Sowjetische Raumfahrt

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Eine Sojus-Rakete hebt in Baikonur ab (1975).
Schau der Wirtschaftserfolge, Moskau - Halle des Kosmos (1968)

Die sowjetische Raumfahrt galt seit dem Start von Sputnik 1 im Jahr 1957 als weltweit führend; sie wurde zeitweise vom US-amerikanischen Apollo-Programm und der Mondlandung 1969 eingeholt, war aber weiterhin vor allem im Bereich orbitaler Stationen präsent.

Grundlagen[Bearbeiten]

Die theoretischen Grundlagen des Weltraumflugs wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vom russischen Wissenschaftler Konstantin Ziolkowski gelegt. Etwa seit Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelte das zaristische Russland, dann die UdSSR kleinere Raketen. Bekannt wurde vor allem der seit 1938 militärisch eingesetzte Katjuscha-Raketenwerfer (Stalinorgel).

Ein wichtiger Impuls für das sowjetische, ebenso wie für das US-amerikanische, Raketenprogramm war die deutsche Rakete A4 ('V2'), die nach 1945, begleitet von einer Reihe von Ingenieuren, als Kriegsbeute in die Sowjetunion kam. Diese erste Großrakete wurde analysiert, nachgebaut und schrittweise in Präzision, Nutzlast und Reichweite verbessert. Anders als in den USA, wo u. a. der frühere Leiter des deutschen Raketenprogramms Wernher von Braun die weitere Entwicklung leitete, wurden die deutschen Techniker nicht in das sowjetische Programm übernommen, sondern nach getaner Arbeit nach Deutschland zurückgesandt.

Sergei P. Koroljow auf einer sowjetischen Briefmarke (1969)

Der führende Kopf der sowjetischen Raketenentwicklung war Sergei Koroljow, dessen Identität im Westen erst nach seinem Tod am 14. Januar 1966 bekannt gegeben wurde. Das sowjetische Raumfahrtprogramm war, wie das amerikanische, von Beginn an eng an militärische Interessen geknüpft und unterlag der Geheimhaltung. Koroljow war, ähnlich wie von Braun, von den Möglichkeiten der Raumfahrt fasziniert, konnte sich aber anfangs nur hinter den Kulissen für die Nutzung der Großraketen zu friedlichen Zwecken einsetzen.

Die sowjetische Raumfahrt war anders organisiert als die der USA: Die amerikanische Raketenentwicklung erfolgte in den drei Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwaffe getrennt; so stand etwa von Brauns Redstone-Entwicklung in Konkurrenz zu einem Marine-Programm. Später wurde dann mit der NASA eine eigene Behörde für die zivile Raumfahrt gegründet, während die militärische Raketenentwicklung weiter in den drei Teilstreitkräften erfolgte.

In der UdSSR wurde dagegen eine eigene Teilstreitkraft geschaffen: Die kosmischen Streitkräfte (WKS – Wojenno Kosmitscheskije Silui), die sowohl für die militärische als auch die zivile Entwicklung zuständig war. Erst mit der Gründung der russischen Föderation 1992 wurde auch dort eine eigene, zivile Raumfahrtagentur gegründet.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die R-7[Bearbeiten]

R-7 in Moskau

Als herausragende Ingenieursleistung Koroljows, weil besonders einfach und damit zuverlässig, gilt die anfangs als Interkontinentalrakete konzipierte R-7. Sie wurde mit nur kleinen Variationen die am meisten eingesetzte Trägerrakete weltweit und wird bis heute als Träger der Sojus-Raumschiffe und Progress-Transporter eingesetzt, u. a. zum Mannschaftstransport zur ISS und ihrer Versorgung.

Mit einer R-7 startete auch Sputnik 1 am 4. Oktober 1957, der erste Erdsatellit – eine Sensation, die auch im Westen Begeisterung für die Raumfahrt weckte. Der Start erfolgte im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957 und führte in den westlichen Ländern zum sogenannten Sputnikschock.

