Titus Andronicus

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Daten
Titel: Titus Andronicus
Originaltitel: The Most Lamentable Roman Tragedy of Titus Andronicus
Gattung: Tragödie
Originalsprache: Englisch
Autor: William Shakespeare
Erscheinungsjahr: 1594
Personen
  • Saturninus, Sohn des letzten römischen Kaisers, späterhin selbst Kaiser
  • Bassianus, dessen Bruder, Liebhaber der Lavinia
  • Titus Andronicus, ein edler Römer und Heerführer wider die Goten
  • Marcus Andronicus, Volkstribun, des Titus Bruder
  • Lucius, Quintus, Mutius, Marcius, Söhne des Titus Andronicus
  • Der jüngere Lucius, Lucius' Sohn. Titus' Enkel
  • Publius, Sohn des Marcus Andronicus
  • Ämilius, römischer Patrizier
  • Alarbus, Chiron, Demetrius, Söhne der Tamora
  • Aaron, ein Mohr, Tamoras Geliebter
  • Ein Hauptmann
  • Ein Tribun
  • Ein Bote
  • Ein Bauer
  • Tamora, Königin der Goten
  • Lavinia, Tochter des Titus Andronicus
  • Eine Wärterin
  • Ein Mohrenkind
  • Senatoren, Tribunen, Gerichtsdiener, Kriegsleute und andres Gefolge

Titus Andronicus (engl. The Most Lamentable Roman Tragedy of Titus Andronicus) ist eine frühe Tragödie von William Shakespeare. Das Stück ist zwischen 1589 und 1592 entstanden. Der älteste Druck stammt vermutlich aus dem Jahre 1594.

Handlung[Bearbeiten]

Titelseite des ersten Quartos von Titus Andronicus

Der römische Feldherr Titus Andronicus kehrt aus dem Krieg gegen die Goten siegreich nach Rom zurück und lässt nach römischem Brauch den ältesten Sohn der gefangenen Gotenkönigin Tamora als „Opfer für die totgeschlagnen Brüder“ zerstückeln und verbrennen. Tamora erfleht vergeblich Gnade, Barmherzigkeit und ein Ende der barbarischen Bräuche.

In Rom ist nach dem Tod des Kaisers der Streit um die Nachfolge auf dem Kaiserthron entbrannt. Der Volkstribun Marcus Andronicus verkündet, das römische Volk habe Titus auf den Thron gewählt. Der aber erkennt dem älteren Kaisersohn Saturninus die Kaiserkrone zu und will ihm seine Tochter Lavinia zur Frau geben. Da diese aber bereits mit dem jüngeren Kaisersohn Bassianus verlobt ist, macht Saturninus die Gotenkönigin zur Kaiserin von Rom. Nun sieht Tamora die Möglichkeit zur Rache an Titus für den Tod des ältesten Sohnes. Mit Hilfe ihres Liebhabers, des Mohren Aaron, sorgt sie dafür, dass ihre beiden Söhne, Demetrius und Chiron, den Bassianus erstechen; die Schuld dafür wird zwei Söhnen von Titus, Martius und Quintus, zugeschoben, die abgeführt werden. Aaron stachelt die Geilheit von Demetrius und Chiron an, und Lavinia wird von ihnen vergewaltigt. Damit sie die Täter nicht verraten kann, werden ihr, wie einst Philomele, die Zunge heraus- und, schlauer als Tereus das tat, die Hände abgeschnitten. Vergeblich versucht Titus’ Sohn Lucius, seine Brüder Quintus und Martius zu befreien, und wird verbannt. Aaron spinnt die nächste Intrige: die beiden würden verschont, wenn Titus sich eine Hand abschneide; nachdem aber Titus seine Hand geopfert hat, werden ihm die Köpfe seiner beiden Söhne überbracht.

