Todesfall Jonny K.

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Gedenktafel, Rathausstraße 13, in Berlin-Mitte

Der Todesfall Jonny K. ist ein Kriminalfall, der sich im Oktober 2012 in Berlin ereignete. Der 20-jährige Jonny K. wurde in der Nacht zum 14. Oktober 2012 in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes zum Opfer einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Der Vorfall erhielt eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und führte zu einer Diskussion über Jugend- und Ausländerkriminalität in Deutschland.

Vorfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der am 7. April 1992 in Khon Kaen, Thailand, als Sohn einer thailändischen Mutter und eines deutschen Vaters geborene Fachoberschüler Jonny K. (Jonny Deipabba) war mit seiner Familie nach Deutschland eingewandert und lebte mit ihr in Berlin.[1][2] Dort besuchte Jonny K. am Abend des 13. Oktober 2012 eine Geburtstagsfeier, die in einem Club im Basisgebäudekomplex des neben dem Alexanderplatz liegenden Berliner Fernsehturms stattfand.[3] In der Nacht zum 14. Oktober 2012 verließ er zusammen mit drei Freunden die Feier. Die vier jungen Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, jeweils mit Migrationshintergrund, waren alkoholisiert.[3] Zwischen Fernsehturm und Rotem Rathaus kam es an der Rathausstraße (Welt-Icon) – auf dem Gehweg vor einem in den Rathauspassagen befindlichen Lokal – zu einem Streit mit einer anderen, sechsköpfigen Gruppe von jungen Männern, ebenfalls mit Migrationshintergrund,[3] der zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Onur U. und einem Bekannten von Jonny K. führte.[4][5] Im Laufe dieser Auseinandersetzung sollen Bilal K. und Melih Y. dann Jonny K., der seinem Freund zu Hilfe kommen wollte, zu Boden gerissen und anschließend mehrmals gegen seinen Kopf getreten haben, wodurch dieser bewusstlos wurde.[4][5] Jonny K. wurde am Tatort vom Notarzt wiederbelebt und in eine Berliner Klinik eingeliefert. Er fiel später aber ins Koma und starb am nächsten Tag infolge eines Blutgerinnsels im Gehirn.

Ermittlungsverfahren und Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenige Tage nach der Tat stellten sich zwei von sechs mutmaßlichen Tätern, jeweils mit Migrationshintergrund und teils mit doppelter Staatsbürgerschaft, der Polizei, und ein dritter Verdächtiger wurde gefasst. Ein vierter Verdächtiger stellte sich den Ermittlungsbehörden im Dezember 2012. Drei von ihnen kamen in Untersuchungshaft. Zwei weitere Tatverdächtige flüchteten nach der Tat ins Ausland.[6]

Anfang März 2013 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zunächst vier Tatverdächtige. Den jungen Männern im Alter von 19 bis 21 Jahren wird unter anderem gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Zwei von ihnen wird Körperverletzung mit Todesfolge zur Last gelegt. Eine Anklage wegen Mordes oder Totschlags wurde laut Staatsanwaltschaft nicht erhoben, weil gerichtsmedizinische Untersuchungen und die übrigen Ermittlungen den dafür erforderlichen Tötungsvorsatz nicht bestätigt hatten.[7]

Der nach Medienberichten zunächst nach Griechenland geflüchtete mutmaßliche Haupttäter Bilal K.[8] stellte sich Anfang März 2013 den deutschen Behörden.[9] Gegen den in die Türkei geflüchteten Onur U. erließen die türkischen Polizeibehörden einen eigenen Haftbefehl und erbaten dafür bei den deutschen Polizeibehörden Einsicht in die Ermittlungsakten.[10] Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach den Fall des zu Tode geprügelten Schülers Jonny K. laut Informationen des Spiegel bei ihrem Treffen mit dem türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan am 25. Februar 2013 in Ankara an. Merkel machte klar, dass sie eine aktive Fahndung der Türkei nach dem Tatverdächtigen erwarte.[11] Knapp ein halbes Jahr nach der tödlichen Prügelattacke begann die türkische Justiz mit Ermittlungen gegen den Hauptverdächtigen Onur U.[12] kurz darauf stellte sich dieser im April 2013 nach seiner Rückkehr aus der Türkei nach Deutschland am Berliner Flughafen Tegel der Polizei.[13]

