Walter Klingenbeck

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Walter Klingenbeck

Walter Klingenbeck, (* 30. März 1924 in München; † 5. August 1943 in Stadelheim) war ein deutscher jugendlicher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Herkunft und Motiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter Klingenbeck stammte aus einer katholischen Familie, die Anfang der 1920er Jahre aus Fechenbach/Main (Unterfranken) nach München gezogen war. Er war überzeugtes Mitglied der katholischen Jungschar St. Ludwig (München), bis sie 1936 durch das NS-Regime verboten und aufgelöst wurde. Diese Tatsache erweckte seine frühe regimekritische Einstellung.

Zusammen mit seinem Vater hörte er die Sendungen von Radio Vatikan, in denen von nationalsozialistischen Verstößen gegen das Reichskonkordat berichtet wurde. Sein Vater hörte die mit Kriegsbeginn 1939 verbotenen Feindsender nicht mehr; Walter Klingenbeck blieb dabei.

Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Frühjahr 1941 schlossen sich vier Lehrlinge, im Alter zwischen 16 und 17 Jahren, zusammen. Sie verband eine ähnliche politische und religiöse Einstellung.

Treibende Kraft war der Schalttechnik-Lehrling Walter Klingenbeck. Zur Lehre war er bei der Firma Rohde und Schwarz. Dort lernte er den Praktikanten Daniel von Recklinghausen kennen. Hans (Johann) Haberl war Hochfrequenztechniker und teilte sich ein gemietetes Zimmer mit Erwin Eidel, der eine Lehre als Flugmotorenschlosser absolvierte. Die vier Freunde hatten eine große Leidenschaft für Technik, besonders für das Radio. Durch das Hören deutschsprachiger Sendungen der britischen BBC, des internationalen Radio Vatikan und anderer verbotener Radiostationen verstärkte sich ihre regimeferne Sichtweise.

Sie verbreiteten Flugblätter, die, anders als die der Helmuth Hübener-Gruppe in Hamburg, nur aus Kurztexten und Bildern bestanden. Zeitlich parallel hatte sich in Wien eine weitere Gruppe gebildet, deren Anführer Josef Landgraf war. Die drei jugendlichen Vierergruppen hatten sich unabhängig gebildet und sie wussten nichts voneinander.

Der Klingenbeck-Kreis traf sich anfangs nur zum Abhören unerlaubter Radiobeiträge. Fasziniert waren die Jungen von dem Sender Gustav Siegfried 1, der Gerüchte verbreitete wie „an der Ostfront sei Fleckentyphus ausgebrochen“ oder „hohe Funktionäre würden sich wilden sexuellen Ausschweifungen hingeben“. Schließlich versuchten sie einen eigenen Schwarzsender aufzubauen. Sie überlegten sich Namen für ihren Sender: „Radio Rotterdam“, um an die Vernichtung der Stadt durch die deutsche Luftwaffe zu erinnern, oder „Sender der Freiheit“ oder „Gustav Siegfried 8“. In ersten kleinen Probeversuchen sendeten sie französische Schlagermusik und oppositionelle Propaganda, um zum Sturz des NS-Regimes aufzufordern, den sie ersehnten.

Klingenbeck arbeitete auch an einem Flugblatt über die verstorbene Tänzerin La Jana. Damit wollte er das Gerücht verbreiten, die Frau habe sich selbst umgebracht, um Annäherungsversuchen von Goebbels zu entgehen. Dieser habe sie durch die Gestapo inhaftieren lassen, um sie gefügig zu machen. Klingenbecks Versuch galt als Hochverrat.

Im Sommer 1941 erging über BBC der Aufruf, das V-Zeichen als Kürzel für das englische Wort „victory“ zu verbreiten um damit den Sieg der Alliierten anzukündigen. Im September 1941 malte Klingenbeck mit schwarzem Altöl große V-Zeichen an etwa 40 Gebäude im Süden Münchens, im Stadtteil Bogenhausen und vor die SS-Kaserne im Stadtteil Freimann. Recklinghausen war beteiligt, indem er Wache stand.

Gegenaktionen des NS-Regimes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhaftung und Untersuchungshaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Leichtsinn erzählte Klingenbeck von dieser Aktion, so dass er denunziert und am 26. Januar 1942 im Alter von 17 Jahren verhaftet wurde. Wenige Tage später kamen seine Freunde in Haft. Acht Monate saßen die Jungen in Untersuchungshaft. Walter Klingenbeck nahm die gesamte Verantwortung auf sich.

Verurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 24. September 1942 kam es zur Verhandlung am Volksgerichtshof Berlin, der für Hochverrat zuständig war. Im damaligen Gesetz zur Volljährigkeit war das Alter auf 21 Jahre festgelegt. Die mit Kriegsbeginn erlassene „Verordnung zum Schutz gegen jugendliche Schwerverbrecher“ machte seit Oktober 1939 den Weg frei, um Zuchthaus- oder Todesstrafe gegen 16-Jährige verhängen zu können.

Vizepräsident Karl Engert verurteilte Klingenbeck zur Todesstrafe. Im Urteilstext heißt es, Klingenbeck habe auf seine strenge katholische Erziehung verwiesen und aus dieser Einstellung heraus gehandelt: „Dabei sei er sich darüber klar gewesen, daß seine Tat ihn den Kopf kosten könne. Die nationalsozialistische Ideenwelt sei ihm ihrem wesentlichen Inhalt nach zur Zeit der Tat fremd gewesen.“ Hans Haberl und Daniel von Recklinghausen wurden zunächst ebenfalls zum Tode verurteilt, Erwin Eidel zu acht Jahren Zuchthaus:

„Sämtliche Angeklagten waren zur Tatzeit jugendlich, aber über 16 Jahre alt und sind ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung nach einer über 18 Jahre alten Person gleich zu achten.“

Knapp ein Jahr nach dem Urteil, am 2. August 1943, wurden Haberl und von Recklinghausen zu acht Jahren Freiheitsstrafe begnadigt. Das Begnadigungsgesuch für Walter Klingenbeck hingegen wurde abgelehnt.

Vollstreckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz vor seiner Hinrichtung verfasste Klingenbeck noch mehrere Abschiedsbriefe.[1] In einem von ihnen machte Klingenbeck deutlich, er wisse, wofür er sein Leben lasse.[2][3] Häufig zitiert wird auch der Abschiedsbrief an Hans Haberl, von ihm Jonny genannt, in dem Klingenbeck Anteil an der Begnadigung seines Freundes nimmt.[4][5][6][7][8][9] Er habe die Sakramente empfangen und sei im Angesicht der unmittelbar bevorstehenden Vollstreckung des Todesurteils ganz gefasst, teilte er Haberl am 5. August 1943 mit dem Vorschlag mit, für ihn einige Vaterunser zu beten, wenn dieser etwas für ihn tun wolle.

Am selben Tag wurde Walter Klingenbeck in der Strafanstalt München-Stadelheim im Alter von nur 19 Jahren guillotiniert. Auf den Totenzettel Klingenbecks erscheint ein Spruch, der auf P. Peter Lippert SJ zurückgeht: „Gott braucht zuweilen Menschen, die dem Tag vorauslaufen, um ihn anzumelden; aber sie müssen sterben, bevor der Tag kommt.“[10] Die Eltern wurden nicht über die Vollstreckung informiert und erhielten vier Wochen später ein Paket mit der Wäsche Klingebecks.[2] Er ist auf dem Westfriedhof (München) in einem Familiengrab der Schwester bestattet.[3][7]

Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Alliierten befreiten seine Freunde zu Kriegsende aus der Haftanstalt. Der 22-jährige Haberl errichtete eine Rundfunkwerkstätte. Recklinghausen arbeitete als Radiomechaniker in einer Werkstatt einer amerikanischen Einheit. Später wanderte er in die Vereinigten Staaten aus.

Die Eltern gingen nach dem Tod ihres Sohnes wieder zurück in ihr Heimatdorf Fechenbach. Dort wurde in den 1950er Jahren auf dem Mahnmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, das neben der Pfarrkirche St. Stephanus steht, Walter Klingenbecks Name nachträglich hinzugefügt.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die katholische Kirche hat Walter Klingenbeck als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen.[11]

In Erinnerung an den jungen Widerstandskämpfer heißt die 1978 gegründete staatliche Realschule in Taufkirchen (Landkreis München) seit 30. März 1995 Walter-Klingenbeck-Schule.[12] In Klingenbecks Heimatviertel, der Münchner Maxvorstadt, und unweit der Pfarrkirche St. Ludwig trägt seit Januar 1998 ein bis dahin unbenannter Weg zwischen der Ludwigsstraße und der Kaulbachstraße den Namen Walter-Klingenbeck-Weg. Am 8. November 2006 gedachten in der Maxvorstadt etwa 60 Menschen mit einem akustischen Denkmal Klingenbecks.[13] Mithilfe von CD-Playern wurde das Signal des deutschen Dienstes der BBC gespielt;[14] zugleich ist es das Morsezeichen für V wie „victory“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Materialsammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Bäumler (Hg.): Walter Klingenbeck. Zum 60. Todestag 5. August 1943 – 5. August 2003, Bezirksausschuss Maxvorstadt 1998/2003: Die Sammlung enthält unter anderem Abschriften von der Anklageschrift des Oberreichsanwalts vom 6. Juli 1942 und vom Urteil des 2. Senats am Volksgerichtshof am 24. September 1942.

Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruth-Maria Gleißner: „Der Hitler soll das Maul nicht so voll nehmen.“ Das kurze Leben des Walter Klingenbeck. Bayer. Rundfunk, München 2004.
  • Helmut Moll (Hrsg. im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz): Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Paderborn u. a., 6., wieder erweiterte und aktualisierte Auflage 2015, ISBN 978-3-506-78080-5, Band I, S. 493–495.
  • Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945. Mit der Geschichte leben. Band 2, I bis P, München: Literareon im Herbert Utz Verlag 2003, ISBN 3-8316-1025-8, 115–119.
  • Hildegard Vieregg: Deckname "Betti": jugendlicher Widerstand und Opposition gegen die Nationalsozialisten in München oder: Ein Plädoyer für "Junge Demokratie". Ein Projekt des Kreisjugendring München-Stadt und der DGB-Jugend München in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München [Begleitheft zur gleichnamigen Wanderausstellung: "Deckname Betti"], München: Kreisjugendring München Stadt, 1997, 70–72: mit historischen Bildern aus dem Gefängnis, die den Hinrichtungsraum und den Betstuhl zeigen.
  • Jürgen Zarusky: „... nur eine Wachstumskrankheit“? Jugendwiderstand in Hamburg und München. In: Dachauer Hefte Nr. 7: Solidarität und Widerstand. 1991, 210–229.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. N.N.: Vier Jungen für Deutschland. In: Heute. Eine neue Illustrierte Zeitschrift. Nr. 21, 1. Oktober 1946, abgedruckt in: Bäumler 1998/2003, 84–86, hier: 85.
  2. a b Hildegard Vieregg: Deckname "Betti". München 1997, S. 70–72.
  3. a b Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945. Mit der Geschichte leben. Band 2, I bis P. München 2003, S. 115 (mit einem Foto des Grabes, jedoch irrtümliche Angabe Waldfriedhof statt Westfriedhof).
  4. Helmut Gollwitzer, Käthe Kuhn, Reinhold Schneider (Hrsg.): Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstands 1933–1945. Chr. Kaiser Verlag, München 1954, S. 85 (Walter Klingenbeck wird in dem Eintrag als "Student", die Mitglieder seiner Gruppe als "Studiengefährten" bezeichnet, auch wenn von einem Studium bei ihm und den mit ihm Angeklagten nie die Rede ist.).
  5. Klaus Bäumler: Walter Klingenbeck. Zum 60. Todestag 5. August 1943 – 5. August 2003. Bezirksausschuss Maxvorstadt 2003, S. 87–88.
  6. Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945. Mit der Geschichte leben. Band 2, I bis P. Band 2. München 2003, S. 118.
  7. a b Walter Klingenbeck. In: Webseite der Pfarrgemeinde St. Ludwig (München). Abgerufen am 1. Mai 2018 (Mit einer genauen Angabe des Liegeplatzes des Grabes auf dem Münchener Westfriedhof und einer Sammlung von Zitaten von und über Walter Klingenbeck).
  8. Jürgen Zarusky: Vergessene katholische Widerstandskämpfer in Bayern: Walter Klingenbeck. In: YouTube. Katholische Akademie in Bayern AUDIO-Kanal, abgerufen am 7. Mai 2018.
  9. Jürgen Zarusky: Walter Klingenbeck (1924 bis 1943). In: zur debatte. Nr. 1, 2018, S. 28–30.
  10. Peter Pfister: Walter Klingenbeck. In: Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologicum des 20. Jahrhunderts. 4. Auflage. Band 1. Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2006, S. 409–411.
  11. Helmut Moll (hg. im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz): Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 6. wieder erweiterte u. aktualisierte Auflage. Band 1. Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-78080-5, S. 493–495.
  12. Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945. Mit der Geschichte leben. Band 2, I bis P. München 2003, S. 116.
  13. Gerald Fiebig: Akustisches Denkmal für Walter Klingenbeck. Abgerufen am 7. Mai 2018 ("Das Stück basiert auf der gleichnamigen Komposition von die grenzlandreiter, die 2006 in München als Performance im öffentlichen Raum aufgeführt wurde.").
  14. Landeshauptstadt München. Kulturreferat: ortstermine 2006. Kunst im öffentlichen Raum. Abgerufen am 7. Mai 2018.