Siglo de Oro

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Immaculada Concepcion von Murillo im Kapitelsaal der Kathedrale von Sevilla

Als Siglo de Oro (wörtlich Goldenes Jahrhundert) bezeichnet man das Goldene Zeitalter Spaniens, das in der spanischen Geschichte eine Epoche besonderer Prosperität und politischer Macht in Europa repräsentiert und zu einer hohen Blüte der Kunst und Kultur führte. Das Siglo de Oro stellte in Spanien den Übergang von der Renaissance zum Barock dar und dauerte etwa von 1550 bis 1660. Vor allem in der Literaturwissenschaft wird das Ende der Epoche oft mit dem Tod Calderóns im Jahr 1681 angesetzt.

Geschichte und Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Schlüsseljahr 1492 (Abschluss der Reconquista mit der Eroberung von Granada und Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus) stieg Spanien zu einer der bestimmenden politischen und wirtschaftlichen Mächte Europas und der Welt auf. Seit 1600 häuften sich jedoch politische Krisen, militärische Niederlagen und Staatsbankrotte. Auch wurde Spanien von der Pest heimgesucht.

Die Bezeichnung Siglo de Oro wurde seit dem 17. Jahrhundert rückblickend für die kulturelle Blütezeit zwischen 1550 und 1660 bzw. 1681 verwendet. Diese Zeit bildete den Höhepunkt der Herrschaft der Habsburger in Spanien, leitete aber auch die politisch-ökonomische Stagnation Spaniens ein. Ursprünglich spielt der Terminus auf die Idee von einem niedergehenden Verlauf der Geschichte an, der von einer goldenen Blütezeit zu einem silbernen, einem bronzenen und schließlich zu einem eisernen Zeitalter führt.[1] Aufgrund der vielen Strömungen, die auf die Kunst dieser Epoche wirkten, spricht man heute eher von den Siglos de Oro. Der Historiker Mariano Delgado schlug vor, den Begriff „Siglo de Oro“ durch die Bezeichnung „Spanisches Jahrhundert“ für das 16. Jahrhundert und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zu ergänzen,[2] um auszudrücken, dass Spanien nicht nur kulturell maßgebend war, sondern auch politisch einen Führungsanspruch erhob und ein ausgesprochenes Sendungsbewusstsein zeigte.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Don Francisco de Quevedo.
Juan van der Hamen y León.
Instituto de Valencia de Don Juan. Madrid

Ungeachtet der politischen Krisen hielt die Mitte des 16. Jahrhunderts begonnene kreative Erneuerungsbewegung der spanischen Literatur bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts an: Gattungen wie das Drama, der Roman und die Poesie erlebten eine vorher nicht gekannte Blüte. In der Literaturwissenschaft wird diese Epoche im Allgemeinen vom Regierungsantritt Philipps II. (1556) bis zum Tod Calderóns (1681) angesetzt.

Folgende Unterteilung in Perioden ist literaturwissenschaftlich üblich:

Spätrenaissance (ca. 1550–1600)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Regierungszeit Karls V. 1516–1556: weltoffen, europäisierend, optimistische Weltsicht.
  2. Regierungszeit Philipps II. 1556–1598: dezidiert ablehnende Haltung gegenüber ausländischen Einflüssen (besonders antireformatorisch), Besinnung auf das „Eigene“ oder „typisch Spanische“, Hang zur Mystik.

Barock (Frühbarock ca. 1600–1630, Hochbarock ca. 1630–1680)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Culteranismo: Der Dichter bedient sich einer gebildeten Sprache unter Verwendung vieler Ausdrücke aus dem Lateinischen oder Altgriechischen und Einsatz zahlreicher Anspielungen auf die klassische Mythologie; die Literatur ist daher nur gebildeten Schichten zugänglich und in gewisser Weise elitär. Die Verständnisschwierigkeiten werden auch durch den kühnen Gebrauch von Metaphern, Neologismen und ungewöhnlicher Wortstellung (Hyperbaton) erhöht. Hauptvertreter dieser Richtung ist Luis de Góngora.
  2. Conceptismo: Die Bezeichnung leitet sich ab vom spanischen concepto („Begriff“) ab, womit hier geistreiche Assoziationen von Ideen oder Wörtern gemeint sind, etwa Wortspiele, die auf Doppeldeutigkeit basieren; hauptsächlich verwendete Stilmittel sind zum Beispiel Antithese, Paradoxon, Kontrast, Parallelismus, lakonische Kürze. Hauptvertreter dieser Richtung ist Francisco de Quevedo.

