Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

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Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V. (ZWST) ist als Wohlfahrtsverband eines von sechs Mitgliedern der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (BAGFW). Ihr Sitz ist Frankfurt am Main.

Aufgaben und Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ZWST vertritt auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt die jüdischen Landesverbände, die jüdischen Gemeinden und den jüdischen Frauenbund. Sie bildet den Zusammenschluss der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland und ist ihre Spitzenorganisation. Rund 120 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gehören zum festen Stab des Verbandes, dazu kommen freie Kräfte und zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer. Das verbandsspezifische Leitbild der ZWST ergibt sich aus dem hebräischen Begriff der Zedaka, dem sozial-religiösen Verständnis der Wohltätigkeit im Judentum. Die Aufgabe, Hilfeleistungen zu erbringen im Sinne einer ausgleichenden sozialen Gerechtigkeit, ist im Judentum eine "Mizwa" (hebr. für religiöses Gebot, verdienstvolle Handlung), eine der wichtigsten religiösen Pflichten. Die organisierte jüdische Sozialarbeit steht auf der Basis einer religionsgesetzlich verankerten Wohltätigkeit.

Das zentrale Anliegen der ZWST heute ist die Unterstützung der jüdischen Gemeinden beim Auf- und Ausbau einer stabilen Infrastruktur sowie die Förderung eines vielfältigen Angebotes für alle Generationen. Dazu gehört eine stetige Erweiterung und Professionalisierung des sozial-integrativen Beratungs-, Betreuungs- und Fortbildungsangebotes der ZWST:[1]

  • Professionalisierung der sozialen Arbeit in den Gemeinden
  • Beratung und Unterstützung besonders benachteiligter Zielgruppen
  • Nachwuchsförderung in den jüdischen Gemeinden, Stärkung der Jugendarbeit
  • Förderung der langfristigen Integration und Teilhabe aller Zuwanderergenerationen
  • Stärkung der Vernetzung in der jüdischen Gemeinschaft
  • Stärkung einer jüdischen Identität, Vermittlung eines lebendigen Judentums
Die Einrichtungen der ZWST
  • Hauptgeschäftsstelle in Frankfurt/Main
  • Freizeit- und Bildungsstätte "Max-Willner-Heim" in Bad Sobernheim
  • Kurheim "Eden-Park" in Bad Kissingen
  • Zweigstellen in Berlin, Dresden, Schwerin, Rostock und Wismar
  • Beratungsstelle in Potsdam, Integrationszentrum "Kibuz" in Potsdam
  • Kunstatelier "Omanut" in Berlin
  • Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment in Berlin
  • Treffpunkt für Überlebende der Shoah in Frankfurt/Main

Die wesentlichen Förderer und Kooperationspartner der ZWST sind das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Deutsche Fernsehlotterie, die Glücksspirale, die Aktion Mensch, die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Jugendreferat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Arbeit des Jugendreferats gehört die Unterstützung und Förderung der jungen jüdischen Generation:

  • Aus- und Fortbildungsreihen für Jugendliche für ein Engagement in den jüdischen Gemeinden (z. B. Leitung eines Jugendzentrums), Ausbildung von Jugendbetreuern (hebr.: "Madrichim") und Jugendleitern (hebr.: "Roshim")
  • Organisation von Ferienfreizeiten (hebr.: "Machanot") für unterschiedliche Altersgruppen in Bad Sobernheim, Italien, Spanien und Israel. In den Seminarreihen für Madrichim wird den Teilnehmern vermittelt, professionelle Programme im Rahmen der Machanot zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen.
  • Organisation eines spezifischen Angebotes für junge Erwachsene (Projekt 18+)
  • Organisation eines spezifischen Angebotes für junge Familien
  • Angebote des Pädagogischen Zentrums (Print- und Audiovisuelle Medien, Online-Portal Hadracha, Talmud Israeli)

Darüber hinaus organisiert die ZWST weitere Veranstaltungen und Seminare für die Vernetzung, Stärkung und Weiterbildung der jungen jüdischen Generation. Ein Beispiel ist der von der ZWST 2002 initiierte Musikwettbewerb Jewrovision, der sich am Eurovision Song Contest orientiert.