Alle sechs Verdächtigen mussten sich ab dem 13. Mai 2013 vor dem Landgericht Berlin verantworten. Am 15. August 2013 wurden die Urteile gesprochen. Trotz der gezielten Schläge und Tritte gegen den Kopf sah das Gericht einen Tötungsvorsatz als nicht gegeben an. Eine Verurteilung wegen Totschlags oder Mordes schied daher aus. Das Gericht bewertete die Berichterstattung in der Presse explizit als strafmildernd. Diese habe die Tatverdächtigen noch vor dem Prozess als „Mörder“ und „Killer“ bezeichnet, obwohl kein juristisches Tötungsdelikt vorgelegen habe, sondern Körperverletzung mit Todesfolge. Alle sechs Täter wurden vom Gericht zu Haftstrafen ohne Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung, zum Teil nach Jugendstrafrecht, verurteilt. Der Haupttäter Onur U. wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Verteidiger hatten für die Täter jeweils Bewährungsstrafen beantragt. Die Verteidiger beantragten für alle Urteile eine Revision beim Bundesgerichtshof. Die verurteilten Täter im Alter zwischen 19 und 25 Jahren wurden, bis auf Onur U., gegen Auflagen auf freien Fuß gesetzt, da die Urteile wegen der Revision noch nicht rechtskräftig wurden. Onur U., bereits dreimal vorbestraft, blieb in Untersuchungshaft.[14]

Zwei weitere Angeklagte, Bilal K. und Melih Y., wurden zu jeweils zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Auch sie beschritten den Rechtsweg, um eine Revision der Urteile zu erreichen.[15]

Mit Beschluss vom 27. März 2014 hat der Bundesgerichtshof die Revision der Angeklagten als offensichtlich unbegründet zurückgewiesen. Die Urteile sind seither rechtskräftig.[16]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorfall wurde bundesweit bekannt, zunächst „wegen der Brutalität der Tat und der Banalität des Anlasses“, aber auch wegen der politischen Verwicklungen um Strafverfolgung und Staatsangehörigkeit des türkisch-deutschen Haupttatverdächtigen.[17] Als Reaktion auf die Tötung wurde die Polizeipräsenz im Bereich des Berliner Alexanderplatzes und der angrenzenden weiträumigen Freifläche zwischen Fernsehturm, Marienkirche, Spandauer Straße und den Rathauspassagen verstärkt. An den Wochenenden wurde dauerhaft ein „Kontaktmobil“ stationiert.[18]

An der zentralen Trauerfeier nahmen mehrere Hundert Personen teil, darunter auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Justizsenator Thomas Heilmann.[19] Das Trauerzeremoniell wurde von buddhistischen Mönchen gestaltet.

Tina K., die acht Jahre ältere Schwester des Opfers, engagiert sich seit dessen Tod gegen Gewalt und für Gewaltprävention. Sie trat u. a. in den Fernseh-Talkshows Anne Will[20] und Maybrit Illner[21] auf und hielt Vorträge in Bildungseinrichtungen zum Thema Jugendgewalt. Zudem gründete sie den Verein I Am Jonny e. V., der sich gegen jede Ausgrenzung insbesondere unter Jugendlichen wendet.[22] Für ihr Engagement erhielt sie 2012 den Medienpreis Bambi[23] und 2014 den Verdienstorden des Landes Berlin.[24]

Das provisorische Mahnmal, ein Pavillon am Tatort, wurde durch ein dauerhaftes ersetzt. Die Schwester des Opfers wünschte sich dafür eine Art Stolperstein, eine in den Gehwegbelag eingelassene Gedenkplatte.[25] Am 14. Oktober 2013, dem ersten Todestag von Jonny K., enthüllten seine Schwester Tina und Klaus Wowereit eine Messingplatte mit dem Handabdruck Jonnys. Der Zeremonie wohnten neben Familie und Freunden Innensenator Frank Henkel sowie mehrere Hundert Teilnehmer, darunter Schulkollegen, Touristen und Passanten, bei.[26]