Der größte Erfolg der sowjetischen Raumfahrt aber war der Flug Juri Gagarins, des ersten Menschen im Weltraum. Nach der erfolgreichen Erdumrundung am 12. April 1961 wurde er in Moskau und in aller Welt mit großer Begeisterung gefeiert. Am Lenin-Prospekt in Moskau wurde 1980 das gewaltige, futuristische Gagarin-Denkmal errichtet.

Für die sowjetische Führung und Regierungschef Nikita Chrustschow kamen diese Erfolge eher unerwartet. Man zögerte aber nicht, sie propagandistisch zu nutzen, um die Überlegenheit des Kommunismus zu demonstrieren.

Wettlauf zum Mond[Bearbeiten]

Auch in den Wettlauf zum Mond stieg die Sowjetunion ein und konnte hier mit den Lunik-Missionen bereits 1959 Erfolge verbuchen und ab 1963 mit dem Luna-Programm fortsetzen. Für eine bemannte Mission brauchte man aber eine neue, große Trägerrakete. Nach dem Tode Koroljows 1966 gelang es jedoch nicht, die vorhandenen Mittel und Fähigkeiten erfolgreich auf diese Aufgabe zu konzentrieren: Nach mehreren Fehlstarts wurden die Arbeiten an der gewaltigen N1-Rakete 1974 eingestellt und das bemannte sowjetische Mondprogramm beendet.

In einer ARD-BBC-Koproduktion von 2005 wurde der „Wettlauf zum Mond“ als TV-Dokudrama inszeniert. In der Mischung aus Originalmaterial, Computergrafik und aufwändigen Spielszenen wurden auch Details verarbeitet, die erst in jüngerer Zeit bekannt geworden waren.[1]

Planetensonden[Bearbeiten]

Mit Lunochod wurden noch beachtenswerte Roboter-Missionen zum Mond angeschlossen. Die verschiedenen Missionen zum Mars verliefen jedoch überwiegend glücklos: Von den gleichnamigen Mars-Sonden startete Mars 1 im Jahre 1962 und erreichte den Planeten, konnte aber wegen technischer Probleme keine Daten liefern. Ein ähnliches Schicksal hatten Mars 2 und 3, die 1969 starteten. Die 1973 abgesandten Sonden 4 bis 7 waren von Elektronikproblemen geplagt, nur Mars 5 lieferte eine Reihe von Fotos. Auch die beiden Fobos Sonden zur Erforschung des Marsmondes Phobos im Jahr 1988 konnten ihre Ziele nicht erreichen. Schließlich musste 1996 auch die russische Mars 96 Sonde nach einem Fehlstart abgeschrieben werden.

Venus-Landekapsel Venera 13

Anders die Sonden zum heißen, sonnennahen Nachbarplaneten Venus: Zwischen 1965 und 1984 wurden insgesamt fünfzehn Venera-Missionen gestartet, mit überwiegend erfolgreichem Verlauf, wobei zahlreiche Daten, Radarkartierungen und hochauflösende Fotos übermittelt wurden. Zwischen 1984 und 1986 schlossen sich, unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler, die Vega 1 und 2 Missionen an. Dabei wurden jeweils Landesonden auf der Venus abgesetzt, gefolgt von einem Rendezvous mit dem Kometen Halley. Wenn auch nur wenig wissenschaftlich neues Material entstand, demonstrierten die Vega-Missionen doch, dass man technologisch weiter auf der Höhe war.

Buran und Energija[Bearbeiten]

Raumfähre Buran, 1997 auf einer Ausstellung

Mit der Entwicklung der Raumfähre Buran und der dazugehörigen Trägerrakete Energija startete die Sowjetunion ab 1976 noch einmal ein neues, technologisch ehrgeiziges Weltraumprojekt. Auf den ersten Blick dem US-amerikanischen Space Shuttle ähnlich, war das System jedoch flexibler konzipiert: Die Energija war als eigenständige Trägerrakete mit 96 Tonnen, später als Vulkan mit 175 Tonnen Nutzlast (für einen niedrigen Erdorbit) ausgelegt und selbst zur Wiederverwendung konstruiert. Die relativ kleinen Triebwerke des Buran wurden beim Start erst nach Erreichen des Weltraums zur Anhebung des sonst nach Brennschluss der Energija zu niedrigen Perigäums eingesetzt und fielen damit wesentlich leichter aus. Diese Auslegung ermöglichte der Buran eine höhere Nutzlast von 30 Tonnen, gegenüber 25 Tonnen des etwa gleich großen Shuttles.