Sozialreferat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Arbeit des Sozialreferates gehört die Förderung interkultureller und sozialer Kompetenzen in jüdischen Zusammenhängen:

  • Aus- und Fortbildungen für Sozialarbeiter und Sozialbetreuer (allgemeine Seminarreihen, Ausbildung von Demenzbegleitern, Förderung der psycho-sozialen Beratung)
  • Fortbildung von Multiplikatoren, Förderung von Kontakt und Austausch der Sozialabteilungen jüdischer Gemeinden
  • Förderung des Ehrenamtes (Seniorenklubs, Tanz, Koschere Küche, Chewra Kadischa, Bikkur Cholim)
  • Seniorenarbeit (Organisation von Bildungsaufenthalten im Kurheim "Eden-Park", Förderung des Ehrenamtes, Angebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen)
  • Beratung und Betreuung von Überlebenden des Holocaustes, Unterstützung von "Treffpunkten" in den jüdischen Gemeinden, Organisation von internationalen Fachtagungen
  • Inklusionsprojekt "Gesher": Angebote für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen
  • Migrationsberatung für Erwachsene (MBE)
  • Die ZWST fungiert als Zentralstelle des Bundesfreiwilligendienstes (BFD). Das Sozialreferat koordiniert und unterstützt den Einsatz von Bundesfreiwilligen und organisiert die pädagogische Begleitung.
Referatsübergreifende Angebote und Projekte
  • Die ZWST koordiniert den Deutsch-Israelischen Freiwilligendienst (DIFD)
  • Die ZWST leistet humanitäre Hilfe im Rahmen des Bündnisses "Aktion Deutschland Hilft"
  • Die ZWST unterstützt die Flüchtlingshilfe in Deutschland und international in Zusammenarbeit mit ihrer Partnerorganisation IsraAID

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ZWST wurde 1917 in Berlin als Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gegründet, um als Dachverband die vielfältigen sozialen Einrichtungen und Wohlfahrtsorganisationen der jüdischen Gemeinschaft zu koordinieren. Den äußeren Anstoß gab Bertha Pappenheim (1859–1936), seit 1904 die Gründerin und Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde die ZWST 1939 zwangsweise aufgelöst.

Im Jahre 1951 wurde der Verband unter seinem heutigen Namen Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) in Frankfurt am Main wiedergegründet – in erster Linie um die Not der Überlebenden des Holocaust zu lindern. Die ZWST begann ihre Arbeit buchstäblich als Ein-Mann-Betrieb. Die Männer der „ersten Stunde“ waren Berthold Simonsohn, Max Willner und Alfred Weichselbaum, die nacheinander die Leitung der ZWST innehatten, langjähriger Vorsitzender war Heinz Galinski von 1961 bis 1989.

1953 wurde das Sozialreferat der ZWST errichtet, kurze Zeit später das Jugendreferat. Ziel der Arbeit war vor allem der Neuaufbau der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Da den kleineren jüdischen Gemeinden nur wenige ausgebildete Sozialarbeiter zur Verfügung standen, musste die ZWST von Anfang an zur Qualifizierung der Mitarbeiter der Gemeinden beitragen. Bis heute ist die Aus- und Fortbildung im sozialen Bereich einer der Schwerpunkte der ZWST.

Nach dem Mauerfall im Jahr 1989 hat sich die Aufgabenstellung und Struktur der ZWST durch die Zuwanderung der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sehr gewandelt. Heute gehört die Integration jüdischer Zuwanderer zum zentralen Aufgabengebiet der ZWST.

Seit September 2016 kooperiert die ZWST mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin.

Die Ausstellung 100 Jahre ZWST[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der ZWST wurde 2017 die Ausstellung 100 Jahre ZWST - Führende Persönlichkeiten aus 100 Jahren konzipiert. Dabei werden u. a. auch 33 Schlüsselpersonen der ZWST mit einem charakteristischen Zitat sowie biografischen Anmerkungen zu ihrem Leben und Handeln jeweils mit einem eigenen Plakat gewürdigt. Die Professorin für Sozialpädagogik, Sabine Hering, meint dazu: „Die Ausstellung will anhand dieser maßgeblichen Personen die gesamte Entwicklung des ZWST in guten und in schlechten Zeiten darstellen.“ Die Ausstellung ist als Wanderausstellung ausgelegt. Andreas Wolter, Bürgermeister von Köln, meint, dass die Ausstellung „eindrucksvoll die Verankerung der ZWST in der Gesellschaft zeigt.“ Ferner betonte er: „In Zeiten, in denen so viel Antisemitismus aufkeimt, müssen wir zusammenstehen und solidarisch sein.“ Im Februar 2018 wurde die Ausstellung erstmals auch in einer jüdischen Gemeinde gezeigt, im Gemeindesaal der Synagogen-Gemeinde Köln. [2]