Uneingeschränkten Weltruhm als wichtiges Zeugnis des Siglo de Oro genießt bis heute der erste Roman von Miguel de Cervantes: Don Quijote.

Wichtige Vertreter der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beginn der Diskant-Stimme der Missa alma redemptoris mater (Madrid 1600) von Tomás Luis de Victoria

Die spanische Musik des 15. und frühen 16. Jahrhunderts war stark von der niederländischen Vokalpolyphonie beeinflusst. Frankoflämische Sänger und Komponisten wie Gombert und Crequillon wirkten noch bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts am Hof der spanischen Könige; der letzte war Philippe Rogier. Umgekehrt nahmen spanische Sänger einen wichtigen Platz in der päpstlichen Kapelle in Rom ein, darunter der erste international bekannte und bedeutende spanische Komponist von Vokalmusik, Cristóbal de Morales (um 1500–1553). Ebenfalls jahrzehntelang in Rom wirkte der heutzutage noch berühmtere Tomás Luis de Victoria (um 1548–1611), dessen Werke stark von Palestrina beeinflusst sind, aber als Inbegriff spanischer Musik gelten. Beide Komponisten kehrten nach Spanien zurück, wo Victoria im Monasterio de las Descalzas Reales in Madrid wirkte und sein berühmtes Requiem schrieb. Der bedeutendste Vokalkomponist auf spanischem Boden war der in Sevilla wirkende Francisco Guerrero, dessen Lebenszeit zwischen Morales und Victoria liegt. Die Vokalpolyphonie im Stile Victorias (und Palestrinas) wurde zu einem Vorbild für jüngere Komponisten wie Alonso Lobo oder portugiesische Komponisten (die zwischen 1580 und 1640 unter spanischer Herrschaft standen). Doch geriet die iberische Musik des 17. Jahrhunderts bald in ein Abseits, da sie stilistisch noch lange an den Idealen der Renaissance festhielt.

Von großer Bedeutung war auch die spanische Instrumentalmusik des siglo de oro, besonders für Saiteninstrumente wie Vihuela und später Gitarre, sowie in der Tastenmusik. Eine wichtige Rolle kam dabei den sogenannten glosas zu, das sind Verzierungen und Umspielungen des eigentlichen (kontrapunktischen) Stimmgewebes. Eine ganze Reihe von Komponisten, darunter u. a. Luis de Narváez, Luis de Milán, Miguel de Fuenllana und Alonso Mudarra kreierten bereits in der ersten Hälfte und in der Mitte des 16. Jahrhunderts eine komplexe und virtuose Musik für Vihuela, die ihresgleichen in Europa nicht hatte. Sie schrieben Variationen, Tientos, Fantasien, Pavanen, Galliarden und auch Sologesänge mit virtuoser Begleitung, vor allem Romanzen und Villancicos.

Obras de musica para tecla arpa y vihuela von Antonio de Cabezón, 1578

Zur gleichen Zeit wirkte der blinde Antonio de Cabezón, der ähnlich bedeutende Werke von Pionierstatus für Tasteninstrumente wie Cembalo, Virginal, Clavichord und Orgel, oder für Harfe, schuf. Sein Sohn Hernando besorgte die Publikation von Antonios Werken. Der Schwerpunkt lag dabei auf sogenannten glosados, also auf stark verzierten (oder variierten) Versionen von beliebten Motetten, Chansons und Madrigalen franko-flämischer Komponisten wie Josquin Desprez, Crequillon, Richafort, Gombert, Verdelot, Willaert, Mouton und Clemens non Papa,[4] daneben auch Tientos und Variationsformen. Hieraus entwickelte sich eine eigene Tradition spanischer (bzw. iberischer) Tastenmusik, die meistens auch alternativ für die Harfe gedacht war, und deren Hauptgattung das Tiento war, das sich von seinen Anfängen als Vorspiel und Ricercar in eine virtuosere Richtung weiterentwickelte und sich auch in Untergattungen aufspaltete, dabei entstanden auch Stücke für geteilte Register der iberischen Orgel, also für Solostimme(n) und Begleitung. Nach den Cabezóns waren die bedeutendsten Tastenkomponisten des siglo de oro: Sebastián Aguilera de Heredia (1561–1627), der Portugiese Manuel Rodrigues Coelho (um 1555-um 1635), Francisco Correa de Arauxo (1584–1654), der blinde Pablo Bruna (1611–1679), José Ximénez (1601 (?) - 1678) und Juan Bautista Cabanilles (1644–1712).