Nach einer Reihe erfolgreicher, unbemannter Testflüge wurde das Programm 1993 offiziell eingestellt, nachdem durch die Auflösung der Sowjetunion die Budgets weggebrochen waren. Die eigenständig einsetzbare Energija war danach auch kommerziell nicht nutzbar, gerade weil ihre hohe Kapazität vom Markt nicht abgefragt wurde.

Mir[Bearbeiten]

Raumstation Mir im Erdorbit

In das Blickfeld der Weltöffentlichkeit gelangte die sowjetische Raumfahrt zuletzt vor allem mit der Raumstation Mir. Zwischen dem Start am 19. Februar 1986 und dem gezielten Absturz am 23. März 2001 wurden hier zahlreiche wissenschaftliche Experimente betrieben und Rekorde gebrochen.

Übergang in die russische Föderation[Bearbeiten]

Die sowjetischen Ressourcen an Mensch und Material gingen damit im Wesentlichen an die russische Raumfahrtagentur Roskosmos (anfangs RKA) über, die viele der bisherigen Projekte fort- und neue in Gang setzte. Zum Teil geschah dies in Zusammenarbeit mit der Ukraine, Kasachstan und anderen GUS-Staaten, die früher Teil der UdSSR waren.

Wesentliche Teile der sowjetischen Raumfahrtgeschichte sind im Kosmonautenmuseum in Moskau dokumentiert, das nahe der Metrostation WDNCh liegt, dem früheren „Ausstellungsgelände der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR“.

Meilensteine[Bearbeiten]

Meilensteine und Erstleistungen durch die sowjetische Raumfahrt waren:

amerikanische Gedenkplakette für Juri Gagarin
Blockausgabe der sowjetischen Post (1965); links: Beljajew, rechts: Leonow

Den vielen Erstleistungen stehen gescheiterte Großprojekte gegenüber, wie die lange geheim gehaltene Mondrakete N1 oder die nach einem unbemannten Einsatz aufgegebene Raumfähre Buran. Viele Details über Misserfolge wurden erst nach der Perestroika bekannt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Gugerell: Von Gagarin zur Raumstation Mir. Gugerell, Traisen (Niederösterreich) 1998, ISBN 3-9500500-0-0.
  • Dennis Newkirk: Almanac of Soviet Manned Space Flight. Gulf Pub Co, Houston 1990, ISBN 0-87201-848-2.
  • Peter Stache: Sowjetische Raketen. Elbe-Dnjepr-Verlag, Klitzschen (Sachsen) 2001, ISBN 3-933395-27-5.
  • Matthias Schwartz: Die Erfindung des Kosmos: zur sowjetischen Science Fiction und populärwissenschaftlichen Publizistik vom Sputnikflug bis zum Ende der Tauwetterzeit. Lang, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-631-51225-2.
  • Philipp Meuser (Hrsg.): Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik. DOM Publishers, Berlin 2013, ISBN 978-3-86922-219-6.
  • Levantovskij, Vladimir I., Leškovcev, Vladimir A., Rachlin, Il’ja E.: Sovetskaja raketa issleduet kosmos (Die sowjetische Rakete erforscht den Kosmos). Moskau, Verlag Gos. Izd. Fiz.-Mat. lit., in kyrillischer Schrift, 1959.
  • Stefan Scholl: Anarchie im All. In: Brand eins. Nr. 10, 2008, ISSN 1438-9339 (PDF)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sowjetisches Raumfahrtprogramm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BBC Germany: Wettlauf zum Mond