Leitung (unvollständig)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorsitzender Direktor
1926–1939 Leo Baeck Jacob Segall (Geschäftsführer)
1927–1934 Friedrich Ollendorf (Geschäftsführer)
Jeanette Wolff (Ehrenvorsitzende)
1951–1961 Berthold Simonsohn
1960–1979 Max Willner
1961 - 1989 Heinz Galinski 1979–1984 Alfred Weichselbaum
1989–2000 Paul Spiegel 1987– Benjamin Bloch (Geschäftsführer)
2000– Abraham Lehrer

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Leo Baeck - ehemaliger Vorsitzender der ZWST
  • Jewrovision - Musikwettbewerb jüdischer Jugendzentren in Deutschland

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Goldmann: Tod und Todesursachen unter den Berliner Juden. Reichsvertretung der Juden in Deutschland; Abteilung: Zentralwohlfahrtsstelle, Berlin 1937[3]
  • Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland. Hrsg. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Ausgabe April 1928. Bearb. von Bella Schlesinger. Vorwort Baeck[4]
  • Max Kreutzberger: Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Ein Führer durch die wichtigsten deutschen Gesetze zum Handgebrauch für die jüdische Wohlfahrtspflege. Reihe: Schriften der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, 3. Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin 1929[5]
  • Bertold Scheller: Die Zentralwohlfahrtsstelle. Der jüdische Wohlfahrtsverband in Deutschland. Eine Selbstdarstellung. Hg. und Verlag Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, 1987
  • Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland. Hg., Verlag Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden Berlin-Charlottenburg. Herstellung Ernst Cassirer, Berlin 1932–1933
  • Sandra Schönauer: »Kein 08/15-Job, sondern eine Herausforderung« Ein Interview mit Benjamin Bloch, in Sabine Hering Hg., mit Sandra Schönauer: Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien. Schriftenreihe Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 2. Hgg. Hering, Gudrun Maierhof, Ulrich Stascheit. Fachhochschulverlag, Frankfurt 2007, ISBN 3936065802, S. 102–113 (mit Foto)[6]
  • 100 Jahre Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (1917-2017). Brüche und Kontinuitäten. Hrsg.: Arbeitskreis Jüdische Wohlfahrt, Steinheim-Institut, ZWST. Redaktion: Sabine Hering, Harald Lordick, Gudrun Maierhof, Gerd Stecklina. Fachhochschulverlag, Frankfurt, 2017. ISBN 9783943787970 (420 S.)
  • Shoah - Flucht - Migration. Multiple Traumatisierung und ihre Auswirkungen. Hrsg.: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Konzept und Redaktion: Dr. Noemi Staszewski, Prof. Dr. Doron Kiesel. Hentrich & Hentrich, Berlin, 2018. ISBN 9783955652609 (240 S.)
  • Vom Umgang mit Verlust und Trauer im Judentum. Hrsg.: Stephan M. Probst. Deutsch/Englisch. Hentrich & Hentrich, Berlin, 2018. ISBN 9783955652470 (294 S.) Darin: Vorwort von A. Lehrer, Präsident der ZWST, darin: L. Karwin (ZWST), Die Ausbildung und Vorbereitung auf das Ehrenamt in der Chewra Kadischa durch die Seminare der ZWST und die Umsetzung in den jüdischen Gemeinden Deutschlands, (S. 120 f)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Selbstdarstellung der ZWST. Hrsg.: ZWST, Öffentlichkeitsarbeit, 2018
  2. Ulrike Gräfin von Hoensbroech: Sozial und kompetent / Köln - Die Ausstellung 100 Jahre ZWST geht auf Wanderschaft durch die Gemeinden; in Jüdische Allgemeine Nr. 8/18 vom 22. Februar 2018, S. 10 (online)
  3. 82 Seiten
  4. 288 S.
  5. 103 S. Mit Anhang: Fälle aus der Praxis
  6. Bloch war seit 1974 Jugendreferent der ZWST, von 1987 bis 2018 geschäftsführender Direktor der ZWST