Die spanische Instrumentalmusik war in einer besonderen Notenschrift, der spanischen Tabulatur, notiert. Zu den bedeutendsten Werken, die im Druck erschienen, gehört das Libro de cifra nueva ("Buch der neuen Ziffern") für Tasteninstrumente, Harfe oder Vihuela, das 1557 von Luis Venegas de Henestrosa herausgegeben wurde.

Wichtige Komponisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vokalpolyphonie

Vihuela und Gitarre

Tastenmusik und Harfe

Malerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Francisco de Herrera der Jüngere: Traum des Hl. Joseph, 1662 (Prado, Madrid)

In der Malerei führten die Zentralisierungsbestrebungen unter Philipps IV. zu einer nach und nach stattfindenden Verlagerung des Kunstschaffens aus Zentren wie Toledo, Sevilla oder Valladolid nach Madrid. Trotzdem blieb vor allem Sevilla auch noch im 17. Jahrhundert neben Madrid ein führendes Kunstzentrum (mit u. a. Zurbarán, Alonso Cano, Murillo). Der Schwerpunkt der spanischen Malerei lag auf der religiösen Malerei, ebenfalls bedeutend war die Portraitkunst, daneben entstanden auch Stillleben in der typischen, etwas kargen Form des bodegón und in relativ geringer Zahl auch Historien, mythologische Szenen und Genrebilder. Der heutzutage oft als typischer Protagonist des spanischen siglo de oro angesehene, aus Griechenland stammende und von der dortigen Ikonenmalerei beeinflusste Domenikos Theotokopoulos, gen. El Greco, war in Wirklichkeit eine stilistische Ausnahmeerscheinung.

Kennzeichnend für den spanischen Hochbarock (ab etwa 1630) ist ein im internationalen Vergleich deutlich ausgeprägter Naturalismus bei einem gleichzeitig stark ausgeprägten Hang zum Mystischen. Neben regionalen Traditionen wirken hier besonders Einflüsse des italienischen Frühbarock, vor allem des Tenebrismus von Caravaggio und seinen Nachfolgern, der nach Spanien besonders durch Jusepe de Ribera und andere neapolitanische Maler vermittelt wurde. In Madrid entstand eine eigene Richtung der Malerei (die Madrider Schule), die sich daneben in ihrer duftigen Pinselführung mit beinahe impressionistischen Wirkungen auch am mittleren und späten Tizian, an Correggio, Van Dyck und Rubens orientierte. Zu dieser Madrider Schule gehören Velázquez, Juan Carreño de Miranda, Francisco Rizi, Francisco de Herrera d. J., Juan Antonio Escalante, José Antolínez, Mateo Cerezo und Claudio Coello.

Johannes der Täufer von Alonso Cano
Nationalmuseum für Skulpturen. Valladolid

Skulptur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • El Siglo de Oro. Das goldene Zeitalter der spanischen Kunst. Dokumentarfilm, Deutschland, 2016, 52:04 Min., Buch und Regie: Grit Lederer, Produktion: Medea Film, ZDF, arte, Erstsendung: 3. Juli 2016 bei arte, Inhaltsangabe von arte, online-Video verfügbar bis zum 1. Oktober 2016.
    Dokumentarfilm anlässlich der großen Sonderausstellung El Siglo de Oro – Die Ära Velázquez in der Berliner Gemäldegalerie mit über 100 Meisterwerken der Kunst des 17. Jahrhunderts bis zum 30. Oktober 2016.[5]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hartmut Stenzel: Einführung in die spanische Literaturwissenschaft. 2. Auflage. Stuttgart 2005, S. 125
  2. Mariano Delgado: Das spanische Jahrhundert (1492–1659). Politik – Religion – Wirtschaft – Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG), Darmstadt 2016, ISBN 978-3-534-23953-5, S. 2.
  3. Mariano Delgado: Das spanische Jahrhundert (1492–1659). WBG, Darmstadt 2016, S. 3–9.
  4. Antonio de Cabezon: Glosados del libro "Obras de Musica para tecla, arpa y vihuela..." (Madrid 1578), Transcripción: Maria A. Ester Sala, Verlag: Union Musical Ediciones S. L., Madrid, 1974/1992, S. VII-VIII (Inhaltsverzeichnis)
  5. Homepage Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, abgerufen am 9. Oktober 2016