Wilde Erdbeeren

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Filmdaten
Deutscher Titel Wilde Erdbeeren
Originaltitel Smultronstället
Produktionsland Schweden
Originalsprache Schwedisch
Erscheinungsjahr 1957
Länge 92 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Ingmar Bergman
Drehbuch Ingmar Bergman
Produktion Allan Ekelund
Musik Erik Nordgren
Kamera Gunnar Fischer
Schnitt Oscar Rosander
Besetzung

Wilde Erdbeeren (Original: Smultronstället) ist ein in Schwarzweiß gedrehtes schwedisches Filmdrama von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1957.

Handlung[Bearbeiten]

Der Medizinprofessor Isak Borg hat sich im Alter von den Menschen zurückgezogen. Seine Frau Karin ist vor vielen Jahren verstorben, sein Sohn Evald, ebenfalls Arzt, wohnt in einer anderen Stadt. Zu seiner hochbetagten Mutter hat er wenig Kontakt, nur seine langjährige Haushälterin Agda wohnt noch bei ihm. Wegen eines Ehestreits hat sich seine Schwiegertochter Marianne vorübergehend bei ihm einquartiert. Nachts hat er einen Alptraum, in dem er sich selbst im Sarg liegen sieht.

Am Tag seines 50-jährigen Promotionsjubiläums beschließt Isak spontan, sich statt mit dem Flugzeug mit dem Auto zum Veranstaltungsort Lund zu begeben. Marianne schließt sich ihm an. Während der Reise wird er immer wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die er Revue passieren lässt. Dabei scheint ihm klar zu werden, dass es ihm in seinem Leben an Liebe und Gegenliebe gefehlt hat. Unterwegs erinnert er sich, wie seine Frau ihn als kaltherzig bezeichnete, was ihm auch Marianne vorhält. Sie sagt, diese hätte auf seinen Sohn abgefärbt. Isak und Marianne machen Halt am ehemaligen Sommerhaus der Familie Borg, wo Isak sich an seine Jugendjahre und seine Verlobte Sara erinnert, die schließlich seinen Bruder heiratete. Sie nehmen drei junge Anhalter mit, die unterwegs nach Italien sind, sowie ein Ehepaar, das einen Autounfall hatte. Als ein Streit zwischen den Eheleuten eskaliert, fordert Marianne sie auf, auszusteigen.

Ein junges Ehepaar, an dessen Tankstelle Isak seinen Wagen auftankt, erlässt ihm die Benzinrechnung mit der Begründung, dass er früher als Arzt in der Gegend soviel Gutes getan habe. Isak ist gleichermaßen irritiert wie gerührt von der Geste. Später stattet er seiner Mutter einen Besuch ab, der ausgesprochen kühl verläuft. Während der Weiterfahrt verfällt Isak in weitere Träume und Erinnerungen an seine Frau Karin. Er und Marianne bekennen, sich beide durch das streitende Paar an ihre eigenen unglücklichen Ehen erinnert zu haben. Sie berichtet ihm, dass sie ein Kind erwarte und wegen einer Auseinandersetzung mit Evald, der keine Kinder bekommen will, vorübergehend bei Isak eingezogen sei.

Schließlich erreichen sie ihren Zielort, wo Isak seine Ehrung entgegennimmt. Obwohl er keinen innigen Kontakt zu seinem Sohn herzustellen vermag hört er mit Erleichterung, dass Evald mit Marianne zusammenbleiben will. Isak und Marianne erklären einander ihre gegenseitige Sympathie. Isak legt sich schlafen, seine Erinnerung kehrt zum Sommerhaus und zu seinen Eltern zurück, die am Seeufer sitzen und ihm zuwinken, doch als er ihnen zuruft, hören sie ihn nicht. Auffällig ist, dass der Vater Isaks sonst nicht in seinen Erinnerungen vorkommt.

Hintergrund[Bearbeiten]

Produktion und Filmstart[Bearbeiten]

Wilde Erdbeeren entstand zwischen dem 2. Juli und 27. August 1957 und lief am 26. Dezember desselben Jahres in den schwedischen Kinos an.[1] Der Film startete am 21. Juli 1961 in der BRD und am 8. Juli 1966 in der DDR.[2]

Position in Bergmans Werk[Bearbeiten]