Der verstümmelten Lavinia gelingt es, in Ovids Metamorphosen die „traurige Geschichte Philomeles“ aufzuschlagen, und mit Marcus’ Hilfe schreibt sie die Namen ihrer Schänder mit einem im Mund gehaltenen Stab in den Sand. Darauf tötet Titus Tamoras Söhne, zermahlt ihre Knochen und – „schlimmer noch als Prokne räch ich mich“ – setzt sie Tamora, Saturninus und Lucius als Speise bei einem „Versöhnungsessen“ vor, das einberufen wurde, weil inzwischen Lucius ein Gotenheer gegen Rom anführt. Titus, der die Schmach seiner geschändeten Tochter nicht ertragen kann, ersticht diese und erklärt, dass Demetrius und Chiron ihre Vergewaltiger waren. Als Saturninus die beiden holen lassen will, verkündet Titus, sie seien schon anwesend: in der Pastete, von der Tamora bereits gegessen hat. Titus ersticht Tamora, wird selbst von Saturninus erstochen, der wiederum von Lucius getötet wird. Aaron wird lebendigen Leibes eingegraben. Schließlich wird Lucius zum Kaiser Roms gekrönt.

Autorschaft[Bearbeiten]

Von den drei Quartodrucken 1594, 1600 und 1611 benennt kein einziger den Autor, was der damaligen Praxis entsprach. Die Herausgeber der ersten Folioausgabe von 1623 John Heminges und Henry Condell nahmen die Rachetragödie jedoch ohne Zögern in das Werk Shakespeares auf. Zuvor hatte bereits Francis Meres in seiner Palladis Tamia 1598 Titus als Tragödie Shakespeares bezeichnet. In der langen Geschichte der Literaturkritik führten die offensichtlichen Schwächen in Sprache und Gestaltung zu starken Zweifeln an Shakespeares Autorschaft. Die sich über Jahrhunderte erstreckende Liste weist Namen auf wie Edward Ravenscroft, Nicholas Rowe, Alexander Pope, Lewis Theobald, Samuel Johnson, George Steevens, Edmond Malone, William Guthrie, John Upton, Benjamin Heath, Richard Farmer, John Pinkerton, John Monck Mason, gefolgt von William Hazlitt und Samuel Taylor Coleridge im neunzehnten Jahrhundert. Vor allem die barbarischen Vorgänge im Stück galten als Beweis für eine andere Autorschaft als die Shakespeares. In seiner Einleitung zu Reliques of Ancient English Poetry schrieb Thomas Percy 1794, dass das Gedenken an Shakespeare sich durch die besten Kritiker vollständig gegen den Vorwurf durchsetzen konnte, das Stück geschrieben zu haben.[1]

Es gab jedoch im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert gewichtige Gegenstimmen, hauptsächlich aus dem akademischen Bereich. Edward Capell anerkannte 1768 die Schwächen des Stücks, hielt aber dennoch Shakespeare für den Autor. Gleiches tat Charles Knight 1843, und wenige Jahre später folgten prominente deutsche Shakespeare-Anhänger, nämlich A.W. Schlegel und Hermann Ulrici.[2]

Das zwanzigste Jahrhundert war eher an Kollaborationen interessiert. John Mackinnon Robertson kam 1905 zu der Überzeugung, dass ein Großteil von George Peele geschrieben worden sei, und dass auch Robert Greene oder Kyd sowie Marlowe daran mitgewirkt hätten.[3] T.M. Parrott benannte 1919 Akt 1, 2.1 und 4.1 als Textanteil Peeles,[4] und Philip Timberlake bestätigte Parrotts Befund durch eine Untersuchung der weiblichen Endungen des Blankverses.[5] Dann entdeckte jedoch E. K. Chambers methodologische Fehler in Robertsons Schrift[6] und Arthur M. Sampley verwendete 1933 Parrotts Verfahren, um gegen Peele als Ko-Autor Stellung zu beziehen. Auch Hereward Thimbleby Price konnte 1943[7] für die alleinige Autorschaft Shakespeares plädieren. Seit Dover Wilsons Herausgabe des Titus Andronicus 1948[8] hat die Annahme, dass Peele an der Abfassung beteiligt war, Raum gewonnen. R. F. Hill untersuchte rhetorische Mittel des Stücks (1957), Macdonald Jackson verlegte sich auf seltene Worte (1979) und Marina Tarlinskaja analysierte Betonungen in den jambischen Pentametern. 1996 erweiterte Jackson seinen Ansatz um die metrische Analyse der Funktionswörter "and" und "with". Wie auch Brian Vickers, der 2002 Analysen vielsilbiger Worte, der Verteilung von Alliterationen und von Vokativen durchführte,[9] sprach er die Akte 1, 2.1 und 4.1 George Peele zu.