Am 7. April 2013, dem 21. Geburtstag von Jonny K., wurde im Admiralspalast in Berlin das Gedenkkonzert I am Jonny – Stimmen für unseren Bruder organisiert. Mitwirkende waren unter anderen Seeed, Kool Savas, Blumio, Elif, Blue Man Group, Andreas Bourani, Mic Donet, Glasperlenspiel, Ferdinand Rennie, Peter Freudenthaler, Saint Lu, Jocelyn B. Smith, Günter Lamprecht, Joachim Deutschland und B-Tight. Innensenator Henkel war Schirmherr dieser Veranstaltung mit etwa 1000 Besuchern.[27]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jonny K. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gewaltexzess am Alexanderplatz. Abschied von Jonny K. In: Der Tagesspiegel, 23. Oktober 2012
  2. Öffentliche Abschiedsfeier für Jonny@1@2Vorlage:Toter Link/www.energy.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., Energy Berlin vom 25. Oktober 2012
  3. a b c Tödliche Prügelattacke am Alexanderplatz. Fall Jonny K.: Zwei weitere Tatverdächtige stellen sich. In: Der Tagesspiegel, 24. Oktober 2012.
  4. a b Hauptverdächtiger soll Jonny K. nicht berührt haben. In: Berliner Morgenpost, 7. Januar 2013
  5. a b Hauptverdächtiger soll Jonny K. nicht berührt haben. Focus Online vom 7. Januar 2013
  6. Vierter Verdächtiger stellt sich nach Alex-Attacke. welt.de, 22. Dezember 2012
  7. Anklagen wegen tödlicher Prügelattacke auf Jonny K, AFP-Meldung vom 6. März 2013, bei yahoo.com
  8. Jonny K.: Anklage im Januar möglich. In: Die Welt, 7. Januar 2013
  9. Fall Jonny: Weiterer Alex-Schläger stellt sich. In: Berliner Zeitung, 10. März 2013
  10. Türkische Behörden ermitteln selbst im Fall Jonny K. RBB vom 30. Januar 2013
  11. Tödliche Attacke am Alexanderplatz: Merkel schaltet sich im Fall Jonny ein. Spiegel Online vom 7. April 2013
  12. Tödliche Attacke am Alexanderplatz: Türkei ermittelt gegen Hauptverdächtigen. Spiegel Online vom 4. April 2013
  13. Tödliche Attacke am Alexanderplatz: Hauptverdächtiger in Berlin festgenommen. Spiegel Online vom 4. April 2013
  14. Jonny K. – Alle Verurteilten gehen in Revision. In: Die Welt, 22. August 2013, Abgerufen 16. Februar 2014
  15. Nach Schuldspruch im Fall Jonny K. Verurteilte legen Revision ein. In: Der Tagesspiegel, 19. August 2013
  16. Verurteilungen im Fall Jonny K. rechtskräftig. Pressemitteilung Bundesgerichtshof Nr. 56/2014 vom 1. April 2014.
  17. Prozessbeginn im Fall Jonny K.: Angeklagter Onur U. weist Schuld von sich. In: Der Tagesspiegel, 13. Mai 2013.
  18. Polizeiwache auch nachts am Alexanderplatz. In: Der Tagesspiegel, 1. Dezember 2012.
  19. Nach tödlicher Prügelattacke in Berlin: Hunderte Menschen nehmen Abschied. In: Spiegel Online, 28. Oktober 2012.
  20. Will-Talk zu Jugendgewalt: „Wir sind zu weich mit Tätern umgegangen“. In: Spiegel Online, 1. November 2012.
  21. „Ich schlag Dich tot!“ Jugendgewalt – wahllos und gnadenlos? (Memento des Originals vom 3. Oktober 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zdf.de In: ZDF.de, 1. November 2012.
  22. Ziele des Vereins auf seiner Website (Memento des Originals vom 20. Januar 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.iamjonny.de, abgerufen am 7. Februar 2013.
  23. Tina K. erhält Bambi für Engagement gegen Gewalt. In: Der Tagesspiegel, 23. November 2012.
  24. Preis des Landes an zehn Persönlichkeiten – Verdienstorden für Tina K. und Udo Lindenberg. In: RBB Online, 30. September 2014.
  25. Berlin. Gedenktafel für Jonny K. In: Der Tagesspiegel, 12. Mai 2013.
  26. Jahrestag der Attacke am Alexanderplatz in Berlin – Gedenkplatte für Jonny K enthüllt. In: Der Tagesspiegel, 14. Oktober 2013.
  27. Benefizkonzert für Jonny K.: Musik, die heilt. In: Der Tagesspiegel, 8. April 2013; 1000 Menschen besuchen Benefizkonzert für Jonny K. In: Berliner Morgenpost, 7. April 2013.