfängen an beherrschten die Namen Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Luigi Cherubini die Programme, die Bedeutung der Konzerte lag dabei im hohen Niveau der Aufführung. Die Klangqualität führte zum Verdienst, dass die großen Orchesterwerke der Klassiker weithin bekannt wurden. Ab 1830 bildeten sich neue Konzert-Typen heraus, die letztlich zu den Popular Concerts (Pops) und den Promenade Series, den Proms führten, die im gleichen Konzerthaus wie die der Philharmonic Society, der Queen’s Hall, stattfanden.

Auftragsarbeiten und Widmungswerke[Bearbeiten]

Hörprobe: Ludwig van Beethoven – Symphonie Nr. 9, Ode an die Freude
Notenbeispiel: Ludwig van Beethoven – Symphonie Nr. 9, Ode an die Freude, Thema (Oboenstimmen)

Die Gesellschaft vergab Kompositionsaufträge, ihr wurden auch von Komponisten zahlreiche Werke gewidmet, die dann zur Erstaufführung in Großbritannien kamen.[9] Zu den bekanntesten zählen:

Ludwig van Beethoven’s 9. Sinfonie, als Manuskriptkopie der Partitur übersandt, mit Uraufführung am 7. Mai 1824 im Kärntnertortheater in Wien und in Großbritannien erstmals am 21. Mai 1825 unter der Leitung von George Smart aufgeführt;[10][11]
Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb für die Gesellschaft seine Italienische Symphonie in A-Dur Opus 90, (MWV N 16), die am 13. Mai 1833 unter seiner Leitung uraufgeführt wurde;
William Sterndale Bennett komponierte zum fünfzigjährigen Bestehen der Philharmonic Society die Ouvertüre Paradise and the Peri (Fantasy Overture), Op.42 (1862) sowie als Auftragskomposition seine Sinfonie, g-Moll, Opus 43 (1864, überarbeitet 1867);
Antonín Dvořák’s Cellokonzert h-moll, Opus 104. Das Konzert wurde am 19. März 1896 in London unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Der Cellist war Leo Stern.

Bibliothek und Archiv[Bearbeiten]

Im Laufe des Bestehens verzeichnete die Bibliothek der Gesellschaft eine große Zahl an Sitzungsberichten (minutes), Korrespondenzen, Aufführungsplakaten, Konzertprogrammen, Autografen, Noten und ganze Partituren. Dieses Archiv konnte sie aus finanziellen Gründen nicht weiter halten und wurde der British Library in London zum Kauf angeboten. Zuvor waren schon Haydn-Manuskripte an die British Library für £ 600.000 verkauft worden. 2003 wurde das Vereinsarchiv an die British Library nach Spendenaufrufen für die geforderten £ 1 Million verkauft, darunter 270 Partituren, auch die der Beethoven’s 9. Sinfonie, und herausragende Autografen.[12] Sie befinden sich jetzt in der Music Collections der British Library.[13]

Ehrungen und Preise[Bearbeiten]

Goldmedaille[Bearbeiten]

Die Gold Medal (Goldmedaille) der Royal Philharmonic Society wurde 1870 anlässlich des 100sten Geburtstages von Ludwig van Beethoven für herausragende musikalische Leistungen geschaffen und erstmals im Jahr 1871 verliehen. Die Medaille zeigt das Seitenprofil des Kopfes der von dem österreichischen Bildhauer Johann Nepomuk Schaller für die RPS gestalteten Beethoven-Büste, eine der bekanntesten ihrer Art.

Sie wird nicht jährlich vergeben und gilt als eine der begehrtesten Auszeichnungen. Träger der Goldmedaille der Royal Philharmonic Society sind:[14]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Ehrenmitgliedschaft[Bearbeiten]

Eine Ehrenmitgliedschaft wird seit 1826 denjenigen verliehen, die sich besondere Verdienste für die Musik erworben haben. Sie wird ebenso wie die Goldmedaille selten vergeben, insgesamt bisher 125mal (Stand: 2011).

Die Ehrenmitglieder sind:[16]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Music Awards[Bearbeiten]

Seit 1989 vergibt die Gesellschaft den Royal Philharmonic Society Music Award für Live-Konzerte in Großbritannien, seit 1948 den Preis für Komposition[18] und Preise in anderen Sparten.[19]

Sie vergibt heute nicht nur Anerkennungspreise, sondern fördert, z. T. aus dem Erlös, den sie mit dem Verkauf ihres Archives an die British Library erzielt hat, diverse Programme, darunter z. B. seit 2009 mit dem Drummond Fund die Zusammenarbeit zwischen Komponisten und Choreografen.[20] Damit hat sich die Aufgabe der Gesellschaft von der Aufführung damals zeitgenössischer Musik auf die Förderung heutiger zeitgenössischer Musik verlagert.

Seit 1980 wird die nach Julius Isserlis benannte „RPS Julius Isserlis Scholarship“ an Nachwuchsmusiker vergeben.

Literatur[Bearbeiten]

  • George Hogarth: The Philharmonic Society of London: from its Foundation, 1813, to its Fiftieth Year. Bradbury & Evans, London 1862. Reprint: Cambridge University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-1-108-00103-8.
  • Myles Birket Foster: History of the Philharmonic Society of London : 1813–1912. A Record of a Hundred Years Work in the Cause of Music. John Lane, London/New York 1912. Internet Archive, pdf 36,5 MB, djvu 18 MB.
  • Robert Elkin: Royal Philharmonic: The Annals of the Royal Philharmonic Society. Rider & Co, London 1946.
  • Robert Elkin: Queen’s Hall 1893–1941. Ryder, London 1944.
  • Cyril Ehrlich: First philharmonic : a history of the Royal Philharmonic Society.Clarendon Press, Oxford/Oxford University Press, New York 1995, ISBN 0-19-816232-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. RPS Bicentennary 2013. Abgerufen am 27. Februar 2014 (englisch).
  2. Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG). Bd. 8, 1960, Sp. 1158
  3. M. B. Foster: The History of the Philharmonic Society. London, 1912, S. 5–6 Internet Archive
  4. M. B. Foster: The History of the Philharmonic Society. London, 1912, S. 194 Internet Archive
  5. George Hogarth: The Philharmonic Society of London. London 1862, S. 8
  6. Konzertprogramme in der F. Gilbert Webb collection der Bodleian Library
  7. George Hogarth: The Philharmonic Society of London. London 1862, S. 7
  8. MGG, Bd. 5, 1956, Sp. 18–19
  9. 1813 – 1899, abgerufen am 18. November 2011, englisch
  10. Beethoven and the Society British Library. (Englisch)
  11. 100 Pfund für Beethoven In: Spiegel. Nr. 4/1947 vom 25. Januar 1947. Abgerufen am 18. Januar 2011.
  12. Alec Hyatt King: The Library of the Royal Philharmonic Society. In: British Library Journal. Jg. 11, 1985, S. 173–186.
  13. Alec Hyatt King: The Library of the Royal Philharmonic Society. In: A. H. King: Musical Pursuits. British Library, London 1987
  14. Liste der Empfänger der Goldmedaille auf der Website der RPS, abgerufen am 18. Februar 2011
  15. Thomas Quasthoff bei royalphilharmonicsociety.org.uk (Englisch)
  16. Liste der Ehrenmitglieder der RPS, abgerufen am 18. Januar 2011
  17. Mitteilung der RPS, abgerufen am 18. Januar 2011, englisch
  18. RPS Composition Prize
  19. Gewinner der Awards
  20. RPS Drummond Fund