Bergman und Victor Sjöström beim Dreh von Wilde Erdbeeren, 1957

Wilde Erdbeeren zeigt deutliche Einflüsse des Dramatikers August Strindberg, wie sich besonders an den Dramen Ein Traumspiel und Nach Damaskus zeigen läßt, in denen ebenfalls Lebenssummen kritisch betrachtet werden. Außerdem zeigt der Film Einflüsse des von Bergman bewunderten Stummfilmregisseurs Victor Sjöström, der zum zweiten Mal (nach An die Freude, 1950) eine Rolle in einem Film Bergmans übernahm.[1] Wie Bergman später schrieb, hatte Sjöström sich den Text in beträchtlichem Maße zu eigen gemacht. Beim Abfassen des Drehbuchs und während der Dreharbeiten stand Bergman unter dem Eindruck seiner gescheiterten dritten Ehe mit Gun Grut, der sich verschlechternden Beziehung zu Bibi Andersson und der anhaltenden Fehde mit seinen Eltern.[3] Unzufrieden äußerte sich Bergman rückblickend über die Zeichnung der drei jugendlichen Anhalter und die Episode mit dem sich streitenden Ehepaar Alman.[4] Dagegen sei ihm die Bewegung durch die Ebenen Zeit, Raum und Traumwirklichkeit problemloser gelungen als in seinem späteren Von Angesicht zu Angesicht.[3]

Ingrid Thulin gab in Wilde Erdbeeren ihr Debüt in einem Bergman-Film; die Rolle hatte der Regisseur eigens für sie geschrieben.[4] Wilde Erdbeeren wurde vielfach ausgezeichnet und untermauerte, nach dem Erfolg von Das Lächeln einer Sommernacht (1955) und Das siebente Siegel (1957), das internationale Renommee Bergmans.

Die Szene, in der Borg sich selbst im Sarg liegen sieht, variierte Bergman 1976 in Von Angesicht zu Angesicht, auch dort sieht die Hauptfigur, eine Psychiaterin, in einem Alptraum ihren eigenen Leichnam in einem Sarg.

Kritiker Stig Björkman zog wegen des Reisemotivs und der in seinen Augen vergleichbaren Struktur Parallelen zwischen Wilde Erdbeeren, Roberto Rossellinis Reise in Italien (1953) und Jean-Luc Godards Elf Uhr nachts (1965).[4]

Kritiken[Bearbeiten]

„Ingmar Bergmans sensibel gestaltetes Meisterwerk um Leben, Gott und Tod fasziniert durch die virtuose Verschränkung von realistischen und surrealen Stilmitteln, von psychologischem Charakterporträt und philosophischem Diskurs. Hervorragend in der Hauptrolle: der schwedische Theater- und Stummfilmregisseur Victor Sjöström.“

Lexikon des Internationalen Films[2]

„Eines der komplexesten und bewegendsten Werke der Filmgeschichte.“

Adolf Heinzlmeier, Berndt Schulz, Lexikon Filme im Fernsehen[5]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Nachwirkung[Bearbeiten]

Im Jahre 1966 produzierte der Bayerische Rundfunk zusammen mit dem Südwestrundfunk und dem Österreichischen Rundfunk unter der Regie von Rudolf Noelte Wilde Erdbeeren als 91-minütiges Hörspiel.[6][7] Die wichtigsten Sprecher waren:

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Koebner: [Artikel] Ingmar Bergmann. In: „Filmregisseure. Biographien, Werkebeschreibungen, Filmbiographien.“ (Hrsg.): Thomas Koebner. Mit 109 Abbildungen. Stuttgart: Reclam 2008 [3. aktualisierte und erweiterte 1. Auflage, 1999], S. 52f. ISBN 978-3-15-010662-4.
  • Thomas Koebner: Wilde Erdbeeren – Smultronstället. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker – Beschreibungen und Kommentare. 5. Auflage, Reclam junior, Stuttgart 2006 [1. Aufl. 1995], ISBN 978-3-15-030033-6; Band 2: 1946–1962, Ss. 352–359.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Wilde Erdbeeren auf der Webseite der Ingmar-Bergman-Stiftung, abgerufen am 9. Juli 2012.
  2. a b Wilde Erdbeeren im Lexikon des Internationalen Films.
  3. a b Ingmar Bergman: Bilder, Kiepenheuer und Witsch, Köln 1991, ISBN 3-462-02133-8, S. 13–25.
  4. a b c Stig Björkman, Torsten Manns, Jonas Sima: Bergman über Bergman, Fischer, Frankfurt 1987, ISBN 3-596-24478-1, S. 165.
  5. Lexikon „Filme im Fernsehen“, Erweiterte Neuausgabe, Rasch und Röhring, Hamburg 1990, ISBN 3-89136-392-3, S. 928.
  6. Wilde Erdbeeren (Hörspiel) im Radio Hörspielarchiv der ARD, abgerufen am 9. Juli 2012.
  7. Wilde Erdbeeren (Hörspiel) in der Hörspieldatenbank, abgerufen am 9. Juli 2012.