Rezeption[Bearbeiten]

Titus Andronicus galt als das „schwarze Schaf“ unter Shakespeares Stücken und T.S. Eliot bezeichnete den Titus als eines der dümmsten jemals geschriebenen Stücke. Die neuere Literaturwissenschaft kommt allerdings zu einer differenzierteren Bewertung und erkennt im Stück bereits Kompositionsprinzipien, die für spätere Dramen Shakespeares charakteristisch sind.[10] Es bestehen zahlreiche thematische Parallelen mit anderen Shakespeare-Stücken – etwa Hamlet oder König Lear – sowie typische, auch in anderen Dramen zu findende Techniken Shakespeares, etwa bei der Verwendung literarischer Quellen. Für den deutschen Sprachraum sind besonders drei Bearbeitungen des Titus Andronicus von Interesse: Dürrenmatts Komödie nach Shakespeare gleichen Titels, Heiner Müllers Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar sowie Botho Strauß’ Die Schändung. Daneben gibt es noch die Nacherzählung des Stücks von Urs Widmer in Shakespeare’s Geschichten Band II.

Verfilmung[Bearbeiten]

Die Regisseurin Julie Taymor verfilmte den Stoff 1999 mit Anthony Hopkins und Jessica Lange unter dem Namen Titus, wobei sie sich relativ eng an die Vorlage hielt.

Textausgaben[Bearbeiten]

Englisch

  • Alan Huges (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0521673822
  • Eugene M. Waith (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 1984.
  • John Dover Wilson (Hrsg.): William Shakespeare: Titus Andronicus. The Cambridge Dover Wilson Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1948.

Deutsch

  • Markus Marti (Hrsg.): William Shakespeare Titus Andronicus. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Stauffenburg, Tübingen 2008, ISBN 978-3-86057-568-0.
  • Friedrich Dürrenmatt: Titus Andronicus eine Komödie nach Shakespeare. Verlag der Arche, Zürich 1986
  • Heiner Müller: Anatomie Titus Fall of Rome: ein Shakespearekommentar. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1986
  • Botho Strauß: Schändung: nach dem „Titus Andronicus“ von Shakespeare. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20626-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Titus Andronicus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: The Tragedy of Titus Andronicus – Quellen und Volltexte (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. übersetzt und zitiert nach: Eugene M. Waith (Hrsg.): Titus Andronicus The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 1984, S. 12.
  2. siehe Vickers Zusammenfassung der Shakespearschen Pro- und Anti-Argumente (2002: 150–156).
  3. J.M. Robertson: Did Shakespeare Write Titus Andronicus?: A Study in Elizabethan Literature. Watts, London 1905, S. 479.
  4. T. M. Parrott: Shakespeare's Revision of Titus Andronicus, in: Modern Language Review, 14 (1919), S. 21–27.
  5. Philip Timberlake: The Feminine Ending in English Blank Verse: A Study of its Use by Early Writers in the Measure and its Development in the Drama up to the Year 1595 Banta, Wisconsin 1931, S. 114–119.
  6. Brian Vickers: Shakespeare, Co-Author: A Historical Study of Five Collaborative Plays. Oxford University Press, Oxford 2002, S. 137.
  7. Hereward Price: The Authorship of Titus Andronicus, in: Journal of English and Germanic Philology, 42:1 (Spring 1943), S. 55–65.
  8. John Dover Wilson (Hrsg.): Titus Andronicus. The Cambridge Dover Wilson Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1948, S. xxxvi–xxxvii.
  9. Brian Vickers: Shakespeare, Co-Author: A Historical Study of Five Collaborative Plays Oxford University Press, Oxford 2002, S. 219–239.
  10. Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2000, S. 493 ff.